Mein Leben als Kammerjäger "Unter meinen Kunden sind sehr viele Hotels"

Schaben, Wanzen, Ratten: Ein Kammerjäger berichtet vom Kampf gegen Schädlinge in Wohnungen, Hotels und Geschäften - und davon, warum er für manche Kunden auch Seelsorger ist.

Kammerjäger bei der Arbeit
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Kammerjäger bei der Arbeit

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Ach, Sie sind der, der Ratten totschlägt." Das sagen die Leute, wenn ich erzähle, dass ich Kammerjäger bin. Ich benötige aber ein breites Wissen, denn es gibt etwa 100 Schädlinge, die alle anders bekämpft werden. Wenn ich gerufen werde, kümmere ich mich um alles, was krabbelt und kriecht: verschiedene Käfer, Wespen, Motten, Flöhe, Mäuse, Tauben und Marder.

Mit 16 Jahren begann ich meine Ausbildung, mittlerweile arbeite ich seit 30 Jahren als Kammerjäger und leite einen eigenen Betrieb mit 25 Mitarbeitern in einer deutschen Großstadt. Zuerst habe ich mich vor allem um die Rattenbekämpfung mit verschiedenen Giften gekümmert.

Tote Ratte
imago/ Henning Scheffen

Tote Ratte

Im Volksmund ist die Ratte wahrscheinlich einer der bekanntesten Schädlinge. Mich nervt der jährliche Hype um die Gefahr der Tiere. Ja, es stimmt: Ratten können Krankheiten übertragen. Auf dem Fell einer Kanalratte finden sich bis zu 71 Krankheitserreger. Da sich die Tiere vor allem an Orten aufhalten, die voller Fäkalien sind, ist das aber nicht verwunderlich. Wirklich gefährlich sind nur Tiere, die selbst schon krank sind.

Mitte der Neunzigerjahre fing ich an, mir einen eigenen Betrieb aufzubauen. Etwa 7000 Einsätze hatten wir im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. Bis vor ein paar Jahren gehörte auch die Kontrolle von Kindergarten- und Schulkindern auf Kopflausbefall hin zu meinen Aufgaben. Heute ist dies ohne Einwilligung der Eltern nicht mehr möglich. Beratungen zum Thema Kopflausbefall führe ich aber immer noch hin und wieder durch.

Unter meinen Kunden sind sehr viele Hotels. Meistens gibt es hier Probleme mit Bettwanzen, die die Gäste etwa schon aus anderen Hotels mitbringen und die sich dann über die Wäsche schnell im ganzen Haus verbreiten können. Bettwanzen lösen zum Beispiel Hautausschlag und starken Juckreiz aus. Auch viele Privatkunden kontaktieren uns wegen Bettwanzen, vor allem nach den großen Schulferien. Insgesamt rücken wir pro Jahr allein wegen der Wanzen 750 Mal aus.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Auch Discounter gehören zu meinen Kunden. Alle größeren Lebensmittelmärkte haben einen Stamm-Kammerjäger, der etwa einmal im Monat vorbeikommt und die Schabenfallen und Mäuseboxen kontrolliert, die unter den Regalen aufgestellt sind. Falls sich in den Fallen tatsächlich Tiere finden, kann er dann schnell aktiv werden.

Ich betreue mit meiner Firma über 4000 Privatkunden im Jahr. Einmal rief mich eine ältere Dame an, die glaubte, Mäuse in ihrer Erdgeschosswohnung zu haben - allerdings immer erst ab 18 Uhr. Wir trafen uns bei ihr zu Hause, ich durchsuchte die ganze Wohnung und fand nichts. Pünktlich um 18 Uhr hörte aber auch ich ein Quietschen. Die Nachbarin aus der Wohnung nebenan kam jeden Tag um 18 Uhr von der Arbeit und ging ins Bad. Ihre Badezimmertür quietschte entsetzlich. Ich ölte sie und der Fall war erledigt.

