Chef in der Reha Burn-out für Anfänger

Wie man mit Burn-out umgeht, weiß Mittelmanager Achtenmeyer ganz genau: Erst dient ihm die Erkrankung als Vorwand für einen Urlaub, dann peppt er die Reha mit seiner Budget-Planung auf. Und stürzt so einen Kollegen ins Unglück.

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Eine Karriere-Glosse von


Niemals hätte Achtenmeyer gedacht, dass er diesen Satz einmal sagen würde, aber jetzt ist es soweit: "Weißt Du, Egon", sagt er zum Headhunter seines Vertrauens, "irgendwie wird mir gerade alles zu viel." Egon verschluckt sich am Wein und wartet auf die Pointe. "Ehrlich jetzt", sagt Achtenmeyer, "ich muss mal ein paar Wochen raus aus der Mühle. Ich glaube, ich hab Burn-out."

Nachdem Egon mittels einer weiteren Flasche Pinot Grigio wieder einigermaßen hergestellt ist, macht sich Achtenmeyer auf dem Heimweg an die Problemanalyse: Selbstverständlich hat er keinen Burn-out, das Gespräch mit Egon diente nur der taktischen Vorbereitung. Nein, er liebt seinen Job und auch zu Hause ist alles in Ordnung, beziehungsweise nicht schlimmer als üblich. Achtenmeyer möchte nur einfach mal seine Ruhe haben.

Was nicht ganz leicht ist in einer exponierten Führungsrolle wie seiner. Urlaub findet er doof, Geschäftsreisen - da ist er ganz Preuße - sind zum Arbeiten da, und Sabbaticals hält er für neumodischen Quatsch. Also was tun? Die Lösung lieferte ihm vor einigen Wochen Heinemann. Ausgerechnet Heinemann, eine Stütze der Abteilung, immer alert, immer bereit für die Extra-Meile, immer engagiert.

At the end oft the day eventuell einen Tick zu sehr engagiert, denn eines Tages saß Heinemann vor seinem Notebook und kippte plötzlich einfach zur Seite. "Aha, Burn-out", sagte Achtenmeyer knapp, mit in etwa soviel Emotion wie ein mittelalterlicher Feldherr, der sich über einen verblutenden Ritter beugt und "Aha, Lanzenstich" sagt.

Burn-out verschafft ein paar Wochen Ruhe

Nie hätte Achtenmeyer unterstellt, Heinemann simuliere. Erst als der Betriebsarzt ihn sprechen wollte und mehrfach nachfragte, wie hoch denn Heinemanns Arbeitspensum "tatsächlich" gewesen sei, kam Achtenmeyer der Gedanke, dass möglicherweise nicht jede Führungskraft mit Burn-out-Diagnose so erholungsbedürftig ist wie der arme Heinemann.

Was wiederum diesen Gedanken nach sich zog: Eine Burn-out-Diagnose, ob nun gerechtfertigt oder nicht, ist eine der wenigen Möglichkeiten für einen berufstätigen Mann Ende Vierzig, mal ein paar Wochen seine Ruhe zu haben. Zwar schaute der Betriebsarzt etwas skeptisch, doch dank intensivem Wikipedia-Briefing konnte Achtenmeyer einige besonders markante Symptome höchst plastisch schildern, vor allem die Punkte "Rückzug und dabei Meidung sozialer Kontakte bis auf ein Minimum" sowie "Absinken der Toleranz und Geringschätzung anderer Personen". Letzteres war schon Achtenmeyers Paradedisziplin, als er noch im Sandkasten spielte, aber das musste der Betriebsarzt ja nicht wissen.

Wenig später findet sich Achtenmeyer in einer zauberhaft eingerichteten Reha-Klinik wieder, von deren Terrasse der Blick auf ein nicht minder zauberhaftes Mittelgebirge geht. Er macht ein paar Entspannungsübungen, spricht in der Morgenrunde über seine Gefühle und liest sogar ein Buch.

Dann sind drei Tage um, und Achtenmeyer beginnt sich zu langweilen. Gerade als er zu einer Wanderung ins zauberhafte Mittelgebirge aufbrechen will, kommt ihm Heinemann entgegen. Farbe hat er bekommen, denkt Achtenmeyer, und erholt sieht er aus. Fröhlich erzählt Heinemann, dass er so gut wie geheilt sei und nächste Woche entlassen werde. "Fein fein", sagt Achtenmeyer, "ich gratuliere. Aber wo ich Sie gerade treffe: Ich verstehe da eine Sache im Budget für Q3 nicht, könnten wir das rasch mal durchgehen?"

