Management trifft Mensch Karriere wollen alle, aber psst

Die nächste Beförderung, der nächste Titel - der klassische Aufstieg ist als streberhaft verpönt. Karriere geht heute anders, mehr gechillt und so. Und am wichtigsten: Sie darf nicht mehr so heißen.

Hauptsache, das Klima ist entspannt
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Hauptsache, das Klima ist entspannt

Eine Kolumne von


Neulich hatte Sophie Gelegenheit, in die Gedankenwelt von Menschen einzutauchen, die ihr - Sophies - Unternehmen in Zukunft erfolgreich machen sollen: in die Welt von Bewerbern. Oder, wie es inzwischen heißt: Talenten. Denn von "Bewerbern" kann nicht wirklich die Rede sein, vor allem nicht in dem Sinn, dass Sophie mit irgendeinem Job in ihrer Recyclingfirma wedelt und ein Dutzend junger Menschen begeistert danach schnappt.

Natürlich wusste Sophie das schon, immerhin führt sie bereits seit fünf Jahren die Geschäfte des Unternehmens im Badischen. Längst bietet sie flexible Arbeitszeiten an, Fitnessstudio, Weiterentwicklung, wettbewerbsfähige Gehälter und vergisst in keinem Gespräch, auf die "intensive Feedback-Kultur" der Firma zu verweisen. Feedback ist den jungen Menschen wichtig, das hat Sophie schon oft gelesen.

Was den Talenten hingegen scheinbar gar nicht mehr wichtig ist, überraschte Sophie dann doch, und das nicht nur, weil es ein sehr zentraler Bestandteil ihrer "So attraktiv sind wir als Arbeitgeber"-Strategie ist: Der Begriff "Karriere", oder gar "Karriere machen", spielt im Denken der Talente offenbar keine Rolle mehr.

"Dienstwagen, Hierarchien, Tretmühle - nicht meine Welt"

So sagte etwa Bewerberin Anne zu Sophie: "Karriere interessiert mich nicht. Dienstwagen, Hierarchien, Tretmühle - nicht meine Welt. Ich will eine spannende Aufgabe und eine inspirierende Atmosphäre."

Sophie war irritiert. Immerhin spielt für sie, wie für viele ihrer Generation, "Karriere" durchaus eine große Rolle. Sie surfte dazu ein wenig im Netz und stieß auf eine Umfrage, wonach für 91 Prozent der Bewerber ein "gutes Leben" davon abhängt, ob sie es schaffen, einen "guten Job" zu ergattern. Nach der von Arbeitgebern wie Sophies Recyclingfirma gern bemühten Aussicht auf "Karriere" kräht dagegen offenbar kein Hahn.

In der Umfrage konnten die Teilnehmer in Freitextfeldern eintragen, welche Faktoren einen guten Job ausmachen. In den mehr als 6000 Einträgen wurden am häufigsten "Geld" und "Klima" genannt - der Begriff "Karriere" fiel dagegen nur rund 30 Mal. Misslich also, wenn sich in der Arbeitgeber-Kommunikation nach wie vor alles um den neuen Igitt-Begriff dreht: Karriere-Websites, Karrieremessen, Karriere-Coaches und noch vieles mehr.

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Sophies erster Impuls war, sämtliche Texte, Bilder und Veröffentlichungen rund um ihr Employer Branding einzustampfen und noch stärker auf das zu setzen, was die Talente in Gesprächen und zahlreichen Umfragen immer wieder angeben: Sinn in der Arbeit, persönliche Weiterentwicklung, wertschätzende Führung.

Doch dann blieb sie noch mal an der Sache mit den Freitextfeldern hängen und dass darin so oft "Geld" genannt wurde. Ein kleines Detail, das ihr beim ersten Lesen entgangen war - und dass die angebliche Karriere-Aversion der neuen Generation plötzlich in einem ganz anderen Licht zeigte: Keine Karriere machen, aber trotzdem viel Geld verdienen wollen - das ist ein schönes Ziel, gegen das auch Sophie nichts einzuwenden hätte.

Nur: Es ist auch ein wenig, nun ja, widersprüchlich. Oder? Nach einem zweiten Gespräch mit Anne, dem der Karriere abholden Jungtalent, zeigte sich: Wer etwas kann, will es auch zeigen, und dafür auch gewürdigt werden. Der Vorgang soll jetzt aber nicht mehr "Karriere" heißen, weil das so angestrengt und verbiestert klingt, und dabei geht es heute doch um Lockerheit und Achtsamkeit und allgemeines Gechillt-Sein. An den grundlegenden Mechanismen ändert sich jedoch: nichts. Es ist also nur eine Frage des Wordings.

Karriere machen, ohne Karrierist zu sein

Wenn Sophie die Sache mit den Talenten und der neuen Karriere-Unlust, die eigentlich keine ist, jemand anderem erklären muss, gerät sie trotzdem noch regelmäßig ins Schlingern. Schlaflose Nächte bereitet ihr das aber nicht mehr. Schließlich hat sie seit einigen Tagen eine Expertin an Bord: Anne wird dazu ein schickes Konzept verfassen und auf dieser Basis die komplette Arbeitgeber-Kommunikation der Recyclingfirma umkrempeln. Motto: Karriere machen, ohne Karrierist zu sein.

