Deutsche in Polen "Ein klarer Rückschritt"

Seitdem die rechtskonservative PiS-Partei in Warschau regiert, sind die Beziehungen zum Nachbarn im Westen angespannt. Wie geht es Deutschen, die in Polen studieren, arbeiten und leben?

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Die nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) regiert in Polen erst seit zwei Monaten, aber sie hat sich bereits unbeliebt gemacht in der EU.

Seit ihrem Wahlsieg hat die neue Regierung das Verfassungsgericht entmachtet und ein Gesetz geschaffen, mit dem sie die Spitzenposten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach Belieben austauschen kann. Regierungskritischen Journalisten droht jetzt die Entlassung.

Prompt kündigte die Europäische Kommission einen bisher einmaligen Schritt an: Sie will prüfen lassen, ob der Rechtsstaat in Polen in Gefahr ist. Der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz warf der polnischen Regierung vor, das Wohl des Staates den Interessen der Partei unterzuordnen, und warnte vor einer "gefährlichen Putinisierung der europäischen Politik". Und EU-Kommissar Günther Oettinger forderte gar, Warschau unter Aufsicht zu stellen.

Politische Provokationen, auf die die PiS mit Trotz reagiert hat: "Kein Druck, keine Worte, die vor allem nicht über die Lippen deutscher Politiker kommen sollten, werden uns von diesem Weg abbringen", stellte Parteichef Jaroslaw Kaczynski klar.

Um die Stimmung zu heben und größeren Schaden für die bilateralen Beziehungen zu vermeiden, traf sich Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Donnerstag in Warschau mit seinem polnischen Kollegen Witold Waszczykowski. Steinmeier sprach von einem "unfassbaren Glück", dass aus einst erbitterten Gegnern Freunde geworden seien. "Das Verhältnis zu Polen ist viel zu wertvoll, als dass es der jeweiligen Sichtweise in der Tagespolitik geopfert werden sollte", sagte er.

Doch wie brisant schätzen Deutsche die Lage ein, die in Polen leben? Fürchten sie, sich in Zukunft nicht mehr frei äußern zu dürfen? Spüren sie vermehrt Vorurteile gegen Deutsche? Wollen sie noch in dem Land bleiben? Oder ist es ihnen im Grunde egal, wer an der Macht ist?

Frl. Bischop

Linda Nikiel, 25, Studentin in Breslau:

"Vor zwei Jahren kam ich als Erasmus-Studentin nach Polen und lernte hier meinen jetzigen Mann, einen Polen, kennen. Jetzt schreibe ich meine Bachelor-Arbeit und gebe Deutsch-Nachhilfe für Kinder. Eigentlich gefällt mir Breslau gut, allerdings passt mir gar nicht, dass einige Menschen hier eine nationalistische Einstellung haben. Ich bin zwar nicht selbst Opfer von Fremdenfeindlichkeit geworden, aber ich mag es auch nicht, wenn Leute zu mir sagen, dass ich ein guter Ausländer sei, weil ich arbeite und aus der EU komme.

Was die politische Lage betrifft, habe ich aufgehört, Nachrichten zu lesen. Das regt mich nur auf. Ich finde die PiS total rückständig, und mein Mann sieht das ähnlich. Er hat in England studiert, kennt viele Menschen aus anderen Kulturen und ist so liberal wie ich. Wir waren gemeinsam bei den Demos gegen das neue Mediengesetz. Außerdem trommle ich mit einer Percussion-Band gegen Rassismus, Gentrifizierung und für mehr Toleranz. Aber letztlich kann ich als Deutsche an der polnischen Politik nichts ändern. Das war eine demokratische Wahl, und das muss man akzeptieren."

Deutsches Historisches Institut

Stephan Lehnstaedt, 35, Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau:

"Ich lebe seit sechs Jahren in Warschau und bin mit einer Polin verheiratet. In unserem Freundeskreis sind die politischen Veränderungen oft Thema. Die meisten meiner Freunde sind proeuropäisch orientiert: Sie sind entsetzt über das, was hier gerade passiert. Auch meine Frau sieht das kritisch. Sie ist in Polen geboren, hat einen polnischen und einen deutschen Pass und findet die Maßnahmen der PiS peinlich. Sie fürchtet um das Image des Landes - meinen Schwiegereltern geht es ähnlich.

Ich denke auch, dass es nicht von Vorteil ist, wenn Polen sich abschottet. Das ist ein klarer Rückschritt zu dem, was wir bisher hatten. Aber Sorgen mache ich mir keine. In meinem Arbeitsbereich, der Wissenschaft, sind die Kontakte zwischen Polen und Deutschen gut wie eh und je. Und wenn ich aus dem Fenster meines Büros gucke, sehe ich oft Demonstrationen gegen die Regierung. Es gibt eine Menge Gegenstimmen. Selbst wenn jetzt Institutionen gleichgeschaltet sind, die Gesellschaft ist es nicht."