Bettwanzen
AP/ PR Newswire

Bettwanzen

Besonders gut erinnere ich mich auch an den Bodybuilder, der mich wegen einer Feldmaus in der Küche rief. Als ich ankam, machte mir ein zittriger Zwei-Meter-Mann mit Muskeln wie Schwarzenegger zu seinen besten Zeiten die Tür auf, um dann in die Küche zu flitzen und sich, mit einem Besen bewaffnet, auf einen Angelhocker zu stellen. Die etwa vier Zentimeter große Maus fand ich schließlich in einer kleinen Öffnung unter der Spüle. Ich konnte sie lebend fangen und später aussetzen.

Manchmal bin ich nicht nur Kammerjäger, sondern auch Seelsorger. Wie bei der Frau, die angab, große Probleme mit Lebensmittelmotten zu haben. Ich fuhr zu ihr und kam in die sauberste Wohnung, die ich jemals gesehen habe. Nicht einmal hinter dem Kühlschrank, den ich auf der Suche nach Schädlingen abrückte, lag ein Staubkorn. Als ich ihr sagte, ich könne keine Motten finden und sie fragte, wie es ihr denn sonst gehe, fing sie an zu weinen. Sie berichtete von einem massiven Putzzwang, der sie täglich bis zu acht Stunden Zeit kostete. Ich berechnete ihr nur den Erstbesuch und half ihr, einen Therapeuten zu finden.

Für Privatpersonen sind Kammerjäger teuer. Mindestens 250 Euro kostet ein Besuch. In manchen Städten sind bis zu 700 Euro für die Beseitigung von Bettwanzen möglich. Ich sehe meine Aufgabe aber nicht nur im Geld verdienen. Ich möchte mein Wissen weitergeben und den Menschen helfen. Denn Schädlinge können ihnen das Leben echt schwer machen.

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 16.03.2018
1. Schädlingsbefall...
...hat nicht unbedingt etwas mit Unsauberkeit oder mangelnder Hygiene zu tun. Natürlich sind das Gründe für den Schädlingsbefall...aber auch in ordentlich geführten Haushalten kommen Schaben und Co. vor....Ratten sind in Großstädten sowieso nie mehr als 5m von uns entfernt....insofern ein Beruf mit Zukunft.
ManRai 16.03.2018
2. Ratte im 15. Stock
keine Ahnung wie die dahin kam - hat sich gut versteckt, nur mit WiFi Kamera entdeckt - Kammerjäger kam und aus die Maus/aeh Ratte Berlin, Hinterhof (gute Wohngegend) Fischabfälle 1.000e (gefühlte Ratten) an den Mülltonnen - chancenlos fuer Kammerjäger - ist aber auch viele Jahre her
gartenkram 16.03.2018
3. Ein glück
Dass es menschen gibt, die so einen job machen können. Als bei uns im haus ratten waren (ist halt schon mal so auf dem land) hätte och auch um ein haar auf dem tisch gestanden. Der kammerjäger hatte ein grinsen im gesicht und hat das problem flott gelöst. Super :)
dasfred 16.03.2018
4. Hatten letztes Jahr Ratte im Keller
Altbau, Mehrfamilienhaus. Der Kammerjäger hat Gift ausgelegt und es hat auch gewirkt. Eine Woche Verwesungsgeruch im Keller und Treppenhaus. Das Skelett fand sich ein halbes Jahr später in einer versteckten Ecke.
c.PAF 16.03.2018
5.
Zitat von ManRaikeine Ahnung wie die dahin kam - hat sich gut versteckt, nur mit WiFi Kamera entdeckt - Kammerjäger kam und aus die Maus/aeh Ratte Berlin, Hinterhof (gute Wohngegend) Fischabfälle 1.000e (gefühlte Ratten) an den Mülltonnen - chancenlos fuer Kammerjäger - ist aber auch viele Jahre her
Ich hab mal gesehen, wie eine Ratte ein 18mm dickes Kupferrohr 2,5m nach oben geklettert ist. Da ist eine Hauswand Peanuts dagegen. Ich tippe jedoch eher auf Aufzug, Aufzugsschacht bzw. Treppenhaus...
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