Auswahlverfahren Eine dieser Frauen wird die erste deutsche Astronautin

Sie haben sich gegen mehr als 400 Bewerberinnen durchgesetzt: Sechs Frauen sind noch im Rennen um einen Flug zur ISS. Zwei werden zur Astronautin ausgebildet, nur eine darf ins All.

[M] Juliana Socher

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Sie haben stundenlang Tests am Computer gelöst, in Rollenspielen gezeigt, dass sie teamfähig sind, haben Blut-, Urin- und Ultraschalluntersuchungen über sich ergehen lassen. Jetzt trennt sie nur noch ein Bewerbungsgespräch von ihrem großen Traum: einer Reise zur Internationalen Raumstation ISS.

Sechs Frauen haben sich beim Auswahlverfahren einer privaten Initiative, die Deutschlands erste Astronautin ins All schicken will, gegen mehr als 400 andere durchsetzen können. Zwei von ihnen werden zur Raumfahrerin ausgebildet, eine soll 2020 zur ISS fliegen und dort zehn Tage verbringen.

Die Auserwählte fliegt allerdings nicht als Berufsastronautin zur ISS, sondern als "kommerzielle Astronautin" - mit anderen Worten: als Weltraumtouristin. Ihr Flug wird mit privatem Geld finanziert, die Initiative kalkuliert mit rund 40 Millionen Euro. Mindestens 50.000 Euro sollen mit einer Crowdfunding-Kampagne finanziert werden, der Rest soll von Sponsoren kommen, die im Gegenzug von der PR der Astronautin, aber auch von ihren Experimenten im All profitieren könnten. Laut der Initiative haben mehrere Unternehmen schon ihre Unterstützung zugesagt.

Unter den sechs Finalistinnen sind eine Kampfpilotin, zwei Ingenieurinnen, eine Raumfahrttechnikerin, eine Astrophysikerin und eine Meteorologin. Die Jüngste ist 28, die Älteste 37 Jahre alt. Zusammen mit 80 anderen Bewerberinnen wurden sie zwei Tage lang in Hamburg und Köln vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) auf die Probe gestellt: Wie gut können sie sich konzentrieren? Wie steht es um Merkfähigkeit und räumliche Vorstellungskraft?

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Deutschlands erste Astronautin: Eine dieser Frauen wird ins All fliegen

Mehr als die Hälfte der 86 Bewerberinnen, die zu den Auswahltests eingeladen worden waren, schied schon in der ersten Runde aus. "Das hat aber nichts mit mangelnden Fähigkeiten zu tun. Hochintelligent und bestens ausgebildet waren alle", sagt DLR-Ärztin Claudia Stern. Letztlich seien Feinheiten ausschlaggebend gewesen - die übrigens bei Berufsastronauten noch strenger bewertet würden.

"Wer für sechs Monate oder länger ins All fliegen will, muss noch ganz andere Voraussetzungen mitbringen, beispielsweise eine besondere Knochendichte", sagt Stern. Außerdem seien für angehende Berufsastronauten auch invasive Untersuchungen wie Magen- und Darmspiegelungen vorgeschrieben. Den Frauen, die sich für den Zehn-Tages-Trip zur ISS beworben habe, blieb das erspart. Aber auch sie mussten sich drei Tage lang von morgens bis abends von Ärzten durchchecken lassen.

Welche zwei Bewerberinnen zum Astronautentraining nach Russland oder in die USA reisen dürfen, soll eine Jury der Initiative im April entscheiden. Ihr Votum ist jedoch unter Vorbehalt: Denn es wartet dann noch ein weiterer medizinischer Test auf die beiden. Nur die zwei Auserwählten werden mit Röntgenstrahlen durchleuchtet, damit "niemand unnötig der Strahlung ausgesetzt wird", erklärt Stern die nachgelagerte Untersuchung. Nur wenn auch dieser letzte Test positiv ausgeht, haben sie es geschafft, ansonsten kämen Nachrückerinnen zum Zuge.

Die Röntgenuntersuchung gehört zur Standardvoraussetzung für Weltraumtouristen. Auf diese haben sich die an der ISS beteiligten Weltraumorganisationen geeinigt, um möglichst sicher zu gehen, dass im All niemand krank wird. Die medizinischen Untersuchungen seien deutlich strenger als zum Beispiel für angehende Piloten, so Stern, "aber es ist auch nicht so, dass nur Überfrauen bestehen können".

Hinter der Initiative steckt Claudia Kessler, Top-Managerin einer auf die Raumfahrtbranche spezialisierten Personalvermittlung, die unter anderem die Europäische Weltraumorganisation (Esa) mit Fachkräften versorgt. Eine Astronautin könnte zum Vorbild für junge Frauen avancieren, die sich für naturwissenschaftliche und technische Themen interessieren, hofft sie.

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Deutsche im All: Elf Männer, bisher keine Frau


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doskey 01.03.2017
1. Was soll das?
Erstmal... das sind sicher fähige Frauen aus MINT-Fächern und der Bundeswehr, keine Frage! ABER: Die wichtigste Information ist versteckt im Text. Es handelt sich dabei um ein Crowdfunding-Projekt, es ist also nichts, 0,0% in trockenen Tüchern. Die aktuelle Finanzierung beläuft sich auf 360€ (!) Euro. Es werden für alle Abschnitte aber 40 Millionen Euro benötigt... Davon abgesehen, durchlaufen die Kandidatinnen kein Bewerbungsbefahren bei der DGLR, sondern eben bei der privaten Stiftung. Sprich, keine Berufsastronautin, egal wie man das dreht. Der Titel "Eine dieser Frauen wird die erste deutsche Astronautin" ist somit faktisch falsch. Er sollte vielmehr "Eine dieser Frauen könnte die erste deutsche Weltraumtouristin werden sofern die Finanzierung von 40 Mio. Euro per Crowdfunding gelingt. Dass das klappt, gerade im knauserigen Deutschland, bezweifle ich doch sehr. Das ganze ist eine Blase, ein PR-Gag. Eine gute Schlagzeile, aber nicht realisierbar.
svogt28 01.03.2017
2. Großartig
Alle hätten es verdient! YOU GO GIRLS!
vincent-april 01.03.2017
3. Es ist unfair,
mit Weltraumtouristin zu übersetzen. Der erste Begriff beschreibt hochqualifizierte intelligente Frauen, die im Weltraum ggf. kommerzielle Experimente durchführen. Der zweite Begriff suggeriert mir, dass es reiche gelangweilte Frauen sind, die im Weltraum aus dem Fenster sehen und sich dabei die Fingernägel lackieren.
Olaf 01.03.2017
4.
Ich wünsche allen Bewerberinnen einen guten Erfolg. Allerdings ist die Finanzierung des Fluges noch nicht gesichert, wenn ich das richtig verstanden habe. 40 Millionen aufzubringen nur durch Sponsorengelder und Crowdfunding ist nicht so einfach.
spon-facebook-10000015195 01.03.2017
5. Girls Day im Weltraum
Ich finde es grundsätzlich lobenswert, jedoch hat der Zweck dieser Teilnahme am Raumflug einen faden Beigeschmack - es werden hier hochqualifizierte Frauen in einem Auswahlverfahren "verheizt" nur, um dann in der Rakete auf dem Rücksitz aus dem Fenster zu gucken, um dann später als IT-Girl wie eine Schönheitskönigin der Weltraumbehörde durch das Land zu tingeln. Die wirklichen Kompetenzen der Bewerberinnen liegen doch ganz woanders und sollten auch dementsprechend gefordert werden.
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