Karriere dank Kantine "Lunch is for losers"

Kantine ist netter Plausch plus gutes Essen? Oft stimmt beides nicht. Mittelmanager Achtenmeyer will das Arbeitsessen gar als Karriereinstrument einsetzen. Und blamiert sich vor allen Kollegen.

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Die Brotdose aus Blech hat Achtenmeyer schon seit seinen Studententagen. Damals gab er Geld lieber für Platten und Drinks aus als für den Mensa-Fraß, und nahm sich deshalb jeden Morgen ein paar Stullen mit in die Vorlesung. Seit er Manager ist, verdient er zwar genug Geld, aber an der Brotdose hält er fest. "Lunch is for Losers", das ist Achtenmeyers Motto.

Wenn er die Typen sieht, die am Montagmorgen schon im Intranet gucken, was es Freitagmittag zu Essen gibt, könnte er schreien. Bis vor ein paar Jahren versuchte Frau Schnitzel noch regelmäßig, ihn zum Kantinenbesuch zu überreden: "Nette Gespräche mit den Kollegen, mal in ungezwungener Atmosphäre quatschen, Menschen machen so was, Chef", sagte seine Sekretärin. "Menschen vielleicht, echte Manager nicht", gab Achtenmeyer zurück.

Mit wem sollte er schon reden? Wenn er was von seinen Leuten will, schreibt er eine E-Mail oder brüllt einmal kurz ins Großraumbüro. Und wenn seine Leute was von ihm wollen, macht er die Tür zu. Wofür ist man bitte Führungskraft?

Das klappte prima, bis Achtenmeyer vor einigen Wochen den Headhunter seines Vertrauens auf ein Glas Wein traf. "Sie müssen sich besser vernetzen, auch intern", sagte dieser. Achtenmeyer gab zurück, er fühle sich allerbestens verdrahtet, thank you very much. "Meine Vertrauensleute sitzen in sämtlichen Bereichen der company." Der Personalberater verschluckte sich am Crianza. "Glauben Sie im Ernst, man geht nur mit den Leuten essen, mit denen man sich gut versteht oder von denen man etwas möchte?" Achtenmeyer machte eine vage Grimasse.

"Hören Sie gut zu: Kantine ist Politik", sagte der Headhunter seines Vertrauens und holte gewichtig Luft. "Mit Kollegen gleichen Levels, Freunden aus anderen Abteilungen und ähnlicher Liga essen gehen - ganz nett. Immerhin zeigt es, dass Sie ein Kollege sind, der von anderen geschätzt wird. Davon abgesehen: Vergessen Sie's." Das wusste Achtenmeyer schon. "Mit Leuten essen gehen, von denen Sie etwas wollen: Das ist okay, wenn auch nicht gerade revolutionär. Oft ist ein schneller Kaffee am Nachmittag da zielführender." Achtenmeyer notierte sich geistig "Kaffee".

Warum sitzen ausgerechnet die beiden zusammen?

"Am interessantesten ist die dritte Gruppe: die Unerwarteten", fuhr der Headhunter fort. "Ihre Gegner oder die Chefs Ihres Chefs oder Menschen aus komplett anderen Abteilungen. Leute, über die dann an den Nachbartischen getuschelt wird: 'Warum geht der Achtenmeyer denn jetzt mit dem Soundso essen?' So schüren Sie Verunsicherung, wirken geheimnisvoll und gelten als gut vernetzt - was noch wichtiger ist, als tatsächlich vernetzt zu sein."

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Achtenmeyer nickte, doch auf dem Weg nach Hause hatte er die Sache schon wieder vergessen. Bis einer seiner Leute ihn fragte, was es denn zu bedeuten habe, dass Mugerl gerade mit dem Marketingvorstand essen gewesen sei? Achtenmeyer stutzte: Mugerl, sein Co-Abteilungsleiter? Intrigierte der etwa höheren Orts und hinter seinem Rücken? Dann fiel ihm wieder ein, was der Headhunter seines Vertrauens erzählt hatte.

Seither lässt Achtenmeyer die Brotdose häufiger zu Hause und geht in die Kantine. Erst mit Ernstmann von Research & Development, dann mit Bolder von Legal, oder auch mal mit Klump aus der Produktion. Aber natürlich sind das alles nur Platzhalter, bis endlich die ersehnte Antwort vom Marketingvorstand kommt. Er wundere sich ein wenig, warum plötzlich die ganze Abteilungsspitze mit ihm lunchen wolle, und dann auch noch getrennt, schrieb der Marketingvorstand, aber er sage gern zu.

