Nach Diktat verreist Welcome back im Intrigantenstadl

Seychellen, Malle, Sylt - während seine Kollegen im Urlaub waren, hat Mittelmanager Achtenmeyer im Büro vollendete Tatsachen geschaffen. Ein böses Erwachen für viele Rückkehrer. Doch auch Achtenmeyers Plan scheitert.

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Eine Karriere-Glosse von


Im Mittelalter, las Achtenmeyer neulich, hatte ein König nur da wirklich Macht, wo er gerade war. Also reisten die gekrönten Häupter unentwegt durchs Land, um ihre Herrschaftsrechte auszuüben. Ein mittelalterlicher König in den Ferien - außerhalb jeder Vorstellungskraft.

Achtenmeyer hat dieses mittelalterliche Arbeitsethos beibehalten. Urlaub, lautet sein Credo, ist was für Weichspüler und andere von der grassierenden Work-Life-Balance-Epidemie befallenen "Führungskräfte". Aufgrund der leider erschreckend deutlichen Machtverhältnisse in seiner Ehe lassen sich Ferien dennoch bisweilen nicht vermeiden, wie zum Beispiel im vergangenen Jahr.

Aus der Saison 2013 hat Achtenmeyer immerhin einige learnings mitgenommen. Erstens: Die Seychellen sind der wahrscheinlich grandioseste Marketing-Coup der jüngeren Geschichte - öde Eilande mit absurdem Preis-Premium. Zweitens: Urlaub ist zwar Zeitverschwendung, bringt aber deutlich erhöhte soziale Akzeptanz. Nachdem acht Wochen lang im Jahr keiner ans Telefon zu gehen scheint, reden hinterher alle noch mal vier Wochen davon, wo sie sich in den acht Wochen zuvor ihren Sonnenbrand geholt haben. Schließlich drittens: Zurückgekehrt von der "Erholung", müssen die Machtstrukturen und Netzwerke in der company quasi von null wieder aufgebaut werden. Denn Karrieristen, Intriganten und Jobmeuchler haben die Abwesenheit effizient genutzt.

An das erste finding verschwendete Achtenmeyer keinen weiteren Gedanken, wohl aber an die anderen. Beide sind entscheidend, schlimmer noch: Sie bilden ein strategisches Dilemma. Um es aufzulösen, bedurfte es schon eines analytischen Kopfes vom Schlage eines Achtenmeyer, und dass ihm das gelang, verdankt er einer kühnen Kombination aus Chuzpe, Diplomatie und Social Media.

Klüngeln, während alle anderen ahnungslos am Strand liegen

Zunächst buchte er wieder die Seychellen, diesmal Fünf-Sterne-Plus. Kurz vor Reiseantritt machte er mittels einer fingierten Mail seines Vorgesetzten Dr. Karl deutlich, dass er beruflich leider zu stark unter Druck stehe, als dass er drei Wochen lang die Füße in den Sand stecken könnte. Die Gattin fuhr verschnupft alleine - wer würde schon Fünf Sterne Plus verfallen lassen? Die dergestalt gewonnene additional time in der Firma nutzte Achtenmeyer für einige höchst effiziente taktische Spielchen, brachte unliebsame Konkurrenten höheren Orts in Misskredit (während sie im Urlaub waren), schrieb sich die Erfolge anderer (die gerade Ferien machten) auf die Fahnen und löste einige schwelende Konflikte in seinem Sinne (die Widersacher lagen leider gerade am Strand).

Nachdem das erledigt war, blieb noch "Urlaub schafft soziale Akzeptanz" als issue. Achtenmeyer ackerte sich durch ein halbes Dutzend Reiseführer über die Seychellen, wählte die schönsten Bilder aus den Fotos aus, die seine Frau ihm terrabyteweise mailte - und postete jeden Tag eine gelungene Mixtur aus beidem bei Facebook, in diversen Reiseblogs, bei Twitter und Instagram. Dabei achtete er peinlich darauf, die perfekte Kombination aus Kultur (alte Gemäuer, moderne Künstler), sportlicher Betätigung (Bergwandern, Tiefseetauchen, Kitesurfen) und Erholung (Cocktails bei Sonnenuntergang, "Faulenzer-Tag" am Strand) zu treffen. So setzte sich der Eindruck fest, Achtenmeyer sei irgendwann im Sommer auf den Seychellen gewesen, während er tatsächlich jeden Tag im office verbracht hatte.

