Neue industrielle Revolution Asien fürchtet den Siegeszug der Roboter

Jahrzehntelang waren asiatische Industriearbeiter als billige Konkurrenz in Deutschland gefürchtet. Nun bangen sie selbst: Roboter könnten ihre Arbeit übernehmen.

Digitaler Kollege: Der lernfähige Roboter Baxter
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Digitaler Kollege: Der lernfähige Roboter Baxter


Piff-paff - so funktionieren Industriemaschinen. Piff-paff, auf-zu, einmal drücken, einmal ziehen. Und hinten kommt ein standardisiertes Produkt raus.

"Piff-paff", so macht ein Industrieschlitten, wenn Lutz Seidenfaden ihn beschreibt. Nicht ein Schlitten für den Rodelberg, natürlich. Ein Schlitten ist ein Maschinenbauteil, das auf einer Schiene hin- und herfährt. Und mehr können klassische Maschinenbauteile nicht: Hin und her, piff und paff.

Lutz Seidenfaden ist IT-Spezialist der Esslinger Firma Festo. Gerade ist er bei einer Vorführung für Geschäftspartner in Singapur, und den schlichten Schlitten beschreibt er nur, weil er zeigen will, was moderne Maschinenteile heute so draufhaben. Von "intelligenten Komponenten" spricht er da, und künstlicher Intelligenz: Bauteile etwa, die Alarm schlagen, bevor eine Maschine ausfällt. Zum Beispiel weil die Temperatur steigt: "Ich bin Achse x, ich habe Fieber, schaut mich an."

Seidenfaden illustriert so die neue Welt der "Industrie 4.0", in der intelligente Komponenten miteinander kommunizieren, ihre eigene Wartung, Nachschub und Bestellungen organisieren können und vieles mehr. Aber nicht nur um ihresgleichen kümmern sich intelligente Maschinen. Sie können auch ganz auf den Einzelkunden zugeschnittene Produkte in kleinen Mengen kostengünstig fertigen - weg vom Standardprodukt.

Asiaten und Europäer sitzen in einem Boot

Das meint der Kunstbegriff "Industrie 4.0", mit dem die meisten Arbeitnehmer wohl nicht viel anfangen können. Umschreibt man ihn aber mit "Digitalisierung der Industrie" und spricht von intelligenten Robotern, dann dürfte die Entwicklung vor allem Existenzängste auslösen: Wenn die Maschinen immer schlauer werden - kostet das dann wieder Jobs?

Und während früher deutsche Arbeiter die Konkurrenz ihrer asiatischen Kollegen fürchteten, sitzen sie diesmal im selben Boot: Die fortschreitende Automatisierung, auch 4. industrielle Revolution genannt, weckt in Asien große Ängste. Was wird aus dem Standortvorteil mit niedrigen Löhnen, wenn immer mehr Maschinen Fertigung übernehmen?

Gerade die Industriezweige, die sehr einfache Arbeiten zu billigen Löhnen verrichten ließen, sind betroffen. "Billige Arbeitskräfte haben Asien einen Standortvorteil verschafft. Aber mit den fallenden Kosten durch Automatisierung muss die Region ihre Talentförderung ausbauen", analysierte das World Economic Forum (WEF) gerade bei einer Konferenz mit 500 regionalen Unternehmern, Politikern und Analysten in Malaysia.

In Vietnam arbeiten 41 Prozent der Beschäftigten als ungelernte Kräfte, auf den Philippinen 33 Prozent. "Wir müssen die Ausbildung umkrempeln", sagt Kathleen Chew, Chefjuristin der YTL Corporation in Malaysia. "Es wird zu viel auswendiggelernt, wir brauchen aber Kommunikatoren und Problemlöser", meinte der indonesische Bildungsminister Anies Baswedan. "Die Revolution kommt extrem schnell - kommt endlich in die Hufe!" beschwor der Chef der norwegischen Telekomfirma Telenor, Sigve Brekke, auf der Konferenz die Asiaten.

Keine menschenleeren Fabriken

"Ich war erstaunt, wie stark das Thema Verlust von Arbeitsplätzen durch die 4. industrielle Revolution betont wird", sagte der Verwaltungsratschef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), Hans-Paul Bürkner, Jahrgang 1952, am Rande des Treffens. Dabei hält er Schreckgespenste von der menschenleeren Fabrik für völlig überzogen. Die vielen billigen Arbeitskräfte hinderten aber Firmen in Asien womöglich daran, auf den Automatisierungszug aufzuspringen.

