IQ-Tests bei Bewerbungen Je schlauer, desto Chef

Was unterscheidet Top-Kräfte von 08/15-Mitarbeitern? Glück, Skrupellosigkeit, emotionales Geschick? Auch, aber weniger, als man denkt. Köpfchen zählt! Deshalb sollten Firmen den IQ von Bewerbern testen.

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Frauke Thielking/ SPIEGEL JOB

Wenn ein Verein nur Menschen aufnimmt, die intelligenter als 99,9999999 Prozent der Bevölkerung sind - wie viele geeignete Bewerber finden sich dann unter einer Milliarde Menschen?

Thomas Wolf, 47 Jahre alt, Informatiker aus München, muss bei einer solchen Frage nicht lange überlegen. Eher sogar: gar nicht überlegen. Wolf gehört einem der elitärsten Zirkel der Welt an, der "Giga Society". Und deren Aufnahmebedingung ist nichts anderes als jene Eins-zu-eine-Milliarde-Formel. "Die Mitgliedschaft steht allen offen, die 99,9999999 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in einem der anerkannten IQ-Tests übertreffen", so steht es auf der Website der Giga-Gesellschaft.

Das kann man absurd finden, auch abschreckend, bei Thomas Wolf überwog die Neugier. Er wusste, dass er überdurchschnittlich schlau ist, er war bereits Mitglied von Mensa - jenem Verein für Menschen mit einem IQ von mindestens 130. Die Giga Society ist freilich 20 Millionen Mal exklusiver, die Mitglieder verfügen angeblich über einen IQ von 196 aufwärts. Auch wenn das niemand so genau sagen kann - in diesen Höhen funktionieren die Tests nicht verlässlich.

Wolf versuchte sich, das ist jetzt 14 Jahre her, an der Intelligenzprobe. "Die Aufgaben habe ich mir aus dem Internet heruntergeladen", erzählt er, "und nach und nach gelöst." Das dauerte Monate, oft verbrachte der Software-Entwickler seinen Feierabend mit dem Test. Die Lösung für die letzte, die schwerste Aufgabe fiel ihm nebenbei ein, auf einer Autofahrt von Erlangen nach München. "Das war eine Zahlenfolge, wie man sie auch von herkömmlichen IQ-Tests kennt", sagt Wolf, "nur eben viel schwieriger."

Er schaffte es, die Giga Society nahm ihn auf. Der Niederländer Paul Cooijmans hat diesen Verein der Oberintelligenzbestien in den neunziger Jahren gegründet; was die Gesellschaft soll und was sie bewirkt, bleibt im Dunkeln, vielleicht ist sie auch nicht allzu ernst zu nehmen.

Elitär ist sie allemal: Weltweit gibt es neun Mitglieder. "Getroffen haben wir uns noch nie", sagt Wolf, "aber ich würde schon mal gern den einen oder anderen kennenlernen." Der 47-Jährige scheint sich nicht viel auf den Club einzubilden, er redet auch gar nicht so gern über seinen IQ. "In Deutschland haben viele Menschen damit ein Problem", sagt er. "Da kommt man schnell als Angeber daher."

Was zählt schon Intelligenz, wenn man ein Arschloch ist?

In der Tat: Mit der Intelligenz scheinen die Deutschen so ihre Probleme zu haben. Wenn man versucht, mit Freunden oder Kollegen darüber zu sprechen, wird schnell abgelenkt, höhnisch gelacht, bestimmt reißt jemand ein Witzchen. Die meisten Deutschen kennen ihren IQ nicht. Und die wenigen anderen behalten ihn lieber für sich. Im Zweifel würde ein Mitarbeiter wohl lieber sein Gehalt als seinen IQ preisgeben.

Der Gedanke, dass sich Geisteskraft mittels eines Messwertes ausdrücken lässt, löst offenbar allgemeines Unbehagen aus. Ist der Mensch nicht viel mehr als sein IQ? Was zählt schon Intelligenz, wenn jemand ein Arschloch ist? Und kommt es nicht im Leben, auch im Berufsleben, auf ganz andere Fähigkeiten an?

Wie wichtig ist sie also, die Intelligenz? Ist sie nur ein überflüssiger Messwert, ersonnen von Psychologen, die ihre Existenzberechtigung daraus ziehen, Menschen irgendwie in Schubladen zu sortieren? Borderliner versus Bodenständige, Ehrgeizlinge versus Antriebsschwache, und eben: Oberschlaue versus Dummerjane?

