Von wegen Lebenssinn und Leidenschaft Manifest für mehr Ehrlichkeit im Job

Arbeit hat nichts mit Erfüllung oder Spaß zu tun. Und Firmen wollen auch nicht die Sinnsuche ihrer Mitarbeiter voranbringen - sondern Produktivität. Arbeitgeber, die das offen zugeben, hätten Respekt verdient.

Kollegen am Arbeitsplatz
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Kollegen am Arbeitsplatz

Von Volker Kitz


Es ist Zeit, die Märchenstunde zu beenden. Erfüllung, Selbstverwirklichung, Herausforderung, nette Menschen, nicht weniger als den Sinn des Lebens - all das soll Arbeit heute bieten, wenn es nach Stellenanzeigen, Personalern oder Zeitschriftenartikeln geht. Wir glauben es - und leiden! Wenn Arbeit so toll ist, warum werden wir dann dafür bezahlt?

Mythen wie diese sind schädlich, sie zerstören die Lust an der Arbeit und die Produktivität gleich mit. Jedes Kind wüsste nach zwei Tagen Praktikum, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Auch wir tun uns einen Gefallen, wenn wir ehrlicher mit der Realität umgehen. Denn wie alle Lügen fordern die Märchen der Arbeitswelt Zeit und Kraft, um aufrechterhalten zu werden: Wir inszenieren Leidenschaft, Wichtigkeit, Betriebsamkeit. Wir inszenieren die Arbeit - statt sie zu machen. Was bleibt, sind Erschöpfung, Enttäuschung. Und ein Unternehmen, das zu sehr davon schwärmt, wie toll die Arbeit ist, will sich vielleicht einfach davor drücken, über eine angemessene Bezahlung zu reden.

Doch wer als Arbeitgeber ehrlich spricht, statt zu faseln, überrascht seine Mitarbeiter und gewinnt ihren Respekt. Wahrheit entwaffnet, lässt Widerstände schwinden. Mitarbeiter werden gelassener zur Arbeit kommen; die Produktivität steigt mit der Stimmung.

Motivation durch Ehrlichkeit - wie klingt das? Was müsste ein Unternehmen seinen Mitarbeitern sagen? Hier ist ein

Manifest für ehrliche Arbeit

1. Dieser Betrieb wurde nicht erfunden, um euch mit der Arbeit zu beglücken, sondern um ein Produkt oder eine Dienstleistung für die Gesellschaft hervorzubringen - und damit euren und unseren Lebensunterhalt zu erwirtschaften.

2. Was ihr zu tun habt, ist im Großen und Ganzen vorgegeben. Es geht um ein gemeinsames Ergebnis, nicht darum, dass jeder seine persönlichen Vorstellungen verwirklicht.

3. Eure Arbeit ist meist Routine, sie wiederholt sich. Deshalb seid ihr so gut darin.

4. Eure Arbeit hat einen Sinn für die Gesellschaft, denn sie befriedigt ein gesellschaftliches Bedürfnis. Deshalb gibt es eine Nachfrage nach dem, was wir tun. Es ist nicht Aufgabe der Arbeit, eurem Leben einen Sinn einzuhauchen, den es ohne sie nicht hat. Für den Sinn eures Lebens seid ihr selbst verantwortlich.

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Volker Kitz:
Feierabend!

Warum man für seinen Job nicht brennen muss. Streitschrift für mehr Gelassenheit und Ehrlichkeit im Arbeitsleben

Fischer Taschenbuch Verlag; 96 Seiten, 8 Euro

5. Es ist nicht nötig, dass ihr vor Leidenschaft vibriert. Entscheidend ist nicht, wie engagiert und leidenschaftlich ihr arbeitet - sondern, wie gut. Das sind unterschiedliche Messgrößen.

6. Bei der Arbeit stoßt ihr nicht nur auf liebenswürdige Menschen, sondern auf die gesamte Bandbreite der Gesellschaft. Auch weniger nette Menschen müssen ihren Lebensunterhalt verdienen. Damit klarzukommen, ist Teil der Aufgabe.

7. Niemand ist unersetzlich, niemand kann und muss die Welt alleine retten. Wir schätzen die Masse der normalen Menschen, die jeden Tag normal ihre Arbeit macht, ohne Trara und Getöse, ohne Theaternebel und heiße Luft. Ihr seid es, nicht die anderen, die unsere Organisation am Laufen halten. Ihr seid es, die den Unterschied ausmachen.

8. Dafür werdet ihr bezahlt. Arbeit ist ein Tausch von Zeit gegen Geld. Wir bezahlen euch angemessen im Hier und Jetzt für die Arbeit, die ihr hier und jetzt leistet. Wir vergüten gleiche Arbeit mit gleichem Lohn. Wir erwarten nicht, dass ein Mensch mit einem Gehalt die Arbeit von dreien erledigt. Wir versprechen euch nicht den Sinn, wohl aber den Unterhalt eures Lebens. Wer Vollzeit arbeitet, muss vom Lohn für seine Arbeit leben können.

9. Wie wir euch nicht den Lebenssinn schenken, müsst ihr uns nicht euer Leben schenken. Ihr müsst unser Unternehmen nicht zu eurem Lebensinhalt machen. Wir erwarten, dass ihr uns eure Arbeitszeit überlasst wie vereinbart - und während dieser Zeit arbeitet, statt Urlaub zu buchen.

