Anwältin wird Husky-Trainerin Raus aus der Kanzlei, rein in den Schnee

Noch vergangenes Jahr war Yvonne Hofschneider Anwältin in München, Spezialgebiet Korruption. Heute trainiert sie in Lappland Huskys für Schlittenrennen. Minus 40 Grad machen ihr nichts aus - nur die Dunkelheit nervt.

privat

Aufgezeichnet von Désirée Balthasar


"Es passiert oft, dass ich mir morgens einen Plan für den Tag mache und ihn später zweimal umwerfe. Denn wenn das Wetter hier im Norden Finnlands nicht mitspielt, ist Improvisation angesagt. Ich trainiere die Schlittenhunde einer Huskyfarm. Schneit es zu viel, verschwinden die Fahrspuren, und man kann die geplante Trainingseinheit nicht fahren. Ist es zu kalt, kann das Training den Lungen schaden. Wenn wir nicht trainieren können, heißt es, Huskys zu bespaßen.

Hunde haben in meinem Leben schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Mit ihnen habe ich meine Kindheit und Jugend im Thüringer Wald verbracht. Seit knapp einem Jahr bestimmen sie meinen Tagesablauf. Vergangenen Oktober kam ich nach Äkäskero. Der Ort liegt im finnischen Teil Lapplands, gut 200 Kilometer nördlich vom Polarkreis. Nachdem ich dreimal als Gast Schlittentouren gefahren bin, war für mich klar: Hier will ich hin.

Vor anderthalb Jahren bestimmten noch Meetings und Gerichtstermine meinen Alltag. Ich arbeitete als Rechtsanwältin bei einer internationalen Anwaltskanzlei in der Münchner Innenstadt, Fachbereich Wirtschaftsstrafrecht. Meine Spezialgebiete waren Korruption, unternehmensinterne Ermittlungen und Compliance.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Da kam es schon mal vor, dass Mandanten mich anriefen, weil die Geschäftsräume oder Privatwohnungen durchsucht werden sollten. Ein spannender und gut bezahlter Job. Doch der Drang, mit Hunden zu arbeiten, wurde immer stärker. Diese Liebe zu den Tieren führte mich schließlich weg vom Schreibtisch, rauf auf den Schlitten.

Die Reaktionen waren gemischt. Einige Kollegen haben nicht verstanden, dass ich die finanzielle Sicherheit aufgebe. Ich kann von dem Geld leben, das ich als Husky-Trainerin bekomme, es ist aber natürlich kein Vergleich zum Anwaltsgehalt. Außerdem arbeitet man als Anwalt nur mit dem Kopf, die Freude an körperlicher Arbeit konnten viele nicht nachvollziehen. Um ihnen und vor allem meiner Familie und Freunden meine Erlebnisse näherzubringen, blogge ich über meine Zeit bei den Huskys.

Ich trainiere ein Rennteam aus 24 Hunden und arbeite manchmal als Tourguide für Touristen. Hunderennen sind in Skandinavien sehr beliebt. Sie sind unterschiedlich lang, wir trainieren für die Langstreckenrennen bis zu tausend Kilometer. Man hört nichts außer dem Hecheln der Hunde und die Kufen, die über den Schnee gleiten. Dazu noch die verschneite Winterlandschaft - perfekt.

Die Dunkelheit zieht mich manchmal runter

Wenn es draußen minus 40 Grad sind (in Lappland im Winter keine Seltenheit), ziehe ich mir schon mal sechs Pullover und fünf Hosen an. Wichtig sind weit geschnittene Pullover aus Wolle, damit Luftpolster zwischen den einzelnen Schichten entstehen und den Körper wärmen. Das braucht man, wenn man mehrere Stunden auf dem Schlitten steht. Skiunterwäsche eignet sich nicht, weil sie dafür ausgelegt ist, dass man sich viel bewegt.

Seit ich hier bin, verschwimmt die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit. Ich will immer bei den Hunden sein, dafür verzichte ich auch auf freie Tage. Ich füttere die Huskys, pflege ihr Fell, schneide Krallen und mache ihren Zwinger sauber. Außerdem massiere ich die Hunde regelmäßig, um festzustellen, ob ein Hund verletzt oder verspannt ist.

