Junge Franzosen in Deutschland "Alles ist besser, als in Frankreich zu sein"

Vom Spießerland zum Jobmagnet: Um der Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat zu entfliehen, zieht es immer mehr junge Franzosen nach Deutschland. Doch nicht für alle geht der Traum vom festen Job in Erfüllung.

Von

Hanna Gieffers

Bleiben oder wieder gehen? Diese Frage stellt sich Rebecca Misrai seit ein paar Wochen jeden Tag aufs Neue. Seit vergangenem Sommer sucht die Pariserin einen festen Job in München, bislang vergeblich. Deshalb mag sie den deutsch-französischen Stammtisch, an dem die 31-Jährige an diesem Abend teilnimmt: Dort tauscht sie sich mit jungen Franzosen aus, die wie sie auf der Suche sind - und mit anderen, die schon einen Job gefunden haben. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie wollen der Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich entkommen. Fast jeder Vierte ist dort ohne Job.

Immer mehr junge Franzosen zieht es deshalb nach Deutschland. Einer aktuellen Studie des französischen Meinungsforschungsinstituts ifop zufolge plant circa ein Drittel von ihnen, für einen Job ins Ausland zu gehen. Fast 70.000 Franzosen haben diesen Schritt bereits gemacht und arbeiten in Deutschland.

Für Rebecca Misrai war Deutschland ein unbekannter Nachbar. Sie hat erst in München angefangen, die Sprache zu lernen. "Alles ist besser, als in Frankreich zu sein. Ich ertrage die negative Stimmung dort nicht mehr", sagt die junge Französin. Vor ihr steht ein Weißbier, das sie langsam auf dem Bierdeckel dreht. Doch ohne die nötigen Deutschkenntnisse bleiben für die Geschichtsstudentin bis jetzt die Jobangebote aus. Sie würde gerne im Marketing arbeiten. Für ihren Traumjob paukt sie tapfer deutsche Grammatik und unregelmäßige Verben.

Vorbild jenseits des Rheins

Auch die französische Presse schwärmt vom "Modèle allemand", dem Vorbild jenseits des Rheins. Wenn es nach dem französischen Unternehmer Félix Marquardt geht, sollten noch mehr junge Franzosen das Land verlassen, um irgendwann mit neuer Energie und Enthusiasmus zurückzukehren. Um seine Botschaft zu verbreiten, rief er die Kampagne "Barrez-vous!" (Haut ab!) ins Leben, vor ein paar Monaten schrieb er in der "New York Times" einen Artikel darüber.

Die Kampagne spricht vielen jungen Franzosen aus der Seele: Laut der Umfrage "Génération quoi" (Generation was?) waren im Februar drei Viertel der Franzosen zwischen 18 und 34 der Überzeugung, dass es ihnen schlechter gehe als ihren Eltern. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Frankreich mit mehr als 25 Prozent höher als im europäischen Durchschnitt. In Deutschland sind nur knapp acht Prozent der Jugendlichen ohne Job - die niedrigste Quote in Europa.

Zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit sei es besonders wichtig, einen gut vernetzten europäischen Arbeitsmarkt herzustellen, sagt der Sozialwissenschaftler Dominik Grillmayer vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. Jedoch gebe es bei der Verzahnung zwischen Deutschland und Frankreich auch Schwierigkeiten. "Freie Arbeitsplätze gibt es vor allem in mittelständischen Unternehmen und im ländlichen Raum", sagt Grillmayer. Französische Hochschulabsolventen seien jedoch häufig von bekannten Firmen und Großstädten wie Berlin angezogen. Außerdem sei die Sprache oftmals ein Hindernis, sagt Beate Raabe. Sie arbeitet für die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung, eine Abteilung der Arbeitsagentur, die unter anderem internationale Fachkräfte nach Deutschland vermittelt.

Probleme mit der Sprache hatte Coline Eberhard nicht. Wenn sie Deutsch spricht, hört man nur einen leichten französischen Akzent. Die 26-jährige Pariserin arbeitet seit Januar in einem Bayreuther Kulturverein. "Es war eine Voraussetzung für den Job, Deutsch zu können", sagt sie. In ihrem Freundeskreis ist sie nicht die Einzige, die es nach Deutschland zieht. Die meisten kommen ohne institutionelle Hilfe. "Ich kenne viele französische Architekten, Ingenieure und Leute aus der Kulturszene, die gerade hierhergezogen sind", sagt sie. Sie selbst wird durch das Programm "Arbeit beim Partner" unterstützt, bei dem ein Teil des Gehalts vom Deutsch-Französischen Jugendwerk gezahlt wird.

