Knast-Doktor Joe Bausch "Ein Faible für schwierige Fälle"

Krimifreunde kennen Joe Bausch als Gerichtsmediziner im Kölner "Tatort". Im richtigen Leben behandelt er als Gefängnisarzt Mörder oder Vergewaltiger, seit 25 Jahren schon. Im Interview spricht Bausch über Begegnungen mit realen Opfern, typische Knast-Krankheiten und Simulanten.

Wolfgang Schmidt

SPIEGEL ONLINE: Herr Bausch, erwische ich Sie gerade in Ihrer Praxis im Werler Gefängnis?

Bausch: Nein, aber da gehe ich gleich hin. Ich komme gerade aus der Justizvollzugsanstalt Hamm, dort arbeite ich seit zwei Jahren zusätzlich alle 14 Tage. Meine Sprechstunde in Werl war heute Morgen, jetzt muss ich noch zur Nachmittagssprechstunde rüber.

SPIEGEL ONLINE: …rüber?

Bausch: Ja, ich wohne direkt neben dem Knast. Seit 13 Jahren. Am Anfang konnte ich es mir auch nicht vorstellen, aber es ist praktisch. Etwa bei einem Notfall: Da genügt ein Anruf, und ich bin schnell drüben.

SPIEGEL ONLINE: Und was machen Sie in Hamm?

Bausch: Die JVA Hamm ist kleiner als Werl, da sitzen nur 175 Häftlinge, die meisten in U-Haft. Es ist eine Transportanstalt: Viele bleiben ein, zwei Tage, dann werden sie verlegt. In der U-Haft legen wir die Patientenakte an, die ab dann bei jeder Verlegung mitgeschickt wird. Ich prüfe, ob jemand haftfähig oder verlegungsfähig ist. Viele sehe ich nur einmal, zur Erstuntersuchung.

SPIEGEL ONLINE: Anders als in Werl also, einem 100 Jahre alten Gefängnis für harte Fälle?

Bausch: Ja, dort gibt es 20, 25 Patienten, die ich seit meinem ersten Tag dort kenne. Manche wurden zwischendurch entlassen und kamen nach einer neuen Straftat wieder. Einer meiner Patienten war schon 20 Jahre in Werl, als ich kam. Und wenn er gesund bleibt, ist er noch da, wenn ich in sechs Jahren gehe.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind für die knapp 900 Gefangenen ein wenig wie ein Hausarzt auf dem Dorf?

Bausch: Für den Großteil meiner Patienten bin ich wirklich der Hausarzt. Die meisten haben im Gefängnis zum ersten Mal in ihrem Leben eine kontinuierliche hausärztliche Betreuung, egal ob sie Anfang 20 sind oder 80. Draußen fallen sie durchs Netz. Aber ich bin mehr als ein Hausarzt, der draußen heute nur noch Lotsenfunktion hat: Wenn einer zum zweiten Mal mit Kopfschmerzen in die Sprechstunde kommt, wird er zum Neurologen überwiesen, ein anderer mit Rückenschmerzen zum Orthopäden. Ich bin Generalist, egal ob es um Haut, Herz, Blinddarm oder Psyche geht. Ich überweise erst jemanden, wenn ich nicht weiß, was er hat.

SPIEGEL ONLINE: Was sind typische Knast-Erkrankungen?

Bausch: Neben HIV, Hepatitis C und Drogenabhängigkeit: So viele Angstgestörte wie im Gefängnis findet man sonst auf keinem Haufen. Es gibt viele psychosomatische Erkrankungen mit seltsamen Krankheitsbildern. Ganz häufig sind auch Hautprobleme - die Haut ist der Spiegel der Seele, sagt man ja. Akne, Neurodermitis, Schuppenflechte, die ganze Palette. Und natürlich Depressionen. Es ist eine schwierige Frage: Ab wann behandelt man? Dass Haft nicht heiter stimmt, ist klar. Aber wir können ja keinen entlassen, um ihn von der Depression zu heilen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nie Angst?

