Frust im Beruf Stopp, bitte nicht wechseln!

Chef doof, Arbeit öde, Kollege nervt - should I stay or should I go? Die meisten Menschen sind richtig in ihrem Job, sagt Personalberaterin Madeleine Leitner. Sie rät ihnen von hastiger Flucht ab, nur weil es im Arbeitsalltag mal knirscht.

Ein Interview von Peter Wagner

Büro-Einöde: Ein radikaler Richtungswechsel ist nur selten die Lösung
Franziska Ebert/ SPIEGEL JOB

Büro-Einöde: Ein radikaler Richtungswechsel ist nur selten die Lösung


SPIEGEL JOB: Frau Leitner, war Ihnen immer schon klar, dass Sie Menschen beim Planen ihrer Karriere beraten wollen?

Leitner: Oh, nein. Ich wusste lange nicht, was ich wirklich machen will.

SPIEGEL JOB: Was haben Sie gelernt?

Leitner: Ich bin eher unmotiviert in ein Psychologiestudium gerutscht und zunächst Psychotherapeutin geworden. Dafür war ich unter anderem in Kliniken beschäftigt, hatte aber irgendwann doch das Gefühl, an der falschen Stelle zu sein. Nach sieben Jahren bin ich ausgestiegen und Personalberaterin geworden.

SPIEGEL JOB: Sie haben also die Branche gewechselt - war das so einfach, wie es sich anhört?

Leitner: Keineswegs. Ich war aber damals sehr unglücklich und davon überzeugt, dass ich etwas ganz anderes machen müsste. Das ist mir auch gelungen. Nach weiteren sieben Jahren im zweiten Beruf habe ich in den USA das Thema Karriereberatung entdeckt und Mitte der neunziger Jahre Ausbildungen bei bekannten Karriereberatern gemacht. Unzufriedenheit im Job bedeutete dort automatisch, den Beruf wechseln zu müssen, sich also etwas Neues zu suchen. Ich kam völlig verwirrt zurück und bewarb mich danach erst einmal kurzfristig in der Modebranche.

SPIEGEL JOB: Das klingt jetzt etwas seltsam.

Leitner: Dem Ansatz entsprechend folgte ich zunächst meinem Faible für Mode - und bekam keine Stelle, zum Glück. Aufgrund meiner Erfahrungen in Amerika entwickelte ich allerdings in Deutschland meinen dritten Beruf als Karriereberaterin. Ende der Neunziger bot ich gemeinsam mit einer Frauenzeitschrift die erste bundesweite Aktion zum Thema Karrierewechsel an, gefolgt von einer weiteren zum verdeckten Stellenmarkt. Denn entscheidend war natürlich auch die Frage, wie man am besten eine solch radikale Veränderung angeht.

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Traum vom Neuanfang: Bleibt alles anders
SPIEGEL JOB: Und worauf kommt es dabei besonders an?

Leitner: Viele dachten und denken, die meisten Stellen würden brav ausgeschrieben und nach einem akkuraten Bewerbungsverfahren vergeben. Das stimmt nicht. Ich fand nach langer Suche damals endlich die entscheidende Statistik: Etwa zwei Drittel aller Arbeitsplätze werden anders vergeben, ohne Anzeige, ohne großes Aufsehen. Wenn Sie ein gutes Netzwerk unterhalten, haben Sie prima Chancen, auch ohne offizielle Bewerbung in einen anderen Job zu kommen.

SPIEGEL JOB: Inzwischen sind Sie aber von der Empfehlung abgerückt, bei Unzufriedenheit am Arbeitsplatz gleich etwas ganz Neues zu suchen. Warum?

Leitner: Das ist die Erkenntnis aus vielen hundert Gesprächen mit Klienten. Entscheidend ist, dass ich differenzierter nachsehen muss, woher die Unzufriedenheit eines Menschen in seinem Job überhaupt rührt. Oft hat sie gar nichts damit zu tun, was er den ganzen Tag lang macht, es geht vielmehr um ganz einfache Fragen: Stimmt die Chemie mit den Kollegen? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wie hoch ist der Zeitdruck, wie ist das Betriebsklima? Werden Sie in Ihrem Arbeitsalltag unterfordert oder überfordert?

