Auswanderin in Island Im Lichtrausch

Im Urlaub verliebte sie sich in einen Mann - und in ein ganzes Land. Silvia Bök wanderte vor drei Jahren nach Island aus. Und blieb, obwohl die Beziehung zerbrach.

Silvia Bök

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"Zuerst habe ich mich aus der Ferne in Island verliebt und dann, beim ersten Besuch im August 2014, in einen Mann. Also zog ich von Berlin nach Akureyri im Norden Islands. Und obwohl diese Liebe nicht lange hielt, bin ich immer noch hier.

Doch der Reihe nach. Mit Freunden schaute ich im Januar 2014 in Berlin einen Kinofilm: 'Das erstaunliche Leben des Walter Mitty' mit Ben Stiller. Die Landschaft hat mich umgehauen. Diese Weite, grün-lila leuchtend, von Gras und Lupinen bewachsene Berge mit Wasserfällen und Flüssen! Island entfachte in mir ein Gefühl von absoluter Freiheit.

Berauscht und begeistert buchte ich drei Tage später für mich und eine Freundin einen Flug nach Reykjavík. Ich wäre am liebsten schon gleich im Februar gefahren, aber uns wurde geraten, im Sommer zu reisen, da es im Winter nur so wenige Sonnenstunden gibt. Ich organisierte unsere Reise mit Couchsurfing, um Land und Leute besser kennenzulernen.

Silvia Bök
Silvia Bök

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In Akureyri hatten wir einen wunderbaren Gastgeber, zwei Tage verbrachten wir bei ihm. Er zeigte uns heiße Quellen, Wasserfälle, Seen und Lavalandschaften, besuchte mit uns kleine Häfen und kochte abends frischen Fisch.

Wir verliebten uns. Wenige Monate und weitere Besuche später stand mein Entschluss fest, zu ihm zu ziehen. Meine Praxis für Körperarbeit und Life Coaching und meinen Job im Day Spa des Hotel Adlon gab ich auf, meine Berliner Wohnung kündigte ich ein halbes Jahr später.

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Auswandern nach Island: Diese Weite!

Den ersten Kulturschock erlebte ich, als ich ein Konzert besuchte. Eine U2-Tribute-Band spielte in einem Club. Ich liebe diese Musik, in Deutschland tanzen die Leute dazu wild herum und haben viel Spaß. Aber in Island saßen die Konzertbesucher alle wie angeklebt auf ihren Stühlen und nickten nur mit dem Kopf. Getanzt wird hier tatsächlich - wenn überhaupt - nur mit sehr hohem Alkoholpegel.

Auch an das Essen musste ich mich gewöhnen. Als ich das erste Mal Schafskopf angeboten bekam, habe ich mich zunächst geekelt. Auf einem Buffet lag der ganze Kopf eines Schafes, mit Zunge und Augen. Als damalige Vegetarierin habe ich dankend abgelehnt. Auch sechs Monate alter fermentierter Haifisch wird hier einmal im Jahr gerne gegessen.

Vor dem Date ein Blick ins Stammbuch: Sind wir verwandt?

Wenn man in Island einen Job sucht, schreibt man keine langwierige Bewerbung. Man geht einfach hin und stellt sich persönlich vor. Mein isländischer Freund und seine Freunde unterstützten mich sehr, machten mich mit vielen Menschen bekannt. Schon vier Wochen nach meiner Ankunft eröffnete ich meine eigene Praxis für Massagetherapie und Life Coaching. Sie wurde schnell im ganzen Ort bekannt.

Alternative Heilmethoden, die es bei uns in Deutschland schon über zehn Jahre gibt, werden auf Island erst langsam bekannt. Leider ist die medizinische Versorgung in Akureyri generell nicht besonders gut, es gibt zu wenige Ärzte und Therapeuten. Auf eine neue Hüfte warten die Leute ungefähr ein Jahr, auf eine professionelle Massage bis zu einem Monat. Zum Augenarzt muss man in die Hauptstadt Reykjavik fahren, fünf Stunden mit dem Auto die Ringstraße entlang.