Heinemann schaut skeptisch und wartet auf die Pointe, doch Achtenmeyer hat schon ein stilles Plätzchen gesucht und das Notebook aufgeklappt. Ein Junge aus dem Dorf hat es für einen Fünfziger an den strengen Ärzten vorbeigeschmuggelt und ihm heute Morgen gebracht.

"Tja, ernste Sache, so ein Burn-out"

Das kleine Budget-Problem ist schnell behoben, und weil es so gut läuft, machen sich Heinemann und Achtenmeyer in den folgenden Tagen gleich noch an einige strategische challenges der Abteilung. Mit jeder Arbeitssitzung fühlt sich Achtenmeyer besser; es ist in der Tat erstaunlich, wie viel so ein Tapetenwechsel verändert.

Blöd nur, dass Heinemann eines Tages nicht zum Morgenbriefing erscheint, dabei hat Achtenmeyer es gnädigerweise extra auf 10 Uhr gelegt, "schließlich sind wir zur Erholung hier, stimmt's, Heinemann?" Unauffällig erkundigt sich Achtenmeyer beim Arzt. Der schaut bekümmert und sagt, der Herr Heinemann habe leider einen "sehr ernsten Rückfall erlitten", was erstens sehr schade und zweitens auch ziemlich unerklärlich sei, angesichts der Tatsache, dass er zuvor eine so tolle Entwicklung gemacht habe.

Ohne Heinemann bringt Achtenmeyer die verbleibenden zwei Wochen nur äußerst mühsam hinter sich und ist heilfroh, endlich wieder in seinem geliebten office zu stehen. Dort erwartet ihn bereits der Betriebsarzt und erkundigt sich nach Heinemann. "Tja, ernste Sache, so ein Burn-out", sagt Achtenmeyer, "und Sie hatten erst sogar noch Zweifel".

Einen Teil von Heinemanns Arbeit verteilt Achtenmeyer an drei Kollegen, von denen er hundertprozentig weiß, dass sie sich eher ein Bein abhacken würden als sich zu überanstrengen. Den ziemlich großen Rest übernimmt er selbst. Der Reha-Arzt hat ihm zwar gesagt, er solle sich keine Gedanken wegen seines Kollegen machen. Aber ein bisschen schuldig fühlt er sich irgendwie doch.

Lessons learned

1) Ausgebrannt: Burn-out ist weder eine Diagnose für Simulanten noch ein Ritterschlag für besonders gute Performance. Sondern ein echtes Problem, das mit Apathie, psychosomatischen Symptomen oder gar Depression einhergeht. Wissenschaftler schätzen die Kosten des Burn-out-Syndroms EU-weit auf 20 Milliarden Euro pro Jahr.

2) Im Sandwich: Mittelmanager stehen in doppelter Beziehung zu Burn-out - als potenziell Gefährdete und als Vorgesetzte, die erste Symptome bei ihren Mitarbeitern erkennen sollen. Oder besser noch: ein Arbeitsumfeld schaffen sollten, das die Symptome erst gar nicht auftreten lässt.

3) Tapetenwechsel: Wer als Manager nur ungern in Urlaub fährt, aber trotzdem mal einen Ortswechsel will, hat durchaus andere Möglichkeiten als einen Burn-out vorzutäuschen: Einsatz im Ausland, Sabbatical oder eine der zahlreichen Pro-Bono-Austauschaktionen mit sozialen Einrichtungen.

insgesamt 3 Beiträge
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Lexington67 02.12.2014
1.
Der Ritterschlag wird wohl schon durch den Namen impliziert. es kann schliesslich nur der ausbrennen, der vorher lichterloh gebrannt hat.
Ogden wernstrom 03.12.2014
2. So, so...
"Sabbaticals hält er für neumodischen Quatsch" ...Aber dann mit heroischer Begründung (BO) das Gleiche über die allgemein finanzierte KV erschleichen anstatt aufrichtig Übersunden anzusparen. Betrug und Sebstbetrug! SO kommt man voran im Business...
siora 03.12.2014
3.
Wer so einen Chef hat, braucht keine Feinde mehr!!!
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