Das Einzige, was mich manchmal runterzieht, ist die Dunkelheit. Hier dauert die Polarnacht von Mitte November bis Mitte Januar, dann gibt es überhaupt kein Sonnenlicht. An solchen Tagen bin ich um drei Uhr nachmittags schon müde.

Trotzdem möchte ich im Moment nichts anderes machen. Wie lange noch, ist schwer zu sagen. Ich kann mir gut vorstellen, nach dieser Saison hierzubleiben. Aber man weiß ja nie, was so alles passiert."

Kulturschock

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
martine-primus 09.09.2015
1. bewundernswert
Ich finde das wirklich toll, wenn Menschen aus dieser "Ersten Welt" es schaffen, ihren Traum zu leben. Geld ist eben nicht alles. Ich merke auch zunehmend, dass mir die Tiere und Natur immer wichtiger werden. Wir haben auch einen Hund. Und ich genieße jeden Tag im naheliegenden Wald beim Spazierengehen. Das Wildtiergehege ist mein täglicher Abstecher! Erst da merke ich Entspannung!
HerrDietrich 09.09.2015
2. Was...
im Beitrag am interessantesten wäre ist welche Qualifikation sie hat um Huskys zu trainieren. Wenn man das so liest denkt man sie hat einfach gekündigt, dann ab nach Finnland und schwups ist sie Husky Trainerin
hausi_gdr 09.09.2015
3. Kein Wort über Familie
das ist mir kein Land der Welt wert.
hauseru 09.09.2015
4. Qualifikation
Das ist eine typisch deutsche Frage. Ich war mit Yvonne auf Tour, als sie selbst noch als Touristin mitgefahren ist. Ich habe gesehen, wie sie mit den Hunden umgeht. Sie wurde schon vom damaligen Guide als 'Helfer' eingesetzt. Das war ihre letzte Tour als Touristin. Wer von klein auf mit Hunden lebt, ist wahrschinlich qualifizierter als jemand, die/der einen Schein macht, damit ein Schein gemacht ist. Ausserdem kommt es in dieser Umgebung nicht nur auf den Umgang mit den Hunden um. Es kommt der Umgang mit den Gästen dazu, die Energie, die nötig ist, um als Guide mit den verschiedensten Bedingungen umzugehen, 'the extra mile', wie die Briten sagen zu gehen. Wer auf einer solchen Tour nicht dabei war, sollte sich eines Urteils enthalten. Für die Guides ist das kein Zuckerschlecken.
zerr-spiegel 09.09.2015
5.
Zitat von hauseruDas ist eine typisch deutsche Frage. Ich war mit Yvonne auf Tour, als sie selbst noch als Touristin mitgefahren ist. Ich habe gesehen, wie sie mit den Hunden umgeht. Sie wurde schon vom damaligen Guide als 'Helfer' eingesetzt. Das war ihre letzte Tour als Touristin. Wer von klein auf mit Hunden lebt, ist wahrschinlich qualifizierter als jemand, die/der einen Schein macht, damit ein Schein gemacht ist. Ausserdem kommt es in dieser Umgebung nicht nur auf den Umgang mit den Hunden um. Es kommt der Umgang mit den Gästen dazu, die Energie, die nötig ist, um als Guide mit den verschiedensten Bedingungen umzugehen, 'the extra mile', wie die Briten sagen zu gehen. Wer auf einer solchen Tour nicht dabei war, sollte sich eines Urteils enthalten. Für die Guides ist das kein Zuckerschlecken.
Er meint eher, dass sie gestern Anwältin und heute Hundetrainerin war. Vorkenntnisse, persönliche Interessen oder ähnliche "Ausbildung" wird oft unterschlagen. "Vom Tellerwäscher zum Millionär" klingt eben interessanter wie "Akademikerkind hat sich innerhalb von 20 Jahren hochgearbeitet".
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