Nach Diktat verreist Dschingis Khan am Kassenband

Volle Einkaufswagen, schreiende Kleinkinder, grenzdebile Kunden: Im Supermarkt steht man eigentlich immer in der falschen Schlange, findet Mittelmanager Achtenmeyer. Außer, man macht selbst eine auf.

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Eine Karriere-Glosse von


Weil seine Frau plötzlich das dringende Bedürfnis nach Lachsschnittchen verspürte, steht Achtenmeyer jetzt an der Supermarktkasse an. Mittendrin in einem Inferno aus schreienden Kleinkindern, "Moment-ich-hab's-passend"-Großmütterchen und einigen versprengten Businessmenschen wie ihm. Für einen Mann seines beruflichen Kalibers ist das natürlich völlig würdelos, weshalb Achtenmeyer wenigstens die Zeit nutzt, um einige sozialpsychologische Betrachtungen anzustellen.

Gerade hat er begonnen, das Durchschnittseinkommen der Wartenden anhand ihrer Schuhe zu schätzen, als eine weitere Kasse eröffnet wird. Achtenmeyer liebt diese Momente, geben sie ihm doch Anlass für weitere spannende Überlegungen. Denn er ist überzeugt: Der Charakter eines Menschen bestimmt die Art, wie er auf die neue Kasse reagiert. Und diese Reaktion wiederum entscheidet über seine Wartezeit, sprich: über Erfolg oder Misserfolg der gewählten Strategie.

Da ist zum Beispiel der "Schüchterne". Setzt sich die neue Kassiererin hin, schaut er sich mehrmals verschämt um: Haben die anderen das auch gesehen? Ist es schicklich, schnell zur neuen Kasse zu gehen, oder wirkt das zu ellbogenhaft? Sind all diese Überlegungen beendet und hat sich der Schüchterne schließlich für die neue Kasse entschieden, ist die Schlange dort meistens schon wieder länger als die, die er gerade verlässt. Ein klassischer loser, resümiert Achtenmeyer.

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Weiter ist da der Typ "Schummler": Auch er schaut sich zunächst um, aber nur ganz kurz. Dann legt er wie aus Versehen mal einen Artikel auf das neu eröffnete Band, auch wenn er noch fünfzehn Meter entfernt steht. Bleibt der Protest aus, schiebt er seinen ganzen Einkauf nach. Die klassische Kombination aus schneller Analyse und verkümmerter emotionaler Intelligenz.

Aufgeplatzte Kartons und weinende Kinder

Mit Letzterer hält sich der Typ "brachialer Stratege" erst gar nicht auf. Kaum sieht er die neue Kassiererin sich vorsichtig den Kassen nähern, hechtet er nach vorne, wild mit den Fäusten um sich schlagend. Aufgeplatzte, vor Schreck fallengelassene Kartons und weinende Kinder pflastern den Weg dieses Dschingis Khan der Supermärkte.

Und schließlich ist da noch der höfliche Typus, zu dem Achtenmeyer sich selbst zählt. Aufgrund seiner überlegenen Intelligenz erkennt er natürlich sofort die neuen strategischen Optionen. Doch eben diese Intelligenz, die meist mit einer guten Erziehung korrespondiert, zwingt ihn dazu, die Umstehenden erst freundlich zu fragen, ob er bitte kurz die Warteschlange wechseln könne. Dann ist der Zeitgewinn zwar meist null, doch der Stil ist gewahrt.

Und darauf kommt es an in diesem Dschungel, der sich Moderne nennt, denkt Achtenmeyer, als er, wieder zurück im Büro, über der market-entry-Strategie für Supadrinc in Südamerika grübelt. Supadrinc ist in den USA und Europa extrem erfolgreich, jetzt muss er ein Konzept für die emerging markets, namentlich Südamerika entwickeln. Mitten in seine Berechnungen platzt eine SMS der Gattin: Sie hätte jetzt doch lieber Entenbrust. Achtenmeyer seufzt und läuft erneut zum Supermarkt.

Armer Irrer

Zurück in der Schlange, bemerkt er von weitem einen merkwürdigen Kauz, der mit durchgedrücktem Kreuz an einer geschlossenen Kasse steht und herausfordernd auf die Tür starrt, hinter der sich wohl der Aufenthaltsraum der Kassiererinnen befindet. "Armer Irrer", denkt Achtenmeyer, "da kann er lange warten." Aber er täuscht sich. Keine zwei Minuten später öffnet sich die Tür, und eine Kassiererin läuft schnurstracks auf die Kasse mit dem Kauz zu und öffnet sie. Der Kauz legt triumphierend seine Artikel auf das Band, bezahlt und ist aus der Supermarkttür verschwunden, ehe man auch nur "Warteschlange" sagen kann.

Innerlich zieht Achtenmeyer den Hut und definiert sogleich einen neuen Typus: der "energische Visionär" wartet nicht, bis sich irgendwo eine Chance eröffnet. Nein, er erzwingt die Chance selbst - und ist dann natürlich als Erster zur Stelle.

"Lassen Sie uns Südamerika vergessen"

Auf dem Weg zurück ins office fällt es Achtenmeyer wie Schuppen von den Augen: Der market entry von Supadrinc in Südamerika ist zum Scheitern verurteilt, weil alle erwarten, dass Supadrinc als Nächstes nach Südamerika geht und alle Wettbewerber das Gleiche vorhaben. First Mover Advantage: gleich Null. Südamerika ist wie eine neu eröffnete Supermarktkasse, auf die sich alle stürzen. Der energische Visionär dagegen würde da eine offene Kasse erzwingen, wo es keiner erwartet. Und als Sieger vom Platz gehen.

