Junge Psychotherapeuten Nach der Uni kommt die Not

Auf dem Weg in den Beruf gibt es für künftige Psychotherapeuten wenig zu verdienen, aber viel zu zahlen für die Ausbildung. Oft rackern sie jahrelang als Ein-Euro-Jobber. Die ersten Absolventen prozessieren: weil sie als billige Arbeitskräfte teure Therapeuten ersetzen.

Von Pia Dyckmans und Maria Engel


Ein-Euro-Jobber. Die rupfen im Stadtpark Unkraut oder stapeln Bücher in der Bibliothek. Weil sie keine andere Arbeit gefunden haben. Ein-Euro-Jobber, das sind keine Einser-Abiturienten, die fünf Jahre studiert haben und ein "Dipl." als Titel führen. Denkt man.

An Lisa Brendel denkt man nicht. Die Münchnerin hat ein Einser-Abitur und einen Hochschulabschluss als Psychologin. 1800 Stunden musste sie während ihrer Ausbildung zur Psychotherapeutin an Kliniken verbringen. Brendel stellte Diagnosen, schrieb Entlassungsbriefe, leitete Entspannungsgruppen. Genau 1800 Euro flossen dafür auf ihr Konto. Einer pro Stunde eben.

Zwischen Psychologiediplom und Approbation zur Psychotherapeutin liegen ein halbes Jahrzehnt Ausbildung und ein fünfstelliger Schuldenberg. Während andere Akademiker nach dem Studium mit guten Einstiegsgehältern rechnen dürfen, müssen fertige Psychologen, die staatlich anerkannte Psychotherapeuten werden wollen, erst einmal zahlen: Oft kostet die theoretische Ausbildung 20.000 bis 30.000 Euro, im Extremfall bis zu 90.000 Euro. "Es ist frustrierend, wenn man nach dem Studium immer noch von den Eltern abhängig ist", sagt Brendel.

Ausbildung oder Ausbeutung?

Das Problem: Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) sind weder Studenten noch Berufstätige. Die Krankenhäuser, an denen sie ihre Praxisstunden ableisten, stufen sie als Praktikanten ein und können daher die Löhne senken. Um sich dennoch über Wasser zu halten, beantragte Lisa Brendel zusätzlich zur Hilfe von daheim staatliches Wohngeld und einen Bildungskredit.

Ursprünglich wollte sie mit drei Jahren auskommen - so lange dauert die Ausbildung mindestens. Inzwischen hat sie das Ziel begraben und sich einen Halbtagsjob gesucht, um über die Runden zu kommen.

Psychotherapeuten: Hängepartie in der Ausbildung
PiA, AiP und PJ, Assis und Approbation - wie bitte?
DPA
Viel Kontakt zu sehr verschiedenen Menschen, gute Jobchancen, später anständiger Verdienst - angehende Psychotherapeuten wissen schon, warum sie diesen Beruf wählen. Bis sie ankommen, brauchen sie aber viel Anlauf. Und da gibt es einige Parallelen zu Medizinern, deren Ausbildung sich längst gewandelt hat.
Junge Ärzte: AiP ist passé
Die Lage eines Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) ist zum Teil vergleichbar mit der eines Arztes im Praktikum (AiP), auch wenn es den AiP-lern von der Bezahlung her besser ging. Nach langem Streit wurde die AiP-Zeit 2004 abgeschafft. Zuvor arbeiteten junge Ärzte nach ihrem abgeschlossenen Studium und nach dem Praktischen Jahr (PJ) noch mal 18 Monate als Arzt im Praktikum. Die AiPler hatten eine Teilapprobation, erhielten ein Drittel des Arztgehaltes und erst nach den eineinhalb Jahre die volle Approbation.
Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt
Auch damals gab es Diskussionen um die Ausbeutung junger Arbeitskräfte bei großer Verantwortung und geringer Bezahlung. Inzwischen hat sich die Ausbildung geändert: Heute studieren Mediziner rund sechs Jahre, absolvieren im letzten Jahr ihr PJ, danach das letzte Staatsexamen und haben somit zum Ende der Studienzeit ihre Vollapprobation. Niederlassen können sich Mediziner allerdings erst nach einer Facharztausbildung, die mindestens fünf Jahre dauert. In dieser Zeit bekommen sie ein geregeltes Assistenzarzt-Gehalt.
Ausbildung von Psychotherapeuten: Drei Jahre plus X
Komplizierter ist die Lage bei psychologischen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten: Sie schließen zunächst das Psychologie- oder (Sozial-)Pädagogikstudium mit dem Diplom oder Master ab. Laut Psychotherapeutengesetz von 1999 müssen sie die Psychotherapie-Ausbildung dranhängen, um ihre Approbation zu erhalten. Dann erst können sie eigenständig psychotherapeutisch arbeiten und als niedergelassene Psychotherapeuten auch direkt mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Die Ausbildung dauert mindestens drei Jahre, die meisten PiAs brauchen aber deutlich länger.
Kein Auskommen mit dem Einkommen
Bisher gibt es für den Arbeitseinsatz in den Kliniken wenig bis kein Geld - und die Theorieausbildung kostet extra. Darum müssen viele PiAs nebenher zusätzlich arbeiten, oft mit Halbzeitstellen als Psychologen. Zur Psychotherapie-Ausbildung gehören 600 Stunden Theorie und 1800 Stunden praktische Tätigkeit (ein Jahr in einer Psychiatrischen Klinik, ein halbes Jahr in einer psychosomatischen Klinik oder in der Praxis eines Psychotherapeuten). Teil der Ausbildung sind auch Selbsterfahrung, Patientenbehandlung in einer Ambulanz des Ausbildungs-Instituts sowie Supervision.
Uwe Schäfer, leitender Psychologe am Augsburger Klinikum Josefinum, sieht die Nachwuchstherapeuten, die er betreut, in erster Linie als Auszubildende. Selbst wenn ihnen nach und nach mehr zugetraut werde, trügen sie - anders als Assistenzärzte - keine Verantwortung für Patienten. "Natürlich ist das eine schwierige Zeit", räumt Schäfer ein, aber beschwert habe sich bei ihm noch niemand. Abbrecher gebe es hier nicht. "Es melden sich eben nur die, die sich vorher ausgerechnet haben, dass es schon irgendwie geht." Wie aber funktioniert diese Rechnung, wenn sich Schulden von Studium und Ausbildung auftürmen?

