Ingenieure ohne Grenzen Das muss jetzt ohne Hightech klappen

Ingenieure - sind das nicht diese menschenscheuen Spezialisten, die hinter Maschinen kauern? Für die "Ingenieure ohne Grenzen" gilt das Gegenteil: Sie bauen und gestalten mit Partnern in Entwicklungsländern, auch wenn es mitunter Rückschläge gibt und die Nerven flattern.

Von Anja Tiedge

Ingenieure ohne Grenzen

Es gab Momente in Ruanda, da musste sich Julia Bauer schwer zusammenreißen. Die angehende Wirtschaftsingenieurin, zackig und strukturiert, in einem Land, in dem man's mit Terminen nicht so genau nimmt und überhaupt alles etwas länger dauert. "Eine Geduldsprobe", sagt sie, "es nützt ja nichts, sich aufzuregen. Ich musste lernen, damit umzugehen."

Vier Wochen lang arbeitete Bauer, 25, für "Ingenieure ohne Grenzen" in Ruanda. An der Uni Kigali hielt sie ein Brückenbauseminar vor Studenten und fuhr mit ihnen in abgelegene Regionen, um herauszufinden, wo neue Fußgängerbrücken gebraucht werden. "Wir gehen da nicht hin, bauen ein paar Brücken und sind dann wieder weg. Die Menschen vor Ort werden von Anfang an ins Projekt eingebunden."

Das ist ein Grundprinzip, wenn die Ingenieure ohne Grenzen technische Hilfe in entwicklungsschwachen Regionen leisten. "Ein großer Teil unserer Arbeit besteht darin, die Menschen vor Ort auszubilden und zu motivieren", sagt Sprecher Volker Eiselein. "Wir wollen keine permanente Abhängigkeit schaffen."

Seit zehn Jahren entsendet der Verein Ingenieure ins Ausland. Von 1700 Mitgliedern sind zwei Drittel Studenten, ein Drittel ist berufstätig oder in Rente. Fast alle arbeiten ehrenamtlich. Sie bauen Solarstromanlagen auf Haiti, eine Wasserkraftanlage in Nepal oder bilden indonesische Schüler zum Thema Mülltrennung aus. Die Ingenieure sind für Planung, Fundraising und Internetauftritt selbst verantwortlich - und müssen sich als Projektmanager beweisen. Für viele eine Herausforderung, sagt Eiselein: "Technisches Fachwissen allein reicht nicht."

Was macht den Einsatz in der Ferne reizvoll? Drei Ingenieure erzählen, warum sie unbezahlt in Entwicklungsländern arbeiten - und auf welche Probleme sie dabei stoßen.

  • Energietechniker in Nicaragua: "Besser als die Touristenrolle"

  Wolfgang Müller  (links), 50, Ingenieur für Energietechnik in Nürnberg, baut in Nicaragua Solarstromanlagen
Ingenieure ohne Grenzen

Wolfgang Müller (links), 50, Ingenieur für Energietechnik in Nürnberg, baut in Nicaragua Solarstromanlagen

"Bei einem Projekt in Nicaragua statten wir sieben Schulen nach und nach mit Solarstromanlagen aus. Die Schulen liegen in abgelegenen Dörfern, die nicht ans öffentliche Stromnetz angeschlossen sind. Straßen und Autos gibt es kaum, wir fahren mit dem Boot oder Fahrrad. Eine Schule ist nur mit Pferden zu erreichen. Davor hatte ich großen Respekt, weil ich noch nie geritten war.

Normalerweise leite ich das kommunale Energiemanagement in Nürnberg, ein Team von neun Leuten, mit thematisch ähnlichen Aufgaben wie in Nicaragua. Aber in meinem normalen Job sitze ich meist im Büro, organisiere, erledige Schreibarbeit. In Nicaragua muss ich mit anpacken. Das gefällt mir, deshalb nutze ich auch meinen Urlaub für das Projekt. Ich bin jedes Jahr drei bis fünf Wochen vor Ort.

Unfassbar herzlich

Der Aufwand ist immens, auch vor der Reise, weil wir die Spenden für das Projekt selbst sammeln und uns um den Internetauftritt kümmern. Dafür brauche ich etwa fünf Stunden pro Woche, abends oder am Wochenende. Ich bekomme Abstand zu meinem Job und bin ausgeglichen, wenn ich vom Projekt zurückkomme. Wenn's mir keinen Spaß machen würde, würde ich's nicht machen.

