Jobbörse für Flüchtlinge Endlich arbeiten

4000 Flüchtlinge treffen auf 200 Unternehmen: In Berlin findet die wohl bisher größte Jobbörse für Asylsuchende statt. Schnell ist klar, was die größte Hürde ist.

Besucherinnen der Jobbörse für Flüchtlinge in Berlin
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Besucherinnen der Jobbörse für Flüchtlinge in Berlin

Von Maximilian Gerl


"Wenn du ein Jahr lang nicht dein Gehirn benutzen kannst, fühlst du dich wirklich schlimm", sagt Richard. Früher durfte er es benutzen, aber das liegt eine gefühlte Ewigkeit zurück. Damals arbeitete er in Kenia als Buchhalter und Englischlehrer. Irgendwann ging das nicht mehr, sagt er, warum, das möchte er nicht sagen. Auch seinen Nachnamen will er lieber nicht nennen.

Richard floh nach Deutschland, knapp über ein Jahr ist das jetzt her. Die Zeit vergeht langsam, wenn man nichts zu tun hat. Nichts als warten, bis der Asylantrag endlich bearbeitet wird. Richard sagt, je eher er einen Job finde, umso besser.

Es ist Montag, es ist voll, es ist laut, man hört Deutsch, Englisch, Arabisch und viele Sprachen mehr. In einer Halle des Berliner Hotels Estrel findet eine Jobbörse für Flüchtlinge statt. Die Messe dürfte die bislang größte ihrer Art sein: rund 200 Unternehmen, Stiftungen und Hochschulen haben ihre Stände aufgebaut, mehr als 4.000 Asylsuchende wie Richard sind gekommen. Sie alle wollen endlich einen Job oder einen Ausbildungsplatz finden, endlich arbeiten.

Tatsächlich funktioniert das noch zu selten. Die Integration in den Arbeitsmarkt gilt zwar als "Königsweg" der Integration: Nur wer arbeitet, kann sich ganz in eine Gesellschaft einfügen, mit allen Rechten und Pflichten. Doch viele Asylsuchende finden keine Arbeit, Unternehmen klagen über bürokratische Hürden. Die Bundesagentur für Arbeit warnte schon vor einem langwierigen Prozess: Bis die Mehrheit der Flüchtlinge eine Stelle habe, könne es bis zu 15 Jahre dauern.

Bewerbungsformulare liegen aus

Arbeitsverträge gibt es zwar auch auf der Jobbörse nicht, hier kommen aber wenigstens mal beide Seiten schnell miteinander in Kontakt. Die Unternehmen stellen sich vor und zeigen, welche Praktika, Ausbildungsberufe und Jobs sie im Angebot haben. Die Asylsuchenden können sich informieren und oft sogar gleich bewerben: Überall liegen mehrsprachige Formulare aus, teils mehrere Seiten lang. Name, Alter, Herkunft, Aufenthaltsstatus, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung, Zeugnisse, Führerschein - die Firmen wollen sich später genau ansehen, wen sie vielleicht zum Vorstellungsgespräch einladen.

Richard geht jede Reihe in der Halle ab und sieht sich die Stände genau an. "Die Messe ist eine gute Idee", sagt er auf Englisch, Deutsch kann er nur ein paar Brocken. Hier gäbe es all die Informationen, nach denen er sonst lange suchen müsste. "Und manches findet man nicht einmal im Internet."

Richard sieht für sich zwei Optionen. Entweder finde er wieder einen Job als Buchhalter oder Englischlehrer, sagt er: Oder er finde einen Studienplatz, um sich weiterzubilden. Manche Hochschulen bieten extra Stipendien für Flüchtlinge an. Am Stand einer privaten Berliner Uni lässt sich Richard ein solches Programm erklären: Welchen Abschluss er danach hat? Welche Kosten durch das Stipendium gedeckt sind? Gibt es Wohnheime für die Studenten? Nach einer Viertelstunde bedankt sich Richard und nimmt einen Flyer mit. "Bald habe ich ein Vorstellungsgespräch", sagt er hoffnungsvoll.

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Kotrach Jahal ist da schon weiter. Der Syrer arbeitet inzwischen für die OpTecBB, ein Netzwerk von Firmen und wissenschaftlichen Einrichtungen in Berlin und Brandenburg, die sich mit optischen Technologien beschäftigen - Laser, Sensorsysteme, so etwas, erklärt Jahal. Er ist Elektroingenieur.

Die Menschen, die heute an seinen Stand kommen, kann er in zwei Gruppen einteilen: "Die einen wissen sehr genau, was sie wollen und was sie dürfen." Den anderen müsse er zuerst die komplizierten Regeln in Deutschland erklären. Denn je nach Aufenthaltsstatus müssen Asylbewerber unterschiedliche Papiere nachweisen, außerdem Zeugnisse und andere Qualifikationen.

Nicht nur die Bürokratie macht die Sache kompliziert. Oft werden ausländische Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt - oder fehlen, weil sie auf der Flucht verloren gingen. Gerade im Handwerk müssen Asylsuchende daher meist ein Praktikum absolvieren, bevor sie Aussicht auf eine Anstellung haben. "Da sieht man dann recht schnell, wer Erfahrung hat", sagt Martina Rüsch von der Sanitär-, Heizung- und Klima-Innung Berlin.

Die größte Hürde aber heißt: Deutsch. Wer die Sprache nicht oder kaum beherrscht, hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. An fast jedem Stand weisen die Aussteller darauf hin, wie wichtig ihnen gute Deutschkenntnisse sind. "Deutsch ist einer der Hauptgründe, warum es mit einer Stelle nicht klappt", sagt Rüsch. Auch Jahal sagt: "Die Sprache ist mit das größte Problem. Die Jobsuche ist ein harter Wettbewerb."

Richard hat inzwischen einige Flyer gesammelt, er steckt sie in seinen Rucksack. Richard weiß, es wird schwer, eine Arbeit zu finden, sein Deutsch ist ja nicht so gut. Trotzdem will er es versuchen. Er muss es versuchen. Immer nur dasitzen und nichts tun, sagt er wieder: Das sei nichts für ihn.

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