Die Sigmar-Gabriel-Strategie Sollte man Karriere-Entscheidungen verheimlichen?

Sie wollen sich beruflich verändern: Holen Sie sich Rat bei Kollegen? Sigmar Gabriel tat das nicht, er ging erst an die Öffentlichkeit, als seine Entscheidung feststand. Leider geht es heute kaum noch anders.

Sigmar Gabriel
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Sigmar Gabriel

Von Karrierecoach


Die Nachricht war so geheim, dass sie, so wird es berichtet, nicht mal sein Stellvertreter kannte: Sigmar Gabriel kündigte seinen Abgang als Parteivorsitzender und seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur per Medieninterview an.

Abgesehen von dem neuen Kandidaten Martin Schulz wirkte die SPD-Spitze völlig überrumpelt. Offenbar hat Gabriel seine Bombe ganz bewusst öffentlich gezündet - damit die Nachricht gesteuert von außen nach innen dringen konnte, statt zu ungewisser Zeit von innen nach außen.

Geheimniskrämerei vor wichtigen Karriereentscheidungen, dieses Phänomen greift in den Firmen immer mehr um sich, offenbar auch als Notwehr gegen die Durchstecherei. Zwar gibt es den Flurfunk so lange wie es Büroflure gibt, doch neu ist, dass der Adressat mittlerweile die ganze Welt ist - die in Sekunden erreicht werden kann: Sogar aus laufenden Sitzungen flutschen Informationen hinaus ins Netz.

Wechselgerüchte auf Facebook ausgeplaudert

Mehrfach schon habe ich erlebt, wie Menschen dafür bestraft wurden, dass sie ihre Wechselpläne mit anderen Arbeitskollegen besprochen hatten. Mal tauchte in einem Branchenblog die Nachricht auf, dass es Wechselgerüchte um einen bestimmten Computerexperten gebe - er hatte mit zwei Kollegen vertraulich darüber geredet. Mal plapperte ein Sachbearbeiter auf Facebook aus, dass sein Sommerurlaub wohl platze, da sein Arbeitspartner mit Wechselgedanken spielt - und ein Dutzend Menschen wusste sofort, wer gemeint war.

Das Rollenverständnis vieler Arbeitskollegen hat sich in eine groteske Richtung entwickelt: Sie sehen sich immer weniger als vertrauliche Gesprächspartner und immer mehr als investigative Reporter, die eine Neuigkeit sofort ausrufen müssen, idealerweise auf dem digitalen Marktplatz. Es lockt eine stattliche Belohnung: Wer eine neue Nachricht verbreitet, erlangt Wichtigkeit. Oder haben sich so viele an den schnellen Austausch über soziale Netzwerke gewöhnt, dass sie womöglich manchmal gar nicht merken, was sie mit einem Post oder einem Tweet anrichten?

Wenn dann jemand die Informationshoheit über seine Kündigung oder einen Wechsel verliert, andere seine Absicht also vor ihm kommunizieren, wird derjenige dadurch zur lahmen Ente. Wer ihm auf dem Flur begegnet, setzt ein überlegenes Grinsen auf. Die Macht der Mitwisser erzeugt beim entblößten Entscheider eine Ohnmacht. Spekulationen kommen auf: Wer weiß alles davon? Was denken, was reden die anderen? Geht er wirklich freiwillig? Oder wollen ihn andere aus der Firma drängen? Es wird schon seine Gründe haben, dass die Nachricht nicht von ihm kommt!

Welche Außenwirkung wäre wohl entstanden, wenn die Information über Gabriels Rückzug aus Parteikreisen durchgestochen worden wäre? Ich vermute den Tenor: "Gabriel von Parteifreunden zum Rückzug gedrängt."

Alleingänge sind verständlich - aber gefährlich

Was lässt sich daraus für den eigenen Umgang mit Karriere-Informationen ableiten? Es empfiehlt sich, Vertrauliches nur mit echten Vertrauten zu besprechen. Und solche Freunde finden sich vor allem im Privatleben. Am Arbeitsplatz ist der Mitteilungsdrang oft stärker als die Loyalität. Dort gibt es nur noch einen vertraulichen Raum, auf den keiner Zugriff hat: den eigenen Kopf.

