Interimsmanager Flatrate für Lückenfüller

Wenn es im Betrieb rumpelt, müssen oft Interimsmanager ran. Die Vermittlung der schnellen Helfer lassen sich spezialisierte Agenturen teuer bezahlen. Jetzt will ein Online-Portal per Flatrate vermitteln - und damit das Geschäft mit der schnellen Nummer revolutionieren.

Möchte den Markt für Interimsmanager revolutionieren: Martin Franssen

Möchte den Markt für Interimsmanager revolutionieren: Martin Franssen


Sie sind die mobile Einsatztruppe der Wirtschaft, bleiben nur wenige Monate in einem Unternehmen und verdienen am Tag teilweise mehr als 2000 Euro: Interimsmanager. Diese Zwischen-Zeit-Arbeiter sind Führungskräfte mit Erfahrung, die von Betrieben für genau definierte und zeitlich begrenzte Projekte zur Mannschaft geholt werden. Ihre Arbeit ist schnell und anspruchsvoll, denn wenn ein Interimsmanager an Bord geholt wird, ist klar: Irgendjemand hat das Schiff verlassen, und zwar etwas schneller als geplant. Oder: Ein anderer Kurs muss eingeschlagen werden. Und: Das Wasser steht bis zum Hals.

Den neuen Mann für die Brücke vermitteln spezialisierte Agenturen - und lassen sich diese Dienstleistung fürstlich bezahlen. Doch die boomende Branche könnte vor einer kleinen Revolution stehen, die das Ende der bisherigen Geschäfte einläutet. Und einen weiteren Schritt in Richtung Flexibilisierung des Arbeitsmarkts bedeutet.

Bisher kommen die Unternehmen meistens über sogenannte Provider an die Führungskräfte auf Zeit. Renommierte Vermittler haben bis zu 1500 solcher Manager in ihrer Kartei. Den Unternehmen suchen sie darin den richtigen Mann - oder die richtige Frau. Im Rundum-Sorglos-Paket zudem inklusive: Vertragsabwicklung sowie Betreuung des Projekts, auch um im Bedarfsfall schnell noch einen Ersatzmanager zur Hand zu haben.

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Dafür verlangen die Agenturen bei einer erfolgreichen Vermittlung vom Unternehmen eine Provision von bis zu 35 Prozent des Honorars des Interimsmanagers. Wohlgemerkt: Des gesamten Honorars. Arbeitet einer also zum Tagessatz von 1500 Euro für fünf Monate, macht das bis zu 52.500 Euro - eben 35 Prozent auf 150.000 Euro Gehalt. Gerade für Mittelständler ein schwerer Brocken.

Seit Mitte September jedoch haben Interimsmanager und Unternehmen die Möglichkeit, sich über eine Online-Plattform selbst zu finden: Unter interim-x.com werden Projekte ausgeschrieben, für die eine Firma eine Führungskraft auf Zeit sucht.

Martin Franssen, 50, ehemaliger Bankdirektor und Finanzvorstand, war selbst Interimsmanager und kennt das Geschäft mit der schnellen Nummer gut. Er will mit seiner Plattform "alte Branchenstrukturen aufbrechen" und den traditionellen Vermittlern das Geschäft wegnehmen. "Das wird den etablierten Providern nicht gefallen", glaubt er.

"Die letzte Bastion des Arbeitsmarkts fällt"

Von Managern, die über die Webseite einen Job finden wollen - derzeit sind das 45 - verlangt Franssen eine Jahresgebühr zwischen 1188 Euro (Junior-Tarif) und 2988 Euro (Principal-Tarif). Dafür können die Job-auf-Zeit-Suchenden sich jeden Monat für zwei Projekte in Deutschland bewerben (Junior) oder unbegrenzt oft auf Projekte im In- und Ausland (Principal). Franssen verspricht ihnen höhere Tagessätze durch den Wegfall der Provision, schnellere Vermittlung und die Möglichkeit zur aktiven Suche nach dem nächsten Einsatz. Die Unternehmen zahlen 4688 Euro per anno.

Franssen verspricht, die Manager in einem 45- bis 60-minütigen Telefonat "auf Herz und Nieren" zu checken, bevor sie ihre Akkreditierung für den Online-Marktplatz bekommen. Vorher wird die Biografie geprüft, werden Kompetenzen abgeklopft und drei Referenzen von Interimseinsätzen eingeholt: "Auf diese Weise können wir gewährleisten, dass wirklich nur erfahrene und professionelle Führungskräfte zu unserem Marktplatz Zugang erhalten."