Mateusz Skrzek

Tomasz Czekala, 22, Student in Kattowitz:

"Ich bin in Polen geboren, habe aber auch den deutschen Pass und studiere jetzt Germanistik mit dem Schwerpunkt Dolmetschen. Eigentlich fühle ich mich sehr wohl hier, aber was die Regierung gerade macht, passt mir gar nicht. Sie heizt die fremdenfeindliche Stimmung im Land an. Wie kann man als Katholik nur dagegen sein, Flüchtlinge aufzunehmen? Ich selbst bin Katholik und finde, dass das ein Gebot der Nächstenliebe ist.

Außerdem greift die PiS stark in die Pressefreiheit ein. Sie macht aus unseren öffentlich-rechtlichen Medien eine Art Staatsfernsehen. Menschen, die anderer Meinung sind, werden zu Feinden Polens gemacht. Beispielsweise hat ein Soldat mal auf Facebook geschrieben, dass er sich für die jetzige Politik schämt. Und was macht die PiS? Sie antwortet ihm, dass er die Uniform ablegen soll. Das habe ich zufällig gelesen und war entsetzt. Ich würde so eine Partei niemals wählen."

Steve Naumann

Marij Duhra, 27, Promotionsstudentin in Breslau:

"Ich stamme aus Cottbus und habe früher nicht viel über Polen gewusst. Deshalb habe ich mich nach dem Abi für einen Freiwilligendienst in Warschau entschieden. Der hat mir so gut gefallen, dass ich fürs Studium wieder nach Polen gekommen bin. Und es geht mir gut hier: Ich habe tolle Freunde, eine Fußballmannschaft, meine Band, Arbeit und werde an der Uni sehr gut betreut.

Viele Polen wollen im Moment von mir wissen, wie Deutschland sich die Integration von Flüchtlingen vorstellt und umsetzt. Allerdings haben die Leute dann häufig eine starre Meinung zu dem Thema, die in Richtung der Haltung der PiS geht. Ich finde solche Gespräche immer sehr kräfteraubend.

Ein großer Teil meiner ehemaligen Kommilitonen haben die PiS oder rechtsextreme Parteien gewählt. Das sind alles gut ausgebildete Menschen, die in einigen Jahren im Breslauer Rathaus oder anderswo sitzen und Verantwortung übernehmen werden. Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber es fällt mir schwer, entspannt in die Zukunft der polnischen Gesellschaft zu blicken. Trotzdem will ich erst mal in Polen bleiben. Obwohl ich keinen polnischen Pass habe, verstehe ich mich als Teil der Gesellschaft und will hier aktiv sein, auch weil ich sehe, dass es viel zu tun, viel zu reden und zuzuhören gibt."

Nadia Zurkowska

Holger Gallas, 32, Projektentwickler im Bereich Windenergie in Danzig:

"Ich arbeite im Bereich der erneuerbaren Energien, und die PiS setzt auf den Bau neuer Kohlekraftwerke - das hat sie im Wahlkampf mehrfach angekündigt. Natürlich habe ich mich da nach der Wahl gefragt, wie es weitergeht. Aber eigentlich hat sich für mich bisher nicht so viel geändert.

Ich lebe seit fünf Jahren in Danzig und habe noch keinen Tag bereut, hergezogen zu sein. Die Polen begegnen mir sehr freundlich, was vielleicht auch daran liegt, dass ich gut Polnisch spreche. Meiner Meinung nach wird die politische Situation der Polen in Deutschland kritischer gesehen als hier. Viele Polen unterstützen den Kurs der Regierung. Beispielsweise stimmen eine Menge meiner Freunde mit der PiS in der Flüchtlingspolitik überein. Sie halten die deutsche Willkommenskultur für einen Fehler.

Auch die Reformen in den Medien finden sie nicht so schlimm. Es gibt in Polen ja nicht nur staatliche Medien, sondern auch viele private, und die werden weiterhin frei berichten. So etwas wie eine völlige Zensur ist also bisher nicht in Sicht."

Privat

Kirsten Gerland, 33, Analystin in einer Bank in Warschau:

"Ursprünglich komme ich aus Göttingen, bin aber für meine Doktorarbeit nach Polen gezogen und dann hiergeblieben. Jetzt lebe ich mit meinem Partner, einem Amerikaner, und meiner kleinen Tochter in Warschau. Es gefällt uns gut hier, auch wenn ich ein bisschen Heimweh habe. Super ist, dass Warschau nicht zu groß ist. Man erreicht alles schnell mit Bus und Bahn, viele Parks und Kulturangebote gibt es auch. Wir haben hier schnell Freunde gefunden und wurden herzlich aufgenommen.

Unsere polnischen Freunde sind begeisterte Europäer. Bedenklich finde ich, dass viele von ihnen vor der Wahl nicht wussten, wem sie ihre Stimme geben sollten. Offenbar gibt es keine Partei, die ihren politischen Wünschen entspricht. Ich hoffe nicht, dass sich die deutsch-polnischen Beziehungen jetzt wieder verschlechtern, wie es der Fall war, als die Kaczynski-Brüder vor ein paar Jahren regierten. Im Moment merke ich hier auf jeden Fall nichts davon. Und das sage ich meiner Familie auch immer wieder. Sie verfolgen seit dem Regierungswechsel die politische Lage ganz genau und fragen oft, wie es uns geht. Ich antworte dann immer, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen."

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