Island
Silvia Bök

Island

Generell sind Isländer hilfsbereit und sehr freundlich, und wenn sie Vertrauen gefasst haben, können sehr enge Freundschaften entstehen. Viele isländische Familien leben seit Hunderten von Jahren hier und sind entfernt miteinander verwandt. Ich habe es schon erlebt, dass ein Isländer, der eine isländische Frau daten wollte, in seinen Stammbaum schaute, um zu sehen, ob sie nicht doch verwandt sind.

Rund 330.000 Menschen wohnen auf Island - und pro Jahr kommen 1,5 Millionen Touristen. Klar: Island ist ein wunderschönes Land. Ein Paradies für Angler, Wanderer, Pferdeliebhaber und Fotografen. Wenn ich im Sommer morgens aus dem Fenster zum Fjord schaue, sehe ich oft, wie drei Schiffe mit zweitausend oder mehr Leuten an Bord anlegen.

Die vielen Touristen sind einerseits gut für die Wirtschaft Islands, andererseits wird die Umweltverschmutzung hier zu einem immer größeren Problem. Die großen Schiffe müssen den ganzen Tag den Motor laufen lassen, weil Akureyri nicht genügend Strom zur Verfügung stellen kann für solch schwimmende Kleinstädte.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Viele Touristen unterschätzen das Wetter auf Island, vor allem im Winter. An manchen Tagen kann man wegen Schneestürmen das Haus nicht verlassen, die Straßen sind gesperrt. Auch Wandern im Hochland oder in den Bergen sollte gut geplant sein, das Wetter kann innerhalb von zehn Minuten umschlagen. Es gibt hier viele ehrenamtliche Rettungsmannschaften, die oft zu Hilfe kommen müssen.

Im Süden bei Vík sind am Reynisfjara-Strand schon einige Touristen ertrunken. Trotz der großen Warnschilder versuchen viele, so nah wie möglich an die meterhohen Wellen heranzugehen - und werden mitgerissen. Die Natur ist hier so präsent wie nirgendwo sonst in Europa und man sollte sich daher immer an der Wetterlage und den Absperrungen orientieren.

Schaf auf einer Straße in Island
Silvia Bök

Schaf auf einer Straße in Island

Meine Beziehung zu dem Mann aus Akureyri hielt nur zwei Jahre, aber ich bin sehr dankbar für unsere Zeit. Vor allem dafür, dass er mich nach Island geholt hat. Trotz unserer Trennung blieb ich hier, meine Praxis lief schon damals sehr gut, und ich wollte sie nicht aufgeben. Letztes Jahr lernte ich einen neuen Mann kennen, aus Reykjavík. Er unterstützt mich dabei, dort eine zweite Praxis aufzubauen.

Isländisch ist schwer zu lernen. Ich habe einige Kurse besucht, Smalltalk funktioniert schon gut. Im nächsten Jahr möchte ich so weit sein, dass ich die isländische Zeitung ohne Hilfe lesen kann. Zum Glück sprechen die meisten Menschen hier sehr gut Englisch, denn das Fernsehprogramm wird meist in englischer Originalsprache mit isländischen Untertiteln gezeigt.

Was mich immer wieder überrascht: Viele Isländer sind echte Hipster, mit Bart und den neuesten Klamotten - ein Gegensatz zu den Elfen- und Trollgeschichten, die hier regelmäßig erzählt werden. Tatsächlich glauben nämlich viele Isländer fest daran, dass diese Fabelwesen mit ihnen zusammen auf der Insel leben."

