Hungergagen für Schauspieler "Manche Filmtiere bekommen mehr Geld"

Schauspieler stehen im Rampenlicht, werden bewundert, oft auch beneidet. Doch fette Honorare kassieren nur wenige Spitzenverdiener. Bei der Arbeit für Theater, Film und Fernsehen leben viele in Dauerangst vor der Pleite - und zahlen beim Dreh Anreise und Übernachtung aus eigener Tasche.

dpa

Das Gesicht von Heinrich Schafmeister, 54, kennen viele. Im Film "Comedian Harmonists" spielte er den zweiten Tenor, bei "Die Camper" war er Didi Denkelmann, trat auch schon auf im "Tatort" sowie in Serien wie "Alarm für Cobra 11", "Pfarrer Braun", "Ein Fall für Zwei".

Was nur wenige wissen: Schafmeister muss sich immer wieder arbeitslos melden. "Ich wüsste keinen Beruf, der so verzerrt dargestellt wird wie der des Schauspielers", sagt er. "Unser Bild in der Öffentlichkeit hat wenig mit der Wirklichkeit zu tun."

Das bestätigt eine Studie der Forschungsgruppe Bema von der Universität in Münster. Demnach haben 68 Prozent der befragten Schauspieler in den vergangenen zwölf Monaten bis zu 30.000 Euro brutto verdient. Spitzenverdiener gibt es auch - aber nur wenige: Lediglich knapp fünf Prozent der Befragten kamen auf einen Verdienst von mehr als 100.000 Euro.

Für die Studie wurden von August bis September 2010 mehr als 700 Darsteller befragt. Anlass war die Reform des Arbeitslosengelds I durch Gesetzesänderungen von 2009. In dem Gesetz sind Bedingungen definiert, unter denen auch kurzfristig Beschäftigte Arbeitslosengeld beziehen können. Die Studie zeigt jedoch: Nur 4,6 Prozent der befragten Schauspieler profitieren davon.

"Bis obenhin geladen vor Wut"

"Wir Künstler und Kulturschaffende haben immer noch keine Chance, Arbeitslosengeld I zu beanspruchen, obwohl wir in die Arbeitslosenversicherung einzahlen wie alle anderen auch", sagt Schafmeister, der sich im Vorstand des Bundesverbandes der Film- und Fernsehschauspieler (BFFS) für bessere Rahmenbedingungen einsetzt.

Ingo Naujoks, 49, bekannt durch etliche Filme von "Karniggels" bis "Underdogs" sowie durch den Niedersachsen-"Tatort", formuliert es deutlicher: "Von den Ausschlusskriterien für Arbeitslosengeld I bin auch ich betroffen. Ich bin bis obenhin geladen vor Wut und Enttäuschung. Es kann nicht sein, dass wir ausschließlich in den 'Solidaritäts-Topf' einzahlen und nichts rausbekommen - so definiert sich nicht Solidarität."

Kristin Meyer, 37, stand vier Jahre lang für die RTL-Serie "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" in Potsdam vor der Kamera. Dass nach dem Ausstieg aus der Serie unsichere Zeiten auf sie zukommen, wusste sie - das Ausmaß hat sie aber doch überrascht: "Nicht nur, dass sich die Gagen deutlich verringert haben, auch Fahrtkosten und Unterkunft müssen wir sehr oft selbst übernehmen."

Die Soap habe ihr wenig Raum für Kreativität gelassen und viel Disziplin erfordert - aber auch Sicherheit geboten, vor allem finanziell. Ein Darsteller in einer täglichen Serie verdient als Anfänger zwischen 2000 und 4000 Euro brutto pro Monat, und er ist sozialversichert. "Ich kann verstehen, wenn man deswegen bleibt", sagt Meyer. Derzeit spielt sie in Bremen auf einem Theaterschiff in einer Revue.

Freiheit mit Schattenseiten: "Uns muss man nicht kündigen"

Schauspielerin Maria Simon, 35, bezeichnet ihre Rolle der Kommissarin Olga Lenski im "Polizeiruf 110" als einen Sechser im Lotto. Als Mutter von vier Kindern ist finanzielle Sicherheit für sie besonders wichtig. Simon, verheiratet mit dem Schauspieler Bernd-Michael Lade, pausiert seit der Geburt ihrer Tochter im November, will im Sommer aber wieder in Brandenburg ermitteln.

Die Einkommen und Arbeitsbedingungen von Schauspielern sind extrem unterschiedlich. So steigen junge Künstler beim ersten Theaterengagement nach der Schauspielschule mit rund 1600 Euro brutto ein, bekommen also ein wenig über 1000 Euro netto heraus. Wer regelmäßig an Theatern beschäftigt ist, kann mit einigen Jahren Erfahrung deutlich mehr verdienen; die wenigen Stars unter den rund 20.000 deutschen Schauspielern sind umworben. Was man verdient, ist oft Verhandlungssache, soweit keine Tarifverträge gelten.

Das größte Problem der Darsteller sind befristete Verträge: Für knapp 73 Prozent sind sie laut Bema-Studie normal. Über die Hälfte der Befragten war in den zwei Jahren weniger als sechs Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt. "Uns muss man nicht kündigen", sagt Schafmeister. Zu laut öffentlich jammern wollen die Schauspieler nicht. Schafmeister sagt lakonisch, dass er seinen Beruf liebe - "man kann ihn nur nicht weiterempfehlen". Im Bundesverband der Schauspieler kämpft er für eine Vergütungsregel - und für eine Untergrenze der Bezahlung: "Manchmal bekommen derzeit Tiere, die beim Film mitspielen, mehr Geld als der Schauspieler."

Bei der dritten Tarifrunde im April 2011 hatte die Produzentenallianz den Schauspielern eine Untergrenze für Tagesgagen von zunächst 400 Euro, dann 500 Euro angeboten. Das klingt auf den ersten Blick nicht schlecht, doch oft sind Schauspieler nur für wenige Drehtage beschäftigt und müssen lange um ein Engagement kämpfen. Eine Kuh, die in einem Film mitspielt, bekommt laut BFFS 450 Euro pro Tag.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund eines technischen Fehlers musste der Diskussions-Thread unter diesem Artikel entfernt werden. Wir bitten um Entschuldigung.

Marion van der Kraats, dpa/vet/jol



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