Oder ist die Intelligenz das Ideal, die innere Kraft, die, wenn ausreichend vorhanden, dem Menschen erst Esprit, Glanz, Attraktivität verleiht?

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Hochbegabte im Beruf: Geniale Nervensägen
Viele zweifeln bereits daran, dass sie überhaupt existiert: die eine Intelligenz eines Menschen, die sich messen und in einem Quotienten abbilden lässt - betrage dieser nun 100 wie bei einem durchschnittlichen Testteilnehmer oder liege er eben weit darüber wie bei Thomas Wolf.

Es ist unbekannt, ob dies aus Frust über den eigenen IQ geschah, aber manche Autoren haben sich an einer Ausweitung der Intelligenzzone versucht. Die soziale Intelligenz ist ihnen zufolge wichtiger als die kognitive, der EQ bedeutsamer als der IQ. In den letzten 15 bis 20 Jahren habe es die Tendenz gegeben, "jede Begabung, jede Fertigkeit einer Person auf unterschiedlichen Gebieten als eine Form von Intelligenz zu bezeichnen", resümiert die renommierte Zürcher Forscherin Elsbeth Stern mit ihrem Co-Autor Aljoscha Neubauer in einem neuen Buch zur Intelligenz (siehe Buchtipp).

Zuletzt seien immer "absurdere Vorschläge" gemacht worden, schreiben die beiden Forscher. "Da war von einer Party-Intelligenz die Rede, von kosmischer Intelligenz bis zur sexuellen Intelligenz, frei nach dem Motto: Jeder, der irgendeine Disziplin (vermeintlich) gut beherrscht, kreiert sich eine Form der Intelligenz, in der er (oder sie) dann glänzen kann."

Auf der Suche nach dem G-Faktor

Wer sich jetzt fragt, was sexuelle Intelligenz sein soll: eine "Wunderwaffe gegen Bettfrust", so nannte es Focus Online. Wer "klug liebt", fanden amerikanische Psychologen heraus, "lebt glücklicher". Und die kosmische Intelligenz? Entstammt der Anthroposophie: Sie "entfaltet sich in dem Zusammenspiel der Planetenintelligenzen mit der Sonnenintelligenz", heißt es bei AnthroWiki.

Demnach müsste es in naher Zukunft auch eine Geschirrspüler-einräum-Intelligenz geben.

Intelligenz bezieht sich, so sieht es die seriöse Wissenschaft, auf die kognitiven Fähigkeiten. "Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die unter anderem die Fähigkeit umfasst, Schlüsse zu ziehen, zu denken, zu planen, Probleme zu lösen, abstrakt zu denken, komplexe Ideen zu verstehen, schnell zu lernen und aus Erfahrung zu lernen" - das schrieben führende Forscher, als sie 1994 eine gemeinsame Definition versuchten.

Wenn Forscher heute von Intelligenz sprechen, ist oft vom G-Faktor die Rede: dem Generalfaktor oder Allgemeinen Faktor der Intelligenz. Die Bezeichnung geht zurück auf den britischen Psychologen Charles Spearman, der die Leistungen von Schülern in verschiedenen Fächern verglich. Nach seiner Beobachtung waren viele Schüler in vielen Fächern jeweils ähnlich gut oder schlecht; wer Mathe kann, jongliert auch souveräner mit Sprache. Darauf baute Spearman seine Theorie von der allgemeinen Intelligenz.

Bleibt die Frage, wie wichtig dieser G-Faktor eigentlich ist. Nicht so sehr, könnte man meinen, wenn man sich am Arbeitsplatz umguckt. Da wimmelt es doch vor Gegenbeispielen, oder? All die Dummen, die nach oben kommen, und die Schlauen, die scheitern? Schnell entsteht der Eindruck: Intelligenz ist nicht schädlich, aber zu viel sollte es vielleicht dann doch nicht sein. Und schließlich entscheiden in Wahrheit ganz andere Faktoren: Fleiß, Charme, Skrupellosigkeit, Manieren, Netzwerk, Geschlecht oder auch Glück.

Der Dumme bleibt unten, der Schlaue kommt nach oben

Das ist der Eindruck, aber die Empirie kommt zu einem anderen Ergebnis. Wer wissen will, wie wichtig Intelligenz für den beruflichen Erfolg ist, kann Jochen Kramer fragen. Der Wissenschaftler, heute an der Universität Tübingen tätig, fasste 2009 in einer Metaanalyse nicht weniger als 244 Studien aus Deutschland zusammen. Und bestätigte eine Erkenntnis, die für die USA schon zuvor gewonnen worden war: Wer intelligenter ist, ist erfolgreicher.

