Unternehmensgründer in der Provinz Bärtige Männer mit Schuhtick

Fulda gilt nicht gerade als besonders cool. Zwei jungen Weltenbummlern ist das egal. Sie haben ihre Medienjobs aufgegeben, um in ihrer Heimatstadt einen Turnschuhladen zu gründen. Dort verkaufen sie limitierte Sneaker-Modelle an schuhsüchtige Männer - mit Erfolg.

Von


Der wertvollste Schuh im Laden steht in einer Vitrine und ist unverkäuflich. Schon der Name klingt bedrohlich: Nike Air Force One. Es ist ein Turnschuh aus weißem Anakondaleder und Blattgold. Er hat 1500 Euro gekostet und ist der beste Beweis, dass Mischa Krewer Turnschuhe, ihre Träger sagen Sneaker, anbetet. "Der Schuh ist ungetragen und wird erst bei meiner Hochzeit ausgepackt", sagt er.

Mischa Krewer, 28, hat noch vor eineinhalb Jahren als Medienberater bei einer Tageszeitung gearbeitet. Sein heutiger Geschäftspartner und Schulfreund Oliver Baumgarten, 30, ist ein studierter Designer, er entwarf Online-Kampagnen für eine Werbeagentur. Viele Jahre zuvor hatten sie ihre Heimatstadt Fulda verlassen, hatten im Ausland gearbeitet und Jobs mit Perspektiven. "Wir waren nicht unglücklich", sagt Krewer.

Irgendwann bekamen die beiden aber Lust auf etwas Eigenes. Die Leidenschaft für Turnschuhe teilten sie schon, warum dann nicht auch einen gemeinsamen Laden? "Irgendwann haben wir mal über einen eigenen Schuhladen gesprochen und uns entschieden, es zu probieren", sagt Krewer und stellt einen Schuh in grellen Neonfarben in eines der weißen Regale.

Kein Mensch in Hamburg oder Berlin braucht einen weiteren Sneaker-Store. Deshalb entschieden sie sich für ihre Geburtstadt. "Wir haben uns Fulda immer verbunden gefühlt, und eigentlich war schon nach dem Abi klar, dass wir zurückkommen", sagt Baumgarten. Doch kann man in Zeiten von Internetshops wie Zalando damit ernsthaft seinen Lebensunterhalt verdienen?

Fotostrecke

4  Bilder
Vier Erfolgsgeschichten: Gut gegründet
Tatsächlich macht ihr Laden 43einhalb, benannt nach der Schuhgröße der beiden, mit Turnschuhen zwischen 100 und 200 Euro am Rande der Fuldaer Innenstadt keinen Wahnsinnsgewinn. Doch der Standort ist zweitrangig, Dreiviertel des Umsatzes machen die Jungunternehmer ohnehin mit ihrem Online-Versand. Vor allem Männer zwischen 20 und 40 Jahren sind ihre Kunden. Sie geben gern Geld für Schuhe aus, einige sind sogar echte Sammler. Ihnen verkaufen und schicken Krewer und Baumgarten, was sie suchen: Sneaker, die sonst keiner hat.

Exklusivität ist die Geschäftsgrundlage der beiden. Einen Nike Air Max One findet man nicht bei Görtz oder Deichmann. Und wenn Adidas im August seinen legendären Basketball Profi wiederauflegt, wird 43einhalb einer der wenigen Läden in Deutschland sein, in dem es das limitierte Modell zu kaufen gibt. So steigern Marken Begehrlichkeiten und Läden ihren Ruf in der illustren Sneaker-Szene. "Sneakerheads" werden Schuhverrückte wie Krewer und Baumgarten dort genannt.

Dass sie jetzt so gute Kontakte haben, ist auch einem Zufallsprojekt der beiden Freunde geschuldet. Schon lange vor der Eröffnung ihres Unternehmens gründeten sie das erste deutschsprachige Sneaker-Blog. "Innerhalb der Szene kannten uns viele, Stammkunden und Hersteller", sagt Mischa Krewer. Und natürlich kaufen sie auch ständig neue Sneaker für sich selbst: Wie viele ihrer Kunden bieten sie auf limitierte Modelle bei Ebay oder machen auch mal einen Kurztrip zu einer Schuhpremiere im Ausland. Mehrere hundert Paar stehen in ihren Wohnungen und aus Platzgründen mittlerweile auch im Büro.

Trotz Startschwierigkeiten schreiben sie schwarze Zahlen

Dennoch: Allein gute Kontakte machen noch kein gutes Geschäft. Ein knappes Jahr verging vom Entschluss bis zur Eröffnung. Die beiden Gründer schrieben einen Businessplan, verhandelten mit Lieferanten und besichtigten leerstehende Läden. Sie investierten ihre privaten Ersparnisse, von ihrer Hausbank bekamen sie einen Kredit in fünfstelliger Höhe, außerdem den Gründerzuschuss der Bundesregierung. Ihre Familien und Freundinnen blieben trotzdem skeptisch. "Meine Eltern haben schon gefragt, wie ich eine Familie ernähren wolle", sagt Oliver Baumgarten.

Anfangs lief auch nicht alles glatt. Das Gefühl für die richtige Warenmenge fehlte den beiden Schuhliebhabern. "Wir haben immer noch Schuhe auf Lager, die wir beim ersten Mal geordert haben", erzählt Baumgarten. Auch das Abgeben von Aufgaben sei ihnen am Anfang schwergefallen. Inzwischen haben die beiden zwei feste und zwei freie Angestellte, an der Arbeitszeit hat das jedoch noch nicht viel geändert: 70 bis 80 Stunden im Laden sind keine Seltenheit. Dafür schreiben die beiden, so sagen sie, schon schwarze Zahlen.

Der teuerste verkäufliche Schuh ist übrigens Baumgartens Eigenmarke. Vor knapp drei Jahren entwickelte er zusammen mit einem Kommilitonen den Flaek Kaalen Hi als Abschlussarbeit des Designstudiums. Inzwischen kann man dieses Modell bei 43einhalb kaufen. "Die Schuhe werden in Süddeutschland teilmaßgefertig, ungefähr acht Wochen muss man auf den Flaek warten", sagt er.

Anpassung an die Füße, Nubukoberleder und Handarbeit im Inland, diese Dinge haben ihren Preis, knapp 300 Euro muss ein Käufer für den Sneaker auf den Tisch legen. Ein kleiner Kreis exklusiver Kunden ist dazu bereit, haben die beiden gemerkt. "Und nachdem das erste Jahr überstanden ist, haben wir uns auch vorgenommen, den Karren nicht mehr an die Wand zu fahren", sagt Baumgarten.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Birk Grüling (Jahrgang 1985) lebt und arbeitet als freier Journalist am Rande von Hamburg. Seine Schwerpunkte sind Reportagen und Interviews rund um Popkultur und Gesellschaft.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.