Jugendarbeitslosigkeit in Spanien Komm nach Deutschland, Pepe

Hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne: Die Wirtschaftskrise hat Spanien hart getroffen. Junge Spanier gehen auf die Straße - und nicht selten ins EU-Ausland, um dort Arbeit zu finden. An den Sprachschulen ist derzeit Deutsch besonders gefragt.

Demonstranten in Barcelona: "Wir zahlen nicht für eure Krise"
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Pablo Salgado, 29, kommt aus Madrid und möchte in Deutschland arbeiten. Er ist hochqualifiziert, hat ein Studium als Industrieingenieur abgeschlossen. Dennoch lebt er bei seiner Mutter. Bis April hatte er in einem Architekturbüro gejobbt und ist nach dessen Bankrott arbeitslos. "Ich möchte als Industrieingenieur in einer deutschen Großstadt arbeiten", sagt Salgado. "Denn in Deutschland gibt es mehr Jobs und höhere Löhne als hier."

"Komm nach Deutschland, Pepe" - Ein spanischer Kultfilm von 1971 ist 40 Jahre nach seinem Erscheinen aktueller denn je. In der Komödie über die Gastarbeiterwelle der damaligen Zeit verlässt der Protagonist sein spanisches Heimatdorf, um in Deutschland zu arbeiten. Vier Jahrzehnte später könnte nun eine ähnliche Migrationswelle nach Deutschland beginnen. Doch anders als in den sechziger Jahren, als ungelernte Gastarbeiter Jobs suchten, sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt jetzt Fachkräfte und Ingenieure gefragt.

Spanische Arbeitskräfte wollen ihre sonnige Heimat verlassen, weil sie dort für sich keine berufliche Zukunft sehen. Mit einer Arbeitslosenquote von 21 Prozent ist Spanien Schlusslicht der EU. Bei jungen Leuten zwischen 19 und 25 Jahren beträgt die Quote gar 45 Prozent.

Immer mehr junge Spanier setzen nun ihre Hoffnungen auf Deutschland, wo offene Stellen vermehrt mit Fachkräften aus anderen EU-Staaten besetzt werden sollen. Die Bundesagentur für Arbeit stellte in einem Zehn-Punkte-Plan in Aussicht, durch eine gesteuerte Zuwanderung könnten 800.000 Fachkräfte bis 2025 nach Deutschland kommen. Die spanische Presse spricht von einem "deutschen Jobwunder" und titelt: "Merkel will spanische Fachkräfte abwerben".

"Alle wollen Deutsch lernen"

Das neue Interesse an Mitteleuropa haben auch die deutschen Sprachschulen und Kulturinstitute in Spanien bemerkt. "Alle wollen Deutsch lernen", berichtet Rainer Zorn, Koordinator des Goethe-Instituts in San Sebastián in Nordspanien. "Seit Weihnachten 2010 steigen die Anmeldezahlen und ganz deutlich nach Merkels Madrid-Besuch im Februar." In der baskischen Küstenstadt gebe es etwa 25 Prozent mehr Einschreibungen für Deutschkurse. Die Goethe-Institute in Madrid und Granada melden ähnliche Steigerungen.

Auch Pablo Salgado arbeitet daran, seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Seit zwei Jahren besucht er Abendkurse. Doch vor der deutschen Sprache hat er großen Respekt. "Ich glaube, dass es fast unmöglich ist, als erwachsener Spanier perfektes Deutsch zu erlernen", sagt der Ingenieur. Salgado möchte in spätestens in zwei Jahren so weit sein, dass er per Internet die Jobsuche in Deutschland starten kann.

Auswandern aus dem krisengeschüttelten Land: Das könnte eine Alternative sein für die "verlorene Generation", die ihre Wut über Krise und Arbeitslosigkeit in der Protestbewegung der "spanischen Revolution" zum Ausdruck brachte. Wie viele Spanier bislang nach Deutschland ausgewandert sind, darüber gibt es wegen der Freizügigkeit der Arbeitnehmer in der EU keine verlässlichen Zahlen. "Jeder kann sich eigenständig in Deutschland bewerben und herkommen, ohne dass seine Daten erfasst würden", sagt Beate Raabe von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV).

Die Informationsanfragen seien seit Anfang des Jahres zwar gestiegen, die Zahl der Vermittlungen habe sich bislang aber noch nicht drastisch geändert, sagt Raabe. Auch Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer für Spanien, sieht bislang keine größere Einwanderungswelle aus Spanien: "Trotz der Medienberichterstattung über den Fachkräftemangel in Deutschland, erwarte ich keine massive Emigration. Bislang haben nur wenige Spanier den Schritt nach Deutschland gewagt - zum einen wegen der Sprachbarriere, zum anderen sind die Spanier sehr heimatverbunden, häufig auch durch Hypotheken belastet."

"Es bringt doch Spanien nichts, wenn ich arbeitslos zu Hause sitze"

Doch die deutschen Sprachschulen sind gut besucht, und auch die kürzlich von der Handelskammer organisierten Seminare in Barcelona und Madrid fanden mit rund 300 Teilnehmern großen Anklang. Skeptiker befürchten allerdings, Spanien könnte hochqualifizierte Arbeitskräfte verlieren, deren Ausbildung das Land viel Geld gekostet hat. Pablo Salgado sieht das anders: "Es bringt dem Land doch nichts, wenn ich arbeitslos zu Hause sitze oder als überqualifizierter Ingenieur einfache Jobs verrichte."

dpa/mamk



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