Fünf Jahre lang hatte Kramer die Daten für seine Dissertation zusammengetragen. Das Ergebnis, ganz klar: "Je intelligenter ein Mitarbeiter ist, desto eher liefert er gute Arbeit und ist beruflich erfolgreich." Eine Erkenntnis, die andere Forscher nicht überraschen kann, wohl aber alle, die ihre Chefs für Idioten und sich selbst für oberschlau halten. Ihnen bleibt nur die tröstliche Erkenntnis, dass solche Studien ja keine Gültigkeit im Einzelfall beanspruchen.

Metaanalysen schließen nicht aus, dass ein Dummkopf zur rechten Zeit am richtigen Ort war und Karriere machte, während der hochbegabte Kollege mit fiesen Mitteln ausgebootet wurde. Aber wahrscheinlicher ist eben ein anderer Verlauf: Der Dumme bleibt unten, der Schlaue kommt nach oben.

Das gilt laut Wissenschaftlern auch in Berufen, die gemeinhin als nicht sonderlich anspruchsvoll angesehen werden. Ob jemand als Postbote Erfolg hat oder als Müllmann reüssiert, ist keineswegs unabhängig von seiner Intelligenz. Noch ausgeprägter zeigt sich der statistische Zusammenhang bei komplexen Berufen, in denen Anforderungen häufig wechseln: Sag mir deinen IQ, und ich sage dir, wie groß deine Erfolgsaussichten sind.

So gesehen liegt es nahe, Bewerber zum Intelligenztest zu bitten. "Bei Personalentscheidungen auf solche Tests zu verzichten und sich stattdessen nur auf den persönlichen Eindruck beim Gespräch zu verlassen, das wäre so ähnlich, als würde ein Arzt seinem Patienten eine Gehirntumoroperation vorschlagen, nur weil dieser über wiederholte und heftige Kopfschmerzen klagt", urteilen die beiden Forscher Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer.

Bei Bewerbungen sind IQ-Tests selten

Doch in Deutschland werden Bewerber nur selten mit Intelligenztests konfrontiert. Meist sind es andere Hürden, die sie überwinden müssen: Der beliebteste Test in deutschen Firmen wie auch Dax-100-Unternehmen ist eine Präsentation (89 Prozent der Unternehmen nutzen sie), es folgen Zweiergespräch (71 Prozent) und Fallstudie (69 Prozent), Interview (66 Prozent) und Gruppendiskussion (62 Prozent); das ergab eine Studie der Psychologen Christof Obermann und Stefan Höft.

Einen Intelligenztest setzte nicht mal jedes dritte Unternehmen ein. Nach einer anderen Untersuchung, die Firmen aller Branchen und Größen einbezieht, liegt der Anteil bei gerade mal rund zehn Prozent.

In anderen Ländern scheinen IQ-Tests viel häufiger verwendet zu werden als in deutschen Unternehmen. Die Haltung hierzulande dürfte ziemlich dumm sein. Natürlich sei es sinnvoll, Intelligenz zu testen, sagte Christof Obermann dem "Harvard Business Manager", nachdem er die Dax-100-Unternehmen untersucht hatte. Denn wenn ein Manager "in puncto Komplexitätsbewältigung nur mittelmäßig ist, wird aus ihm wohl nie eine erfolgreiche Führungskraft".

Dass IQ-Tests so selten eingesetzt werden, führt der Wirtschaftspsychologe auch darauf zurück, "dass in Deutschland noch immer das Weltbild der Personaler die Inhalte dominiert - mit einseitigem Fokus auf Sozialkompetenz", daher die Vorliebe für Rollenspiele oder Gruppendiskussionen. "Intelligenz- und Persönlichkeitstests dagegen galten lange als Geheimwissen der Psychologen", so Christof Obermann.

"Wir tun uns schwer mit dem Elitenbegriff"

Der Marburger Psychologie-Professor Detlef Rost sieht noch einen anderen Grund: "Mit einem sehr teuren Assessment-Center lässt sich viel Geld verdienen, mit schlichten IQ-Tests dagegen sehr viel weniger." Die Unternehmen leisten sich demnach Auswahlverfahren, die kostspieliger sind als einfache Tests und noch dazu schlechtere Ergebnisse bringen. Das könnte sie mehr kosten als nur Geld.