Bausch: Nein, ich kenne meine Pappnasen. Einen Notknopf habe ich nicht, aber die Pfleger wissen immer Bescheid, wenn ich ein Einzelgespräch mit einem Patienten habe. Eng wurde es in all den Jahren nur in zwei Situationen. Letztes Jahr in Hamm, der Mann war frisch vom SEK verhaftet worden, sprach kein Deutsch, auf einmal sprang er auf, schrie rum, schmiss mit Gegenständen. Es dauert in solchen Fällen wenige Sekunden, und sieben Mann überwältigen den Häftling.

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SPIEGEL ONLINE: Wie viele Krankenpfleger haben Sie?

Bausch: 15 - und alle mit doppelter Ausbildung: Sie sind Krankenpfleger und Justizvollzugsbeamte. Das ist wichtig wegen der Sicherheit. Kein Patient kommt einfach, er wird gebracht. Und kein Patient ist auch nur für eine Minute alleine, alle Instrumente sind in Schubladen eingeschlossen. Wenn ich eine Platzwunde nähen muss, stehen zwei, drei Mann drum herum, wegen Schere und Skalpell. Bei besonders gefährlichen Insassen sind auch Pfleger vor der Tür während der Behandlung.

SPIEGEL ONLINE: Über Sie kommen die Häftlinge an mehr Milch oder eine dickere Matratze. Wie oft wird simuliert?

Bausch: Das passiert regelmäßig. Wer keine Lust hat zu arbeiten, kommt und sagt: Ich habe mich die ganze Nacht erbrochen, habe Durchfall - und wenn ich sie abhöre ist der Bauch ganz locker, alles hört sich leise an. Aber ich untersuche jeden Simulanten jedes Mal ganz normal. Er könnte ja wirklich was haben. Oft kommt irgendwann raus, dass einer irgendwo Schulden hat und sich nicht blicken lassen kann, weil er sonst Prügel bezieht.

SPIEGEL ONLINE: Häftlinge ziehen Sie ins Vertrauen?

Bausch: Ja, sie kommen zu mir auch, um zu reden. Um den Sozialarbeiter, den Pfarrer zu sprechen, müssen die Häftlinge erst einen Antrag stellen und erhalten dann Wochen später einen Termin. Bei mir können sie einfach in die Sprechstunde kommen.

SPIEGEL ONLINE: In Werl sitzen Räuber, Vergewaltiger, Mörder. Wie oft denken Sie da an Ihren Hippokratischen Eid?

Bausch: Den habe ich verinnerlicht. Wenn ich mich quälen würde, meine Patienten zu behandeln, wäre ich in dem Job falsch. Aber es ist manchmal schwer zu ertragen, mit Empathie auf diejenigen zuzugehen, die gravierende Straftaten begangen haben, auch in Haft keinerlei Mitgefühl für ihre Opfer zeigen und sich über alles beschweren. Manchmal sage ich dann: Wenn Sie Ihren Opfern nur einen Funken Empathie entgegengebracht hätten, wären Sie jetzt nicht hier.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Nähe?

Bausch: Wenn Menschen nackt vor einem auf dem Behandlungstisch liegen, man sie abtastet, entsteht natürlich eine Art der Nähe. Anwendungen sind auch Zuwendungen. Ich bin der einzige, der sie nicht gewaltsam anfasst. Das erzeugt eine Form von Intimität. Sonst gibt es nur Körperkontakt, wenn ihnen Fesseln angelegt werden oder sie mit festem Griff irgendwo hingebracht werden.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem anderen Job, als Pathologe im Kölner "Tatort"...

Bausch: Sagen Sie Gerichtsmediziner, bitte, sonst bekomme ich wieder Ärger mit Medizinerkollegen. Wenn ich Pathologe sage, schreiben die mir immer: Sie müssten es doch besser wissen, Sie sind doch selbst Arzt.

SPIEGEL ONLINE: Gut, als Gerichtsmediziner Dr. Joseph "Doc" Roth im Kölner "Tatort" liegen vor Ihnen Opfer von Gewalttaten - im Gefängnis jene, die solche Taten begangen haben. Macht Ihnen das zu schaffen?

