Whistleblower in Indien Als Held gefeiert, als Querulant verhasst

Als indischer Spitzenbeamter könnte Ashok Khemka im Luxus mit Fahrer, Koch, Dienstvilla leben. Stattdessen kämpft er gegen Korruption und wurde 46 Mal versetzt. Das hat ihn berühmt gemacht. Und einsam.

Aus Neu-Delhi berichtet Ulrike Putz

SPIEGEL ONLINE

Das Wahrzeichen der nordindischen Stadt Chandigarh ist eine 26-Meter-Skulptur aus Beton und Stahl in Form einer offenen Hand. Für den Schweizer Architekten Le Corbusier stand sie für die Qualitäten seiner am Reißbrett entworfenen Stadt-Utopie: "Die Hand, die offen ist, zu geben, und offen ist, zu nehmen."

Solche offenen Hände gibt es knapp 70 Jahre später sehr viele in Chandigarh. Nur anders, als Le Corbusier sich das ausmalte. Das schnurgerade Straßenraster am Fuße des Himalaya beherbergt gleich zwei Provinzregierungen; die Bundesstaaten Punjab und Harayana haben zusammen etwa 55 Millionen Einwohner. Entsprechend groß ist der Beamtentross, der in Chandigarh regiert, verwaltet und die Hand aufhält.

Nun gehört Bestechung in Indien zum Leben wie der Monsun. Mit beidem arrangiert man sich, notgedrungen. Doch manche Leute wie Ashok Khemka weigern sich, das Spiel mitzuspielen. "Korruption ist, wenn derjenige, der eine gerechte Chance verdient hat, um diese gebracht wird", sagt Khemka, 50, derzeit Direktor der Abteilung Archive und Archäologie des Bundestaats Harayana.

An dem Spitzenbeamten mit den dicken Brillengläsern scheiden sich in Indien die Geister: Seine Anhänger verehren ihn als aufrechten Kämpfer gegen die Korruption. Seine vielen Feinden schmähen ihn als Verräter und Berufsquerulanten. Khemkas Vorgesetzte haben sich im Laufe der Jahre auf ihre Art dafür gerächt, dass er Missstände in ihren Häusern aufdeckte: In 24 Berufsjahren ist er bis dato 46 Mal versetzt worden.

Wo Schmiergeld fließt, schlägt er Alarm

Khemka arbeitet beim Indian Administrative Service (IAS), der die besten Köpfe Indiens rekrutiert. Wer hier genommen wird, hat das schwerste Auswahlverfahren des Landes bestanden, und zwar mit bester Punktzahl (mit nicht ganz perfekten Resultaten wird man meist "nur" Diplomat). Die 4700 IAS-Funktionäre fungieren als oberste Kontrollinstanz der Verwaltung des Subkontinents. Doch viele haben es sich in einem von Korruption zerfressenen System bequem gemacht. Ausputzer und Whistleblower wie Khemka sind rar.

Khemkas Geschichte beginnt in Kalkutta, wo er in eine Händlerkaste hineingeboren wird. Die Marwaris gelten vielen Indern als reiche Ausbeuter, "ich wurde als Kind oft verprügelt", sagt Khemka in seinem spärlich möblierten Wohnzimmer in Chandigarh. Auf diese Erfahrung führt Khemka seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zurück.

Schon als Student der Informatik sei er ein "Petitionseinreicher" gewesen, sagt Khemka. Mit 26 Jahren schaffte er den Aufnahmetest für den Staatsdienst, begann in der tiefen Provinz von Harayana sofort aufzuräumen - und sich bei seinen Chefs unbeliebt zu machen.

Wo auch immer Schmiergeld floss, schlug Khemka Alarm: Wenn Politiker Lastwagen der Regierung nutzten, um Jubler zu Wahlveranstaltungen zu karren. Wenn die Industrielobby Beamte bestechen wollte, damit sie bei Asbest in Wasserleitungen wegschauen. Oder wenn Führerscheine ohne Prüfung, aber gegen üppiges Trinkgeld ausgestellt wurden.

"In Indien drängelt sich jeder vor"

Seine Genugtuung über Erfolge wurde gedämpft von der Enttäuschung, dass Inder sich nur selten gegen Korruption auflehnen. Indien sei eine gnadenlose Ellenbogengesellschaft, so Khemka: "Jeder drängelt sich vor, weil nie drankommt, wer sich hinten anstellt." Nur die wenigsten Beamten seien unbestechlich oder legten im Kampf gegen die allgegenwärtige Korruption Opferbereitschaft an den Tag.

Khemkas Kampf hatte seinen Preis. Die Familie - neben Ashok seine acht Jahre jüngere Frau Jyoti und zwei inzwischen erwachsene Söhne - wurde zu Vagabunden. "Wir sind 20 Mal umgezogen in 24 Jahren", sagt Jyoti Khemka. Den Jungen habe das nicht geschadet, beide studierten Jura und wollten in Vaters Fußstapfen treten.

