Erfolgreiche Spinner Auf dem Eso-Trip

Die boomende Esoterik-Branche bietet neue Job-Möglichkeiten. Eine Tierkommunikatorin plaudert mit Ponys, eine Kräuterfee besingt Petersilie, ein Schamane trifft Lichtwesen auf Astralreisen. Hier erzählen sie, wie aus dem Hobby ihr Beruf wurde - und wie sie damit über die Runden kommen.

Von Anna Brüning


Als Catherin Seib, 31, dem Vater einer Freundin von ihrem Beruf erzählte, stand er einfach auf und ging. Wortlos. Tierkommunikatorin nennt sie sich und plaudert gegen Bezahlung mit Hunden, Katzen oder Vögeln. Herrchen und Frauchen schicken ihr per E-Mail Fotos ihrer Lieblinge, dann rufen sie Seib an - und unterhalten sich mit ihrem Tier. Mit Seib als Medium. "Das ist Gedankenübertragung, so blöd es auch klingt", sagt Seib. "Ich sehe Filmszenen und Bilder aus dem Leben des Tieres, spüre Emotionen und Schmerzen, manchmal höre ich eine Stimme."

So ein Tiergespräch kostet 70 Euro, gut zehn Telefonate führt Seib pro Woche. Einmal habe ihr ein Pony erzählt, dass die Besitzerin schwanger sei - und es habe gestimmt. Für Seib ein Beweis, dass die Gedankenübertragung funktioniert. Manchmal könne sie es selbst kaum fassen, sagt sie.

Zu dem skurrilen Job kam die gelernte Zootierpflegerin durch einen Fernsehbeitrag. "Ganz ehrlich: Ich habe gelacht und alles als völligen Unsinn abgestempelt", sagt die Stadthagenerin. Dann erzählte eine Nachbarin von ihren guten Erfahrungen mit einer Tierkommunikatorin - und Seib rief selbst bei der Frau an. "Sie wusste, bei wie vielen Menschen mein Hund vorher schon gelebt hatte und wie lange er tagsüber allein war, obwohl sie mich weder kannte noch vor Ort war. Das hat mich sehr berührt", erzählt Seib.

Ich höre was, was du nicht hörst

Man mag das alles für Mumpitz halten, wie auch bei anderen skurrilen Angeboten aus der deutschen Esoterik-Szene. Aber davon leben inzwischen nicht wenige Menschen. Catherin Seib hört Stimmen. Sie ist fest davon überzeugt, dass sie tatsächlich mit Tieren sprechen und ihnen sogar mit "Energieheilung" helfen kann. Da draußen gibt es Menschen, die ebenfalls fest daran glauben. Und dafür zahlen.

Also machte Seib aus der Tierkommunikation ihren Beruf und buchte Kurse, erst zwei Tage für 200 Euro, dann drei Tage für 345 Euro, schließlich der fünftägige Profikurs für 820 Euro - mit Zertifikat, das der Staat freilich nicht anerkennt. "Telepathie wird in unserer Gesellschaft ja leider nicht akzeptiert", so Seib. "Dabei schlummert das Talent in jedem von uns."

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Sonderbare Jobs: Berufe gibt's, die gibt's gar nicht
Mittlerweile bietet sie selbst Kurse zur Tierkommunikation an; ihr sei gar nichts anderes übrig geblieben als der Schritt in die Selbständigkeit. Denn kaum konnte sie mit den Tieren sprechen, beschwerten die sich bei ihr, etwa über die Lebensbedingungen. "Für mich wurde es unmöglich, so weiterzuarbeiten", sagt Seib. Sie kündigte ihren Job als Tierpflegerin in einem Wildpark, versuchte es als Pferdewirtin. Nach fünf Monaten die nächste Station: Tiertrainerin in einer Filmtierschule. Nach vier Monaten kündigte sie erneut: "Die Tiere wurden nirgends so behandelt, wie ich es mir gewünscht hätte."

Der Einstieg in die Vollzeit-Tierkommunikation sei dann einfacher gewesen als gedacht: "Ich hatte erwartet, dass mich mein Umfeld für völlig durchgeknallt hält, aber die meisten reagierten sehr positiv. Sogar die Bodenständigen erzählten von übersinnlichen Erfahrungen - all diese Dinge, die man sonst verschweigt, um nicht für verrückt gehalten zu werden."

