Eine Geldtransport-Fahrerin erzählt "Ich weiß, dass immer etwas passieren kann"

Sie transportiert große Summen Geld, schleppt Hunderte Kilo Münzen und muss mit einer Waffe umgehen können - um sich im Notfall zu schützen: Eine Geldtransport-Mitarbeiterin berichtet von ihren Fahrten im Panzerwagen.

Geldtransport durch einen Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma (Symbolbild)
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Geldtransport durch einen Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma (Symbolbild)


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Uniform anlegen, Waffe abholen, Dienstausweis einstecken: Damit beginnt für mich der Tag als Geldtransport-Fahrerin. In der Sicherheitszentrale bekomme ich außerdem eine Tourentasche ausgehändigt. Dann gehe ich den Tourenplan im Pausenraum mit meinen Kollegen durch. Wir prüfen, ob die Route so machbar ist, dann geht's auch schon rauf auf den Panzer und rein in die Schleuse.

Die Schleuse ist wie eine große Garage, nur viel besser gesichert. Hier fahren wir mit unserem gepanzerten Auto hinein und laden Schlüssel und Wertsachen für die Route ein. Ich mache meistens Fahrten zu Geldautomaten. Dafür nehmen wir fertig bestückte Geldkassetten mit.

Es gibt außerdem Handelsrouten. Hier liefern wir Wechselgeld für den Einzelhandel aus und nehmen die Tageseinnahmen mit. Und die sogenannte Wertelogistik. Da transportieren wir Uhren, Schmuck oder Gold. So kommen schnell Millionenbeträge zusammen. Unser Job ist deshalb natürlich riskant. Man liest ja immer mal wieder von Überfällen auf Geldtransporter. Oder davon, dass Automaten gesprengt werden.

Wir sichern uns gegenseitig ab

Bei der Bestückung von Geldautomaten sind wir deshalb grundsätzlich zu dritt. Einer fährt, einer bringt das Geld zum Automaten, einer sichert den Kollegen oder die Kollegin ab. Meistens geh ich als Erste aus dem Auto und schaue: Ist hier irgendwas merkwürdig, wirkt etwas verdächtig. Dann holt mein Kollege die Kassetten aus dem Wagen und ich sichere ihn auf dem Weg zur Bank ab.

Während ich die Automaten bestücke, hält wiederum mein Kollege Wache. Wir haben alle Funkgeräte, damit wir uns gegenseitig im Notfall warnen können. Auch wenn unser Fahrer etwas Verdächtiges sieht, sagt er Bescheid. Die Waffe dürfen wir nur im Notfall ziehen. Gebraucht habe ich sie zum Glück noch nie. Aber es ist gut zu wissen, dass sie da ist. Angst habe ich nicht. Aber ich bin mir des Risikos bewusst, ich weiß, dass immer etwas passieren kann.

Spaß macht mir der Job trotzdem. Ich mag den technischen Aspekt, die Arbeit an den Automaten. Ich reparier auch mal etwas, wenn's am Automaten klemmt oder hakt.

Viele Scheine statt Ausbildung

Eine richtige Ausbildung gibt es für meinen Beruf nicht. Im Prinzip kann das jeder machen, der eine einwandfreie Schufa hat, ein sauberes Führungszeugnis und mindestens drei Jahre den Führerschein.

Bei der Industrie- und Handelskammer muss man noch fünf Tage Unterricht nehmen, dann gibt es den sogenannten 34a-Schein. Der ist nötig, um im Bewachungsgewerbe zu arbeiten.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Den Rest lernt man direkt im Job und macht an drei Tagen noch den Waffenschein. Dafür gibt es zwei Tage Theorieunterricht. Danach habe ich eine Prüfung geschrieben und auf dem Schießplatz trainiert. Nach ein paar Durchläufen mit einem Revolver und einer Pistole sollte man die Scheibe treffen. Ich kenne niemanden, der das nicht geschafft hat.

Alle drei Monate auf den Schießplatz

Profischützen sind wir natürlich nicht. Den Umgang mit der Waffe trainieren wir weiter und müssen einmal pro Quartal zu Schießübungen gehen.

Am Anfang durfte ich nur den Geldtransporter fahren. Seit ich den Waffenschein habe, gehe ich bei unseren Touren immer raus aus dem Wagen und nehme die Ware an oder liefere sie aus, also das Geld oder den Schmuck.

Neben den Anfängern nehmen außerdem die Leiharbeiter hinterm Steuer Platz. Das ist ein Problem in der Branche: dieser ständige Personalwechsel in einem doch sehr sensiblen Bereich. Aber wir sind einfach zu wenig Mitarbeiter, und es kommen auch kaum Leute nach.

