Juristen unter Konkurrenzdruck Der Anwaltsautomat

Rechtsanwälte sind teuer - aber braucht man sie überhaupt für simple Fragen? Das Berliner Start-up Smartlaw ersetzt das anwaltliche Gehirn durch Software: Bei Standardverträgen hilft der Anwaltsautomat.

08/15-Vertrag? Da reicht vielleicht Maschine statt Anwalt
Corbis

08/15-Vertrag? Da reicht vielleicht Maschine statt Anwalt

Von Christian Lauenstein


Über Juristen wird viel geklagt und gespottet, immer schon. Von Heinrich Heine bis Alfred Nobel gab es zuhauf leidenschaftliche Juristenhasser; sie verspotteten Advokaten als "Blutsauger" und "Bratenwender", als "Spitzbuben" und "Prostituierte".

So wütend würde Daniel Biene nicht daherreden, er ist selbst Jurist. Doch auch Biene hat sich über die Honorare seiner Zunft oft geärgert - und daraus eine Geschäftsidee gemacht. Mit drei Kollegen gründete er das Unternehmen Smartlaw, eine Art Anwaltsautomat.

Der funktioniert so: Im Internet stellt eine Software anhand von Entscheidungsbäumen ein paar schlichte Fragen, man antwortet mit Ja, Nein oder einigen Zahlen. Am Ende spuckt die Maschine ein Dokument aus: Mietvertrag, Vorsorgevollmacht, Autokauf, alles dabei. Der günstigste Vertrag ist gratis, der "Geschäftsführer-Arbeitsvertrag" kostet 69 Euro. Insgesamt elf Verträge sind derzeit im Angebot. Weitere sollen folgen.

Gehässigkeiten über Juristen

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

"Juristen verfügen über exklusives Herrschaftswissen, das sie nur für viel Geld preisgeben", sagt Daniel Biene, 38. "Das wollen wir ändern." Nach seiner Ausbildung arbeitete er nur kurz als Rechtsanwalt und wechselte zügig ins Management eines Medienunternehmens. Dort hatte er immer wieder mit Juristen zu tun und war oft genervt.

"Für jede Kleinigkeit brauchte ich einen Anwalt", so Biene. "Hier einen Arbeitsvertrag, dort mal was zum Datenschutz, immer zu hohen Stundensätzen. Inhaltlich war das alles nicht kompliziert, aber man kann es trotzdem nicht selbst machen." Mit Smartlaw hat er es jetzt auf jene Firmen und Privatleute abgesehen, die Standardverträge brauchen, aber den Gang zum Anwalt scheuen.

Auch Google ist am Start

Die Idee ist nicht völlig neu. Online gibt es längst anwaltliche Beratung auf Seiten wie YourXpert.de oder Frag-einen-Anwalt.de. Mit einem ähnlichen Konzept wie Smartlaw ging das Unternehmen Janolaw bereits im Jahr 2000 in Deutschland an den Start; in den USA hat Marktführer Legalzoom rund zwei Millionen Kunden. Beim kleineren Konkurrenten Rocket Lawyer hat sich Google vor zwei Jahren mit mehreren Millionen Dollar eingekauft.

In seiner "Zukunftsstudie 2030" skizziert der Deutsche Anwaltverein (DAV) mehrere Trends für den deutschen Anwaltsmarkt, darunter auch "virtuelle Geschäftsmodelle". "Neue Online-Anbieter verlagern standardisierbare Leistungen der Beratung und der Vermittlung von Anwälten ins Internet", heißt es darin. Mit Standardverträgen ist dann kaum noch Geld zu verdienen, mit Beratung schon.

Komplizierte juristische Probleme könne man "nicht im Internet anhand von ein paar simplen Ja-Nein-Fragen lösen", räumt Smartlaw-Gründer Biene ein. "Aber das ist auch nicht unser Anspruch. Wir haben es auf die Massenware abgesehen." Jeden Tag würden in Deutschland Tausende simpel gestrickter Arbeits-, Kauf- oder Mietverträge geschlossen, die alle gleich aussähen. "Und die lässt man sich meist entweder teuer vom Anwalt erstellen oder zieht aus einem Leitz-Ordner veraltete Vorlagen, die man mal bei Google gefunden hat. Das kann's ja wohl nicht sein."

