Junge Menschen in Gaza Leben am Limit

Sechs von zehn jungen Menschen sind im Gazastreifen arbeitslos. Aus der Not entstehen viele Start-ups. Jetzt stehen dem Nahen Osten noch schwerere Zeiten bevor. Trotzdem wollen die Gründer nicht aufgeben.

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Aus Gaza berichtet


Im Gazastreifen funktioniert nicht viel. Sechs von zehn jungen Menschen haben keine Arbeit, Strom gibt es im Schnitt nur vier Stunden am Tag, und das meiste Abwasser fließt ungeklärt ins Meer oder in den Boden. Das Trinkwasser ist so verschmutzt, dass es nicht mehr getrunken werden sollte, und die Strände sind so dreckig, dass es krankmachen kann, dort zu baden.

Eins funktioniert allerdings gut: das Internet. Auch an Hochschulen herrscht kein Mangel. Gaza - halb so groß wie Hamburg - kann acht Universitäten und ein Dutzend Colleges vorweisen, mit jährlich rund 5000 Absolventen. Der Arbeitsmarkt kann sie jedoch nicht aufnehmen, etwa zwei Drittel von ihnen finden nach dem Studium keinen Job.

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Gazastreifen: Immerhin funktioniert das Internet

Viele gut ausgebildete, motivierte junge Menschen machen sich deshalb selbstständig - so wie Dalia Shurrab und ihre drei Kolleginnen. Sie betreiben das arabische Start-up "Kookies". Über eine App können Nutzer Rezepte austauschen, 14.000 sind bereits registriert, vorwiegend Hausfrauen aus Gaza. Irgendwann soll die App auch einen Lieferservice für selbstgemachte Gerichte bieten und endlich Geld einbringen.

Die Frauen haben Glück: Sie werden von der Organisation Gaza Sky Geeks gefördert, die mithilfe der US-Hilfsorganisation Mercy Corps, Google, der Konrad-Adenauer-Stiftung und anderen Partnern junge Unternehmer in Gaza finanziell unterstützt, schult und ihnen einen Arbeitsplatz bietet. Mehrere andere Organisationen, wie Gaza Gateway, bieten ähnliche Dienste an.

Dalia Shurrab
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Dalia Shurrab

"Ich träume davon, Gaza zu einem besseren Ort zu machen", sagt Dalia Shurrab, die auch den Auftritt der Gaza Sky Geeks in den sozialen Medien verantwortet. "Und ich liebe es, mich mit Menschen zu vernetzen."

Beides kann die 35-jährige studierte Physikerin jedoch nur begrenzt. Denn die Bedingungen für Unternehmer sind in Gaza extrem schwierig.

Seit Jahren riegeln Israel und Ägypten die Zugänge nach Gaza weitgehend ab. Baumaterialien, Elektronik und viele andere Güter kommen nur schleppend oder gar nicht hinein, weil Israel fürchtet, dass sie für den Kampf gegen den jüdischen Staat zweckentfremdet werden könnten.

Arbeiter und Fachkräfte kommen praktisch nicht mehr aus Gaza hinaus. Selbst wer ein Stipendium einer ausländischen Uni oder eine Einladung zu einer internationalen Konferenz erhält, scheitert oft an den israelischen Behörden, die nur selten Ausreisegenehmigungen erteilen. Der Landweg über Ägypten ist ähnlich schwierig und noch dazu gefährlich.

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Gazastreifen: Hoffen und Siechen

"Eins unserer größten Probleme ist, dass unsere Start-up-Gründer kaum je ins Ausland reisen können, um Investoren zu gewinnen oder Geschäftspartner zu treffen", sagt Direktor Ryan Sturgill. Die häufigen Stromausfälle hat sein Team mit einem Generator in den Griff bekommen.

"Der kleinste Zwischenfall könnte heftige Gewalt auslösen"

Nun könnte der Alltag der Menschen in Gaza noch mühsamer werden. In den vergangenen Monaten hatten viele gehofft, dass Israel seine Blockade mit der Versöhnung von Hamas und Fatah lockern würde. Die beiden palästinensischen Lager wollen eine neue Einheitsregierung bilden, die Hamas soll ihre Waffen abgeben.

Ob und wann sie das getan hätte, war ohnehin unklar. Doch seit Donald Trump am Mittwoch Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte, eskaliert die Lage in Gaza und im Westjordanland wieder. Die Hamas hat zu einer neuen Intifada aufgerufen, aus dem Gazastreifen flogen Raketen nach Israel, die israelische Armee griff Stützpunkte der Hamas an.

Gazastreifen: Hoffnung für die Jugend?

"Die Situation ist seit Mittwochabend deutlich angespannter und der kleinste Zwischenfall könnte heftige Gewalt auslösen", sagt Matthias Schmale, der in Gaza das Hilfswerks für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) leitet. "Sollte es dazu kommen, würde sich die Situation arbeitssuchender junger Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit erheblich verdüstern."

Start-up-Gründerin Dalia Shurrab fühlt sich enttäuscht von den USA. "Meine Freunde und Kollegen haben auch Angst vor neuen Angriffen der Israelis", sagt sie. "Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die harten Kriegstage zurückkehren." Bei der letzten großen Militäroperation 2014 starben in Gaza mehr als 2000 Palästinenser.

Der Frust war in Gaza schon groß, bevor Trump seine viel kritisierte Entscheidung verkündete. Shurrab würde gern ihren Bruder besuchen, der in Frankfurt arbeitet. Doch es ist ihr bisher nicht gelungen, eine israelische Erlaubnis zu bekommen.

Haya Ahmed
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Haya Ahmed

Ihre Kollegin Haya Ahmed, 24, hat viele Freunde, die ihr Studium mit exzellenten Noten abschnitten, und trotzdem keine Arbeit finden. "Wir können nicht darauf setzen, dass sich die Grenzen nach Gaza öffnen", sagt sie ernüchtert. "Wir sind wütend, aber wir müssen mit dem leben, was wir haben, und nach neuen Chancen suchen."

Die Räume von Gaza Sky Geeks, wo sich Haya Ahmed über ihren Laptop beugt, zeugen von der Hoffnung auf solche Chancen. An die Wände sind bunte Graffitis und englische Sprüche gemalt wie "Learn from yesterday, live for today, hope for tomorrow" - während draußen Autos hupen und Eselskarren über staubige Straßen rumpeln.

Haya Ahmed hat Englische Literatur studiert. "Wenn ich eine Arbeit fände, würde ich sehr wenig verdienen", sagt sie. Trotzdem will sie sich nicht unterkriegen lassen. "Es sind die Menschen mit den guten Ideen, die überleben."


Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Recherchereise der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen ins Westjordanland und nach Gaza.

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