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Der Plan war von derart teuflischer Perfektion, dass Achtenmeyer jede Menge Likes und staunende Kommentare für seine Seychellen-Erlebnisse aus zweiter Hand erntete. In der Kantine beglückwünschten ihn Kollegen dazu, in seinen Ferien offenbar genau die richtige Mischung aus Aktivität und Erholung gefunden zu haben.

"Ich schätze es sehr..." - das nimmt kein gutes Ende

Und eines Tages erhielt er sogar eine Mail von Dr. Karl, der mit ihm über seinen Urlaub sprechen wollte. Voller Vorfreude ging Achtenmeyer noch mal die key facts zu den Seychellen durch, bevor er sich auf den Weg zu seinem Vorgesetzten machte.

"Mein lieber Achtenmeyer, ich schätze es sehr, wenn meine Führungskräfte die Urlaubszeit zur Regeneration nutzen", begann Dr. Karl, und Achtenmeyer wurde schlagartig klar, dass dieses Gespräch kein gutes Ende nehmen würde. Denn wenn Dr. Karl einen kräftigen Rüffel verteilen wollte, startete er immer mit einem vage lobenden Satz. "Weniger hingegen schätze ich", fuhr Dr. Karl wutschnaubend fort, "wenn der Job vernachlässigt wird. Seit Tagen warte ich auf den Marketingplan fürs kommende Jahr. Von einem Mann in Ihrer Position und Ihrer Gehaltsklasse erwarte ich, dass er zwischen Kitesurfen und Cocktails auch mal Zeit für ein kleines update findet - wenn sich das schon nicht in der regulären Arbeitszeit einrichten lässt."

Der Marketingplan! Achtenmeyer fiel es wie Schuppen von den Augen. Den hatte er vor lauter Intrigieren und Posten glatt vergessen. Learning Nummer vier: Die Saison 2015 wird er wieder klassisch gestalten. Am Strand liegen, links den Laptop, rechts den BlackBerry.

Lessons learned

1) Operation Erholung: Auch Führungskräfte müssen sich ab und an regenieren. Nicht umsonst aber heißt es "Urlaubsplanung". Auf das Timing kommt es an: Wichtiges erledigen, Unwichtiges delegieren, To-do-Liste für die Rückkehr schreiben.

2) Always on: Ob Mails im Urlaub zu lesen sinnvoll oder streberhaft ist, ob es vielleicht gar verboten gehört, darüber wird kräftig gestritten. Die Wahrheit ist: Je souveräner eine Führungskraft das Jahr über agiert, desto weniger hat sie es nötig, aus dem Urlaub anderen reinzureden. Informiert bleiben: ja, in Notfällen eingreifen, ja, aber ansonsten: ruhig Blut. Nichts ist unsouveräner als ein Manager, der dreimal am Tag bei seinem Team anruft, weil er "nur mal hören wollte, wie es euch so geht".

3) Destination unknown: Der Glaube, der Urlaubsort verrate etwas über die soziale Stellung, ist ein moderner Mythos. Ferienziele nach Prestigepunkten auszuwählen, ist eher peinlich. Sogar Mallorca soll ja schöne Ecken haben.

insgesamt 2 Beiträge
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thseeling 02.09.2014
1. bilder in der cloud
Schreiben Sie doch bitte "tera"-byte richtig! Terra" ist die Erde und nicht die Vorsilbe. Da ein normales Bild um die 5 MB groß ist, braucht es 200.000 Bilder, um auch nur auf ein TB zu kommen. Der Upload von einem TB bei 16 MB/s. würde schon über 16 Stunden dauern. Das macht keinen Spaß.
prof.dr.g.-b.hindert 02.09.2014
2. @ #1
Danke für diesen Kommentar; suchen Sie sich ein Hobby! Oder eine Frau... besser beides! @Artikel: Wunderbar, selten so gelacht!
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