Unverständnis bis Begeisterung

Die Verträge auf Smartlaw hat Biene nicht selbst entworfen, das haben Fachkanzleien übernommen, etwa die renommierte Hamburger Kanzlei "Brehm & v. Moers" für die bald online stehenden Verträge zum Medien- und Urheberrecht. Die externen Anwälte sorgen stetig für die Anpassung der Dokumente an die Rechtsprechung - insbesondere im Mietrecht unerlässlich.

"Die Reaktionen von Anwälten reichen von Unverständnis bis Begeisterung", so Biene. Nur anfänglich habe man Probleme gehabt, externe Kanzleien zur Zusammenarbeit zu bewegen. Inzwischen wollten viele Anwälte entweder Verträge für Smartlaw entwerfen oder aber die standardisierten Ergebnisse für ihren Kanzleialltag nutzen. Smartlaw läuft gut an, der Sprung in die Gewinnzone ist für Ende 2014 geplant.

Rund 161.000 Anwälte sind derzeit in Deutschland zugelassen, jährlich drängen rund 3000 neue auf den Arbeitsmarkt, viele hangeln sich nur mühsam und mit kargem Verdienst durch. Nun hat es Smartlaw auf ein Stück vom Kuchen der Rechtsanwälte abgesehen - der Deutsche Anwaltverein ist entsprechend skeptisch. "Man muss mehrere Stolpersteine beachten", sagt Sprecher Swen Walentowski, etwa dass der Kunde erst zahlen müsse, dann den Vertrag erhalte und die Plausibilität laut AGB selbst prüfen müsse: "Was soll das denn? Dann kann man auch gleich zum Anwalt gehen."

"Juristen sind weit mehr als Maschinen"

Auch die Haftungsfrage stört Walentowski. "Ein Anwalt haftet für eine mangelhafte Rechtsberatung drei Jahre lang mit einer Berufshaftpflichtversicherung im Rücken." Darauf könne man sich bei Smartlaw nicht verlassen - gehe etwas schief, habe man ein Problem. "Gesamtnote: zweifelhaft", so der DAV-Sprecher. Über wettbewerbsrechtliche Klagen von Anwälten würde er sich nicht wundern: "Das ist nur eine Frage der Zeit."

Etwas entspannter sieht der Stuttgarter Rechtsanwalt Frank Diem das Angebot. Der Vorsitzende des Ausschusses "Qualitätssicherung" der Bundesrechtsanwaltskammer boxte vor Jahren einen Anwalt-Suchservice im Internet vor dem Bundesverfassungsgericht durch, gegen damals bestehendes Standesrecht.

"Unsere Leistungen als Akademiker müssen doch weit darüber hinausgehen, bloße Subsumtionsmaschinen zu sein", sagt Diem und greift damit einen Klassiker der Juristensprache auf - Subsumtion steht für die Anwendung einer Rechtsnorm auf einen Fall. Diem hat kein Problem damit, dass sich schlichte juristische Angebote ins Internet verlagern, etwa Praktikanten- oder Mietverträge. Ein Rechtsanwalt sei unerlässlich, sobald es komplizierter werde; einen Geschäftsführervertrag für 69 Euro sieht er kritisch.

"Angebote wie Smartlaw sind jedenfalls für keinen Anwalt, der seinen Beruf ernst nimmt, eine Gefahr. Wer sein Geld nur mit Basics verdient, der hat ohnehin ein Problem", so Diem. "Besser man erhält saubere Ergebnisse aus einer mit Sachverstand programmierten Maschine, als wenn ein schlechter Jurist die Ausarbeitung hinschludert."

  • KarriereSPIEGEL-Autor Christian Lauenstein (Jahrgang 1982) hat auch mal Jura studiert, ist dann aber Journalist in Hamburg geworden.

insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SIR-ENE 06.11.2013
1.
Warum haben Juristen nicht verhindert, daß das Krisenmonster immer fetter und gefräßiger wurde? Sie haben eine der besten Rechtsordnungen der Welt, umfassende Gewaltbefugnisse, im Streitfall das letzte Wort und 80 Millionen sehr sensible Unrechtsmelder im ganzen Land, die bestens unterstützt werden von Rechtsschutzversicherungen ...
lafrench 06.11.2013
2. Kommunikation
Hier betreibt der Firmengründer Kommunikation für ein besseres Image:-) Natürlich ist es möglich, mit guten theoretischen Informatikern, Computerlinguisten und wissenden Juristen auch komplexe Falle zu lösen, die weit über Standardverträge hinausgehen. Sagen wir es offen: auch Computer sind lernfähig!* Das darf jetzt nur noch keiner wissen :-) Die immer wiederkehrende Frage des 20. und nun des 21.Jhr seit Albert Einstein und der Atombombe bleibt hingegen bestehen: darf man das entwickeln? Informatiker haben keine praktische Ethik im Studium, sie seien hier entschuldigt. Aber da Juristen schon während ihrer Ausbildung im Studium in Kursen zur praktischen Ethik diese Frage eindeutig mit Ja beantwortet haben - für alle anderen Branchen, in denen Menschen durch Maschinen ersetzt wurden - ist dem nun auch nichts mehr entgegenzusetzen. Schon im BWL Studium habe ich über die begeisterten zukünftigen Optmierer gelacht, die Investitionsrechnung geliebt haben und so rechtzeitig lernten, wie man Jobs einspart - inklusive des eigenen. Wieder 0,3 Lersonen weniger, was ein Spass! Nun machen es die Juristen genauso - diesmal allerdings* mit Hilfe von Informatikern.
mheitm 06.11.2013
3. Das ist die Zukunft
Rechenkapazität ist bereits jetzt praktisch unbegrenzt verfügbar und in ein paar Jahren ist die Software auch so weit. Ist auch schwer mitzuhalten wenn in Sekundenbruchteilen auf alle Gesetzestexte, Urteile und Kommentare zugegriffen werden kann die es gibt, und diese auch noch 'verstanden' werden und über juristische Prinzipien sinnvoll verknüpft. Alles Algorithmen. Gleiches wird in der Medizin passieren, dafür werden die Technologien die in Siri, Watson und Co. angelegt sind schon sorgen. Im Grunde ist das die nächste industrielle Revolution die da kommt.
SIR-ENE 06.11.2013
4. Pimp Your Right!
Zitat von sysopCorbisRechtsanwälte sind teuer - aber braucht man sie überhaupt für simple Fragen? Das Berliner Start-up Smartlaw ersetzt das anwaltliche Gehirn durch Software: Bei Standardverträgen hilft der Anwaltsautomat. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/juristen-unter-druck-konkurrenz-aus-dem-internet-a-931986.html
Wenn man es richtig anstellt, sind Anwälte nicht sooooo teuer. Bei Rechtsstreiten muß ja immer der zahlen, der den Prozeß verliert. Und wenn man stufenweise vorgeht, sich zunächst mal das Ziel nennen läßt, das jeweils zuständige Gesetz, nicht irgendwelche Kommentare, die wer weiß wie aufgrund von wer weiß was entstanden sind, hat man schon mal das Wichtigste für seinen Rechtserfolg getan. Rechtspfadfinder bei Gerichten wären eine tolle Einrichtung. Dann noch eine jederzeit von Rechtsuchenden anrufbare Instanz, die Grundrechtsverletzungen sofort in Ordnung bringt und nicht erst verlangt, daß Betroffene es mit Juristen versucht haben, die ihre Kollegen nur allzugerne decken, und wir kämen schneller vom Abgrund weg als Sessel zurechtgerückt werden für die neue Regierung. Es gibt übrigens ein Bürgerengagement, das mithilfe des wichtigsten Demokratierechtes für mehr Rechtsklarheit und mehr Rechtssicherheit sorgt: *"Pimp Your Right!"* Das hockt in den Startlöchern ...
hanswurster 06.11.2013
5. Robin Hood?
Soso, er regt sich also über die hohen Stundensätze auf und möchte dem kleinen Mann ehrenamtlich helfen. Oder will er etwa selbst gutes Geld ohne viel Leistung verdienen? Die Arbeit wird ausgelagert, er stellt lediglich die Software. Und Verantwortung wird natürlich erst Recht nicht übernommen. Da sind die Kunden auf sich allein gestellt. Und vielleicht hätte er vielleicht andere Anwälte beauftragen sollen, wenn seine zu teuer sind. Die Verträge die er da nennt und die angeblich keinerlei größeres Fachwissen benötigen, die können dann eben auch anderen Anwälte als die der Groß- oder mittelständlichen Kanzleien erbringen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.