Vicco Müller (Name geändert) studiert seit sieben Jahren Psychologie und schreibt gerade seine Masterarbeit. Ziel: Psychoanalytiker. Der Weg dahin: eine besonders teure Therapeutenausbildung. Für seinen Traumberuf will er zunächst ein Jahr arbeiten und Geld beiseitelegen - zusätzlich zum Bildungskredit. Nächstes Jahr soll die Ausbildung dann beginnen, pro Monat wird sie bis zu 1200 Euro kosten.

Viermal pro Woche selbst auf die Couch

Grund für die enormen Gebühren sind 600 Stunden Selbsterfahrung. "Ich werde mich fünf Jahre lang viermal pro Woche selbst auf die Couch legen", erzählt Müller. Angehende Psychotherapeuten sollen sich und ihre Konflikte ausloten lernen, um sich davon später im Beruf abgrenzen zu können und emotional aufnahmefähig zu sein bei der Arbeit mit Patienten.

"Später im Beruf" - das ist das Licht am Ausbildungshorizont. Haben sie erst einmal ihre eigene Praxis, können fertige Therapeuten immerhin 5000 Euro brutto pro Monat verdienen. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass so viele junge Menschen den Beruf trotz schwieriger Startbedingungen wählen: Allein 2013 absolvierten 2100 PiA erfolgreich die abschließende staatliche Prüfung. Die Zahl der berufstätigen Psychotherapeuten stieg in den vergangenen fünf Jahren um 20 Prozent, 37.500 arbeiten momentan in Deutschland.

Lisa Brendel setzt sich für ihre Nachfolger ein, als Sprecherin der bayerischen Psychotherapeuten in Ausbildung. Im vergangenen Winter demonstrierte sie mit Kollegen auf der Münchner Maximilianstraße, lief vorbei an Escada, Gucci und Cartier. "Ausbeutung beenden", stand auf ihrem Banner. "Leider hat sich in Bayern danach nicht so viel bewegt, wie wir uns gewünscht hätten, aber unseren Zusammenhalt hat es auf jeden Fall gestärkt."

Hoffnung auf Erfolg vor Gericht

Die ersten PiA gehen außerdem den Rechtsweg und verklagen ihre Praktikumsklinik nach der Ausbildung auf Bezahlung: weil sie als billige Arbeitskräfte teure Therapeuten ersetzt hätten, so der Vorwurf. Noch sind es wenige, denn wer klagt, muss mit Konsequenzen rechnen - und sei es für die Nachfolger, denen keine Praktikumsplätze mehr angeboten werden.

In Nordrhein-Westfalen hatte eine Klage beim Landesarbeitsgericht bereits Erfolg. Doch die Münsteraner Uniklinik ist in Revision gegangen, nun liegt der Fall beim Bundesarbeitsgericht. Die Entscheidung erwarten PiA überall mit Spannung.

