MBA-Absolventen in Indien Wir brauchen Wachmänner, keine Manager

MBA-Studiengänge boomen in Indien, obwohl es im Land kaum Jobs für Manager gibt. Obskure Privatunis nutzen das aus. Sie verlangen für die drei Buchstaben viel Geld für wenig Lehre. Und die Absolventen arbeiten nachher als Wachmänner.

Schlangestehen für den Job: MBA-Studenten bei einer Jobmesse in Bangalore.
DPA

Schlangestehen für den Job: MBA-Studenten bei einer Jobmesse in Bangalore.


"Wir dachten alle, wir bekommen total einfach einen Job", sagt Shubham Kesarwani. Der 25-Jährige ist einer von vielen jungen Menschen der aufstrebenden Mittelschicht in Indien, die von einem Leben als erfolgreiche Manager träumen, mit Büros in den Glas-Beton-Satellitenstädten und hohen Gehältern. Deswegen schrieb er sich für ein MBA-Studium an einer Wirtschaftshochschule vor den Toren der Hauptstadt Neu-Delhi ein und zahlte umgerechnet mehrere tausend Euro Studiengebühr. Doch nach dem Abschluss stand er auf der Straße.

"Die meisten meiner ehemaligen Kommilitonen mühen sich ab, aber finden nichts", sagt Kesarwani. "Wenn Unternehmen uns doch einstellen, dann als einfache Arbeiter, aber nicht als Manager." Er selbst fand schließlich eine Stelle als Verkäufer bei einem Solarunternehmen - für ein Anfangsgehalt von 6000 Rupien (76 Euro) im Monat. "Das ist höchstens Taschengeld", beschwert er sich.

Kesarwani hat das Problem selbst erkannt: Es gibt in Indien mittlerweile zu viele private Colleges. Die bekannteste Managerschmiede ist das Indian Institute of Management in Ahmedabad. Wer hier studiert, braucht sich um seine Karriere keine Sorgen zu machen. Legendär sind die strengen Auswahlkriterien: In Ahmedabad gab es im vergangenen Jahr 173.886 Bewerber auf 381 Studienplätze. Weniger als 0,25 Prozent wurden zugelassen. Und so weichen die Abgewiesenen auf andere Schulen aus.

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Business School in Indien: Studieren in zwei Welten
"Die Colleges schießen hier wie Pilze aus dem Boden", bestätigt Zihan Ali, 25. Er studiert Marketing and Finance in der Stadt Kota, der Bildungshochburg des Bundesstaates Rajasthan. Jeder, der zwei Räume miete und ein Schild über der Tür anbringe, könne einen eigenen Studiengang anbieten. "Eine Genehmigung der Regierung zu bekommen, ist hier kein Problem. Der Inspekteur bekommt 2000 Rupien zugesteckt und unterschreibt." Entsprechend dürftig ist häufig der Unterricht.

"Der Wert der Abschlüsse nimmt ab", sagt Upasana Tyagi, die am Modi Institut in Kota die Abteilung für Management-Studien führt. Auch der Gründer des Instituts, Sushil Modi, ist verärgert über korrupte Beamte, die Lizenzen verteilen. "In diese Colleges gehen die Studenten nur für die Prüfungen. Sie öffnen ihre Bücher, schreiben alles ab, und bekommen dann 100 von 100 Punkten."

Und jetzt noch einen Online-Kurs

In keinem anderen Land der Welt leben so viele junge Menschen wie in Indien, fast jeder Zweite ist unter 25. Für den Managernachwuchs gibt es 13 renommierte Schulen, sogenannte Institute von nationaler Bedeutung. Sie bieten zusammen aber nur rund 3000 Studienplätze an - eine erschreckend kleine Zahl in einem Land mit einer halben Milliarde Menschen im arbeitsfähigen Alter. Rund 3600 Wirtschaftsschulen sind in Indien staatlich anerkannt, doch nur 500 bis 600 erfüllen die elementaren Voraussetzungen für guten Unterricht.

"Viele müssen am Ende des Studiums einsehen, dass ihre Ausbildung nicht viel wert ist", sagt Arvind Singhal von Technopak, einer Bildungsberatungsfirma. Die Wirtschaft in Indien wuchs im vergangenen Jahrzehnt zwar meist zwischen acht und zehn Prozent, doch wurden dabei kaum neue Jobs geschaffen. Und in den vergangenen beiden Jahren fielen die Wachstumsraten steil ab, Krisenstimmung machte sich breit, der Währungskurs sank, die Investitionen blieben aus. Anders als in China, Südkorea oder Taiwan, wo Millionen Menschen in Fabriken schweißen und zusammenbauen und nähen, gibt es in Indien vergleichsweise wenige Produktionsstätten und auch keinen großen Bedarf an Managern.

Zahlreiche junge Absolventen bekommen deshalb höchstens schlecht bezahlte Jobs im Dienstleistungssektor, vor allem als Wachmänner. Dann sitzen sie vor Bankautomaten, Läden, Büros oder Mietshäusern. Trotzdem geben viele ihren Traum vom Manager-Dasein nicht auf: Sie schreiben sich in Online-Kurse ein. Allein die Indira Gandhi National Open University hat mehr als vier Millionen Studenten, Tendenz steigend.

Doreen Fiedler/dpa/vet

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Pfeiffer mit drei F 12.07.2013
1.
Das spiegelt auch die Erfahrungen meines Unternehmens wieder. Ja, es gibt sehr gute, hochqualifizierte Mitarbeiter aus Indien, aber die Mehrheit der Bewerber mit "MBA" aus diesem Land sind oftmals schlechter ausgebildet als der durchschnittliche deutsche Azubi.
seiplanlos 12.07.2013
2. geht zum glück nichts verloren.
Mal ehrlich, wer Managen möchte, und ein gutes Gehalt gezahlt bekommen will, sollte in der Lage sein, seinen Abschluss vorher auf Marktwert überprüfen zu können.
markh 12.07.2013
3. Vielleicht sind die staatlichen Abschlüsse
doch besser als Ihr Ruf
Eros1981 12.07.2013
4. Wachmänner in Deutschland
Ein Spiegelartikel über die Arbeitsbedingungen von Wachmännern in Deutschland wäre übrigens auch nicht schlecht. 300 Stunden monatliche Arbeitszeit , tägliche Abrufbereitschaft, nicht zahlen von Fahrtkosten und Zuschlägen sind keine Seltenheit und das für zumindestens hier in Niedersachen 7,50 Euro brutto die Stunde. Ich habe es mitgemacht, so ein Job ist Selbstmord auf Raten. Das macht die Gesundheit nicht lange mit.
rst2010 12.07.2013
5. masters
of business desaster gib es mehr als genug auf dieser welt.
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