Tobias Plate, Mitarbeiter bei Roland Berger, untersuchte in seiner Dissertation die Einstellungspraxis einer großen internationalen Beratungsfirma. Sie wählte ihre Mitarbeiter mit Assessment-Centern aus. Die gute Nachricht für die Firma: Das Verfahren war besser, als wenn die Arbeitsverträge einfach per Los vergeben worden wären. Laut Plate beträgt der prognostizierte Nutzen für das Unternehmen, gerechnet auf fünf Jahre, 12,3 Millionen Euro.

Die schlechte Nachricht: Intelligenztests, gepaart etwa mit strukturierten Interviews, brächten noch bessere Ergebnisse. Dann wäre der Nutzen deutlich höher, bei 26 Millionen Euro.

Aus SPIEGEL JOB 1/2013
Eine der führenden Personalberatungsfirmen Deutschlands, Kienbaum, weiß um den Wert von IQ-Prüfungen. Aber Hans Ochmann, Mitglied der Geschäftsleitung, kennt auch die Vorbehalte. "Wir tun uns hierzulande schwer mit dem Elitenbegriff", sagt er. Den Hochbegabten stehen viele Menschen gegenüber, deren Intelligenz sich auch durch Weiterbildung nicht verbessern lässt. Aber diese Unterschiede, so Ochmann, würden in Deutschland nicht so gern akzeptiert, während US-Amerikaner damit ganz selbstverständlich umgingen.

Wenige deutsche Unternehmen ermitteln trotzdem den IQ einiger Bewerber. "Wir machen das ausschließlich bei Hochschulabsolventen und kommunizieren offen, dass wir einen Intelligenztest durchführen", sagt Christof Beutgen, Leiter der Mitarbeiterentwicklung bei der Deutschen Bahn. "Das mag im ersten Augenblick manche verunsichern, aber insbesondere in der Kombination mit anderen Instrumenten hat der kognitive Test die höchste Aussagekraft bezogen auf den beruflichen Erfolg."

Der IQ-Test ist Bestandteil des Assessment-Centers, das Trainee-Kandidaten durchlaufen müssen. Dazu gehören auch: Präsentationen mit Interviews, Fallstudien und Gruppendiskussionen.

"Den Intelligenztest sehen wir als Korrektiv, allein ausschlaggebend ist er nicht", sagt Christof Beutgen. "Wenn jemand zum Beispiel im Interview schlecht abschneidet, aber in Gruppendiskussionen und Fallstudien sehr gute Leistungen bringt, fragen wir uns natürlich, woran das liegen kann." Dann werde genauer auf den IQ-Test geschaut - glänzt der Bewerber dort, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er im Interview einfach nur nervös war.

Christof Beutgen hat seine Diplomarbeit über Testdiagnostik geschrieben und weiß um die Tücken der IQ-Checks. "In den USA gab es früher Tests, die zum Beispiel einen Tennisplatz ohne Netz gezeigt und danach gefragt haben, was auf dem Bild fehlt", erzählt er. "Manche Bewerber hatten aber noch nie einen Tennisplatz gesehen und konnten die Aufgabe nicht lösen, ohne dass dies irgendetwas mit Intelligenz zu tun gehabt hätte."

Intelligenz + Glück = Karriere?

Die Bahn verwendet deshalb unter anderem einen sogenannten Matrizentest des Bochumer Testentwicklers Rüdiger Hossiep. Die Aufgaben basieren ausschließlich auf Formen und Figuren, so dass Bewerber nicht wegen mangelnder Deutschkenntnisse benachteiligt werden. Matrizen zählen zu den Klassikern der Intelligenzrätsel.

Hossiep setzt solche Tests in Schulen ein. "Wir identifizieren damit zum Beispiel an Hauptschulen die Schüler, die deutlich höhere Fähigkeiten haben", sagt er. In aller Regel würden dabei Jungen entdeckt. "Die Mädchen sind auf der Schule normalerweise richtig, manche Jungen aber sind nur wegen Verhaltensauffälligkeiten dort gelandet." Sie könnten problemlos am Gymnasium bestehen.

Ansonsten sind es häufig Führungskräfte, die Hossiep beurteilen soll, im Auftrag von Unternehmen. "Bei Persönlichkeitsuntersuchungen überprüfen wir auch die Intelligenz", sagt der Psychologe, "Top-Performer in den Unternehmen sind in aller Regel sehr schnell im Kopf." Hossiep gibt zu, dass er mit seinen Tests nicht den Erfolg in jedem Einzelfall vorhersagen kann: "Große Karrieren hängen auch vom Zufall ab."