Durch die Klagen könnte der Gesetzgeber in Zugzwang geraten, das Psychotherapeutengesetz zu überarbeiten. Für eine solche Reform setzt sich auch Barbara Lubisch ein. Die Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung plädiert dafür, die Approbation ans Studienende vor die Fachausbildung zu stellen, ähnlich wie beim Facharzt. Somit wäre der rechtliche Status der PiA als Berufstätige abgesichert. "Dann müssen auch die Regelungen des Arbeitsrechts angewendet werden. Beim jetzigen Ausbildungsstatus der PiA ist das kaum möglich", so Lubisch.

Bis dahin muss eine gute Portion Idealismus den jungen Akademikern reichen, um durchzuhalten. Für Vicco Müller jedenfalls gibt es keine Alternative zur teuren Couch: "Der Gedanke, das Geld vom Kredit einfach zu nehmen und abzuhauen, ist immer wieder mal da, aber ich lasse es."

  • Theresa Leisgang

    Die KarriereSPIEGEL-Autorinnen Pia Dyckmans und Maria Engel (beide Jahrgang 1989) sind freie Journalistinnen und Stipendiatinnen des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München.



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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
sebastian.teichert 17.12.2013
1.
Wieso tue ich mir sowas an? Für wenn's gut läuft 5000 brutto??? Ich würde wohl eher sagen wenn's gut läuft sind 25000 wenn's schlecht läuft 8000. aber gut Ansprüche sind unterschiedlich^^
willgence 17.12.2013
2. Allein die Berechtigung zum Psychotherapeuten reicht nicht!
Sicher kann man sich dann mit einer Privatpraxis niederlassen, vorausgesetzt es gibt genug Patienten, die selbst bezahlen. Ernsthaft Geld kann man erst mit einer Kassenzulassung verdienen, die man wiederum auch kaufen muß - auf den Schuldenberg kommen dann nochmal ab 30.000 Euro oben drauf - es sei denn man hat das seltene Glück(!) einen erstmalig ausgeschriebenen Platz zu bekommen. Und auch das Ausschreibungsverfahren für die Kassenzulassungen muß man erst einmal erfolgreich absolvieren . . . das kann wieder mehrere Jahre dauern, die man jedoch Geld verdienend in einem Angestelltenverhältnis vertrödeln kann. Aber: Am Anfang steht die freie Berufswahl . . .
schablonser 17.12.2013
3. Immerhin 5000,- Euro brutto?
Erscheint mir auch recht wenig. Da könnte man auch einfach BWL studieren und dann in einem x-beliebigen Unternehmen Produktmanager werden – das wäre wohl der einfachere Weg für ein mittleres Akademiker-Einkommen.
Wilhelm Klaus 17.12.2013
4. Psychotherapeuten beuten Psychotherapeuten aus
Zitat von sysopAuf dem Weg in den Beruf gibt es für künftige Psychotherapeuten wenig zu verdienen, aber viel zu zahlen für die Ausbildung. Oft rackern sie jahrelang als Ein-Euro-Jobber. Die ersten Absolventen prozessieren: weil sie als billige Arbeitskräfte teure Therapeuten ersetzen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/junge-psychotherapeuten-ausbildung-oder-ausbeutung-a-939348.html
Dieser Bereich hat sich ab Sozialpädagogen bis hin zum Arzt zu einer zuverlässigen Einnahmequelle für Psychotherapeuten entwickelt. In ähnlicher Weise kannte man das bisher nur von Psychoanalytikern, die mit geradezu masochistischer Verliebtheit sich in Zeit und Geld ausbeuten ließen. Der hirnrissige Drang zur Zertifizierung hat nun auch den Rest der Truppe erreicht und verlangt ein Zertifikat nach dem anderen. Für Berufserfahrung ist keine Zeit. Meinen Kindern habe ich diese Berufswahl erfolgreich ausreden können.
stefansaa 17.12.2013
5.
Zitat von schablonserErscheint mir auch recht wenig. Da könnte man auch einfach BWL studieren und dann in einem x-beliebigen Unternehmen Produktmanager werden – das wäre wohl der einfachere Weg für ein mittleres Akademiker-Einkommen.
5.000€ Brutto als Angestellter sind nett aber als Selbstständiger wenn man beide Anteile an den Sozialversicherungen tragen muss, kommt da deutlich weniger Netto raus. Im übrigen ist es auch nicht mal ebenso geschafft Produktmanager bei einem x-beliebigen Unternehmen zu werden...
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