Arbeitskampf der IG Metall "Das gefährdet die Zukunft unserer Industrie"

Mehr Lohn, flexiblere Arbeitszeiten und ein Extra-Entgelt bei Teilzeit: Für die IG Metall ist Schluss mit der Bescheidenheit. Was sagen eigentlich die Arbeitgeber dazu?

Warnstreik in Baden-Württemberg
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Warnstreik in Baden-Württemberg

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Die IG Metall fordert sechs Prozent mehr Lohn, die 28-Stunden-Woche für eine gewisse Zeit und einen finanziellen Teilzeitausgleich. Welche Forderung regt Sie am meisten auf?

Stefan Wolf: Ich rege mich nicht über diese Forderungen auf. Ich bin über alle Forderungen nur gleichermaßen verwundert, weil sie die Zukunft unserer Industrie gefährden. Es ist Maßhalten angesagt. Wir haben wahnsinnige Herausforderungen zu bewältigen: Die Fahrzeug- und Zuliefererindustrie arbeitet an neuen Antriebskonzepten, Betriebe müssen an die Digitalisierung denken und Produktionen komplett umbauen. Das kostet viel Geld. Die Investitionen sind notwendig, um langfristig Arbeitsplätze zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Der Wirtschaft geht es richtig gut, an die Aktionäre werden mehr als 18 Milliarden Euro ausgeschüttet. Sollten die Arbeitnehmer nicht auch davon profitieren?

Wolf: Wir haben ja immer gesagt, dass die Arbeitnehmer angemessen am Erfolg der Unternehmen beteiligt werden.

Zur Person
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    Stefan Wolf ist Vorsitzender und Verhandlungsführer vom Arbeitgeberverband Südwestmetall in Baden-Württemberg.

SPIEGEL ONLINE: Aber sechs Prozent halten Sie für unangemessen?

Wolf: Ich halte das für deutlich zu viel. Unser Angebot von zwei Prozent erscheint uns angemessen. Wir haben schon sehr hohe Löhne. In Baden-Württemberg liegen sie durchschnittlich bei 64.000 Euro brutto.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Produktivität ist hier doch auch viel höher als in anderen Branchen.

Wolf: Das war lange Zeit so. In den vergangenen Jahren ist die Produktivität aber nur noch langsam gestiegen, seit 2012 um gut zwei Prozent. Im selben Zeitraum wurden die Entgelte aber um knapp 20 Prozent erhöht. Das hat unsere Kostenposition drastisch verschlechtert.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Reduzierung auf 28 Stunden in der Woche für eine gewisse Zeit so ein wunder Punkt? Was haben Sie gegen flexible Arbeitszeiten?

Wolf: Wir haben einen deutlichen Fachkräftemangel und zum Teil Probleme, Stellen zu besetzen. Da ist es schwierig zu sagen, jeder Arbeitnehmer bekommt einen Anspruch auf Absenkung der Arbeitszeit von 35 Stunden auf 28. Die sieben Stunden fehlen, und irgendjemand muss das ausgleichen.

Arbeitszeit in Deutschland

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen würden gern mehr arbeiten.

Wolf: Ja, weil sie mehr Geld verdienen wollen. Aber auch hier sind wir durch eine Quote reglementiert. Bislang dürfen nur 18 Prozent der Arbeiter mehr als 35 Stunden die Woche arbeiten. Wenn wir das Arbeitsvolumen also nach unten regeln, müssen wir das nach oben hin ausgleichen.

SPIEGEL ONLINE: Um wie viel Prozent soll diese Quote erhöht werden?

Wolf: Darüber haben wir noch nicht so genau gesprochen. Wir wollen erst mal schauen, mit welchen Vorschlägen die IG Metall auf uns zukommt.

SPIEGEL ONLINE: Die IG Metall fordert zudem einen finanziellen Ausgleich für Menschen, die ihre Arbeitszeit verkürzen, um sich um Angehörige zu kümmern.

Wolf: Das stört besonders. Es ist rechtswidrig und ungerecht. Was sagen Sie der alleinerziehenden Mutter, die vor zwei Jahren auf 20 Stunden reduziert hat, damit sie ihre Kinder betreuen und nebenbei noch arbeiten kann, aber keinen Teilentgeltausgleich bekommt?

SPIEGEL ONLINE: Das kann man verhindern, wenn die Frauen entsprechend mehr Lohn bekämen.

Wolf: Das kommt nicht infrage. Es kann ja niemand erwarten, dass die, die jetzt schon Teilzeit arbeiten, so aus dem Nichts einen Zuschlag bekommen. Das ist weltfremd, so etwas zu denken.

SPIEGEL ONLINE: Gesamtmetall spricht von einer Stilllegeprämie. Finden Sie diesen Begriff gerechtfertigt, wenn Menschen zu Hause bleiben, um Kinder oder Angehörige zu pflegen?

Wolf: Ich finde es wichtig, wenn Menschen Kinder haben und sich um ihre Erziehung kümmern wollen. Es ist auch schön, wenn jemand seine Angehörigen pflegt. Aber es ist nicht Aufgabe der Arbeitgeber, das über einen Sozialbeitrag zu finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Soll der Staat mehr Zuschüsse für pflegende Angehörige gewähren?

