Studie zu Leisure Sickness Warum wird jeder Fünfte ausgerechnet im Urlaub krank?

Endlich Urlaub - und dann das: Erkältung, Fieber, Schlafstörungen. Immer mehr Arbeitnehmer werden im Urlaub krank. Eine Tourismusforscherin erklärt, wer betroffen ist, woran das liegt und was man dagegen tun kann.

Sommer, Sonne, Urlaub - Schnupfen
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Sommer, Sonne, Urlaub - Schnupfen

Ein Interview von


Zur Person
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    Claudia Möller ist Professorin für Tourismusmanagement an der Internationalen Hochschule Bad Honnef (IUBH). Seit 2008 forscht sie dort unter anderem zum Themenfeld Gesundheit und Tourismus.

SPIEGEL ONLINE: Jeder fünfte Deutsche, haben Sie in einer neuen Studie herausgefunden, kennt Leisure Sickness, also das Krankwerden ausgerechnet am freien Wochenende oder im Urlaub. Wie belastbar ist diese Zahl?

Möller: Die ist schon repräsentativ, wir haben mehr als 2000 Frauen und Männer befragt. 22 Prozent kennen die Situation, exakt in der Freizeit krank zu werden. 18 Prozent haben das sogar innerhalb des vergangenen Jahres erlebt. Das ist erstaunlich hoch: Bei einer ersten Studie zu dem Thema in den Niederlanden, die im Jahr 2002 durchgeführt wurde, berichteten gerade mal drei bis vier Prozent der Befragten von dem Phänomen. Dass heute jeder fünfte Deutsche betroffen ist, hätte ich nicht erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Leisure Sickness genau definiert? Reicht da schon der Schnupfen am ersten Ferientag?

Möller: Das kann eine fette Erkältung sein, die sich einstellt, eine richtige Grippe oder auch Fieber. Manche berichten, dass sie pünktlich am Freitagabend Kopfschmerzen bekommen, die am Sonntagabend wieder verschwinden. Und auffällig viele Betroffene klagen über Schlafstörungen auch während der Arbeitsphasen. Eine medizinische Definition für die Urlaubskrankheit gibt es zwar nicht, aber das ist ja beim Burn-out auch so - und dass das Phänomen existiert, ist unstrittig. Was fehlt, ist die Forschung dazu.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist denn besonders betroffen?

Möller: Frauen berichten etwas häufiger von Leisure Sickness als Männer. Generell hatten wir erwartet, dass besonders das mittlere Management betroffen ist, also zum Beispiel Arbeitnehmer, die relativ neu Führungsverantwortung haben, aber auch Selbstständige und Freiberufler. Das Thema betrifft aber Berufstätige quer durch alle Hierarchieebenen. Es hat uns überrascht, dass da keine signifikanten Unterschiede feststellbar waren. Damit ist widerlegt, dass sich das Phänomen allein auf Personen mit Führungsverantwortung beschränkt: Alle Erwerbstätigen nehmen ihre Arbeit im Kopf mit nach Hause.

SPIEGEL ONLINE: Aber nicht alle werden dann auch in der Freizeit krank...

Möller: Das stimmt. Wir stecken noch in der Auswertung der Daten, aber es deutet sich an, dass da die Persönlichkeit eine große Rolle spielt. Viele schauen auch in ihrer Freizeit dauernd auf das Smartphone und lesen berufliche Mails - und tatsächlich scheinen dauernde Erreichbarkeit und Leisure Sickness zusammenzuhängen. Auffällig ist auch, dass Betroffene der Urlaubskrankheit eher dazu neigen, unbezahlte Überstunden in Kauf zu nehmen. Wenn sie ihre Aufgaben nicht innerhalb der 40-Stunden-Woche erledigen können, opfern sie ihre Freizeit. Abgrenzungsfähigkeit ist da also ein wichtiger Faktor.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich sonst noch schützen?

Möller: Die ständige Erreichbarkeit einzuschränken, ist sicher der wichtigste Schritt. Man sollte sich außerdem vor seinem Urlaub nicht komplett und bis zur letzten Minute auspowern. Aber auch Chefs können etwas tun: Eine bessere Feedback-Kultur wäre zum Beispiel sehr sinnvoll. Also nicht bis zum letzten Moment die Mitarbeiter ausquetschen, sondern vor der freien Zeit loben: "Das haben Sie gut gemacht - aber jetzt ist es auch mal gut. Genießen Sie Ihr Wochenende!" So etwas machen Chefs noch viel zu selten.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie selbst?

Möller: Ich bin Leisure-Sickness-Betroffene, daher kommt mein ursprüngliches Interesse am Thema. Und als Tourismusforscherin frage ich mich, was einen guten und erholsamen Urlaub ausmacht. Da gibt es ja in den vergangenen Jahren massive Verschiebungen: Drei Wochen Urlaub am Stück macht kaum noch jemand, oft nicht mal mehr 14 Tage. Der gesellschaftliche Anspruch geht dahin, mehr Erholung in kürzeren Urlauben unterzubringen. Mich interessiert, ob und wie das funktioniert - und woran es liegt, wenn man in der Freizeit krank wird und sich gerade nicht erholen kann.



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