Junge Italiener Im Nachtbus auf Jobsuche

Gut ausgebildet, aber prekär beschäftigt: Viele junge Italiener suchen so verzweifelt einen guten Job, dass sie nachts quer durchs Land fahren, um an Auswahlprüfungen teilzunehmen.

Valentino und Giovanna warten auf den Nachtbus
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Valentino und Giovanna warten auf den Nachtbus


"Eine Arbeit zu finden, ist in sich selbst ein Job", sagt die 24-jährige Michela Annunziata aus der süditalienischen Provinz Salerno. Sie sitzt in dem Bus, der sie über Nacht nach Udine im Nordosten des Landes bringt.

Annunziata fährt dorthin, um sich mit 12.000 anderen Kandidaten einer Auswahlprüfung zu stellen. In der Region sind 466 Stellen im Pflegebereich im öffentlich Dienst ausgeschrieben. Eine seltene Chance.

Mit gut 32 Prozent war die Jugendarbeitslosigkeit in Italien 2017 die dritthöchste in der Eurozone nach Griechenland und Spanien. Deshalb suchen junge Italiener wie Annunziata nach kreativen Lösungen, um doch einen sicheren Job zu finden. Sie nehmen weite Wege auf sich - zum Beispiel in einem Nachtbus, der sie durchs Land fährt.

Junge Jobsuchende nachts im Bus
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Junge Jobsuchende nachts im Bus

Einen der Pflegejobs in Udine zu bekommen, wäre wie ein "Sechs-Milliarden-Euro-Hauptgewinn im Lotto", sagt Luigi, 24, ein weiterer hoffnungsvoller Bewerber. Gemeinsam mit anderen Jobsuchenden wartet er spätabends auf einem Parkplatz in einem grauen Vorort von Rom auf den Bus, der sie zum Bewerbungstermin in die 650 Kilometer entfernte Region Friaul-Julisch-Venetien bringt.

Doch diese sogenannten Reisen der Hoffnung werden nicht etwa von der Regierung unterstützt. Es ist sind Privatleute, die Jobsuchende zu den Prüfungsorten bringen.

Bis zu zweimal die Woche sei er unterwegs, sagt Busfahrer Gino. An diesem Montag begann er seine Fahrt in Cava dei Tirreni, das ist etwa 45 Kilometer südlich von Neapel. Um kurz vor 22.30 Uhr steigen in Rom Bewerber zu. Sie können während der Fahrt schlafen, und pünktlich um 6.40 Uhr hält der Bus vor dem Prüfungsgebäude in Udine. Acht Stunden später holt Gino die Prüflinge wieder ab.

Busfahrer Gino
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Busfahrer Gino

Aus allen Teilen des Landes reisen Bewerber zum Auswahlverfahren an. Mit ihren Rollkoffern, Rucksäcken und dicken Winterjacken drängen sie sich vor dem Einlass in die große Halle, in der die Prüfung abgenommen wird.

Ins Leben gerufen haben den Busservice zwei junge Arbeit suchende Pfleger aus Salerno, Raffaele Di Sieno und Umberto Formisano. Ihr "Bus to Go" inseriert Termine für Pfleger-Prüfungen und die Busverbindungen auf Facebook. Verglichen mit einer Bahnkarte seien die 65 Euro für diesen Nachtbus erschwinglich, meinen die jungen Fahrgäste. Zudem müsse man so nur einen Tag frei nehmen.

"Ich will mir nicht dauernd Sorgen machen"

Die meisten der Bewerber haben schon Jobs, allerdings in den meisten Fällen nur mit befristeten Verträgen. Sie alle hoffen auf die Sicherheit, die eine Stelle im öffentlichen Dienst mit sich bringt. "Ich will mir nicht dauernd Sorgen machen", sagt Valentino aus dem römischen Vorort Ostia. Das wirke sich auch auf die Familienplanung aus - er wolle schließlich seinen Kindern eine sichere Zukunft schaffen.

Mangelnde Perspektiven für junge Italiener haben mit dazu geführt, dass die populistische Fünf-Sterne-Partei bei der Parlamentswahl am Sonntag am besten abschnitt. Auch der 24 Jahre alte Luigi hat das Vertrauen in die etablierten Parteien verloren: "Politiker machen Versprechungen, aber man kann ihnen nur schwer glauben. Das haben wir alles schon erlebt."

Luigi gibt sich noch drei oder vier Jahre, um in Italien einen guten, sicheren Job zu finden. Klappt das nicht, will er ins Ausland, wie bereits Zehntausende Italiener vor ihm. Die italienische Statistikbehörde hatte im November bekannt gegeben, dass sich die Zahl der Auswanderer im vergangenen Jahrzehnt auf etwa 115.000 Menschen jährlich verdreifacht hat.

Bewerber warten in Udine auf die Auswahlprüfung
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Bewerber warten in Udine auf die Auswahlprüfung

Die Industrielobby Confindustria bezeichnet diese Abwanderung von Gutausgebildeten als einen "echten Notfall", der das künftige Wirtschaftswachstum um einen Prozentpunkt im Jahr drücken könnte. "Die niedrige Jugendbeschäftigung ist die wahre Achillesferse des Wirtschafts- und Sozialsystems in Italien", hieß es im Septemberbericht des Verbands.

Auch für die, die auswandern wollen, gibt es übrigens passende Busse: Aus dem südlichen Kalabrien fahren zum Beispiel fast täglich welche direkt nach Deutschland, in die Schweiz oder nach Österreich. Francesco Guadiero, Busfahrer für das Unternehmen Simet, das direkt nach Deutschland fährt, beschreibt das Phänomen so: "Früher hatten die Italiener Kartoffeln im Gepäck, heute einen Uniabschluss."

Alvise Armellini/dpa/lov

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