"In jedem Fall ist Industrie 4.0 eine Chance, die Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland zu erhöhen", meint Hartmut Rauen, Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim Maschinenbauverband VDMA. Technologie, Partner und Kunden seien da. "Deutschland gewinnt an Attraktivität, weil man hier am ehesten in der Lage ist, das umzusetzen." So könne man dadurch Investitionen und Arbeitsplätze in Deutschland gewinnen.

Dass allerdings Produktion durch Industrie 4.0 zurück nach Europa verlagert werden könnte, bezweifelt Rauen. Der Grund, etwa in China Fabriken zu bauen, sei eher die Nähe zum Kunden gewesen. Ähnlich sieht man das beim Maschinenbauer Trumpf: China habe man nie als verlängerte Werkbank gesehen, sondern dort Maschinen für die lokalen Bedürfnisse gebaut und auch verkauft, so eine Sprecherin.

Gerade in China sei ein großes Interesse an Industrie 4.0 zu sehen. "In China ist das Thema auch bei deutschen Firmen beliebt, weil dort Dinge ausprobiert werden können, die hier undenkbar wären, wie Bio- oder Bewegungsprofile von Mitarbeitern", sagt Constanze Kurz von der IG Metall.

Christiane Oelrich und Annika Grah, dpa/mamk



insgesamt 151 Beiträge
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Scum 18.06.2016
1. Terminator
Angeblich soll es ja möglich sein, künstliche Intelligenzen zu schaffen. Sollten diese KIs gedanklich so flexibel und kreativ wie Menschen und so schnell wie Computer sein, werden sie unweigerlich jeden Menschen ersetzen. Die Frage ist, ob die KIs uns dann noch als notwendig oder vielmehr als überflüssig ansehen werden. Auf jeden Fall werden unsere Politiker alles in ihrer Kraft mögliche tun, um diesen "Fortschritt" zu ermöglich und nach dem Motto "Wir schaffen das", versuchen, uns von der Sinnhaftigkeit des Ersatzes der Menschheit durch die Maschinen zu überzeugen.
noalk 18.06.2016
2. Und wer kauft das Zeug, ...
... das von den Robotern hergestellt wurde? Wenn niemand mehr Arbeit hat und Geld verdient?
KlausP22 18.06.2016
3. Akkufabriken als bestes Beispiel
Die neue Akkufabrik von Tesla in den USA und die Prüfung des Aufbaus einer Akkufabrik in Deutschland durch VW zeigen eindeutig, dass in den modernsten Fabriken nicht mehr die Lohnkosten der entscheidende Faktor sind, wie es jahrzehntelang der Fall war. Man erinnere sich doch nur an Fälle wie Nokia, die eine Fabrik zuerst wegen niedrigerer Löhne von Deutschland nach Tschechien und dann von dort nach irgendwo in Asien verlagerten. Die neuen automatisierten Fabriken beschäftigen nur relativ wenige Arbeiter, aber die wenigen müssen halt eine sehr hohe Qualifikation haben. Der Standortfaktor der Billiglohnländer mit Heerscharen an Niedrigqualifizierten Billigstlöhnern wird somit umgedreht.
paddern 18.06.2016
4. @scum
Das werden sie nicht, wenn man was anständiges macht. Wenn Sie allerdings nur an Band stehen und ein Auge auf für Maschine haben, werden Sie sicher weg rationalisiert. Wenn Sie an der Weiterentwicklung beteiligt sind als teil des Systems, bleiben Sie und werden erfolgreich. Aber war schon immer so: Wer nur faul auf dem Arsch sitzt ist unnütz und stirbt aus - survival of the fittest lädt grüßen
ironcock_mcsteele 18.06.2016
5. Na
Zitat von noalk... das von den Robotern hergestellt wurde? Wenn niemand mehr Arbeit hat und Geld verdient?
Die Leute, die Roboter entwickeln, bauen, warten, vertreiben, bewerben, finanzieren, ausliefern, programmieren, auswählen und entsorgen.
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