Rhetorik für Büttenredner Mein Kunde, der Narr

Narren zum Lachen zu bringen, das kann ja nicht so schwer sein. Oder doch? Marco Ringel ist Karnevalsrhetorik-Trainer. Er wird von Vereinen gebucht, um mit Jecken ihre Büttenreden zu üben - und soll nebenbei auch den Nachwuchs für den großen Auftritt begeistern.

Marco Ringel macht Büttenredner fit für den Auftritt in der Bütt
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Marco Ringel macht Büttenredner fit für den Auftritt in der Bütt


"Verlange ich mein Recht, dann wird sie gemein. Sie gibt mir ihr Gebiss und sagt: Küss' dich allein." (Aus einer Mainzer Büttenrede, 2013)

Eine Karnevalssitzung ohne Büttenredner ist wie Kuchen ohne Zucker. Sie erzählen Witze, reimen bissige Verse über "die da oben" oder nehmen die Lokalprominenz aufs Korn. Dabei sollen sie witzig sein, originell, überzeugend - und vor allem nicht langweilig. Ganz schön viel verlangt von Jecken, die ihre Vorträge nebenberuflich in ihrer Freizeit schreiben. Damit der Auftritt in der Bütt gelingt, coacht Karnevalsrhetorik-Trainer Marco Ringel, 36, seit vier Jahren Fastnachter von Vereinen aus ganz Deutschland. "Oft reichen schon eine paar kleine Tricks zum Erfolg", sagt er.

Ringel ist davon überzeugt, dass der Erfolg einer Büttenrede nicht vom Text abhängt, sondern von der Art, wie er vorgetragen wird: "Viele reden viel zu schnell, machen keine Pause und schauen das Publikum nicht an. So kann kein Funke überspringen." Dieselbe Rede könne schallendes Gelächter hervorrufen - oder nur müdes Lächeln, je nachdem, ob sie lebendig, schön betont und ausdrucksstark präsentiert oder eher monoton abgelesen wird.

In seinen zweitägigen Seminaren wird daher das Vortragen x-mal geübt: Jeder muss seine Büttenrede mehrmals vor laufender Videokamera darbieten, anschließend wird sie in der Gruppe analysiert. Die Identität seiner Schüler hält Ringel geheim, er verrät nur so viel: Der jüngste war 14, der älteste weit über 60 Jahre alt. Und es sind auch Prinzenpaare und Vereinspräsidenten aus dem Rheinland und Schwaben dabei.

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Von Beruf Shoutcoach: Nachhilfe im Grunzen, Knurren, Schreien
Hauptberuflich bildet Ringel in Trier Lehrer aus, studiert hat er Musik mit den Fächern Trompete, Klavier und klassischer Gesang. Jetzt, zur Fastnachtszeit, ist er auch als Talkshowgast gefragt. In einem Interview mit dem Südwestrundfunk erzählt er, wie er die Karnevalsrhetorik als Geschäftsidee entdeckt hat: Als Musiker stand er früher bei vielen Fasttnachtssitzungen neben der Bühne und sah Büttenredner, die zwar gut vorbereitet waren, das Publikum aber nicht richtig begeistern konnten: "Ich war damals schon als Rhetoriktrainer tätig und dachte: Okay, für diese Menschen könntest du was basteln, dass sie auf der Bühne den Erfolg kriegen, den sie verdienen."

In der Not hilft ein Sinnloszitat

Er selbst hat auch schon Büttenreden gehalten, ist jetzt als Fastnachter aber nicht mehr aktiv: "Ich fahr' lieber durchs Land und schau' mir die Leute an, die ich gecoacht habe." Gegen Nervosität und Aufregung vor dem Auftritt empfiehlt er "das Affentrommeln, eine Technik, die auch Schauspieler machen", wie er sagt. Dabei klopfe man den Körper von oben bis unten ab - das lenke den Geist ab. Und was tun, wenn Zuschauer reinrufen? "Da schlage ich ein Sinnloszitat vor wie: Besser die Füße unter dem Tisch als die Hand im Wind", sagt Ringel. So könne man Kritiker erst einmal sprachlos machen. Misserfolge solle man sich außerdem nicht zu Herzen nehmen "und weiter an sich glauben".

Ringel wird meistens von Vereinen gebucht, gerade hat er ein Seminar im Auftrag der Rheinischen Karnevals-Korporationen gehalten, dem zweitgrößten Karnevals- und Fastnachtsdachverband Deutschlands. Von den mehr als tausend Mitgliedsvereinen klagen viele über Nachwuchssorgen in der Bütt. "In jedem kleinen Örtchen gibt es eine Tanzgruppe, aber Büttenredner fehlen", sagt Vizepräsident Willi Fuhrmann, 70. Grund sei auch, dass es im Fernsehen zuhauf Karnevalssitzungen gebe, in denen gute Redner zu sehen seien: "An ihnen will sich im Dorf niemand messen. Wir sind ja keine Profis."

Nach dem Seminar mit Ringel will er auch künftig angehende Redner von ihm trainieren lassen. "Das Coaching ist sehr sinnvoll", findet Fuhrmann. 120 bis 150 Euro kostet das zweitägige Seminar pro Teilnehmer.

Büttenredner Jürgen Jakobs von der Karnevalsgesellschaft der "Wieweler" in Trier glaubt allerdings nicht, dass das mangelnde Interesse des Nachwuchses nur am Lampenfieber liegt: "Viele junge Leute wollen in ihrer Freizeit ganz was anderes machen."

