Von Rechts wegen Herrgott, lass Kunden regnen

Manchmal hilft nur beten, dachte sich ein Einzelhändler und engagierte einen Gottesanrufer für sein schlecht laufendes Geschäft. Der Umsatz kam tatsächlich zurück. Arbeitsrechtler Jobst-Hubertus Bauer erklärt, warum die Kosten trotzdem nicht steuerlich absetzbar sind.

Beten für bessere Zeiten: Dass Gott sich um geschäftlichen Erfolg kümmert, ist zweifelhaft
DPA

Beten für bessere Zeiten: Dass Gott sich um geschäftlichen Erfolg kümmert, ist zweifelhaft


Zu wenig Kunden? Warum nicht darum beten? Und zwar ganz professionell - mit Hilfe eines Gottesanrufers. So dachte sich das ein Einzelhändler in der Hoffnung, auf diesem Weg den Umsatz zu steigern und mehr neue Kunden zu bekommen. Das allein wäre nicht sehr spektakulär, aber der Geschäftsführer sah das Honorar für den Gottesanrufer als Betriebsausgabe an und wollte es von der Steuer absetzen. Seine Begründung: Gerade in den schweren Zeiten der Wirtschaftskrise verdanke das Unternehmen seine wirtschaftlichen Erfolge in ganz erheblichem Maße der Inanspruchnahme von spirituellen Dienstleistungen.

Doch der fromme Unternehmer wurde enttäuscht. Das Finanzgericht Münster (Aktenzeichen: 12 K 759/13 G, F) bewertete die Ausgaben für die Kontaktaufnahme zu Gott nicht als Betriebsausgaben und wies seine Klage gegen die Steuerbehörde als unbegründet ab.

Man mag bei diesem kuriosen Sachverhalt schmunzeln. Deutlich wird dabei aber eine zentrale Frage: Wo liegt die Grenze dessen, was steuerlich absetzbar ist?

Fotostrecke

3  Bilder
Katholische Moral: Kirche kündigt Kindergärtnerin, Kommune kündigt Kirche
Klar ist, die Anrufung Gottes lässt sich nun mal nicht durch Unterlagen dokumentieren. Weder die Dauer noch der Erfolg einer spirituellen Verbindung "mit dem höchsten Gott" ist nach objektiven Kriterien feststellbar. Aber die Tatsache, dass eine bestimmte Dienstleistung aus weltlicher Sicht eher ungewöhnlich erscheint, führt alleine noch nicht dazu, solche Aufwendungen nicht als Betriebsausgaben zu klassifizieren.

Im Zeitalter der Globalisierung werden Toleranz und Weltoffenheit größer geschrieben denn je. Das schlägt sich auch in Politik und Rechtsprechung nieder. Ausgaben für Leistungen spiritueller Art werden nicht generell vom Betriebsausgabenabzug ausgeschlossen. 1987 hielt der Bundesfinanzhof (Aktenzeichen: VI R 149/81) die Abzugsfähigkeit von Aufwendungen für einen Kurs im Rahmen der "Wissenschaft der Kreativen Intelligenz" zur Weiterbildung zu einem "Gouverneur des Zeitalters der Erleuchtung" für möglich. Auch das Finanzgericht München (Aktenzeichen: 10 K 1309/08) erkannte 2009 ein dreijähriges, kostenpflichtiges Programm zur Qualifizierung als "Instructor für Meditation und buddhistische Philosophie" an.

Und es finden sich Parallelen. Ungewöhnliche Berufsausbildungen finden heute steuerliche Berücksichtigung, und auch die Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse beschränken sich nicht mehr nur auf die Schulmedizin. Nach und nach werden neue alternative Behandlungsmethoden in den Leistungskatalog einbezogen, die mancher eher als Hokuspokus ansieht.

Von Rechts wegen
Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Themen rund ums Arbeitsrecht: Jobst-Hubertus Bauer, Christof Kleinmann, Oliver Grimm, Sonja Riedemann (von links oben nach rechts unten).

