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03. November 2017, 08:04 Uhr

Albtraum eines Chefs

Der Quatsch mit den Jahresgesprächen

Eine Kolumne von

Mit dem Herbst kommen die Mitarbeitergespräche. Die werden von vielen Chefs gefürchtet, weil sie oft mit großem Aufwand verbunden sind - bei null Effekt. Wie wäre es dieses Jahr mal mit einer anderen Lösung?

Wenn sich die Blätter an den Bäumen gelb und rot verfärben, seine Frau ihm die dicke Jacke rauslegt und die Uhr umgestellt wird, beginnt für Volker die melancholischste Zeit des Führungskräftejahres. Das hat sehr wenig mit der allgemeinen Herbststimmung zu tun und auch nicht mit den versehrten und windschiefen Gestalten, die er allabendlich auf dem Esstisch findet ("Guck mal, Papa, wir haben Kastanienmännchen gebastelt!"). Hingegen sehr viel mit der Gewissheit, dass seine Mitarbeiter, während sie am Wochenende zu Hause sitzen und auf den grauen Himmel starren, regelmäßig auf dumme Gedanken kommen.

Zum Beispiel auf die Idee, ihr Jahresgespräch einzufordern. Und zwar bei ihm, Volker, Ende 40, Abteilungsleiter einer Textilfirma im Schwäbischen.

Natürlich kennt er die Zahlen, wonach weit mehr als 90 Prozent der Personalverantwortlichen Jahresgespräche für ein zentrales Element der Führung halten. Und er kennt zur Genüge die Phrasen, die ihm die Personalmanager seiner eigenen Firma regelmäßig um die Ohren hauen: entscheidend für die Mitarbeiterentwicklung, gelebtes Talent Management, mehr Wir-Gefühl und Motivation. "Bei den anderen vielleicht", denkt Volker dann bitter, "meine Motivation dagegen sinkt gerade gegen null."

Ein Albtraum bis Weihnachten

Erstens machen die Gespräche eine Menge Arbeit. Denn die Mitarbeiter erwarten tatsächlich eine fundierte Einschätzung ihrer Leistung. Zweitens, hat Volker festgestellt, steht der Aufwand, den die einzelnen Mitarbeiter betreiben, im direkt proportionalen Verhältnis zu ihrer persönlichen Leistung.

Will heißen: Die, die ohnehin einen guten Job machen, bereiten sich akribisch vor, kennen ihre Stärken und Schwächen perfekt und stellen moderate Forderungen (Geld, Beförderung, Weiterbildung). Diejenigen dagegen, die faule Stricke sind, intrigant oder einfach nicht die hellste Kerze auf der Torte (zuweilen auch alles zusammen), stolpern unvorbereitet in den Termin und stellen geradezu lachhaft hohe Forderungen, die sie meist so begründen: "Wenn es auf der Welt einigermaßen gerecht zuginge, hätte ich hier das Sagen." Kurz: Es ist ein Albtraum, aus dem es bis kurz vor Weihnachten kein Erwachen gibt.

Viele Jahre lang hat Volker probiert, die Sache ernst zu nehmen. Wirklich. Er hat sich bemüht, die richtige Balance zwischen Lob und Kritik zu halten ("Sandwich-Methode!"), er hat klare Ziele und klare Erwartungen kommuniziert und versucht, die Motivation seiner Mitarbeiter durch gezielte Herausforderungen zu steigern. Mit dem Ergebnis, dass die Fleißigen fleißig und die Faulen faul blieben. Effekt: gleich null.

In diesem Jahr probiert Volker etwas Neues. Er nennt es die "Aschenputtel-Methode". Statt mühsam die Leistungen aller Mitarbeiter im vergangenen Jahr auseinanderzuklamüsern, sortiert er sie einfach nach Bauchgefühl in zwei Lager: Performer und Bremser, Motto: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Dann nimmt er die Beförderungsmöglichkeiten, die er sieht, sowie das Budget, das ihm zur Verfügung steht, verteilt beides gleichmäßig auf die Performer und schickt ihnen das Ergebnis per Mail.

Gleicher Effekt, weniger Aufwand

Für die Bremser klaut er seinen Kindern die Hälfte der Kastanienmännchen und stellt sie ihnen eines Nachts auf den Schreibtisch. Versehen mit einer kleinen Karte, in der er etwas von "großartigem vergangenen Jahr", "Wertschätzung" und "persönliches Zeichen meiner Anerkennung" fabuliert. Handgeschrieben, versteht sich, wegen der Wertschätzung.

Die Performer wundern sich zwar ein wenig, sind aber zufrieden, weil sie ohnehin nicht zum Aufmucken neigen. Die Bremser haben sowieso nicht gemerkt, dass eigentlich Jahresgesprächs-Zeit ist - und sehen durch die Geste des Chefs ihre "Leistung" endlich einmal ausreichend gewürdigt: "Selbstgebastelt, da steckt richtig viel Arbeit drin. Der Chef weiß halt, was ich wert bin."

Mit anderen Worten: Die Fleißigen bleiben fleißig, die Faulen faul. Effekt: immer noch gleich null - doch mit wesentlich geringerem Aufwand.

Unterm Strich attestiert Volker sich selbst deshalb eine deutlich gesteigerte Effizienz - und investiert die gewonnene Zeit in mehrere ausgedehnte Besuche seines Lieblings-Spas. Der Herbst hat eben auch seine schönen Seiten.

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