Wolf: Damit habe ich kein Problem, wenn es finanziert werden könnte. Aber wir wollen keinen Systemwechsel: Heute ist es so, dass Sie für geleistete Arbeit entlohnt werden und nicht für nicht geleistete Arbeit plus noch etwas oben drauf.

SPIEGEL ONLINE: Sich um Angehörige zu kümmern, ist doch auch Arbeit...

Wolf: ...und das soll der Arbeitgeber bezahlen? Was kommt dann als Nächstes? Dass er auch Hausarbeit und Arbeit im Verein vergüten muss? Das sind schließlich auch sinnvolle Tätigkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Fachkräftemangel angesprochen. Wäre es nicht ein gutes Zeichen, auf die Forderungen der IG Metall einzugehen, damit die Unternehmen so attraktiv wie möglich sind?

Wolf: Wir sind heute schon sehr attraktiv, das sieht man daran, dass wir viele Bewerbungen haben - allein für Ausbildungsplätze in der Metall- und Elektroindustrie. Außerdem gibt es ja bereits viele Möglichkeiten, die Arbeitszeiten zu reduzieren und sehr flexibel zu gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn so viele Menschen bei Ihnen arbeiten wollen, wieso machen Sie sich dann Sorgen um den Fachkräftemangel?

Wolf: Weil es in Engpassberufen wenig Menschen am Arbeitsmarkt gibt, zum Beispiel in der Datenverarbeitung und EDV. Hier haben wir inzwischen viele offene Stellen, oft können wir diese mehr als ein halbes Jahr lang nicht besetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit denjenigen, die jetzt in Teilzeit arbeiten, aber gern wieder Vollzeit einsteigen möchten?

Wolf: Das wird im Regelfall in den Betrieben schon gemacht. Aber es geht ja nicht allen Betrieben gut. Wenn jemand in Teilzeit arbeitet und in einem Betrieb ist, in dem keine Arbeit in dem Maße zur Verfügung steht, dann geht es manchmal nicht. Das sind aber Ausnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Von den Arbeitnehmern wird verlangt, so flexibel wie möglich zu sein. Es gibt Leiharbeit, es gibt befristete Verträge, aber die Arbeitgeber ihrerseits sträuben sich gegen mehr Flexibilität.

Wolf: Das Gros der Betriebe in unserer Industrie bietet ihren Mitarbeitern schon heute ein Höchstmaß an Flexibilität. Dass man diese noch an einigen Stellen ausbauen kann, will ich gar nicht abstreiten. Aber es muss mit Augenmaß geschehen - und betriebliche Belange dürfen dabei nicht unter die Räder kommen.

Animation: Die Forderung nach der 28-Stunden-Woche

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Leser161 14.01.2018
1. Tjo
Liebe Arbeitgeber, wenns eure Metallzukunft gefährdet ist, macht doch einfach in Plastik. Sagt man doch auch immer den Arbeitnehmern "Dein Job wird durch einen Computer ersetzt? Werde doch einfach Computerprogrammierer!"
ansv 14.01.2018
2. Die Arbeitgeber sagen was sie immer sagen
Faire Bezahlung gefährdet Arbeitsplätze. Sofort und nachhaltig. Immer. Managerboni können natürlich Milliarden betragen - aber würde man nur eine dieser Milliarden an die Produktionsmitarbeiter ausschütten, wären sofort Arbeitsplätze gefährdet. Jedes Mal die gleichen Textbausteine und keiner merkts. Hier zum Beispiel: "Wir sind wahnsinnig attraktiv, wir bekommen ja so wahnsinnig viele Bewerbungen" - und im anderen Absatz "Fachkräftemangel" - ja was denn nun? Fehlen die Fachkräfte vielleicht nur bei den Leihfirmen?
K:F 14.01.2018
3. 2 Prozent sind angemessen
Frechheit. Was sjnd 65.K, wenn der Arbeiter damit zu den Reichen gehört? Nichts. Wenn Fachkräftemangel da ist, dann sind die AN auf der besseren Seite und können auch noch höhere Löhne forderen. Da sind 6 Prozent unangemessen niedrig! Freiwillig würde ein AG nie, auch nur einen Ct, rausrücken.
kaic 14.01.2018
4. 64000 Durchschnitt
Natürlich sollen die Wertschöpfenden und abhängig Beschäftigten den geringsten Teil des Gewinns erhalten, wie immer. Die leistungslose Gewinnbeteiligung der Aktionäre hat natürlich vorrang. Wenn schon keinen zeitgemäßen Lohn, wie währs mal mit einer Unternehmensbeteiligung durch das Verteilen von Aktien an die Belegschaft. Ich denke, wenn von dem besagten Durchschnittseinkommen die üppigen Managergehälter unberücksichtigt blieben, dann hätte man ein realistisches Maß.
hualorn 14.01.2018
5. Herr Wolf
verstrickt sich da aber ganz schön in Widersprüche und Scheinargumente die er danach wieder revidieren muss... Gut geführtes Interview, so was wünscht man sich öfter. Das legt den Zynismus eines solchen Menschen offen. Die Flexibilität, die er erwähnt ist rein einseitig vom Arbeitgeber, je nach Auftragslage. Und bei den 64K Durchschnittsgehältern in BW sind wohl auch die Managergehälter eingerechnet? Wer so argumentiert beweist, dass er jeglichen Bezug zur Realität des Arbeitnehmers verloren hat.
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