Intelligenz plus Glück - mit dieser einfachen Formel also lassen sich Karrieren weitgehend erklären. Was genau dann noch fehlt zum Sprung an die Spitze? Im Detail schwer zu erfassen. Klar ist aber: Man muss mit den Kollegen sprechen, sich klar mitteilen können, Gespräche angemessen führen. Es hilft nicht, einfach nur klug zu sein - das allein nervt. Oder wie beliebt sind Schlaumeier noch mal? In der Schule werden sie gehänselt, später in der Firma gemieden.

Die Dummheit der anderen

Zur Popularität der Neunmalklugen berichtet der Autor Maximilian Lackner eine Anekdote aus einem Hochbegabtenforum, erzählt von einem "Jens F.". Sie spielt beim Militär: Ein Unteroffizier habe ihm einmal erzählt, wie er mit einem Panzergeschütz auf ein zwei Kilometer entferntes Ziel geschossen und die Explosion der Granate bereits zwei Sekunden danach gehört habe.

"Ich erwiderte", schreibt Jens F., "dass der Schall circa 333 Meter pro Sekunde braucht, also selbst wenn man die Flugzeit vernachlässigt, man frühestens nach sechs Sekunden die Explosion hören kann." Die Antwort des Unteroffiziers: Schließlich habe er im Panzer gesessen und nicht Jens F., also dürfe der gar nicht mitreden.

Man kann vermuten, dass es ziemlich intelligent war, in dieser Situation weiterführende physikalische Belehrungen unterlassen zu haben - wären sie noch so klug und richtig gewesen.

Thomas Wolf, der Mann von der Giga Society, dürfte solche Situationen zur Genüge kennen, immerhin sind Milliarden Menschen auf dieser Welt weniger intelligent als er. Aber falls die relative Dummheit der anderen ihn belasten sollte, ist er zu höflich, darüber zu lamentieren. Er sagt nur: "Wenn man ein bisschen intelligent ist, kann es schon sein, dass es schwerer fällt, sich in Hierarchien einzufügen." Es sei "halt manchmal nicht leicht zu akzeptieren, dass Dinge so gemacht werden, obwohl man längst erkannt hat, dass es anders besser wäre".

Er kenne etliche Hochbegabte, berichtet Wolf, die auf viel Geld verzichteten, um im Berufsleben ihre Freiheit zu haben; kein Abteilungsleiter solle ihnen - womöglich hirnrissige - Vorschriften machen. Und er wisse um das Schicksal Dutzender Hochbegabter, "die ihr Potential nicht nutzen können, etwa weil sie anfangen zu stottern, wenn sie ihre Lösungen vor einer großen Gruppe präsentieren sollen".

Wolf arbeitet selbst als Freiberufler, er entwickelt Software für Unternehmen. Schon als Kind, mit elf, fing er an zu programmieren. Sein Vater war Professor an einer Fachhochschule, dort gab es einen Rechner, "so groß wie drei aufeinanderliegende Lastwagenreifen und mit der Rechenleistung einer heutigen Armbanduhr", erzählt Wolf. Als Schüler bekam er mehrere erste Preise bei den Bundeswettbewerben Mathematik und Informatik, als Informatikstudent gewann er beim Wettbewerb "Hacker des Jahres".

50-seitiges Projekthandbuch für die eigene Hochzeit

Wolf ist kein Nerd, der ständig hinterm Rechner hockt. In seiner Freizeit spielt er Rollenspiele, mit seiner Frau, einer Schauspielerin, geht er gern ins Theater und macht gelegentlich selbst bei einem Improvisationstheater mit. "Richtig gern sehen wir uns auch zusammen die Serie 'Big Bang Theory' an", sagt er - es geht um junge Physiker, die fast alle Nerd-Klischees erfüllen.

Er selbst "sei schon ein wenig verkopft", gibt Wolf zu. "Wenn meine Frau mich nach der Uhrzeit fragt, sage ich niemals Viertel nach fünf, wenn es schon 17.18 Uhr ist."

Für die Hochzeit habe er ein Projekthandbuch angelegt, bestimmt 40 oder 50 Seiten dick, es enthielt einen detaillierten Ablaufplan samt möglicher Varianten: "Für den Fall, dass der DJ ausfällt, hatte ich die Adressen von drei anderen notiert."