Was vor Ort manchmal nervt, sind die Mücken und die Hitze. Und man muss extrem gut auf seine Sachen aufpassen, weil die Diebstahlgefahr hoch ist. Aber alles in allem fühle ich mich immer sehr wohl in Nicaragua. Mich überrascht immer wieder, wie unfassbar herzlich die Menschen sind.

Letztes Mal bin ich nach der Projektarbeit noch privat rumgereist. Das war komisch, weil ich plötzlich wieder Tourist war. Die Gespräche waren viel oberflächlicher. An der Projektarbeit mag ich auch das: Man kommt näher an die Menschen heran und erfährt viel mehr als in der Touristenrolle."

  • Studentin in Ruanda: "In Kigali sicherer als in Düsseldorf"

  Julia Bauer , 25, studiert Wirtschaftsingenieurwesen Fachrichtung Bauwesen in Aachen und plant Fußgängerbrücken in Ruanda
Ingenieure ohne Grenzen

Julia Bauer, 25, studiert Wirtschaftsingenieurwesen Fachrichtung Bauwesen in Aachen und plant Fußgängerbrücken in Ruanda

"Ich war schon immer viel im Ausland unterwegs, privat und fürs Studium. Besonders in Asien und Afrika habe ich viel Armut erlebt - aber auch gesehen, dass man mit wenig Einsatz viel erreichen kann. Deshalb habe ich mich vor einem Jahr entschieden, für 'Ingenieure ohne Grenzen' in Ruanda zu arbeiten. Vorher gab es jede Menge in Deutschland zu tun: Das erste Dreivierteljahr haben wir das Projekt vorbereitet, erst dann ging es für vier Wochen nach Ruanda.

Zusammen mit einem Kollegen habe ich zuerst in Kigali ein zweiwöchiges Seminar über den Bau von Fußgängerbrücken geleitet. Ich war ziemlich nervös: Am Freitag musste ich noch eine Klausur schreiben, am Samstag bin ich nach Kigali geflogen. Aber als wir merkten, dass die Studenten genauso aufgeregt waren wie wir, legte sich die Anspannung schnell.

Julia ist doch kein Männername

Unsere Ansprechpartner vor Ort waren überrascht, als sie mich sahen. Sie dachten, 'Julia' sei ein Männername. Uns war wichtig, kein striktes Lehrer-Schüler-Verhältnis zu haben, was für sie neu war. Aber mit der Zeit haben sie sich daran gewöhnt und sogar Kritik geübt.

Nach dem Seminar war ich für ein neues Projekt zwei Wochen auf Erkundungstour in Ruanda. Ich war total beeindruckt von der Hilfsbereitschaft und Leichtigkeit, die sich die Einheimischen trotz Armut bewahren. Allerdings wurde meine Geduld arg strapaziert: Ich bin jemand, der gern plant und organisiert - damit kommt man in Ruanda nicht weit. Als wir darauf warteten, dass ein Materialcontainer abgeholt wird, sagte man mir bei der Transportfirma: 'Wir kümmern uns drum, morgen wird er abgeholt.' Das ging wochenlang so, dann musste ich abreisen. Der Container steht immer noch an Ort und Stelle. So was hat mir manchmal den letzten Nerv geraubt.

Meine Eltern machten sich am Anfang große Sorgen um mich, weil sie dachten, Ruanda sei unsicher. Das war aber überhaupt nicht der Fall: Selbst abends habe ich mich in Kigali sicherer gefühlt, als wenn ich im Dunkeln durch die Düsseldorfer Altstadt laufe."

  • Geotechniker in Tansania: "Rückschläge gehören dazu"

    Tilmann Straub  (links), 37, Geotechnik-Ingenieur bei Vattenfall in Cottbus und Vorstandsmitglied von "Ingenieure ohne Grenzen", baut in Tansania Wassertanks
Ingenieure ohne Grenzen

Tilmann Straub (links), 37, Geotechnik-Ingenieur bei Vattenfall in Cottbus und Vorstandsmitglied von "Ingenieure ohne Grenzen", baut in Tansania Wassertanks

"Für mich ist die Arbeit im Ausland nicht ganz so uneigennützig, wie man vielleicht denkt. Wir arbeiten eng mit unseren Projektpartnern zusammen und lernen voneinander; ich würde es als Win-Win-Situation bezeichnen. In Tansania habe ich unglaublich viel gelernt - zum Beispiel, wie ich mit einfachen Mitteln zurechtkomme, ohne die Hightech-Geräte, die wir hier gewohnt sind.