Der Plattformgründer ist optimistisch, dass seine Neuerung einschlagen wird: Nachdem Zeitarbeit seit Jahrzehnten etabliert ist und auch Spitzenkräfte zunehmend online vermittelt werden, "ist das Segment des Interimsmanagements nun die letzte Bastion des Arbeitsmarkts, die durch das Web fällt".

Im Arbeitskreis Interim Management Provider (AIMP) gibt man sich jedoch gelassen. Der Newcomer sei "nicht mehr als ein weiterer Wettbewerber", so Verbandsgründungsmitglied Jürgen Becker. "Die 1000-Dollar-Frage ist allerdings, ob die Kunden bereit sind für die Nutzung einer Plattform zu bezahlen - unabhängig, ob sie über diese Erfolg haben oder nicht."

Franssen lässt diese Skepsis kalt. Er könne sich sogar vorstellen, mit seinen Konkurrenten zu kooperieren: "Warum soll nicht ein Provider den richtigen Interimsmanager für einen Kunden auf unserer Plattform finden oder umgekehrt auf ein Projekt stoßen, für das er eine passende Führungskraft hat?"

Zu den ersten fünf Projekten der Internetplattform gehören ein Restrukturierungsprojekt in einem Unternehmen einer Private-Equity-Gesellschaft und ein Einsatz in einem Bauprojekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Martin Franssen ist überzeugt, dass er in spätestens zwölf Monaten "regelmäßig mindestens 100 Projekte" auf seiner Seite haben wird.

