Nach Diktat verreist "Mensch, du hast noch Whisky da!"

Neues Jahr - und alles wie immer: Mittelmanager Achtenmeyer hat bereits zwei von drei guten Vorsätzen über den Haufen geworfen. Und den letzten hält er auch nur mit einem Trick am Leben.

Eine Karriere-Glosse von

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Für das neue Jahr hatte sich Achtenmeyer drei Dinge ganz fest vorgenommen. Erstens: Weniger Alkohol, der Klassiker der guten Vorsätze. Zweitens: Weniger Zeit im Büro, somit mehr Zeit mit seiner geliebten Frau, was - hier beginnt die Mittelfristplanung - das innereheliche Verhältnis auf eine neue Stufe der Harmonie heben würde. Drittens: Gewohnheiten hinterfragen, sich immer wieder neu erfinden, disrupt yourself und so. Insgesamt ein hübsches kleines Paket, das ihn 2016 in frischem Glanz erstrahlen lassen würde.

Dass Probleme auftauchen würden, war klar. Achtenmeyer wusste das, und er hatte auch geahnt, dass sie als Erstes von Dr. Karl kommen würden. Die Böller knallten noch, als ihn eine Mail seines Vorgesetzten erreichte: Er brauche die Präsentation über die Marketing-Trends 2020 nun doch schon am ersten Montag im Januar. Sicher sei das kein Problem?

Und ob das ein Problem ist, dachte Achtenmeyer grimmig und entwarf eine freundliche doch bestimmte Antwort, in der er auf seine guten Vorsätze (work life balance) sowie den daraus resultierenden Gewinn für die company einging (Motivation, aufgeladene Batterien, das Übliche). Erster Angriff auf die guten Vorsätze: erfolgreich pariert.

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Am Morgen des ersten Januar wachte Achtenmeyer ohne den üblichen Kater auf - siehe Vorsatz Nummer eins. Es war ein gutes Gefühl, und ein noch besseres, die vielen Flaschen Champagner, Wein und Whisky unberührt auf der Anrichte stehen zu sehen. Achtenmeyer freute sich schon darauf, sie nach einem gesunden Frühstück in einer Art Triumphzug wieder in die Speisekammer zu verbannen. Dann klingelte es an der Tür.

Draußen stand sein Freund Egon, der Profi. Der Headhunter sah derangiert aus. Kaum Aufträge für das erste Quartal, Streit mit der Gattin, Nacht im Hotel. Ein Riesendrama, doch Egons Miene hellte sich schlagartig auf, als er die stattliche Batterie alkoholhaltiger Erfrischungsgetränke erblickte. "Mensch, Du hast ja noch was übrig", jubelte er, "lass uns einen drauf machen!" Achtenmeyer verwies auf seine guten Vorsätze, doch Egon, der Profi, verwies auf ihre Freundschaft, die er jetzt dringender brauche denn je. Das war schlicht das überzeugendere Argument.

"Selbstsüchtiger Idiot!"

Fünf Flaschen Wein und eine Flasche Whisky später kehrte die beste Ehefrau von allen von ihrem traditionellen Neujahrs-Wellness-Programm zurück. Die Sonne stand schon ziemlich niedrig, zudem hatte Achtenmeyer rätselhafte leichte Sehstörungen, weshalb er das wütende Gesicht seiner Gattin nur schemenhaft erkennen konnte. Ihre Stimme, die sich durch seine Gehörgänge direkt in sein Gehirn fraß wie eine Kettensäge durch Butterkäse, war hingegen, trotz eines gewissen schrillen Obertons, von beeindruckender Klarheit. Ebenso ihre inhaltlichen Aussagen, die sehr ausführlich waren, sich aber im Kern auf zwei Botschaften beschränkten: Achtenmeyer sei ein selbstsüchtiger Idiot. Und: Er solle sich hier die nächsten Tage bloß nicht mehr blicken lassen.

Also zog er zu Egon ins Hotel. Das Haus war eine gute Wahl, das Personal freundlich und mitfühlend, das Bett nicht zu weich. Dennoch: Selbst bei gutwilligster Betrachtung ließ sich kaum ein anderer Schluss ziehen, als der, bereits an Tag eins des neuen Jahres anderthalb von drei guten Vorsätzen leider nicht realisiert zu haben. Weshalb es auch kaum ins Gewicht fiel, dass Achtenmeyer das folgende Wochenende im Büro verbrachte und mit einem höllischen Kater, aber voller grimmiger Konzentration, die Präsentation für Dr. Karl zimmerte. Und damit auf zwei von drei verpatzten Vorsätzen erhöhte.

Blieb noch der Dritte: Gewohnheiten hinterfragen. Achtenmeyer grübelte, welche seiner zahlreichen liebgewonnenen Rituale er opfern sollte. Denn der dritte gute Vorsatz musste um jeden Preis ein Erfolg werden. Disrupt yourself, disrupt yourself, murmelte er vor sich hin. Dann zog ein Grinsen über sein Gesicht. Seit er denken konnte, hatte er an Silvester gute Vorsätze für das nächste Jahr gefasst. Eine sehr alte Tradition, in der Tat. Damit war jetzt endgültig Schluss, diese Gewohnheit wurde hinterfragt und endgültig verworfen. Immerhin also: Einer von drei Vorsätzen in die Tat umgesetzt, Achtenmeyer hatte sich selbst neu erfunden. Ein schöner Erfolg. Den muss er jetzt nur noch seiner Frau verkaufen.

Lessons learned

1) Alle Jahre wieder: Die Zahl der Menschen, die an Silvester gute Vorsätze fassen, ist Legion. Die derer, die sie kurz darauf wieder vergessen haben, auch. Die Fitnessstudios haben auf dieses Phänomen gar ihr ganzes Geschäftsmodell errichtet: Würden tatsächlich alle, die Anfang Januar eine Jahresmitgliedschaft erwerben, auch tatsächlich trainieren, würden die Räumlichkeiten aus allen Nähten platzen. Deshalb: Lieber mal mit einem Monat starten. Gilt für Fitnessstudios - und andere Vorsätze.

2) With a little help from my boss: Work Life Balance ist eine schöne und wichtige Sache. Weniger Arbeit nur für sich allein im stillen Kämmerlein zu beschließen, kann aber schwierig sein. Besser: Den Chef einbinden und gemeinsam Optionen entwickeln.

3) Disrupt yourself: Erfolgreiche Firmen stellen regelmäßig ihr Geschäftsmodell in Frage und passen es den Gegebenheiten an. Für Menschen, Manager zumal, kann das auch hilfreich sein: Eine gute Führungskraft brauchte vor zwanzig Jahren andere Dinge als heute.

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tutnet 05.01.2016
1. 5 Flaschen Wein und eine Flasche Whiskey zu zweit?
Wenig realistisch, das schafft nur ein gutgeübter Alkoholiker. Angenomnen Achtenmeyer ist 45 Jahre alt, ist 1,80m groß und wiegt 80kg, dann hätte er bei Eintreffen seiner Liebsten etwa 3,5 Promille.
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