Doch diese Verschwiegenheit fordert einen hohen Preis: Sie kostet die Chance auf einen hilfreichen Austausch, der die Qualität einer Entscheidung erhöhen könnte. Zum Beispiel sind viele Management-Beschlüsse weltfremd, weil sie immer öfter im Alleingang vom obersten Geschäftsführer getroffen werden - aus Sorge vor Durchstecherei und darauf folgenden machtpolitischen Spielchen. Dabei hätte der frühzeitige Austausch neue Ideen, Perspektiven und Informationen bringen können.

Alleingänge des Managements schaden zudem der Motivation des Teams: Werden Kollegen oder Mitarbeiter von Entscheidungen überrascht, fühlen sie sich ausgegrenzt und überrollt.

Und so schließt sich der Kreis des Misstrauens am Arbeitsplatz: Keiner traut keinem mehr. Aber wer sich von Spionen umgeben fühlt, hat schon das Land der Paranoia betreten. Die Menschen haben Angst, sie wachsen nicht.

Daher brauchen wir ein neues Klima in den Firmen: Vertraulichkeit statt Geschwätzigkeit, Offenheit statt Öffentlichkeit.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
unaufgeregter 08.02.2017
1. Wieso Geheimniskrämerei?
Noch entscheide ich, wo und was ich arbeiten möchte. Diese Enscheidung würde ich höchstens mit meiner Familie diskutieren. Den Rest der Welt geht es einfach nichts an. Man kann über Gabriel viel mosern, aber was er jetzt gemacht hat, finde ich okay.
alternativloser_user 08.02.2017
2. ...
Oder man sollte sich einfach mal klarmachen, dass die Leute auf der Arbeit eben KEINE Freunde sind, sondern nur Kollegen und dass dort im Zweifel jeder immer zuerst an sich und seine Familie denkt. Man kann ja ruhig freundlich und professionell im Beruf miteinander umgehen und zeigen dass man seine Kollegen wertschätzt, doch für einen selbst persönlich wichtige Dinge sollte man doch besser im Familien/Freundeskreis besprechen.
andraschek 08.02.2017
3.
"Sie sehen sich immer weniger als vertrauliche Gesprächspartner und immer mehr als investigative Reporter, die eine Neuigkeit sofort ausrufen müssen, idealerweise auf dem digitalen Marktplatz." Das war doch noch nie anders, es gab schon immer Menschen die fast geplatzt sind bis sie endlich die Neuigkeit verbreiten konnten. Nur der Wirkungskreis ist größer geworden und mal ehrlich, wer seine Wechselpläne mit Kollegen bespricht bevor sie unter Dach und Fach sind ist selber schuld.
Jimbofeider 1 08.02.2017
4. Bären
Man kann das Fell des Bären erst dann zerteilen wenn er erlegt ist. Davor auf der Pirsch ist man gut beraten wenn man sich ruhig verhält. Nichts neues, das war schon immer so!
herr wal 08.02.2017
5. Sir Vival of the Fittest
Kein Widerspruch von mir. Das war aber vor 30 Jahren auch nicht anders. Tratschmäuler gab es schon immer. Aber klar, mit dem SmartMouth reichen sie weiter. Auch nach erfolgter Kündigung ist übrigens Verschwiegenheit angesagt, weil die Gerüchte schneller am neuen Arbeitsplatz sind als der Mitarbeiter. Aber das einsame Wolfstum hat ja auch seinen Reiz. Wer weder konventionelle noch alternative Fakten diskutieren kann, ist ganz auf seinen Bauch zurückgeworfen. Manche nennen es auch Instinkt, behaupten, es sei ein vergessenes Erbe unserer tierischen Vorfahren und sitze in der Nase. Und so fühlen wir uns wieder ein bißchen näher an Mother Nature. Da, wo kein gefaketer sogenannter Sozialdarwinismus stattfindet, sondern das ursprüngliche, frische Sir Vival of the Fittest.
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