Ein Jugendherbergsvater erzählt "Eltern sind heute viel besorgter als vor 30 Jahren"

Er kümmert sich um bis zu 200 Kinder gleichzeitig, versorgt nervige Eltern und vergessliche Lehrer: Hier erzählt ein Jugendherbergsvater von seinem 24-Stunden-Job - und was das Schönste für ihn ist.

Mädchen in einer Jugendherberge
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Mädchen in einer Jugendherberge

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Bei uns ist es laut, es gibt schlechtes Essen, und die Zimmer sind schmutzig. Das denken zunächst viele, wenn ich erzähle, dass ich Herbergsvater bin. Und sind dann oft überrascht, wenn sich diese Klischees nicht bestätigen.

Wie ich es schaffe, gleichzeitig eine vierte Klasse, eine zwölfte Klasse, eine Kegelfreizeit für Senioren und drei Familien mit Säuglingen in einem Haus unterzubringen, ohne dass es Ärger gibt? Ganz einfach: Wir haben getrennte Speise- und Aufenthaltsräume für Familien und Schulklassen. Auch die Schlafräume befinden sich im entgegengesetzten Teil unserer Herberge. Denn oft kommen gerade Teenager abends schlecht zur Ruhe, während für Eltern mit Babys morgens um sechs Uhr die Nacht vorbei ist.

Trotzdem hält jeder Tag für mich neue Herausforderungen bereit. Neulich hatte ich eine Mutter zu Besuch, die nachts um Viertel vor vier das Fenster öffnen wollte und dabei aus Versehen die Alarmanlage auslöste. Da war meine Nacht zu Ende.

Ich werde für einen Vollzeitjob bezahlt, also für 40 Stunden pro Woche. Damit komme ich natürlich nicht hin, denn meine Frau und ich wohnen direkt neben der Jugendherberge. So sind wir, gemeinsam mit den 24 Angestellten, Tag und Nacht Ansprechpartner für etwa 200 Gäste.

Vor allem unseren kleinen Gästen gegenüber habe ich eine große Verantwortung. Für die Zeit des Aufenthaltes nehme ich gemeinsam mit meiner Frau die Rolle ihrer Eltern ein. Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, dass zum Beispiel schüchterne Kinder aufblühen und sich immer selbstständiger und freier auf unserem Gelände bewegen.

Wir passten gut für diese Aufgabe

Schulklassen kommen das ganze Jahr über zu uns. Aber auch immer mehr Familien und auch Senioren in ganz unterschiedlichen Konstellationen und aus allen gesellschaftlichen Schichten nutzen unser Angebot. Mein jüngster Gast war erst wenige Tage alt, der älteste 91 Jahre. Wir haben hier eine sehr offene Atmosphäre, die Menschen kommen schnell ins Gespräch. Das finde ich großartig.

Ich bin seit 1987, also seit mehr als 30 Jahren, hauptberuflich Herbergsvater. Eigentlich wollte ich lieber an Autos werkeln und machte daher nach der Schule eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker und engagierte mich hobbymäßig bei der freiwilligen Feuerwehr, unter anderem bei der Begleitung von Jugendgruppenreisen. Auf einer dieser Freizeiten lernte ich meine Frau kennen, die damals allein als alleinerziehende Mutter mit einem Kleinkind eine Jugendherberge leitete. Wir verliebten uns, und ich pendelte zunächst zwischen Lübeck und dem Harz hin und her.

Nach ein paar Monaten zog ich zu ihr in die Jugendherberge, und wir entschieden, uns für die gemeinsame Leitung einer anderen Herberge zu bewerben. Das war zunächst gar nicht so einfach: Ich musste erst einige Jahre als Springer in Jugendherbergen in der Umgebung arbeiten, bis es irgendwann klappte. Eine Ausbildung zum Herbergsvater gab es damals nicht. Soziales Engagement und ein handwerklicher beziehungsweise ein hauswirtschaftlicher Beruf wurden für eine erfolgreiche Bewerbung vorausgesetzt. Da meine Frau gelernte Hauswirtschaftsmeisterin ist, passten wir gut für diese Aufgabe.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Obwohl ich meinen Job sehr liebe, lasse ich mir mein Hobby nicht nehmen: Ich bin mit Leidenschaft bei der freiwilligen Feuerwehr. Wenn mein Pieper anspringt, lasse ich in der Herberge alles stehen und liegen und laufe zum Einsatzort. Ich weiß dabei natürlich, dass ich mich auf meine Leute in der Herberge verlassen kann.