Sie haben Fragen zum Arbeitsrecht? Unsere Experten freuen sich über Ihre Nachricht! (Bitte haben Sie Verständnis, dass nicht alle Zuschriften persönlich beantwortet werden können.)
Wann und unter welchen Voraussetzungen ist also eine Ausgabe als Betriebsausgabe zu werten? Betriebsausgaben sind Aufwendungen, die durch den Betrieb veranlasst sind (§ 4 Abs. 4 Einkommensteuergesetz). Sie müssen also durch eine Einkunftsart veranlasst sein, objektiv mit der Einkünfteerzielung in wirtschaftlichem Zusammenhang stehen und ihr subjektiv dienen. Jeder Unternehmer kann im Prinzip frei darüber entscheiden, welche Aufwendungen er für seinen Betrieb tätigen will. Das öffentliche Interesse fordert aber auch, dass trotz aller Weltoffenheit verhindert werden muss, dass der Begriff der Betriebsausgaben ausufert. Will ein Unternehmer Aufwendungen als Betriebsausgaben steuerlich absetzen, müssen objektive Anzeichen vorliegen, die auf den betrieblichen Zweck hinweisen. Ist kein vernünftiger Zusammenhang zwischen Ausgabe und Betrieb festzustellen, ist die Grenze erreicht.

Die Fragestellung im vorliegenden Fall lautet also: Ohne Kontaktaufnahme zu Gott keine Umsatzsteigerung, keine Neukunden? Sind die Geschäftsvorfälle in irgendeiner Weise objektiv auf spirituelle Dienste zurückzuführen?

Die beiden anderen angesprochenen Entscheidungen beinhalteten zwar auch spirituelle Dienstleistungen. Aber es ging jeweils um die Frage, ob die Teilnahme an Lehrgängen als Berufsausbildungen anzusehen sind, ob sich also Ausbildungen zu Tätigkeiten zur Erwerbstätigkeit eignen, also dem Aufbau oder der Sicherung der beruflichen Existenz als Lebensgrundlage. Dies ist durchaus objektiv feststellbar. Dass Gott sich um geschäftlichen Erfolg kümmert, ist hingegen schon deshalb zweifelhaft, weil es genügend Gauner gibt, die wirtschaftlich erfolgreich sind - da hat wohl eher der Teufel seine Hand im Spiel.

Aus Sicht des religiösen Geschäftsführers mag zwar die Rettung aus wirtschaftlichen Engpässen nicht ohne göttliche Fügung zu meistern sein. Doch muss er akzeptieren, dass die "Kontaktaufnahme zu Gott" steuerlich vergebliche Liebesmüh ist.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
temp1 11.03.2014
1. Nicht der Erfolg, sondern der Aufwand rechtfertigen die Absetzbarkeit
Auch eine Zeitungs-Werbekampagne, die floppt ist steuerlich absetzbar. Nicht die Wirksamkeit muß nachgewiesen werden, sondern der finanzielle Aufwand
profsurgical 11.03.2014
2. Da sieht man, wie weit das Atheistentum verbreitet ist !
Aber zu Gurus gehen die Leute dann, zu Esoterikern und glaube an dumme Horoskope (tote Himmelskörper in Millionen Lichtjahren Entfernung können keine Psyche beeinflussen, Materie kann niemals Nichtmaterie beeinflussen !) Dabei ist die Sache hier real bei einem real existenten Gott !
atomator 11.03.2014
3. atomator
"Dabei ist die Sache hier real bei einem real existenten Gott!" - Stimmt, wieso verlangt das Gericht von dem Unternehmer nicht einfach die Bestätigung vom "real existenten Gott", dass dieser an der Neukundenakquise beteiligt war - wo ist das Problem?? Bei manchen Urteilen fasst man sich doch echt an den Kopf...übrigens profsurgical...das "Atheistentum" ist bei allen Menschen "weit verbreitet", und zwar zu 100% qua Geburt, "Glaube/Religion/Göttliches" muss dem Menschen erst von anderen Menschen eingeredet werden, "Unglaube" dagegen nicht...denken Sie mal drüber nach :-)
manni.baum 11.03.2014
4. Kirchensteuer
Zitat von temp1Auch eine Zeitungs-Werbekampagne, die floppt ist steuerlich absetzbar. Nicht die Wirksamkeit muß nachgewiesen werden, sondern der finanzielle Aufwand
Kirchensteuer ist als Sonderausgabe absetzbar, die Kontaktaufnahme zu Gott muß nicht wirksam, der Anbieter der "spirituellen Dienstleistung" aber dazu "lizensiert" sein.
cosmic303 11.03.2014
5.
Zitat von profsurgicalAber zu Gurus gehen die Leute dann, zu Esoterikern und glaube an dumme Horoskope (tote Himmelskörper in Millionen Lichtjahren Entfernung können keine Psyche beeinflussen, Materie kann niemals Nichtmaterie beeinflussen !) Dabei ist die Sache hier real bei einem real existenten Gott !
Ihr Gott ist vermutlich genau so real wie das fliegende Spaghettimonster der Pastafari-Jünger. Religion hat nichts Gutes.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.