Guillaume Revert kannte die deutsch-französischen Institutionen wie das Jugendwerk lange Zeit nicht. Zwei Jahre hatte er in München Ingenieurwissenschaften studiert, bevor er sich bei deutschen Unternehmen bewarb. Seine Stelle als Ingenieur bei BMW habe er ziemlich schnell bekommen, sagt der heute 24-Jährige. In Frankreich sei das gerade in der Automobilindustrie sehr schwer.

Rebecca Misrai gibt sich noch einige Monate Zeit, um in München Fuß zu fassen, Deutsch zu lernen und einen festen Job zu finden. Beim Stammtisch lässt sie sich von deutsch-französischen Erfolgsgeschichten wie der von Guillaume Revert inspirieren. Die Hoffnung auf ihren Traumjob in Deutschland hat sie noch nicht aufgegeben.

  • Erol Gurian

    Hanna Gieffers (Jahrgang 1986) ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Frankreich und Gesellschaft. Derzeit ist sie an der Deutschen Journalistenschule in München. Vorher hat sie für das ZDF in Paris gearbeitet.

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insgesamt 80 Beiträge
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powerranger 02.04.2014
1. Hollande...
Und wer hat's verursacht? Genau... der Hollande und seine Sozialisten.....
clausde 02.04.2014
2.
Wir sollten alle herzlich willkommen heißen, die bei uns arbeiten wollen. Letztendlich werden wir "Deutschen" nicht mehr und irgendwer muss die Arbeit bei uns erledigen. Und völlig eigennützig, muss jemand auch unsere Sozialsysteme aufrecht erhalten. Also helfen und unterstützen wo es geht. Unsere flexiblen und mobilen Nachbarn die ihre Heimat verlassen müssen um Arbeit zu finden, sind unsere Zukunft. Nicht das Potenzial an H4-Arbeitsverweigerern. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, es gibt auch deutsche Arbeitslose die arbeiten wollen, aber aus verschiedensten Gründen keine Arbeit finden.
licorne 02.04.2014
3. Sprachkenntnisse
Französisch ist schon schwierig, aber das Deutschlernen ist eine große Herausforderung. Zumal der Fremdsprachenunterricht in Frankreich immer noch sehr dürftig ist. Dort lehrt man 'la langue de Goethe', damit kann man aber keine Tube Zahnpasta im Ausland kaufen. Die Ausbildung in naturwissenschaftlichen Fächern, Ingenierwesen, Mathe Physik ua. ist allerdings exzellent. Auch in der Schule hat Mathematik einen seht hohen Stellenwert und dort ist man den Deutschen oft voraus. Schlimm sind die Eliteschulen für Verwaltung oder Betriebswirtschaft, die fast sektenmäßig Studenten aus privilegierten Bevölkerungsschichten anziehen und fast geheime Netzwerke bilden, um die Schaltstellen in Politik und Wirtschaft zu besetzen.
maths1 02.04.2014
4. Zum Glück kann man sich noch frei entscheiden
Ich würde mir wünschen, dass noch sehr viel mehr Franzosen hier nach Deutschland ziehen! Denn damit wird unter anderem auch demonstriert, dass Sozialismus nicht funktionieren kann, wenn man die Menschen nicht einsperrt. Die Leistungsträger und die motivierten ziehen weiter, und lassen die Verlierer zurück. Also eigentlich das Gegenteil dessen, was erreicht werden soll? Wie so immer geht es nicht um die Ziele sondern um die Wahl der Mittel. Das haben die Sozen bis heute nicht kapiert. Im Übrigen darf der Wegzug auch als Kritik an der Arbeitsmarktpolitik in Frankreich verstanden werden. Wir sollten die Fehler (Mindestlohn, Frührente) also nicht kopieren und Nahles zum Teufel jagen.
forumgehts? 02.04.2014
5. Seien
Zitat von powerrangerUnd wer hat's verursacht? Genau... der Hollande und seine Sozialisten.....
Sie nicht ungerecht! Hollande ist nur der letzte in der Reihe der Politpfuscher, so wie es die Merkel bei uns ist. Wir können nur etwas länger von der Substanz zehren.
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