Man denkt immer, dass gerade Kinder viel bei uns vergessen und liegen lassen. Aber die Erwachsenen sind kein Stück besser. Einmal war eine Pastorin mit einer Konfirmandenfreizeit hier. Sie ist abgereist und hat ihr Kreuz, alles Zubehör fürs Abendmahl und sogar ihren Reisealtar bei uns liegen lassen, mitten auf dem Tisch im Aufenthaltsraum.

Eltern sind heute besorgter um ihre Kinder als vor 30 Jahren. Das fällt mir immer wieder auf. Dabei stören mich die Eltern, die hier im Haus die ganze Zeit ihrem Nachwuchs hinterherrennen, nicht so sehr. Nervig finde ich die Eltern der Kinder, die im Rahmen ihrer Klassenreise zu uns kommen.

Helikoptereltern in der Freizeit: "Das war kein Freistoß - du spinnst wohl!"

Neulich hatte ich eine vierte Klasse zu Gast. Eine halbe Stunde nachdem der Bus mit den Kindern eintraf, stand das Telefon kaum still. Aufgebrachte Eltern riefen an und wollten mit ihren Kindern sprechen, denn diese hätten sich bisher noch nicht gemeldet.

Ich sage dann immer: Wenn sich das Kind nicht meldet, geht es ihm sicher gut. Die besorgten Eltern leite ich dann schnell an die Klassenlehrer weiter. Die entscheiden, ob sie diese mit ihren Kindern sprechen lassen."

insgesamt 50 Beiträge
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Hatha 17.08.2018
1. Besorgter aber ohne Nutzen
Die Eltern sind besorgter, aber trotzdem sind sie respektloser als vor 20-30 Jahren. Eigentlich hat es also keinen Sinn besorgter zu sein. Sind ja die Kitas die heute die Kinder erziehen. Aber sehen wir's mal gelassen: Die Kinder sind zwar respektloser, gehen aber meiner Meinung nach gelassener durchs Leben als meine Generation. Beruflich wird es zwar auch nichts mit Respektlosigkeit aber das soll der heutigen Jugend ja auch nicht mehr so wichtig sein.
cor 17.08.2018
2. Sehr interessante Aussage
"Eltern sind heute besorgter um ihre Kinder als vor 30 Jahren." Warum ist das so? Was genau ist anders als vor 30 Jahren?
AlexanderJäger 17.08.2018
3. Ein Kind Familien
Mit aktuell 1.6 Kindern pro Frau und vielen 1 Kind Familien braucht man sich über die Anzahl an Helikoptereltern nicht wundern. Natürlich ist das einzige Kind ( was dann dazu noch erst mit 35 oder später kommt und somit alleine bleibt ) etwas um das man sich immer Sorgen muss, denn wenn was passiert verbringt man ja seine letzten 40 Lebensjahre alleine.
andneu 17.08.2018
4. Peinlich
"Nervig finde ich die Eltern der Kinder, die im Rahmen ihrer Klassenreise zu uns kommen." Nee, ne? Zu meiner Schulzeit hätte man sich als Schüler in Grund und Boden geschämt, wenn die Eltern da einen besucht hätten. Da wäre man dem Spott der Mitschüler sicher gewesen. Warum machen Eltern das? Das ist doch nicht normal. Würde mich mal die Meinung eines Therapeuten zu interessieren.
cruiserxl 17.08.2018
5. besorgter???
Die sind manisch von Angst zerfressen. Unfähig mit eigenen Gedanken und Erfahrungen Kinder eigenständig zu erziehen. Aber sollen sie nur machen, mir tun die Kinder nur Leid. Aber was juckt mich das, ich mache es anders und die Blicke und Texte der Besorgten interessieren mich nicht. Ich sehe die Ergebnisse meiner 17 und 11 jährigen KInder und kann nur sagen - vieles richtig gemacht... Aber was soll es Angst ist das was unsere Oberen benötigen um das Volk gut steuern zu können. Perfekt wenn das schon bei den Kleinsten implementiert wird. Bravo liebe Eltern!!!!
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