Wir werden nicht wertgeschätzt

Für unsere Arbeit bekommen wir kaum Wertschätzung. Dabei ist das nicht nur ein gefährlicher, sondern auch körperlich anspruchsvoller Job. Man weiß abends, was man gemacht hat, wenn man 600 Kilo Hartgeld geschleppt hat. Manch einer meint deshalb auch immer noch, der Beruf sei nichts für Frauen. Aber das hält mich nicht ab.

Was echt nervt, sind die Bedingungen im Alltag. Wir müssen oft mit defekten Materialien arbeiten, das hält uns wahnsinnig auf. Etwa wenn der Drucker mal wieder kaputt ist und wir die Geldannahme handschriftlich quittieren müssen. Oder wenn der Scanner sich aufhängt, mit dem wir den Barcode an der Plombe der Geldkassette einlesen.

Warnstreik für mehr Geld

Unsere Arbeitgeber verspricht uns seit Jahren ein neues Gerät, doch es passiert nichts. Überhaupt nimmt er alles wie selbstverständlich hin: Die Überstunden, die wir immer häufiger leisten. Zehn-Stunden-Routen sind mittlerweile normal. Und die Arbeit wird immer dichter. Wir sollen mehr schaffen in kürzerer Zeit.

Dafür bekommen wir im Osten 12,64 Euro Stundenlohn. Im Westen sind es je nach Bundesland bis zu 16,53 Euro brutto. Im Moment sind wir im Warnstreik für mehr Lohn. Wir gehen zwar jeden Tag mit Geld um. Aber ich finde, wir selbst bekommen nicht genug davon, wenn man mal bedenkt, was wir täglich leisten und riskieren."

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Seite 1
sober 03.01.2019
1.
Eine sehr schöne Serie, immer wieder lesenswert. Man merkt mit der Zeit, dass verdammt viele Branchen trotz Personalknappheit skandalös schlecht bezahlt werden. Auch dort, wo doch eigentlich mehr als genug Kohle vorhanden ist, etwa im Hotelgewerbe oder eben auch bei den Sicherheitsdiensten, die ja oft dort eingesetzt werden, wo immense Werte zu bewachen sind.
Oliver Sprenger de Montes 03.01.2019
2.
Hier in Kolumbien dachte ich beim ersten Mal, es sei was passiert. Plötzlich tauchten vier Typen auf, zwei mit Pumpguns und zwei mit großen Revolvern - alle ungesichert im Anschlag - und dazwischen rannten dann zwei Typen mit der Geldkassette dazwischen, mit Handschellen an die Handgelenke gekettet, zum Vordereingang der Bank in einem großen Einkaufszentrum. Sah doch seeeehr martialisch aus. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Die sehen nicht so aus, als würden sie lange zucken, wenn es doch mal einer versucht …
materialist 03.01.2019
3. Frechheit
Für diesen Job sind 12,64 eine Frechheit ich bin nicht für jeden Streik wenn zB.die Piloten sehe aber den Geldtransportern kann ich nur sagen zieht das Ding durch bis es kracht.
Andre V 03.01.2019
4.
Die Beschreibung über den Umgang mit der Waffe klingt etwas naiv - vorsichtig formuliert. Angenommen, jemand will den Geldboten (m/w/d) überfallen, dann ist man mindestens zu zweit. Denn vor jedem Aldi oder jeder Sparkasse sieht man die Geldboten auch immer zu zweit. Und dann hat man seine eigene Waffe längst gezogen. Bis ein Geldbote dann sein Holster aufgeknöpft hat, die Waffe gezogen, durchgeladen und "Halt, stehen bleiben, oder ich schieße" sagt, sind die Räuber längst in Südamerika. Ich würde auch nie für ein bisschen Geld, das mir nicht einmal gehört, in einen Gunfight am O.K. Corral gehen. Von den Scherereien abgesehen, wenn man die Waffe tatsächlich mal benutzt und einen Täter - oder schlimmer: ein vorbeifahrendes Schulkind - erwischt.
kaltmamsell 03.01.2019
5. Die Begegnung mit Geld-Transport-Mitarbeitern in der Innenstadt ist
mir absolut vertraut. Ganz unauffällig in der Geschäftigkeit des großstädtischen Alltags verrichten sie ihre wichtige Tätigkeit. Alles low Key. Und das ist Teil ihres Jobs. Diese Leute bestücken nicht die Regale des stationären Einzelhandels mit Duschgel-Flaschen. Sie streiken zu Recht, denn diese Aufgabe ist nur deshalb so knapp über der Wahrnehmungsschwelle, weil das so sein muss. Auch das ist Teil der Leistung, die diese Profis erbringen und die auch angemessen vergütet werden muss.
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