SPIEGEL JOB: Missmut im Beruf hat also oft recht kleine Ursachen und wurzelt nicht zwangsläufig in der Aufgabe oder im Arbeitsinhalt?

Leitner: So kann man es sagen.

SPIEGEL JOB: Demnach wäre mir gar nicht damit gedient, wenn ich beispielsweise von Manager auf Almwirt umschule?

Leitner: Ich dachte ja auch anfangs, es gäbe diese eine Tablette, mit der man die Krankheit namens Unzufriedenheit kurieren könnte. So hatte ich es in den USA gelernt. Ich glaubte an eine Einheitslösung, die bei allem hilft, nämlich an den Karrierewechsel. Heute weiß ich, dass man die Unzufriedenheit erst einmal beschreiben und vor allem gründlich analysieren muss. Daher arbeite ich mit den Menschen auch ihre persönliche und berufliche Biografie auf. Das ist sehr hilfreich. Meine Zeit als Psychotherapeutin kommt mir dabei nun ganz neu zugute.

SPIEGEL JOB: Trotzdem scheint der Gedanke ans Umsatteln etwas wahnsinnig Tröstliches zu haben. Da gibt es so viele schöne Geschichten: von einer Frau, die erst beim Fernsehen arbeitete und dann eine Jugendherberge im Alpenvorland übernahm. Vom Herzchirurgen, der Lkw-Fahrer wurde. Oder all die "Raus aus Deutschland"-Filme über Auswanderer.

Leitner: Die Medien sind sehr bewusst auf der Suche nach solchen extremen Fällen. Die kommen in Wahrheit nur äußerst selten vor.

SPIEGEL JOB: Aber viele Menschen sehnen sich offenbar in ihrem komplizierten Alltag nach einem anderen, auch einfacheren Leben. Woher kommt dieses Bedürfnis?

Leitner: Aus meiner Sicht ist das unter anderem ein psychologisches Phänomen: Der Mensch gewöhnt sich an alles Gute in seinem Leben und im Job. Wenn er nun lange einer Arbeit nachgeht, nimmt er irgendwann nicht mehr wahr, was ihm daran gefällt. Jetzt sieht er Tag für Tag nur noch das Schlechte - den Ärger mit einem bestimmten Kollegen oder die vielen Aufgaben. Mancher Teilnehmer ging kopfschüttelnd aus einem Seminar, stand an der Garderobe und sagte: "Ich wusste gar nicht, wie toll mein Job ist."

Aus SPIEGEL JOB 1/2013
  • Das Interview mit Madeleine Leitner ist ein Beitrag aus dem Magazin SPIEGEL JOB mit Beiträgen aus der Berufswelt - für Einsteiger, Aufsteiger, Aussteiger. Weitere Themen sind zum Beispiel: Die Sinn- und Glückssucher der Generation Y. Gripsgewinnler - Karrierefaktor Intelligenz. Geschichten vom Gelingen und Scheitern. Wie junge Deutsche ihr Glück in Hollywood versuchen. Und noch viel mehr. Schauen Sie doch mal rein.
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SPIEGEL JOB: Ist das also Ihre neue Aufgabe: den Menschen sagen, was gut an ihrer Arbeit ist?

Leitner: Wenn Sie unzufrieden sind, fördert erst eine genaue Analyse Ihres aktuellen Jobs das wirkliche Problem zutage. Meist zeigt sich dabei, dass Sie wahrscheinlich nicht alles ändern müssen, sondern nur eine bestimmte Komponente. Man kann auch das falsche Problem lösen und hat dann ein noch größeres als vorher.

SPIEGEL JOB: Nicht bei allen Menschen wird es reichen, an ein paar Schrauben zu drehen. Wie vielen Klienten legen Sie einen radikalen Wechsel nahe?

Leitner: Ich habe mittlerweile mehr als tausend Menschen beraten. Aus meiner Sicht sind bei genauer Betrachtung nur etwa drei Prozent wirklich im falschen Beruf gelandet.

SPIEGEL JOB: So wenige?