Ich bin seit 2003 bei 'Ingenieure ohne Grenzen', habe die Regionalgruppe Berlin mit aufgebaut und mit Kollegen das Projekt 'Wassertanks in Tansania'. Aufs Jahr gesehen regnet es sehr viel in der Hochlandregion, wo wir arbeiten - aber nur in der Regenzeit. Das Schwierige ist, das Wasser für die Trockenzeit zu speichern. Dafür bauen wir zusammen mit den Einheimischen Zisternen und zeigen ihnen, wie man mit den Tanks umgeht und sie wartet. Außerdem bilden wir sie aus, was Wasserqualität und Hygiene angeht.

Vergebens gebohrt

Das ist gar nicht so einfach. Wir denken in kausalen Zusammenhängen, die dort oft schwierig zu vermitteln sind. Fällt Regen auf ein verrostetes Dach und läuft dann in einen Tank, enthält das Wasser unter Umständen gesundheitsgefährdende Stoffe wie Schwermetalle. Für uns ist das logisch, dort müssen solche Themen vermittelt werden. Deshalb spielen Wissenstransfer und Schulungen in unseren Projekten eine große Rolle.

Darauf war ich anfangs nicht vorbereitet. Jetzt weiß ich, dass wir uns anstrengen müssen, solche Dinge langsam und praxisbezogen zu schulen, etwa mit Schaubildern.

Wie alle Ingenieure müssen wir mit Rückschlägen leben: Für eine geplante Schule mit tausend Schülern haben wir die Region auf Grundwasser erkundet, weil die Dachflächen zum Auffangen von Wasser und die Wassertanks für so viele Nutzer nicht reichen. Dafür machten wir im Hochland mehrere hundert Meter tiefe Erkundungsbohrungen.

Leider war das Ergebnis nicht wie erhofft: Es gibt dort kein Grundwasser. Wenn man so will, haben wir das Geld dafür wortwörtlich in den Sand gesetzt, wobei wir die Chancen und Risiken vorher unseren Sponsoren gegenüber offen kommuniziert hatten. Sie hatten Verständnis, schließlich sind wir nicht gescheitert - sondern um ein Ergebnis reicher. Jetzt wissen wir, dass wir das Problem anders lösen müssen."

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.



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insgesamt 10 Beiträge
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UluKay 13.11.2013
1. Ehrenamtlich ?
Warum bekommt man für diese wichtige Arbeit kein Geld ? Für Bankster ist doch Geld da. Und die Arbeit dieser jungen Dame ist bestimmt wichtiger als die meisten Bankjobs.
analyse 13.11.2013
2. Bitte mehr solche Erfahrungsberichte ! Verbunden mit
Anerkennung der Leistung ! Statt die ständige gegenseitiuge Beweihräucherung mit Medienpreisen !
symolan 13.11.2013
3.
Zitat von UluKayWarum bekommt man für diese wichtige Arbeit kein Geld ? Für Bankster ist doch Geld da. Und die Arbeit dieser jungen Dame ist bestimmt wichtiger als die meisten Bankjobs.
womöglich, weil sie niemand bezahlt? Auch würde es wohl irgendwie dem Sinn von Helfen widersprechen, nicht? Sonst bräuchte man ja auch nicht diese Leute, sondern könnte schlicht Siemens engagieren oder wen auch immer.
waldi54 13.11.2013
4. Ich finde es gut,
dass man solche Arbeit auch ehrenamtlich machen kann! Schließlich gibt es auch andere Organisationen, die hochbezahlte Angestellte in Entwicklungsländer schicken! Ich werde gleich mal unsere Sekretärin fragen, ob das Geld, das wir bei unserer Weihnachtsfeier im Büro sammeln, schon verplant ist oder wir es als Spende an Ingenieure ohne Grenzen geben wollen! Sowas muss man ja unterstützen!
quark@mailinator.com 13.11.2013
5. Freches Clichè
Also wirklich, was bringt jemanden dazu, Ingenieure als menschenscheue[n] Spezialisten, die hinter Maschinen kauern?" zu diffamieren ??? Alleine diese Frage zu stellen, egal, wie man diese dann beantwortet. Vielleicht sollte im 21. JH auch bei der holden Weiblichkeit mal ankommen, daß man als Ingenieur ständig mit anderen Menschen und deren Problemen zu tun hat - und diese zu lösen versucht. Das hierzulande Computerspezialisten als "Nerds" beleidigt werden - immer weltfremd, fett und schlecht angezogen, etc. ... also ich frage mich, wie sich die Allgemeinheit diese ungerechten Frechheiten herausnehmen kann, wo do jeder weiß, daß ein Faktor, der dieses Land über Wasser hält gerade das technische Know-How und seine wohl-organisierte Anwendung ist. Auf die Dauer geht mir das gehörig gegen den Strich.
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