Karriere Warum italienische Ärzte Abtreibungen fürchten

Seit fast 40 Jahren sind Abtreibungen in Italien legal. Dennoch wollen die meisten Ärzte den Eingriff nicht durchführen.

Krankenhaus San Camillo in Rom ist eines der wenigen italienischen Krankenhäuser, das Abtreibungen vornimmt
DPA

Krankenhaus San Camillo in Rom ist eines der wenigen italienischen Krankenhäuser, das Abtreibungen vornimmt


Giulia F. ist in der 13. Woche schwanger, als eine Kontrolle ergibt: Ihr ungeborener Sohn hat Missbildungen und keine Chance auf ein Leben nach der Geburt. Sie entscheidet sich für eine Abtreibung. In mehreren römischen Krankenhäusern wird sie jedoch abgewiesen.

In der Region Latium, in der mehr als 5,8 Millionen Menschen leben, gibt es nur noch sieben Ärzte, die überhaupt Abtreibungen vornehmen. Giulia F. bekommt einen Termin bei einem von ihnen.

Im Krankenhaus muss sie dennoch zwei Tage lang die Feindseligkeit von Pflegepersonal und Ärzten ertragen. Sie wird als "unchristlich" und "Mörderin" beschimpft, gerät unter immensen psychischen Druck. "Ich schämte mich so sehr. Noch heute habe ich das Gefühl, gesündigt zu haben", sagt sie.

So wie Giulia geht es vielen Frauen in Italien. Obwohl Abtreibungen seit fast 40 Jahren erlaubt sind, verweigern viele Ärzte den Eingriff, um ihre Karriere zu schützen. "Abtreibungen werden als schmutzige Arbeit angesehen. Nicht-Verweigerer arbeiten oft in einem feindseligen Umfeld. Manchmal verwehren andere Ärzte oder das Pflegepersonal ihre Hilfe oder behindern einen bei dem Eingriff", sagt Silvan Agatone, Frauenärztin in einem römischen Krankenhaus und Mitgründerin des Ärzteverbands Laiga.

Bis zu 85 Prozent der Ärzte verweigern eine Abtreibung

Die Situation in Italien sei besorgniserregend, so Agatone. Landesweit verweigerten rund 70 Prozent der Ärzte eine Abtreibung. In den eher konservativen, südlichen Regionen steige der Anteil auf bis zu 85 Prozent. Und viele katholische Kliniken lehnen Abtreibungen kategorisch ab.

So bleibt die Arbeit, die von Gynäkologen gemeinsam getragen werden sollte, an einigen wenigen hängen. "Ärzte, die bereit sind, Abtreibungen durchzuführen, tun oft nichts anderes mehr", erzählt Agatone.

In Italien haben Frauen das Recht, bis zum 90. Tag der Schwangerschaft nach einem Beratungsgespräch eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Will eine Frau ihre Schwangerschaft nach dieser Frist unterbrechen, ist dies nur möglich, wenn das Leben der Mutter gefährdet ist oder der Fötus schwere Missbildungen zeigt. Jedoch erlaubt das Gesetz Ärzten auch, Abtreibungen aus religiösen oder ethischen Gründen zu verweigern.

Hohes Risiko für Frauen

Wegen des Widerstands der Ärzte kommt es vor, dass Frauen die dreimonatige Frist für legale Abbrüche verpassen und dann illegal mittels Abtreibungspillen aus dem Internet oder bei unqualifizierten Ärzten abtreiben. Wird eine Frau der illegalen Abtreibung angeklagt, droht ihr eine Strafe von bis 10.000 Euro.

Maurizio Silvestri, ein Gynäkologe aus der Region Umbrien, ist einer, der sich umentschieden hat. "Es ist nicht einfach, eine Schwangerschaft zu unterbrechen, wenn die Lebenszeichen des Fötus so offensichtlich sind", sagt er. Er selbst hat sich erst vor wenigen Wochen dazu entschlossen, kein "Verweigerer" mehr zu sein, nachdem er mehrmals gesehen hatte, wie gefährlich illegale Abtreibungen für Frauen sein können. "Für mich war es schlussendlich die richtige moralische Entscheidung" - auch wenn sein Ruf darunter leide.

Die Situation spitzt sich zu, denn immer mehr Nicht-Verweigerer nähern sich dem Pensionsalter und finden keine Nachfolger. "Nur eine der fünf Universitätskliniken, die in Rom Gynäkologen ausbilden, führt Abtreibungen durch", sagt Agatone. Der medizinische Nachwuchs könne sich notwendiges Wissen daher kaum aneignen.

Zweimal hat der Europarat Italien bereits gerügt, weil er das Recht der Frau auf eine Abtreibung durch den Mangel an gewillten Ärzten gefährdet sah. Auch der Uno-Menschenrechtsausschuss hat die italienische Regierung aufgefordert, dringend Maßnahmen zu ergreifen, die das Recht auf eine legale Abtreibung garantieren.

von Dominique von Rohr/dpa/koe

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