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AndreaVetsch 04.10.2013
1. Flexibilität durch neue Online-Arbeitsmodelle
Super Bericht! „Die letzte Bastion des Arbeitsmarkts fällt“, gefällt mir sehr. Zu ergänzen ist wohl noch, dass es nicht nur für Interimsmanager eine Online-Plattform gibt, sondern auch für andere Unternehmensprojekte. www.consulting-platform.com wäre so ein Beispiel, wo Firmen und Unternehmensberater sich online treffen und so den konventionellen Unternehmensberatungen das Leben etwas schwerer machen.
muunoy 04.10.2013
2. Und irgendwie neu ist es auch nicht
Zitat von AndreaVetschSuper Bericht! „Die letzte Bastion des Arbeitsmarkts fällt“, gefällt mir sehr. Zu ergänzen ist wohl noch, dass es nicht nur für Interimsmanager eine Online-Plattform gibt, sondern auch für andere Unternehmensprojekte. www.consulting-platform.com wäre so ein Beispiel, wo Firmen und Unternehmensberater sich online treffen und so den konventionellen Unternehmensberatungen das Leben etwas schwerer machen.
Es gibt doch schon zig Plattformen, wo man als freiberuflicher Projekt- oder Interims-Manager suchen kann. In DE ist da doch Gulp Vorreiter. Irgendwie scheint der Markt riesig zu sein. Jedenfalls habe ich manchmal den Eindruck, dass es mehr Agenturen und online-Plattformen als Freiberufler in diesen Bereichen gibt. Aber meiner Meinung nach geht weiterhin nichts über die Direktakquise. Jedenfalls habe ich erst einen Auftrag über eine Agentur gemacht. O. k., man sitzt manchmal länger on the bench. Aber man kann direkt mit dem Kunden die Erwartungshaltung viel besser abklären. Auch bekomme ich eine höhere Rate als über eine Agentur oder online-Plattform und meine Kunden zahlen weniger. Auch ist der Verwaltungsaufwand und insbes. die Fakturierung mit weniger Stress verbunden, wenn ich ein direktes Vertragsverhältnis habe. Und die Sozialversicherungsmafia hat dann auch weniger Argumente, um einen Scheinselbständigkeit vorzuwerfen. Somit kann ich jeden nur ermuntern, selbst mehr Zeit und Energie in die Akquise zu stecken.
c.f.o 04.10.2013
3. Abzocke
Wieder eine der vielzähligen Internet-Plattformen für die Freiberufler-Vermittlung. Der vermeintlich gute Gedanke entpuppt sich aber nur als weiteres Modell für das Melken verzweifelter und in immer größerer Zahl an den Markt drängender Interim-Manager. Wer über Provider nicht an Aufträge gelangt, bei denen er dann mit hohen Margen und sittenwidrigen Verträgen übervorteilt wird, soll dort sogar noch Geld mitbringen. 1.200-3.000 Euro für zwei Projekt-Bewerbungen im Monat (d.h. 50-125 Euro je Bewerbung) sind ein stolzer Preis, zumal dies nur die Teilnahme am Wettbewerb mit einer großen Masse anderer ermöglicht und keinen Erfolg garantiert. Ein Telefoninterview von 45-60 Minuten als „Qualitätssicherung“ ist zwar schon mehr als mancher Provider leistet, aber dennoch eine Frechheit. In Zeiten von Netzwerken wie XING oder LinkedIn sowie Google benötigt kein Kunde mehr einen Provider oder eine kostenpflichtige Suchplattform. Ein Auswahl potentieller Interim Manager findet jeder Kunde leicht selbst. Und den Richtigen auswählen muss der Kunde am Ende auch immer. Die 5.000 Euro p.a. kann der Kunde besser in etwas Eigen-Recherche und das Einholen direkter Referenzen bei Referenzkunden der Interim Manager investieren.
MaxiScharfenberg 04.10.2013
4. Was für ein Quatsch!
Gratuliere! Als langjähriger Chef von 2500 Mitarbeitenden erscheint solch Art der Rekrutierung als die dümmste und oberflächlichste Methode den Richtigen Kandidaten zu finden. Aber: eine Lizenz zum Gelddrucken könnte es sein, denn das Veralbern ist zeitgemäss.
hasimen 04.10.2013
5. Wohl wahr ...
Zitat von muunoyEs gibt doch schon zig Plattformen, wo man als freiberuflicher Projekt- oder Interims-Manager suchen kann. In DE ist da doch Gulp Vorreiter. Irgendwie scheint der Markt riesig zu sein. Jedenfalls habe ich manchmal den Eindruck, dass es mehr Agenturen und online-Plattformen als Freiberufler in diesen Bereichen gibt. Aber meiner Meinung nach geht weiterhin nichts über die Direktakquise. Jedenfalls habe ich erst einen Auftrag über eine Agentur gemacht. O. k., man sitzt manchmal länger on the bench. Aber man kann direkt mit dem Kunden die Erwartungshaltung viel besser abklären. Auch bekomme ich eine höhere Rate als über eine Agentur oder online-Plattform und meine Kunden zahlen weniger. Auch ist der Verwaltungsaufwand und insbes. die Fakturierung mit weniger Stress verbunden, wenn ich ein direktes Vertragsverhältnis habe. Und die Sozialversicherungsmafia hat dann auch weniger Argumente, um einen Scheinselbständigkeit vorzuwerfen. Somit kann ich jeden nur ermuntern, selbst mehr Zeit und Energie in die Akquise zu stecken.
Da ist was dran. Zumindest gibt es immer einer Gierigen in diesem unsäglichen Dreieck; KUNDE - VERMITTLER - SKLAVE. Leider gibt es wirklich viele Schaumschläger in dem Business, leider gibt es wirklich untätige Kunden die sich nicht selber bewegen - leider gibt es wirklich viele ( schwarze ) Schaafstreiber die das ausnutzen. Das hier vorgeschlagene Modell ist insofern fragwürdig, da es auf ein Klientel abzielt das bereit ist doppelt ( und mehrfach ) zu zahlen für etwas was es durch gute Kommunikation auch ohne extraterrestrische Abzockergebühren gibt. Wer erfahren genug ist, hat auch Empfehlungen in der Rückhand, diese einen immer wieder vermitteln, auch in den neuralgischen Positionen die ohnehin nur von kurzer Dauer sind. Wer ehrlich und sauber arbeitet hat aber auch einen Anspruch der über dem Niveau eines sg. "Interim" steht : nämlich die Langfristigkeit - die persönliche Identifikation mir dem Brötchengeber - die Zuverlässigkeit und Verantwortung der Gesellschaft gegenüber. Etwas was einem Interim Manager schon implizit abgesprochen werden muss. Das nutzen natürlich solche windigen "Online-Portale" aus. Wie blöd muss man eigentlich sein um dafür auch noch Geld im Voraus zu bezahlen ???
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