Birgit Reichert/dpa/vet



insgesamt 7 Beiträge
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Ex-Kölner 02.03.2014
1. Bei meiner Frau, dem alten Drachen...
Zitat von sysopDPANarren zum Lachen zu bringen, das kann ja nicht so schwer sein. Oder doch? Marco Ringel ist Karnevalsrhetorik-Trainer. Er wird von Vereinen gebucht, um mit Jecken ihre Büttenreden zu üben - und soll nebenbei auch den Nachwuchs für den großen Auftritt begeistern. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/karnevalsrhetorik-trainer-coacht-buettenredner-fuer-fastnachtssitzung-a-956297.html
...da hab ich wirklich nichts zu lachen! Da ist zwar was dran und es schadet sicher nicht, wenn man die Vortragskünste verbessert. Dennoch: Wenn ich im Fernsehen mal bei irgendeinem Karnvelskram hängenbleibe - so tue ich dies meist nicht lang, denn nicht die Rhetorik, sondern der Inhalt der Büttenreden ist oft oberpeinlich. Da werden die ältesten und vorhersehbarsten "Witze" rausgekramt, schamlos aus Witzbüchern, den einschlägigen Internetseiten oder (wenn's hochkommt) aus der 'Titanic' geklaut. Die peinlichsten Zoten und dumpfsten Vorurteile werden verbreitet - da mag der gekonnte Vortrag dem Redner helfen, macht das Gesabbel aber auch nicht besser. In vielen kleinen Karnevalsvereinen geht es zudem nicht nach Talent, sondern nach vermeintlicher oder tatsächlicher Wichtigkeit. Wenn der örtliche Autohausbesitzer den Verein tüchtig sponsort, kann er so witzlos sein, wie er ist - der darf auf die Bühne. Da bleiben dann nur noch Narhallamarsch und Abgang...
Paul Panda 02.03.2014
2. unterste Schublade
Zitat von sysopDPANarren zum Lachen zu bringen, das kann ja nicht so schwer sein. Oder doch? Marco Ringel ist Karnevalsrhetorik-Trainer. Er wird von Vereinen gebucht, um mit Jecken ihre Büttenreden zu üben - und soll nebenbei auch den Nachwuchs für den großen Auftritt begeistern. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/karnevalsrhetorik-trainer-coacht-buettenredner-fuer-fastnachtssitzung-a-956297.html
Da hat der Trainer ja noch einiges zu tun: Ich schaue mir schon seit zehn Jahren keine Büttenreden mehr an, weil das Niveau bereits unterirdische Tiefen erreicht hat. Der Redner braucht braucht oft nur ein Wort auszusprechen, das mit irgendwelchen menschlichen Körperausscheidungen zu tun hat (in allen drei Aggregatzuständen), und schon wälzt sich sogar die lokale Prominenz vor Lachen am Boden. Ich finde das einfach nur abscheulich. Wie tief sind wir gesunken! Das ist "unterste Schublade" und nicht mehr zu unterbieten. Leider zeigen sich solche Tendenzen auch immer öfter bei Comedie-Darbietungen. Als Jugendlicher war es in meiner Familie Tradition, die damals noch in zwei Versionen dargeboteten, mainzer Karnevalssitzungen am Fernseher zu verfolgen. Da gab es Büttenredner, die heute auf Grund ihrer Scharfzüngigkeit und ihres feinsinnigen Humors sehr gut in die "Anstalt" oder die "Heute Show" des ZDF passen würden. Lang ist's her. Doch Fäkalwitze hin, Fäkalwitze her: Hauptsache: politisch korrekt! Ich bin mir nämlich sicher, dass der legendäre Ernst Neger heute wegen seines Namens nicht mehr auftreten dürfte. Oh welch ein Fortschritt (Ironie aus).
norman.schnalzger 02.03.2014
3. heutige Buttenreden
Da kann ich den "Vorschreibern" nur zustimmen sind hoch notpeinlich und zum Fremd schämen.
ariston666 02.03.2014
4. Gähnende Langeweile!
Büttenreden die im Fernsehen vom Blatt abgelesen werden ist nur noch peinlich das ist un*pro*fes*si*o*nell auch die öde, verstaubte Politikerschelte bei der Mainzer Sitzung ist gähnend langweilig.Ich persönlich finde die Stunksitzung in Köln am humorvollsten ausserdem werden hier diese alten,vestaubten langweiligen Traditionen des Kölner Karnevals erneuert.
luigi 03.03.2014
5. Humor ist, wenn man trotzdem lacht
Ich muss den Vorrednern widersprechen. Sicher gibt es eine Riesenspannbreite bei der Qualität der Redner. Die guten jedoch sind wahre Kabarettisten. Dabei kommt es tatsächlich vor allem auf die Art des Vortrags an, denn komödiantes und schauspielerisches Talent ist gefragt. So können selbst mittelprächtige Herrenwitze zum Reißer werden. Die richtig guten Redner reihen aber keine Witze aneinander, sondern erzählen als sich selbst auf die Schippe nehmende Figur genial komische Geschichten. Oder nehmen Politiker, VIPs etc gnadenlos aufs Korn. Dagegen kann man jeden "Comedy"-Star vergessen. Wer da keine Tränen lacht, sollte mal im Keller nachschauen. Oder einfach zugeben, dass er aus einer spaßfreien Gegend (Preußen;-) stammt.
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