Auch das Einkaufen läuft bei Thomas Wolf ein bisschen anders als bei Normalbegabten. Er geht nicht einfach durch den Supermarkt und legt in seinen Einkaufswagen, was er gerade braucht. Ebenso wenig begnügt er sich mit einem Einkaufszettel, auf dem die wichtigsten Besorgungen notiert sind. "Ich schreibe immer eine genaue Liste mit einer Reihenfolge, wie man die Produkte im Geschäft am effizientesten einsammeln kann", sagt er, also "welche Gänge in welcher Reihenfolge zu betreten sind".

Seine Frau aber mache trotzdem, was sie wolle.



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insgesamt 139 Beiträge
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ohne_benutzername 21.01.2014
1. Meine Erfahrung
Als jemand mit sehr hohem IQ, ist das ein wirklich hoher IQ von den anderen ganz generell als Krankheit empfunden wird und somit auch als unerwünschter Fremdkörper wahrgenommen wird (von denen, die über einen stehen).
tommit 21.01.2014
2. Wir hatten mal einen Mathematiker
hochbegabt, schnelle Karriere.. Keinen Besucher auf der Ausstandsparty.. Die Gesellschaft funktioniert nicht nach Algorithmen rein nach IQ hat sie nie wird sie nie... nur haben Intelligentere das schneller raus und somit auch schneller ein potentiell emotionales Problem.. Denn auch ohne Studie gilt: Was ich nicht weiss ... Auch diese Sucht nach Selbstbestimmung wird an den Grenzen der Natur scheitern.... Unsere 1 Stern Kandidatin im Studium morgens im dunklen Hörsaal und wurde im 6. Semester eingewiesen für 3 Jahre... das ist zwar nicht repräsentativ aber das hat sie ganz alleine geschafft.. und zwar so wie ich es sage.. Zuallererst ist der Mensch ein Herdentier... wer das in den Kopf verlagert... naja Homo sapiens mult.
marthaimschnee 21.01.2014
3.
Ist es denn wirklich die Intelligenz, die man testet? Das ginge doch nur, wenn die Testperson die Aufgabe noch nie gesehen, geschweige denn gelöst hat. Selbst wenn er aus einer anderen bekannten Aufgabe Rückschlüsse ziehen kann, ist das keine Meßgröße für Intelligenz mehr, sondern für Erfahrung, für Weisheit, für etwas Erworbenes, nicht für etwas grundlegend Vorhandenes bzw Fehlendes.
wip 21.01.2014
4. IQ und Demokratie
Zitat von sysopFrauke Thielking/ SPIEGEL JOB Was unterscheidet Top-Kräfte von 08/15-Mitarbeitern? Glück, Skrupellosigkeit, emotionales Geschick? Auch, aber weniger, als man denkt. Köpfchen zählt! Deshalb sollten Firmen den IQ von Bewerbern testen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/intelligenz-und-iq-tests-sollten-beim-berufseinstieg-wichtiger-werden-a-926059.html
Eine Gesellschaft nach diesem Muster wäre der blanke Horror und hätte mit Demokratie im überlieferten Sinne rein gar nichts mehr zu tun. Den gemessenen IQ zum wichtigsten, gar alleinigen Kriterium zu erheben, würde jede Gesellschaft an die Wand fahren. Denn er misst nur, was er misst - sonst nichts. Und das ist ein hypothetisches Konstrukt, das heißt beruht auf einer Annahme, die sich auf Erfahrungen mit Schule und Schulwissen beruht und sowohl räumlich wie kulturhistorisch bedingt und begrenzt ist und nur eine Möglichkeit, Welt und Wirklichkeit zu betrachten. Unsere gegenwärtige westliche Lebensform ist aber keineswegs die einzig mögliche menschliche Form des Zusammenlebens schlechthin, sondern nur eine Variante von vielen. Die "Herrscahft des IQ" wäre der Versuch, diese Variante auf ewig einzubetronieren. Das wäre das Ende menschlicher Vielfalt und der mit ihr verbundenen hohen Anpassungsfähigket - die uns vor anderen Lebewesen auszeichnen- und früher oder später das Ende unserer Spezies.
QuixX 21.01.2014
5.
Zitat von ohne_benutzernameAls jemand mit sehr hohem IQ, ist das ein wirklich hoher IQ von den anderen ganz generell als Krankheit empfunden wird und somit auch als unerwünschter Fremdkörper wahrgenommen wird (von denen, die über einen stehen).
Ich erachte die Karriere-Chancen für Hochintelligente begrenzt, wer soll denn dann ihre Arbeit machen? Chef sein ist da meist geistig anspruchloser.
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