25 Milliarden Euro Umsatz im "Sinnmarkt"

Nach Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Allensbach hält rund die Hälfte der Deutschen Gedankenübertragung für möglich, hat homöopathische Mittel eingenommen oder würde sich einem Geistheiler anvertrauen. Vor einigen Jahren stellte die Universität Hohenheim fest, dass rund 15 Prozent der Deutschen zu den "spirituellen Sinnsuchern" zählen. Und sie greifen dafür auch gern tief in die Tasche: 25 Milliarden Euro werden jährlich im deutschen "Sinnmarkt" umgesetzt, bald sollen es 35 Milliarden Euro sein, sagte Zukunftsforscher Eike Wenzel dem SPIEGEL.

Mit einer Mischung aus Heilpraktik und Spiritualität verdient auch Doris Fölster, 50, ihren Lebensunterhalt. Sie ist zertifizierte Kräuterpädagogin und steckte rund 1000 Euro in die einjährige Ausbildung. Das Restaurant, in dem sie 27 Jahre lang gearbeitet hatte, war gerade geschlossen worden - "ich wusste nicht, wie es weiter geht. Ich hatte noch nie eine Bewerbung geschrieben."

Sie lernte, wie man Pflanzen erkennt und verarbeitet. Weil sie schon immer gern singt und auf der Bühne steht, mixte sie die Kräuter kurzerhand mit Gesang und Schauspiel; heraus kam ein neuer Beruf: Kräuterfee.

Sie erzählt und singt, über Löwenzahn und Petersilie. Sie erklärt und reimt, im Samtkleid mit enger Korsage. Die gefalle vor allem den Männern, sagt Fölster. Sie lässt sich für Firmenevents buchen, auch vor Schulkindern ist sie schon aufgetreten und im Seniorenheim. In ihrem Programm geht es darum, wo Kräuter wachsen, wie sie schmecken und wirken, wen sie inspiriert haben. "Kräuter können glücklich machen", so Fölster. Ihren Gästen reiche sie gern Gänseblümchen-Tee. Für die gute Laune.

Mindestens 125 Euro verlangt sie pro Stunde, plus Fahrtkosten. 5 bis 15 Auftritte habe sie pro Monat, finanziell sei es "ein Auf und Ab". Ihre Freunde fragen sie manchmal, was sie denn vorhat, wenn es nicht klappt - "aber so weit denke ich gar nicht. Ich habe keinen Plan B. Es wird sich schon ergeben."

90 Euro für eine Einzelstunde beim Schamanen

Wenn Benjamin Maier, 29, nach seinem Beruf gefragt wird, dann sagt er "Lebensberater". Klingt nicht ganz so verrückt wie Schamane. In der Schule war er mit seinem Hang zur Esoterik ein Einzelgänger. "Nur die Mädchen fanden mich toll. Ich war mysteriös, so anders als die anderen", sagt Maier. Schon als Kind habe er gespürt, wenn es anderen schlecht ging.

Nach einem Philosophie- und Religionsstudium besuchte er eine Heilpraktikerschule; nichts brachte die gewünschte Erfüllung. Schließlich suchte er online nach jemandem, der ihm Aura-Chakra-Lesen beibringt. Dabei geht es um eine Ausstrahlung, die angeblich jeden Menschen umgibt, um Energiefelder, die Stärken und Schwächen, die Blockaden, Gefühle und Gedanken - so ungefähr. Mit präzisen Erklärungen tun sich Anhänger der Eso-Szene notorisch schwer, Rationalität ist nicht ihre Welt.

Im Web fand Maier seinen spirituellen Lehrer: "Ich hatte beim persönlichen Treffen sofort das Gefühl, dass wir befreundet sein könnten. Er begeistert mich und bringt mich weiter." In die Ausbildung investierte er die erstaunliche Summe von 50.000 Euro. "Das klingt viel, aber es lohnt sich", glaubt Maier. "Und ich habe das Geld wieder drin, sobald ich selbst Ausbildungen anbiete." Auch so entstehen Esoterik-Berufe - jemand, der schon ein paar Erfahrungen hat, gibt sie an zahlende Neulinge weiter, die dann später selber Seminaranbieter werden.

Seit 2010 hat Maier seine eigene Praxis, dort berät er Menschen mit Partnerschafts- oder Jobsorgen. Drei bis vier Beratungstermine hat er pro Woche, 90 Euro kostet die Einzelstunde. Er gehe den Problemen mit Hilfe von Lichtwesen auf den Grund, so Benjamin Maier. Lichtwesen? "Es gibt sie auf der ganzen Welt, in jeder Kultur - Engel, Krafttiere, Elfen. Die feinstofflichen Wesen sind überall, sie kümmern sich um uns", sagt er. "Ich bin ständig in Kontakt mit ihnen." Auf "Astralreisen", in denen sein Geist den Körper verlasse, könne er sich mit ihnen unterhalten, sie sprächen dann durch ihn hindurch.