Am nächsten Morgen ist Strategiemeeting, Achtenmeyer präsentiert. "Meine Damen und Herren, lassen Sie uns Südamerika vergessen. Ganz ehrlich: Der Kontinent wird gerade so gehypt, das ist doch wie eine neu eröffnete Supermarktkasse, auf die sich alle gleichzeitig stürzen." Bedeutungsvolle Pause. "Wenn wir first mover sein wollen, gehen wir mit Supadrinc nach Afrika!"

Die Runde nickt beifällig. Achtenmeyer kauft seiner Frau eine Schachtel Pralinen. Die Entenbrust mochte sie nämlich auch nicht.

+++ Lessons learned: +++

1) Erkenne dich selbst: Die eigenen Stärken und Schwächen richtig einzuschätzen (so wie hier Achtenmeyer, der seinen Typus richtig einordnet) ist für einen Manager unabdingbar.

2) Alltagsbeobachtungen: Gerade für Manager, die weiter oben in der Hierarchie stehen, lohnt es sich, nah am Geschäft zu bleiben und zu denken. Das bewahrt vor gravierenden Fehleinschätzungen der Kunden - denn die sollen ja schließlich das Produkt kaufen.

3) Zieh Schnell! Managen ist das Gegenteil von Mikado (Wer zuerst zuckt, hat verloren). Trends früher erkennen als andere, sichert Wettbewerbsvorteile - es sollten aber die richtigen Trends sein.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 01.07.2014
1. Au weia...
....mit was für einem Schwachsinn sich manche Menschen belasten. Ich bleibe immer in der Schlange stehen und schaue den anderen zu wie sich um einen "guten Platz" balgen...ist kurzweilig ...denn bis die neue Kassiererin die Kasse in Betrieb nimmt bin ich dann schon beim bezahlen... Im übrigen....im Discounter ist es eh egal, weil dort so schnell kassiert wird das so gut wie keine Wartezeiten anfallen...im klassischen Supermarkt allerdings...in dem die Kassiererin die Ware erst mal 5x rumdreht, versonnen in die Gegend schaut, einen Plausch mit einer Kollegin in Ihrer Muttersprache hält oder sich nach einem Cent Stück bückt das ihr runtergefallen ist und es nicht findet...nach der Partnerkarte, den Rabattmarken oder dem Brotgutschein fragt....da könnte sich ein Kassenwechsel lohnen...aber nur mit einer halbwegs fitten Kassiererin.
henryboehm 01.07.2014
2. welcher typ bin ich?
wenn ich mich einer langen schlange naehere dann rufe ich laut, deutlich, fruendlich: "kasse bitte!". das klappt dann sehr oft das die noch wartende discount angestellte selbst taetig wird und in ihr mikro spricht. das ich dann auch in den vorteil "erster" an der zweiten kasse komme ist nicht gesagt. bin vom typ her dann eher auch hoeflich und nicht der vordraengler aber eben auch nicht das in der schlange wartende kalb. wenn die kassiererin/der kassierer nicht reagiert oder gar trotzig wird habe ich wenn ich dran komme ein paar freundliche worte zur dienstleistung parat. in seltenen faellen aber durchaus als option lasse ich den warenkorb einfach stehen und gehe ohne ware und wartezeit. ansonsten komme ich mit den lmeuten ins gespraech das man sich melden "wehren" muss und vergesse dabei nicht meinen regelmaessigen aber freundlichen zwischenruf "zweite kasse bitte!".
angst+money 01.07.2014
3. :)
Die große Kunst besteht natürlich darin, gleich die richtige Schlange auszuwählen. Maßgeblich für den Erfolg bleibt dabei die Fähigkeit, Kassenquerulanten zu erkennen. Platz 1: Menschen, deren Äußeres nicht dem Alter entspricht - gefärbte Haare u.ä., meistens in Verbindung mit Katzenfutter und Billig-Rosé auf dem Band. Verwickeln die hilflose Kassiererin gerne in Gespräche. Platz 2: sich fahrig umsehende oder schlecht gelaunt brummelnde. Wenn man Glück hat rufen sie "Machen Sie bitte noch eine Kasse auf!" und verschwinden zu selbiger. Wenn man Pech hat benörgeln sie die hilflose (...) Platz 3: Kommunikative. Kommen in wild miteinander plappernden Gruppen bzw. mit fest im Gesicht montiertem Handy. Sind nicht bei der Sache, haben vergessen das Obst abzuwiegen und haben seltsamerweise lauter falsch ausgepreiste Produkte eingepackt (in 10% der Fälle sogar schuldlos). Platz 4: Man selber. Maßt sich an, 'Kassenquerulanten' erkennen zu können und liegt dauernd daneben. Hier hilft nur innere Ruhe. Alte Menschen und Kopftuchträgerinnen spielen entgegen landläufiger Vorurteile kaum eine Rolle, es sei denn bei Überschneidungen mit Platz 1-4 ... äh 3.
besorgte Oma und Mutter 01.07.2014
4. ist die Schlange ziemlich lang, klingelt ...
die Kassiererin und jetzt kommt es auf das Timing an. Fast alle überhören den Ton, sind abgelenkt oder stehen schlicht ungünstig. Im rechten Moment langsam rübergehen, das ist der Erfolg. Und weil man einfach gut war, gibts auch nie Ärger. Die Aktion wird immer anerkannt!
mailme 01.07.2014
5. Die eigentliche Frage ist....
... warum ist es schlimm ein Paar Minuten an der Kasse zu stehen? Warum sich den Streß geben nach der "schnellsten" zu suchen. Einfach ganz entspannt die 10 Min einplanen und über etwas sinnvolles nachdenken.
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