Mythen der Arbeit In der Krankenpflege verdient man wenig - stimmt's?

Fachkräfte in der Krankenpflege verdienen wenig, ist oft zu hören. Tatsächlich verdienen sie mehr als der Durchschnitt aller Beschäftigten, rechnet Arbeitsmarktforscher Joachim Möller vor.

Ein Krankenpfleger schiebt in einer Klinik ein Krankenbett durch den Flur
dpa

Ein Krankenpfleger schiebt in einer Klinik ein Krankenbett durch den Flur


In einer alternden Gesellschaft wie der unseren werden Pflegekräfte immer wichtiger. Und schon heute fehlen hier Fachkräfte. Zwei Faktoren werden dabei meistens als maßgebliche Ursachen benannt: Die harten Arbeitsbedingungen, die tatsächlich häufig von Stress und Überlastung geprägt sind, und eine nicht ausreichende Bezahlung. Aber wie hoch ist diese eigentlich?

Vollzeitbeschäftigte Fachkräfte in der Krankenpflege verdienten im Jahr 2016 im Mittel 3239 Euro brutto monatlich - das sind mehr als 100 Euro mehr als Beschäftigte in Deutschland durchschnittlich verdienten. Das durchschnittliche Brutto-Monatsgehalt aller deutschen Arbeitnehmer lag nämlich bei 3133 Euro. Dies zeigt eine neue Studie, die Jeanette Carstensen, Doris Wiethölter und Holger Seibert bei uns am IAB durchgeführt haben.

Wenn hier von "im Mittel" oder "Durchschnitt" die Rede ist, geht es um den Median. Er liegt genau in der Mitte der Lohnverteilung: 50 Prozent verdienen mehr, die anderen 50 Prozent verdienen weniger.

Überbezahlt sind Beschäftigte in der Krankenpflege nicht

Dass Krankenpflege-Fachkräfte überdurchschnittlich verdienen, ist keineswegs eine neue Entwicklung, auch im Jahr 2012 war das Bild schon sehr ähnlich. Und vergleicht man die Gehaltsentwicklung von 2012 bis 2016, liegt die Steigerung bei den Fachkräften in der Krankenpflege mit 8,9 Prozent geringfügig höher als bei allen Beschäftigten mit 8,6 Prozent.

Überbezahlt sind Beschäftigte in der Krankenpflege aber ganz gewiss nicht: Beim Durchschnittsverdienst sind nämlich schon Zuschläge für Nachtschichten oder spezielle Dienste wie die Arbeit auf der Intensivstation hinzugerechnet.

Deutlich schlechter bezahlt werden Fachkräfte in der Altenpflege. Sie verdienten 2016 nur durchschnittlich 2621 Euro brutto pro Monat. Helfer in der Altenpflege kamen sogar nur auf 1870 Euro monatlich. Wer in der Krankenpflege half, kam immerhin auf 2478 Euro.

Der Vergleich mit 2012 zeigt: Auch hier hat sich die Situation nicht grundsätzlich verändert. Zwar fielen die Zuwächse mit 9,4 Prozent bei den Fachkräften und mit 9,6 Prozent bei den Helfern in der Altenpflege etwas höher aus als beim Durchschnitt aller Beschäftigten, aber die Differenz ist nicht groß.

Was sich Pfleger wirklich wünschen

Auffällig ist, dass die Differenz bei der Bezahlung zwischen Kranken- und Altenpflege je nach Bundesland unterschiedlich ausfällt. In Sachsen-Anhalt verdienen Fachkräfte in der Altenpflege rund 30 Prozent weniger als in der Krankenpflege. In Bayern und Baden-Württemberg beträgt der Abstand nur 13 Prozent.

Aber woher kommt es, dass in der Altenpflege schlechter bezahlt wird? "Die Löhne der Pflegekräfte stellen für die Pflegeeinrichtungen einen wesentlichen Kostenfaktor dar. Sie sind aufgrund der ausgehandelten Pflegesätze außerdem weniger flexibel als in anderen Wirtschaftsbereichen", schreiben die Autoren der eingangs erwähnten Studie. Das bedeutet: Weil die Pflegeeinrichtungen vergleichsweise wenig Einfluss auf ihre Finanzierung haben, sind hier deutliche Lohnerhöhungen nicht einfach zu erreichen.

Hinzu kommt: Gerade bei den Altenpflegeeinrichtungen stehen tarifgebundene Einrichtungen oft unter erheblichem Druck, weil sie sich im Wettbewerb zu nicht tarifgebundenen Anbietern befinden. Wenn jemand für die Pflege seiner Eltern in einem Pflegeheim Zuzahlungen leistet, kann es je nach Einkommen schon einen erheblichen Unterschied machen, ob es einige Hundert Euro mehr oder weniger sind.