In der Mitte des Raums, allein

Am großen Tag ist Achtenmeyer zwanzig Minuten vor der vereinbarten Zeit in der Kantine und wählt den Tisch im Zentrum des Raumes: Alle sollen sehen, wer hier mit wem Spaghetti Bolognese speist. Er setzt sich und wartet. Der vereinbarte Termin rückt näher, ist da, und verstreicht. Fünf Minuten später, zehn, fünfzehn. In Minute 17 eine E-Mail vom Marketingvorstand: Flieger verspätet, Rest des Tages voller Meetings, sorry, vielleicht ein andermal.

Jetzt, allein am Tisch im Zentrum des Raumes, sehen tatsächlich alle, mit wem Achtenmeyer Spaghetti Bolognese isst: mit niemandem. Panisch beordert Achtenmeyer Frau Schnitzel an den Tisch, um das Fiasko wenigstens notdürftig als Arbeitsessen zu tarnen. Anschließend verabredet er sich für den Abend mit dem Headhunter seines Vertrauens und nimmt sich vor, seine Brieftasche zu Hause zu "vergessen". Soll der Headhunter ruhig bluten für die Schmach, die er ihm mit seinen Ratschlägen eingebrockt hat. Obwohl man ihm eins lassen muss: Soviel wie heute wurde über Achtenmeyer in der Kantine schon lange nicht mehr getuschelt.

Lessons learned

1) Lunch is for loosers: Stimmt nur halb. Sicher, wer sich schon drei Wochen im Voraus auf die Currywurst freut, hat vielleicht weniger Kapazitäten für seinen eigentlichen Job. Aber als Info- und Kommunikationsbörse ist die Kantine nach wie vor unschlagbar.

2) Sehen und gesehen werden: Ab und an eine Verabredung außerhalb des engeren Kollegenkreises schadet dem eigenen Netzwerk nicht wirklich. Der taktische Charakter solcher Lunch-Dates darf durchaus vorhanden, sollte aber nicht allzu offensichtlich sein. Dafür gibt's dann wirklich passendere Rahmen.

3) Drei goldene Regeln: Nichts esstechnisch Kompliziertes bestellen - so manche Karriere scheiterte schon am Schaschlik-Fleck auf weißem Hemd. Wünsche nach Beförderung, mehr Gehalt oder anderem erst beim Dessert / Kaffee ansprechen. Wenn möglich, nicht am Tisch direkt treffen - taucht die Verabredung nicht auf, wird's schnell peinlich.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
abby_thur 04.11.2014
1. Lunch is for overweight
Ich vermeide auch die Kantine. Wenn ich sehe, dass fast alle dort übergewichtig sind ist das für mich ein Signal, weiterhin zu Hause vorzukochen und es dann alleine aufzuwärmen und zu essen. Außerdem könnte ich gar nicht in der Atmosphäre von vielen Menschen meine Pause genießen.
leser75 04.11.2014
2. Schöne neue Berufswelt
Wer sich bei den üblichen Treffen ausnimmt, hat keine Ahnung und wird letztlich scheitern. Nur Roboter brauchen keine sozialen Kontakte und Input-Mahlzeit!
bluenote 04.11.2014
3. Zum kotzen
Leider verdammt nahe an der Realität. Obwohl vermutlich einigermassen ironisch gemeint, weckte der Artikel doch bei mir Erinnerungen: Ich war genau so ein Marketingvorstand und ich hasste jedes einzelne mal, wenn mich mal wieder irgendjemand, den ich zum ****** fand, zum Lunch einlud. Und doch 'acceptete' ich jedes mal, weil man ja doch immer wieder etwas nützliches über diesen oder jenen Manager lernen konnte, und doch machte ich es selber auch genau so. Der Mensch ist ein soziales Wesen, ja. Aber im schweiss-muffigen Konzerndschungel wird er zum inszenierenden, politischen, mobbenden Etwas und Lunchdates lassen einen möglichen echten, wertvollen, sozialen Austausch zur konspirativ-repräsentativen Schmierenkomödie werden. Ich habe mich entschieden und bis ausgestiegen. Viel Spass den übrig gebliebenen politischen Lunchern.
freeforever 05.11.2014
4. Fleck
Wer sich für den Fleck auf dem Hemd schämt hat die Beförderung nicht verdient, nicht umgekehrt.
Falsche Küste 05.11.2014
5. Keine Kantine
Meine Firma hat gar keine Kantine. Was tun? Vor dem Gebäude beim Nachmittagsspaziergang flanieren?
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