Video: 24h@ Reykjavik - In der nördlichsten Hauptstadt der Welt

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jensruminy 14.07.2018
1. Wildes Island
Ich finde es immer komisch, wie ‚der Deutsche‘ immer so Träume von wunderbaren Verhältnissen in anderen Ländern hat, wie in Artikeln wie diesem ein anderes Volk verklärt wird, und gleichzeitig unterschwellig als schrullig dargestellt wird. „Und dann setzen die einem Schafsköpfe vor!“ Einer Vegetarierin! - Woher soll denn auf einer so kargen Insel wie Island das Gemüse kommen, dass Vegetarier hier (in Island) essen wollen? Nicht, dass jeder sowas isst, es ist Teil eines traditionellen Festmonats. Gehört irgendwie dazu, wie die Lederhose zum Oktoberfest. Auch in Island liebt man heute Pasta und Pizza. Man stelle sich mal einen Ausländer vor, der nach Deutschland kommt. Die servieren dort Bier mit Beerensirup! Und haben sowas wie Kehrwoche, und in jedem Landkreis wird der Müll anders getrennt, man traut sich garnicht, im Lande umzuziehen. Und man darf auf der Autobahn rasen wie man will. Aber gut und wichtig finde ich, dass auch mal der Aspekt der vergleichsweise schlechten medizinischen Grundversorgung angesprochen wird. Ein Volk von 350.000 auf einer Fläche dreimal so groß wie die Niederlande kann sich nicht die gleiche Infrastruktur leisten, die in Deutschland fast jeder als selbstverständlich ansieht. So schlecht läuft’s in D dann wohl doch nicht.
odenkirchener 15.07.2018
2. "Bier mit Beerensirup"
Ich glaub', Sie waren in Belgien. . . Als ich zum Satz kam "... Letztes Jahr lernte ich einen neuen Mann kennen, aus Reykjavík. Er unterstützt mich dabei, dort eine zweite Praxis aufzubauen." musste ich schon stutzen. So alle 5-6 Jahre fahre ich mit dem Gespann (Motorrad+Beiwagen) nach Island. Letztes Jahr war es, besonders im Süden, schon voller, als in den Jahren davor. Was mir dort, im Süden, aufgefallen ist, das Personal der Hostels und Campingplätze, waren selten Isländer. Im Norden und Osten war es nicht minder schön, aber leerer. Mal sehen wie es 2022 ist.
akeley 15.07.2018
3.
Dass man in Island unnötig und aus reiner Mordlust seltenste Wale abschlachtet, hätte man erwähnen sollen. Andere Länder werden für so ein Verhalten boykottiert. Aber nein, das süße Island mit den coolen Bartmännern, nein, denen werfen wir doch keine Grausamkeit vor, das ignorieren wir.
Hamberliner 16.07.2018
4. nicht mein Ding
Nunja, de gustibus non est discutandum. Bin gerade frisch aus Island zurück, mit der Norröna von Smyril Line hin, mit dem Motorrad einmal rund Island über die Straße Nr. 1 und nach 1 Woche wieder zurück. Ich möchte da nicht leben. Island hat zwar spektakuläre Natur zu bieten, und das im Überfluss, aber Wohlfühl-Kultur, Kneipen, Restaurants, etwas wo man abends hingehen kann, nur in Reykravik und ein bisschen auch in Akuyreiri und sonst praktisch nirgendwo. Anderswo gibt es Fast Food und Supermärkte, und dann ist Schluss. Besonders übel ist bei mir die Genussfeindlichkeit angekommen: Bierverkauf ist überall verboten, man möchte fast meinen man sie in der Islamischen Republik Island, außer in den staatlichen Ausgabestellen "Vinbudin", und die machen 18 Uhr zu. Dass Hotels ihre Gäste hassen und verachten, ausgenommen Nichtraucher, bekommt man sehr deutlich zu spüren. Vorrichtungen, damit man Hotelzimmerfenster nicht öffnen und nach draußen rauchen kann, sind mit Torx-Schrauben gesichert, damit kein Gast in der Lage ist sie abzuschrauben. Im Straßenverkehr blickt man in menschliche Abgründe. Wie selbstverachtend und obrigkeitshörig muss man sein, um ein Tempolimit von 90 km/h ganz exakt einzuhalten und anstatt hin und wieder zu überholen in Fünfer-Kolonnen hintereinander her zu schleichen wie eine Meute kopulierender Straßenköter? Aber geschäftstüchtig sind sie, die Isländer. Man hat den Eindruck, neben jedem Geysir wird ein Fresstempel errichtet für die vielen Busladungen chinesicher und US-Amerikanischer Touristen. Auf den Gletscher-Seen des Vatna-Jökull kann man nicht nur für ein Schweinegeld teure Bootstouren buchen, sondern es gibt sogar Amphibienfahrzeuge, Boote auf 4 Rädern, das bringt noch mehr Geld in die Kasse. War nett, einmal dagewesen zu sein, und einmal reicht mir. Die Färöern haben mir besser gefallen.
columbo1 16.07.2018
5.
Nicht viele Familien, wie im Artikel gesagt, sondern praktisch alle wohnen seit Jahrhunderten auf Island.
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