Wenn Anne das gut macht, das hat Sophie ihr bereits angedeutet, steigt sie auf. Natürlich nicht im Sinne einer klassischen Beförderung, denn Anne will schließlich keine Karriere machen. Aber etwas mehr Verantwortung, mehr Geld, vielleicht eine Assistentin, dagegen hätte Anne nichts einzuwenden. Hauptsache, das Klima bleibt entspannt.



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
cedebe 05.06.2017
1. erlebe ich anders
in meinem Umfeld, machen die, die "ge-chilled" arbeiten wollen, keine Karriere. Das stimmt. Aber nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil ihre Einstellung dem AG nichts bringt. Alle anderen machen weiterhin Karriere, wenn auch aus etwas anders betitelter Motivation heraus als die Generation davor. Auch wenn die Generation weniger Köpfe hat, zum Wettbewerb um Führu gspositionen sind ausreichend da.
ligako 05.06.2017
2. Keine Verantwortung
Ich habe die Erfahrung gemacht das viele Kolleginnen und Kollegen, mehr Geld, mehr Status, interessante Aufgaben wünschen, wenn es aber darum geht Verantwortung zu übernehmen, dann wird es dünn. Diejenigen zu sein die unpopulare Maßnahmen durchsetzt oder mal den Kopf hinhalten muss, das möchten heute wenig Mitarbeiter. Das hat dann auch zur Folge das wenige Leute Entscheidungen treffen, lieber nochmal ein Meeting und eine Bewertungsmatrix, oder irgendwelche haarsträubende KPI's heranziehen als einfach mal zu entscheiden. Aber nach ein paar Jahren Berufserfahrung legt sich dass und der Eine oder die Andere Führungskraft findet sich dann doch.
neue_mitte 05.06.2017
3.
Zitat von ligakoIch habe die Erfahrung gemacht das viele Kolleginnen und Kollegen, mehr Geld, mehr Status, interessante Aufgaben wünschen, wenn es aber darum geht Verantwortung zu übernehmen, dann wird es dünn. Diejenigen zu sein die unpopulare Maßnahmen durchsetzt oder mal den Kopf hinhalten muss, das möchten heute wenig Mitarbeiter. Das hat dann auch zur Folge das wenige Leute Entscheidungen treffen, lieber nochmal ein Meeting und eine Bewertungsmatrix, oder irgendwelche haarsträubende KPI's heranziehen als einfach mal zu entscheiden. Aber nach ein paar Jahren Berufserfahrung legt sich dass und der Eine oder die Andere Führungskraft findet sich dann doch.
Weil es "die Firma" in der Regel nicht wert ist. Warum soll man für ein Unternehmen freiwillig den Kopf hinhalten, wenn man die Gründe für ein Scheitern der Entscheidung eh oftmals nicht in der Hand hat? Die beratungsresistenten Verantwortungsträger weiter oben haben was entschieden und man muss das jetzt umsetzen bzw. in diesen oftmals von Anfang an verseuchten Rahmenbedingungen seine Abteilung organisieren. Früher mag man dafür noch Leute mit "Teamleiter", "Abteilungsleiter" usw. also -> Frührungskraft ködern können, aber heute sehen es viele eben nicht mehr ein, den Kopf für etwas hinzuhalten, was sinnlos ist. Und im Zeifel hält das Unternehmen selbst sowieso nicht den Kopf für seine Mitarbeiter hin. Warum also einseitig in ständige Vorleistung gehen? Vielen ist auch wirklich das Klima im Unternehmen wichtig, wie auch der Artikel diesen Begriff einmal aufgriff. Und heute noch Kollege und morgen Vorgesetzter, der Absurdes von oben durchwinken muss und dafür seine"ehemaligen" Kollegen oftmals verar***** muss, da hat heute auch in meinem Umfeld absolut keiner mehr Lust zu. Das passt alles in das Bild von work-life-balance, dem Statusverlust von Autos usw. Wenn sich gesamtgesellschaftlich und gesamtbetrieblich nichts ändert, geht dieser Trend steil weiter. Aber offenbar nehmen sich zumindest einige Unternehmen diesem Thema an.
Arnero 05.06.2017
4. Verantwortung. Direkte Demokratie.
Bauchentscheidungen sind jetzt besser als KPI? Was wäre denn mit einer Abstimmung im Meeting. Jeder stimmt für eine Lösung. Wenn einer zur Mehrheit gehört, bekommt er am Ende des Projektes je nach Zahlenlage einen Bonus / Malus. Das ist natürlich nach unten gedeckelt, sodass am Jahresende nach zig Meetings keiner einen Malus bekommt. Jeder bekommt das gleiche Basisgehalt.
Gelzy 05.06.2017
5. Diese Jugend
Ich denke das die letzte Generation auch einfach etwas zu fixiert auf die Karriere war. Gutes Abi, gutes Studium, Auslandssemester inklusive. Um dann mit 23 einen festen und gut bezahlten Job zu haben. Die Alternative wäre? ja Harz IV. Gut das dem nicht mehr so ist und sich die Jungen Zeit nehmen zu sehen was Ihnen Spaß macht.
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