Die Forderung, gerade die Pflegekräfte in der Altenpflege besser zu bezahlen als bisher, ist dennoch richtig - und dringender als in der Krankenpflege. Eine bessere Bezahlung kann auch helfen, die Personalengpässe in der Pflege zu reduzieren. Höhere Verdienste könnten die Tätigkeiten attraktiver machen und eine höhere Wertschätzung dieser ebenso anstrengenden wie gesellschaftlich wichtigen Berufe ausdrücken.

Gleichzeitig muss uns aber bewusst sein: Das Geld dafür haben wir zum einen in Form von Beiträgen für die Pflegeversicherung aufzubringen, zum anderen oft auch noch individuell in Form von Zuzahlungen zu den Pflegekosten unserer Eltern. Für die anständige Bezahlung der Pflegekräfte stehen wir also auch individuell in der Pflicht.

Zum Autor
IAB
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.


insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
ottscher 24.01.2018
1. Mittelwert nicht gleich Mittelwert
Der hier im Artikel beschriebene Mittelwert(Median) ist wahrscheinlich von den Autoren bewusst gewählt worden damit dieser bewusst hoch erscheint. Die Aussage dass 50%mehr verdienen und 50%weniger verdienen ist zwar korrekt aber das bezieht sich lediglich auf die Anzahl der ausgewerteten Löhne und richtig sich leider nicht nach der tatsächlichen Höhe. Sagen wir bspw die 50% der Menschen die mehr als die im Artikel beschriebenen 3239 ? verdienen, verdienen 100? mehr und die 50% der Menschen die weniger als 3239? verdienen, verdienen 500? weniger dann bleibt der Median unverändert bei 3239? der tatsächlichen arithmetische Mittelwert liegt dann aber 300? unterhalb von 3239? nämlich dann bei 2939. Dem Normalbürger der sehr wahrscheinlich den Unterschied zwischen Median und arithmetischen Mittelwert nicht kennt wird dadurch ein "durchschnittliches" Gehalt präsentiert was mit an hoher Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weit vom arithmetischen Mittelwert und damit dem entscheidenden Mittelwert abweicht.
sven2016 24.01.2018
2.
Es fehlt die Statistik der tatsächlich geleisteten Stundenzahl und der Steigerung der Aufgaben in den letzten Jahren. Als Vergleich und Ergänzung wäre auch die Einkommenssituation der Beschäftigten in ambulanten Pflegediensten interessant. Medianwerte ohne Angabe der Varianz zur Abschätzung der Streuung um Mittelwerte sollten immer mitgeliefert werden. Sonst ist das der alte Fall ein Fuß in Eis, der andere in kochendem Wasser. Mittelwert ganz ok.
walli_sp 24.01.2018
3. Ich will es nur noch mal betonen:
harte physische und psychische Arbeitsbedingungen Dreischichtbetrieb mit bei mir einer Woche Nachtschicht im Monat selten anständige Pausen während der Schicht zwei bis drei Wochenenddienste im Monat immer wieder einspringen für kranke Kollegen erworbene Überstunden abbummeln, indem man eher geht oder auf Abruf zu Hause bleibt eine Unaufmerksamkeit kann durchaus schweren Schaden für Leib und Leben des Patienten bedeuten So sieht es bei uns aus. Würde da der nine-to-five Bürojobber für 100 € mehr mitmachen? Wohl kaum.
phrasendrescher 24.01.2018
4. Überdurchschnittlich,
aber nur, wenn man die Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit mit einrechnet. Ich finde das jetzt nicht wirklich fair für meine Kollegen in der Pflege, die sich Jahr für Jahr den Ar*** aufreißen, im Durchschnitt 14 Jahre früher sterben als ein Nicht-Schichtler. Ich dachte immer, diese Zuschläge wären ein kleiner Ausgleich für die Minuspunkte, die man mit der Berufswahl erwibt, kein "wir wuchten den Lohn mal auf Durchschnitt"
larryunderwood 24.01.2018
5. examinierte Fachkräfte...
Verdienen zum Beispiel in der altenpflege fast 1000? weniger als ungelernte in der Metallindustrie... Außerdem gibt es in der Pflege in der Regel eine 39-40 Stunden Woche und keine 35 Stunden Woche rechnet dann das auf das Jahr hoch kommt alleine dadurch eine Mehrarbeit von rund 250 Stunden gegenüber z. B der 35 Stunden Woche auf... Daher überlege ich selbst lieber wo anders zu arbeiten und auf mein staatsexamen als Therapeut zu verzichten...
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