Fluent English Haben Bayern große Brüste?

Richtiges Englisch? Verflixt schwierig. Fast sieben Millionen Deutsche geben sich für ihr Sprachkönnen eine glatte Eins, doch selbst die Besten machen Fehler. Kolumnist Peter Littger blickt zurück aufs denglische Jahr 2013, das auch ein Bayern-Fußballer bereicherte.

Fußballer Thomas Müller: Brüste, wir brauchen Brüste
Getty Images

Fußballer Thomas Müller: Brüste, wir brauchen Brüste


Als Thomas Müller, Wirbelstürmer von Bayern München, Ende November in englischer Sprache die Überlegenheit seiner Mannschaft rühmen wollte, probte er eine sprachliche Figur, die ich noch nicht kannte:

"We have a big breast."

Das war natürlich keine Art, die Erfolgssträhne der Bayern zu beschreiben; im Englischen übrigens "winning streak". Offenbar wollte er etwas mit "breiter Brust" sagen, doch das ging in die Hose. So sprach er über eine "dicke Brust", obwohl wir von den Bayern höchstens - pardon - Cojones kennen (seit einem Oliver-Kahn-Interview 2003: "Eier, wir brauchen Eier!"). Alles deutete auf gesundheitliche Probleme.

Wäre nicht früher Lothar Matthäus schon mit rätselhaftem Englisch aufgefallen ("I hope, we have a little bit lucky. I look not back, I look in front") - fast hätte ich angenommen, Scherzkeks Müller wollte absichtlich für Verwirrung und Erheiterung sorgen. Untrüglicher wären jedoch die folgenden Sätze:

  • Nummer sicher, aber langweilig: "We are proud and eager to win."
  • Fairplay, noch langweiliger: "We are confident and looking forward to the next match. May the best team win."
  • Wayne-Rooney-Stil: "Raring to go! Fuck you."

Nicht nur Fußballer kennen das Problem: Auch Menschen mit ganz anderen Berufen und in ganz anderen Situationen sagen manchmal auf Englisch wirre Sachen, selbst wenn sie (wie Thomas Müller) das Abitur bestanden haben. Doch in entscheidenden Momenten fehlen dann die richtigen Worte. Mal aus Nervosität, mal aus Unwissenheit.

Vorsicht, nuklearer Niederschlag in Frankfurt

Vor Freude habe ich selbst schon "The deal is under the roof" gesagt - aber keine Freude unter den Kollegen, sondern bloß fragende Blicke geerntet. Ein Kapitän von Air Berlin verblüffte mich einmal, als er vor einem "heavy fallout in Frankfurt" warnte. Es sollte wohl schwerer Niederschlag heißen, bedeutete aber schwerer nuklearer Niederschlag. Keinen Sinn ergibt auch ein verbreiteter Aufreger unter Angestellten: "My boss is bossing me around" - was soll der arme Chef sonst machen?

Jeremy Gardner, ein britischer Beamter am Europäischen Rechnungshof, verfasste 2013 einen Bericht, in dem er falsch oder sehr missverständlich verwendete englische Begriffe gesammelt und erklärt hat. Sein lesenswertes Dokument trägt den Titel: "Misused English Words and Expressions in EU Publications". Hier fünf Irrtümer, die auch deutschen Profi-Europäern immer wieder unterlaufen:

  • "eventual": Beliebtes Missverständnis - bedeutet nicht "eventuell", sondern "schließlich", "letztendlich".
  • "foresee": Wer per Verordnung Fakten schaffen und Dinge bereitstellen (vorsehen) will, erscheint bloß wie ein Hellseher, wenn er schreibt: "the penalities foreseen in the regulation" ("vorhergesehene Strafen") anstatt "the penalties provided for in the regulation". ("vorgesehene Strafen").
  • "in the frame of": Die (völlig überflüssige) deutsche Floskel "im Rahmen von" gibt es im Englischen nicht.
  • "perspective": Das ist im Englischen - wie im Deutschen - ein Standpunkt und eine Sichtweise, aber keine Zukunftsaussicht oder ein Szenario à la "ökonomische Perspektiven".
  • "state aids": Ein krankes Beispiel, wie schon einmal erwähnt. Wer Hilfszahlungen sagen will, darf sie einfach niemals mit "aids" übersetzen, sondern muss es bei "aid" belassen.

Wie jedes Jahr haben Statista und das Allensbach Institut für Demoskopie auch 2013 die Selbsteinschätzungen der Englischkenntnisse aller Deutschen (über 14 Jahre) ermittelt. Demnach glauben…

1. knapp sieben Millionen Deutsche, sehr gut Englisch zu können.
2. rund 38 Millionen Deutsche, so gut wie kein Englisch zu können.
3. fast 20 Millionen Deutsche (zu denen ich mich zähle), Englisch "ziemlich gut" zu können.