Bausch: Nein, im "Tatort" steht der Tote schließlich auf, geht mit mir zum Catering, trinkt einen Kaffee. Und legt sich dann wieder hin, und ich stelle die Todesursache fest. Begegnungen mit realen Opfern sind anders: Ich habe für eine Interviewreihe mit vielen Gewaltopfern gesprochen, das war so intensiv, dass ich nach zwei Drehtagen zurück in Werl schwer umschalten konnte.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, die Schauspielerei habe Ihnen geholfen, nicht zynisch zu werden. Wie das?

Bausch: Es gibt in meinem Beruf Situationen, die man schwer aushält, etwa wenn ein Patient mehrere Menschen auf bestialische Weise umgebracht hat. Wenn ich mir das als Schauspieler vor Augen führe, kann ich eine andere Perspektive einnehmen, abstrahieren und mich davon distanzieren. Das hilft.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie jetzt rübergehen zu Ihrer zweiten Schicht: Was steht an?

Bausch: Nachmittags muss ich meist Stellungnahmen für Gerichte und Anwälte schreiben. Und in der Zeit kommt auch immer ein Bus mit neuen Gefangenen, die untersucht werden müssen.

SPIEGEL ONLINE: Dann wünsche ich noch einen guten Arbeitstag, danke fürs Gespräch...

Bausch: Hoffentlich fühlt sich der eine oder andere Kollege auch angesprochen und entscheidet sich für einen Job im Gefängnis.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Bausch: Es gibt ein echtes Personalproblem. Auf Annoncen im "Ärzteblatt" meldet sich auch mal gar keiner, manche schmeißen nach einem Jahr wieder hin.

SPIEGEL ONLINE: Na, dann zählen Sie mal die Vorteile auf!

Bausch: Man kann zum Beispiel freier arbeiten als draußen, ohne die Zwänge von Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen. Ich habe kein Budget pro Patient, ein Riesenvorteil. Mit 20 HIV-Positiven und 230 Hepatitis C-Patienten wäre eine Praxis draußen nach einem Quartal pleite. Mein Budget hat kein Hausarzt. In Werl sind das eine Million Euro im Jahr, nur für Sachleistungen, also Medikamente, Laboruntersuchungen und dergleichen, ohne Personalkosten. Das hört sich viel an, aber alle Gesundheitsleistungen machen aber nur ein Prozent des Justizvollzugsbudgets des Landes aus.

SPIEGEL ONLINE: Und was sollte einer, der über diese Karriere nachdenkt, mitbringen?

Bausch: Man muss das System Gefängnis verstehen, um für den Job geeignet zu sein. Man ist nicht der Gott in Weiß, sondern arbeitet in einer Behörde, die wie ein Finanzamt funktioniert. Man sollte ein Faible für schwierige Fälle besitzen, Pioniergeist - und ein unerschütterliches Menschenbild.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
hapeme 01.06.2012
1. Tolles Interview
Das hat mir wirklich gefallen!
Karl_Lauer 01.06.2012
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Sehr interessantes Interview!
Olaf 01.06.2012
3.
Zitat von sysopWolfgang Schmidt Krimifreunde kennen Joe Bausch als Gerichtsmediziner im Kölner "Tatort". Im richtigen Leben behandelt er als Gefängnisarzt Mörder oder Vergewaltiger, seit 25 Jahren schon. Im Interview spricht Bausch über Begegnungen mit realen Opfern, typische Knast-Krankheiten und Simulanten. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,836333,00.html
Ein interessantes Interview. Mal jemand, dem an seinem Job wirklich etwas zu liegen scheint und der nicht nur als Selbstdarsteller unterwegs ist.
camemberta 01.06.2012
4. Ja, mir auch
Interessant. Und auch wichtig. Da sieht man wirklich die Vielschichtigkeit des Arztberufes und dass das Helfen eben auch für alle gelten muss, auch wenn´s schwerfällt. Ziehe meinen Hut!
bolonch 01.06.2012
5. Das war mal lohnende Lektüre
Da wünscht man sich doch glatt noch zwei Seiten mehr.
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