Der Lebensstil der Familie ist deutlich bescheidener als der anderer IAS-Beamter. Wo sie nach einer erneuten Versetzung ankamen, wurde den Khemkas stets die schlechteste der vom Staat bestellten IAS-Unterkünfte zugeteilt. Im Haus in Chandigarh, in dem sie - Rekord - schon seit drei Jahren leben, ist der Klempner Dauergast.

Ein Besuch offenbart, dass es sich nicht um aufmerksamkeitsheischende Nörgler handelt, wie Kritiker gern behaupten. Auch im Detail versucht die Familie, den eigenen moralischen Ansprüchen zu genügen. Frau Khemka kommandiert keine Schar von Hausangestellten, deren winzige Gehälter ihr Mann dem Staat unterjubelt. Sie hat eine Haushaltshilfe und stellt diese - im kastenbewussten Indien unerhört - sogar dem Besuch vor. Jyoti Khemka kocht, für Indiens Mittelschicht ganz unüblich, selbst. Sie fährt Motorroller, statt den ihrem Mann zustehenden Fahrer und Dienstwagen auszuleihen.

Monatelang Morddrohungen

Freunde haben die Eheleute wenige, seit sich andere IAS-Beamten von ihnen abwandten. "Am Anfang dachten sie, ich sei noch nicht richtig erwachsen, ich würde mich schon noch einfügen", sagt Khemka. Später habe er auch im Kollegenkreis als unverbesserlicher Spinner gegolten.

Den letzten Rückhalt verlor Khemka, als er sich 2012 mit Indiens mächtigster Familie anlegte, den Gandhis. Khemka machte publik, dass der Schwiegersohn der einflussreichen Politikerin Sonia Gandhi als Mittelsmann bei dubiosen Baulandverkäufen vor den Toren Delhis fungiert hatte. Dabei scheint Robert Vadra Millionen gemacht zu haben. Die Ermittlungen gehen schleppend - oder besser: verschleppt - voran.

Für Khemka hatte die Enthüllung sofortige Folgen. Wieder wurde er, klar, versetzt, fand sich plötzlich aber auch im Zentrum eines landesweiten Medienwirbels. Seine Familie bekam monatelang Morddrohungen. Wegen angeblicher Diffamierung und Amtsanmaßung leitete sein eigener Arbeitgeber eine Untersuchung ein, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Wenn alles schiefläuft, könnte Khemka über die Affäre seinen Job verlieren.

Khemka ließ sich nicht beirren. Auf seinem neuen Posten im Transportministerium von Haryana machte er sich sofort daran, der Polizei auf die Finger zu klopfen. Die ließ es sich bezahlen wegzuschauen, wenn nicht-verkehrstüchtige Lastwagen über die Straßen des Bundesstaates donnerten.

Prompt folgte die Abkommandierung auf den nächsten Posten. Seit April ist er Direktor der Archäologie-Behörde. Auf diesem Abstellgleis gedenken seine Chefs ihn bis zur Pensionierung zu parken. Aber entmutigen lässt sich Khemka nicht: "Die nächste Schlacht wird kommen, ich werde mich ihr stellen. Im Krieg tötet man, oder man wird getötet."

  • Ulrike Putz (Jahrgang 1973) ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

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Seite 1
Leser161 19.08.2015
1. Ein moderner Held
Kämpft gegen Missstände ohne Rücksicht auf sein eigenes Wohl. Das qualifiziert ihn zum Helden.
bourbon21 19.08.2015
2.
wow ich wünsche ihm und seiner familie alles gute und hoffe sie verlieren nicht den mut und machen weiter finde ich klasse. so viel idealismus ist auch bei uns kaum mehr zu finden...
carran 19.08.2015
3. Koennen wir...
...diesen Herren denn nicht nach Deutschland holen und ihn in einer der zahlreichen Kommissionen des "neuen" Berliner Flughafens einsetzen?
five-oceans-buccaneer, 19.08.2015
4. Zurecht so
Solche sollten wir in der EU haben, dann wuerde es anders aussehen. Aber eben, Helden sterben einsam... Alle die hier, die in diversen Foren sind, egal welcher Meinung, haben zumindest auch eine Meinung und tun sie kund. Die grosse Masse schweigt - und akzeptiert blind... Das ist eben NICHT im Sinne der Demokratie und foerdert die 'demokratische Diktatur'. Aufwachen meine Damen und Herren, rege werden und aufbegehren!!!
mare56 19.08.2015
5. Her mit dem Mann
In Athen und Berlin wird er dringend gebraucht! Und im Urlaub kann er auch noch in Rom aufräumen!
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