Sagenhaft, wie viele Deutsche ihr Englisch in fünf Jahren verbessert haben wollen (siehe Grafik). Auch nach einer Studie einer internationalen Sprachschule geht es leicht bergauf mit den Englischkenntnissen der Deutschen - in vielen anderen Ländern steigt das Niveau aber stärker.

In den vergangenen Monaten bin ich oft gefragt worden, warum ich diese Kolumne schreibe. Ganz klar für alle über und unter 14. Und besonders für jene, die das Englische für eine Bedrohung des Deutschen halten. Sie scheinen zu vergessen, dass auch wir Einfluss auf das Englische haben.

Beweisfoto: Neuland liegt in Hamburg, nicht im Internet
Jochen Leffers

Beweisfoto: Neuland liegt in Hamburg, nicht im Internet

So bezeichnete Angela Merkel das Internet im vergangenen Sommer als "Neuland". Das gab sogleich ein großes Hallo im Netz, auch Amerikaner und Briten griffen "Neuland" dankbar auf - nun gewissermaßen der offizielle deutsche Beitrag 2013 zur englischen Sprache.

Auch startete 2013 in Deutschland der amerikanische Chauffeurdienst www.uber.com - ein Wort, das sich direkt aus dem deutschen "Über" ableitet und nach dem Import von "Übermensch" seit einigen Jahren wie ein sprachlicher Geschmacksverstärker wirkt: Merkel is an Ubereuropean. And Gabriel? I guess, Uberschroeder.

Ich verstehe wirklich nicht, warum etwa der Verein Deutsche Sprache so sehr gegen das Englische im Deutschen kämpft: Er ist gegen englische Idiome wie "am Ende des Tages" ("at the end of the day") und gegen Anglizismen wie "Laptop", aber wählt zugleich zur "Schlagzeile des Jahres 2013" den originellen englischen Satz "Yes, we scan", von der "Bild"-Redaktion aus dem Netz geklaubt.

So wünsche ich mir am Ende des Tages, des Jahres und des Textes auch im nächsten Jahr so viel Kritik und Vorschläge von Ihnen, liebe Leser, wie schon 2013. An dieser Stelle: Many thanks! Auf dass Sie zum Jahreswechsel im Englischen immer den richtigen Ton treffen - und falls Sie über Ihre Vorsätze überhaupt öffentlich sprechen wollen, vergessen Sie nicht: Man sagt nicht "intentions" oder "intents", sondern viel bedeutungsvoller "resolutions".

Good slide!
Glückliches neues Jahr!

  • KarriereSPIEGEL-Autor Peter Littger sammelt in seiner "Fluent English"-Kolumne die schönsten Englisch-Patzer und Beispiele für sprachliche Kreativität. Ihn beschäftigt seit der Schulzeit, wie wir Deutschen im Ausland ankommen und mit fremden Sprachen und Sitten umgehen. 1990 gründete er im englischen Internat Dover College die "European Party" und erlebte erstmals, wie es sich anfühlt, den völlig falschen Ton zu treffen. Heute kennt er viele kleine Kulturschocks:
  • als Mitarbeiter einer Londoner Unternehmensberatung...
  • und als Vorsitzender der ältesten Deutsch-Britischen Stiftung.

insgesamt 170 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wsimon 20.12.2013
1. optional
Ihr (der Spiegel) wisst ja nicht was ihr da schreibt!! Die Deutschen können kein Englisch? Haaaa, die meisten können ja nicht einmal Deutsch. Habt ihr ein Face-Book Account? Wenn ja gebt euch mal den grammatikalischen Wahnsinn der dort abläuft. Ganz schlimm ist es in meinem "Gastland" Österreich. Also setzt euch wieder hin, und lächelt einfach drüber. Auf jeden Fall sprechen mehr Deutsche Englisch als Engländer Deutsch !
großpatzer 20.12.2013
2. My English
Sorry, but my English ist not the yellow from the egg!
TheGossip 20.12.2013
3. Unkritisches Selbstbewusstsein
Ich habe einige der angeführten Beispiele mal bei translate.googlr.com getestet, wo die Fehler vermieden wurden. Wer öffentlich-relevante Texte ohne diesen Sicherheitscheck herausgibt, ist nicht mehr zu retten.
tschenzi 20.12.2013
4. aha
"[...] Auch Menschen mit ganz anderen Berufen und in ganz anderen Situationen sagen manchmal auf Englisch wirre Sachen, selbst wenn sie (wie Thomas Müller) das Abitur bestanden haben. [...]" Echt? Kann das vielleicht daran liegen, dass man das Abitur tatsächlich auch ohne Englisch als Fremdsprache bestehen kann? Vielleicht in einer anderen Fremdsprachenkombination? Ich weiß schon. Es ist eine Kolumne. Ja. Sie soll zum schmunzeln sein. Trotzdem. Es liest sich für mich ziemlich arrogant.
MaxHeadram 20.12.2013
5. Agreed
My english is also under all pig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.