Leitner: Ein Beispiel war eine im Marketing sehr erfolgreiche Frau. Allerdings kommt sie aus einer Familie, in der alle traditionell Ärzte waren. Auch sie wäre am liebsten Ärztin geworden. In ihrer Familie hatten ihr aber alle davon abgeraten - wegen der Arbeitsbedingungen. Nun bereute sie es, diesem Rat gefolgt zu sein. Dieser Frau hätte ich tatsächlich zum Wechsel geraten. Nur war es dafür schon zu spät. Nach Medizinstudium und Facharztausbildung wäre sie beim Jobeinstieg älter als 50 Jahre gewesen.

SPIEGEL JOB: Dass Sie einen derart kleinen Anteil der Berufstätigen im falschen Job sehen, ist verblüffend. 97 Prozent haben also ihren richtigen Platz gefunden?

Leitner: Zumindest sind sie gar nicht so verkehrt gelandet, wie sie selbst oft denken. Ich betreue gerade eine Führungskraft aus der IT-Branche. Die Frau ist ausgebrannt. Sie geht auf dem Zahnfleisch, weil sie so viel arbeiten muss. Weil vieles an ihrer bisherigen Tätigkeit bei genauerer Betrachtung stimmt, muss sie nicht alles ändern. Sie kann auch ein anderes Unternehmen in derselben Branche suchen, in dem die Leute nicht so verschlissen werden. Das ist außerdem viel leichter zu realisieren.

SPIEGEL JOB: Eigentlich ist der Gedanke beruhigend, dass man seine Berufsbiografie nicht gleich in die Tonne treten muss, nur weil es im Augenblick mit der Arbeit nicht so gut läuft.

Leitner: Auch wenn es banal klingt: Manche sitzen vielleicht nur im falschen Zimmer. Ich hatte selbst mal ein Büro, aus dem ich in einen tristen Hinterhof schauen musste. Es war deprimierend. Aber, und das ist die entscheidende Frage: Muss ich deswegen gleich eine Bar auf Mallorca eröffnen?

Zur Person
  • Madeleine Leitner arbeitet in München. Vielen Lesern dürfte sie bekannt sein aus Funk und Fernsehen: Die Psychologin wird gern als Expertin zum Thema Karriere geladen.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Zaunsfeld 08.11.2013
1.
Ich hab mir überlegt, dass ich in einem neuen Job gerne PR-Interviews für meine eigene Tätigkeit in allen möglichen Medien unterbringen möchte. Das ist sicher karrierefördernd. Was kostet sowas beim Online-Spiegel denn?
ashrak2013 08.11.2013
2. optional
Ja da kann man mal wieder lachen, wenn es mal Knirscht, ich denke die wenigsten Wechseln bei einmal, meist reift die Entscheidung wenn es ein Dauerzustand wird. Und Dank Harz IV nach dem man Jeden Job Annehmen muss egal ob es paßt oder man sich wohlfühlt und Spaß hat, kann die Zahl derer nur Steigen
lronmcbong 08.11.2013
3. optional
Viele dachten und denken, die meisten Stellen würden brav ausgeschrieben und nach einem akkuraten Bewerbungsverfahren vergeben. Das stimmt nicht. Ich fand nach langer Suche damals endlich die entscheidende Statistik: Etwa zwei Drittel aller Arbeitsplätze werden anders vergeben, ohne Anzeige, ohne großes Aufsehen. Wenn Sie ein gutes Netzwerk unterhalten, haben Sie prima Chancen, auch ohne offizielle Bewerbung in einen anderen Job zu kommen. --> Die Erkenntnis ist weder neu, noch besonders beachtlich und die Unwissenden werden es eh schon geahnt haben. Wünschenswert wäre aus meiner Erfahrung dies auch mal den Leuten beim Arbeitsamt beizubringen. Aber vielleicht unterhalten wir uns in 1.000 Jahren nochmal mit Gott beim Kaffeekränzchen über diese wahnwitzige Idee ^^
ludwig49 08.11.2013
4. Wenn die Protagonistin....
...endlich zu ihrem "ich" und einer Aufgabe gefunden hat, dann sollte man es dabei belassen und nicht gleich andere beraten wollen.
xtommysx 08.11.2013
5.
"Ich bin eher unmotiviert in ein Psychologiestudium gerutscht" .. arbeit als echte Therapeutin, ach nee da war ich immernoch unmotiviert , arbeit igitt. Dann lieber schauen das die Leute beim auf mich zu kriechen auch immer schön Grinsebacke spielen sonst gibs keinen Job hier , das macht Spass !.
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