Herausforderungs-Blabla: Lasst uns endlich über Routine sprechen
  • Getty Images
    Selbst die ödesten Schreibtischjobs werden in Stellenanzeigen heute als Herausforderung angepriesen. Blödsinn. Die meisten Berufe bestehen aus langweiliger Routine.
  • Dazu sollten wir endlich stehen.

Was leicht klingt, ist ein revolutionärer Schritt in der Personalführung. Im angesagten Business-Sprech würde man es "Disruptive Leadership" nennen, den radikalen Bruch mit Überkommenem. In der Psychologie gibt es dafür einen zeitlosen Fachbegriff: "paradoxe Intervention". Sie hat Macht und Wirkung.

Lasst uns dieses Manifest ausdrucken, in unsere Büros, Geschäfte und Fabriken hängen, es bei Vorstellungsgesprächen auf den Tisch legen. In Stellenanzeigen schreiben! Denn wenn wir die Wahrheit umarmen, schenkt sie uns Frieden. Jeder darf für seine Arbeit brennen. Doch nur wer es nicht muss, kann wahrhaft zufrieden werden, produktiv und gesund.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss".

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
marty_gi 13.04.2017
1. Beruf....
Schon allein das Wort "Beruf" in der deutschen Sprache ist irrefuehrend. Wer fuehlt sich denn heute noch wirklich "berufen" zu dem, was er macht, um Geld fuer seinen Lebensunterhalt zu bekommen. Da geht es los mit der Unehrlichkeit.
fatfrank 13.04.2017
2. Die Nummern...
2 und 3 erodieren wohl im 21. Jahrhundert langsam. Zum Glück muss man sagen. Ein Teil von Nr. 8 ist ein schlechter Witz: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Selten so gelacht. Gruß an alle Frauen! Und mit der aufkommenden Erkenntnis, dass die Gesamtproduktivität schon für ein BGE ausreicht, stellt sich ohnehin die Frage: Wird Arbeit in Zukunft hauptsächlich als "Erwerbsarbeit" verstanden - oder gibt es noch andere Formen?
keine-#-ahnung 13.04.2017
3. Verdammte Axt!
Ausgerechnet auf SPON ... ich könnte bis zum letzten Komma alles unterschreiben. Insbesondere die Foristen, deren Job die Anforderung nach #4 nicht wirklich erfüllt, werden natürlich laut nach dem bedingungslosen Grundeinkommen barmen!
isar56 13.04.2017
4. Nachvollziehbar und ehrlich
... ja! Was fehlt ist die sogenannte Fürsorgepflicht der Arbeitgeber. Ich engagiere mich gerne in meinem (sozialen) Beruf, trotz unangemessener Bezahlung. Die Arbeitsbedingungen bezeichne ich als belastend (bei 33 Grad Hitze in den Räumen im Sommer, 11 qm "Kammer" in der ich mich gerade mal umdrehen kann, billige, lustlose Reinigungskräfte, die während vertraulichen Gesprächen mit belasteten Familien in den Raum kommen, um den Paperkorb zu leeren, hellhörige Bauweise, alles Inventar vom Billigsten, Sparzwang) . Ich sehe mich als Dienstleister, der für sein Einkommen eine möglichst gute Arbeitsleistung, freundlich und respektvoll im Umgang mit Menschen, erbringt. Der Arbeitgeber kommt jedoch m.E. nicht seiner Fürsorgepflicht nach. Ich erwarte keinen Luxus. Aber gute Arbeitsbedingungen sind Voraussetzung für gute Leistung .
keine-#-ahnung 13.04.2017
5. Unterhalten Sie sich ...
Zitat von isar56... ja! Was fehlt ist die sogenannte Fürsorgepflicht der Arbeitgeber. Ich engagiere mich gerne in meinem (sozialen) Beruf, trotz unangemessener Bezahlung. Die Arbeitsbedingungen bezeichne ich als belastend (bei 33 Grad Hitze in den Räumen im Sommer, 11 qm "Kammer" in der ich mich gerade mal umdrehen kann, billige, lustlose Reinigungskräfte, die während vertraulichen Gesprächen mit belasteten Familien in den Raum kommen, um den Paperkorb zu leeren, hellhörige Bauweise, alles Inventar vom Billigsten, Sparzwang) . Ich sehe mich als Dienstleister, der für sein Einkommen eine möglichst gute Arbeitsleistung, freundlich und respektvoll im Umgang mit Menschen, erbringt. Der Arbeitgeber kommt jedoch m.E. nicht seiner Fürsorgepflicht nach. Ich erwarte keinen Luxus. Aber gute Arbeitsbedingungen sind Voraussetzung für gute Leistung .
... angelegentlich mal mit Jemanden, der Fachmann für "belastende Arbeitsbedingungen" und Arbeit überhaupt ist - tendenziell würde ich als Gesprächspartner einen Tiefbauarbeiter empfehlen. Wenn man darauf verzichtet, sich für einen Job zu qualifizieren, der ein grösseres und besser ausgestattetes Büro garantiert, muss man nicht über unangemessene Bezahlung und fehlende Fürsorgepflichten eines Arbeitgebers sinnieren. Wenn man sich als Dienstleister sieht, sollte man auch unter m.E. durchaus zumutbaren Bedingungen seinen Dienst leisten ...
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