Bei einem Paar habe er so etwa herausgefunden, dass sich die Frau verhielt wie ihre Mutter, der Mann wie sein Vater: "Eigentlich streiten sich also die Verhaltensmuster der Eltern, nicht sie selbst." Seinen Kunden empfiehlt er gern den Kauf von Karnevals-Verkleidung. "Sobald es zum Streit kommt, müssen rote Nasen aufgesetzt werden - man kommt sich bescheuert vor, muss lachen und merkt, dass der Streit ebenso bescheuert ist."

  • Andreas Muhme
    KarriereSPIEGEL-Autorin Anna Brüning (Jahrgang 1988) ist freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
schumie 30.08.2012
1. Job wie jeder andere!
Zitat von sysopDie boomende Esoterik-Branche bietet neue Job-Möglichkeiten. Eine Tierkommunikatorin plaudert mit Ponys, eine Kräuterfee besingt Petersilie, ein Schamane trifft Lichtwesen auf Astralreisen. Hier erzählen sie, wie aus dem Hobby ihr Beruf wurde - und wie sie damit über die Runden kommen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,851696,00.html
Seit uns die hochstudierten und hochbezahlten Wirtschaftswissenschaftler, Volkswirte und Politiker zeigen, wie wenig Ahnung sie haben, wie man Geld-und Wirtschaftskrisen meistert. Seit ein überbezahltes Gesundheitssystem immer mehr Kranke produziert, da ist es nur sinnvoll und realistisch sich Alternativen zu suchen und an archetypische Wurzeln anzuknüpfen. Soll man die Welt weiter von den linkshirngesteuerten Psychopathen regieren lassen, dass kann doch wahrlich nicht sein Logik ist nur ein sehr kleiner Teil, wenn es um wahres Verstehen geht.
_sax_ 30.08.2012
2. schon traurig
Wie viele Menschen auf so einen Mumpitz herreinfallen und auch noch Geld dafür aus dem Fenster werfen. Andererseits, andere Menschen müssen mit Neuroleptika behandelt werden, wenn sie akustische Halluzinationen haben, die Tierkomminikationstante hat einen Weg gefunden mit ihrer Krankheit zu leben, sogar davon zu leben. Ist vieleicht besser als langjährige Psychatrische Behandlung. Warum sollte denn ein Tier wissen, ob ihre Besitzerin schwanger ist? Ein Mensch kann das wohl viel besser erkennen. Das sie dann dies in die Tierstimmen hineinprojeziert soll ein Beweis sein? Also Bitte!
every_day 30.08.2012
3. ..
Zitat von sysopDie boomende Esoterik-Branche bietet neue Job-Möglichkeiten. Eine Tierkommunikatorin plaudert mit Ponys, eine Kräuterfee besingt Petersilie, ein Schamane trifft Lichtwesen auf Astralreisen. Hier erzählen sie, wie aus dem Hobby ihr Beruf wurde - und wie sie damit über die Runden kommen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,851696,00.html
ist ja alles ganz schön und niedlich ... solange es sich trägt. Nur wenn die Einnahmen nicht reichen und das dürfte in den meisten Fällen vorprogrammiert sein, dann darf der Rest der Gesellschaft einspringen und diesen Leuten finanziell helfen, denen also die Fehlentscheidung und Traumtänzerei bezahlen.
Raphael 30.08.2012
4.
Danke, endlich mal ein Beitrag zum Thema, dass nicht die 15 % der deutschen Bevölkerung gleich ins Lächerliche zieht.
+.+ 30.08.2012
5.
Das bringt mich auf eine HERVORAGENDE Idee zur Rettung der Staatsfinanzen - die ESO-Steuer! Jede Dienstleistung, oder jede Ware (Rosenquarz, Wasservitalisator etc.) wird mit 200% ESO-Steuer belegt. Da die Käufergruppe es eh gewohnt ist, für eine nicht vorhandene Gegenleistung Geld auszugeben, kann sie auch das dreifache dafür abdrücken. Vorteile: - Mehr Geld im Steuersäckel (klar) - Dummen äh... Anhängern alternativer Wissenschaftsmodelle werden finanzielle Mittel entzogen, bevor sie etwas wirklich Blödes/für dich oder die Allgemeinheit Gefährliches damit machen.
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