Manager motiviert Mitarbeiter "Was geht ab, ihr Wichte?"

Zuckerbrot und Peitsche, das waren jahrelang die Werkzeuge der Wahl für Mittelmanager Achtenmeyer. Doch sein Chef hat eine absurde Idee: Künftig soll er seine Leute motivieren. Das geht nur gut, weil's am Ende einen Bonus gibt.

Eine Karriere-Glosse von

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Seit er denken kann, begreift sich Achtenmeyer als Führungskraft. Er ordnet etwas an - und es wird ausgeführt. Wenn nicht, gibt's Mecker. Wenn es herausragend gut ausgeführt wird, einen Bonus. Genauso läuft Führung, denkt Achtenmeyer.

"So läuft Führung jetzt nicht mehr", sagte Achtenmeyers Chef Dr. Karl vor ein paar Wochen. Ein neuer CEO ist an Bord, und er hat neue Sitten mitgebracht: Eine Führungskraft ordnet jetzt nicht mehr an, sondern überzeugt. Sie ist authentisch, und sie motiviert. Ach ja, und Führung heißt auch nicht mehr Führung, sondern leadership.

Das klang erstmal ganz unterhaltsam, aber das dicke Ende kam dann noch: "Mitarbeitermotivation ist ab jetzt bonusrelevant", sagte Dr. Karl. Was er nicht sagte, Achtenmeyer aber aus dem spöttischen Zug um seine Mundwinkel herauslesen konnte: Der Bonustopf ist dieses Jahr eher überschaubar. Und aufgrund der neuen Abteilungsstruktur wird er zwischen Mugerl und Achtenmeyer aufgeteilt.

Mugerl trägt nicht umsonst seinen Spitznamen: "Motivations-Mugerl". Früher ließ er seine Leute über glühende Kohlen laufen, heute macht er Seminare mit Leistungssportlern und fährt mit seiner Mannschaft in einsame Hütten, wo sie Bäume umarmen und beim Holzhacken ihre innere Mitte finden.

Das also ist Mugerl, und weil Achtenmeyer bei seiner Gattin (der er von dem erwarteten Bonus bereits vollmundig einen schicken Stadtflitzer versprochen hatte) nicht als Trottel des Jahres dastehen möchte, lässt er sich schleunigst etwas einfallen. Selbstredend nichts mit Bäumen, Holzhacken oder sonstigem Lagerfeuer-Gedöns, derartige Plumpheiten überlässt er getrost seinem Konkurrenten. Nein, Achtenmeyer versteht sich als scharfer Analytiker, ein wortmächtiger Sezierer des menschlichen Geistes und seiner emotionalen Treiber. Motivation, das erkannte er schnell, ist die große Schwester der Wertschätzung. Nur wer sich wertgeschätzt fühlt, gibt alles für die company. An diesem Punkt, da ist Achtenmeyer ganz offen mit sich selbst, gibt es in seinem Führungsstil, pardon: in seinem leadership mindset, eventuell noch etwas Luft nach oben. Oder wie es seine Sekretärin Frau Schnitzel formulierte, die er wegen dieser Motivationskiste zuerst befragte: "Als erstes sollten Sie aufhören, die Leute mit 'Was geht ab, Ihr Wichte?' zu begrüssen."

"Sie hätten eigentlich gar keinen Bonus verdient"

Also steht Achtenmeyer jetzt, während Mugerls Leute mal wieder in den Bergen herumklettern, im Konferenzraum "Canberra". Vor ihm: seine Mannschaft. Hinter ihm ein Flipchart. Darauf steht groß ein Wort: "WICHT". Seine Leute rutschen nervös auf ihren Stühlen herum, in Erwartung einer der gefürchteten Standpauken. Doch Achtenmeyer, der authentische Motivator, schlägt das Blatt zurück. Auf dem nächsten steht wieder "WICHT", aber ergänzt um zwei Buchstaben, ein "i" und ein "g". Also: "WICHTIG". Achtenmeyer ruft: "Ihr seid wichtig! Für die Abteilung, für die company, für Euch selbst. Macht etwas draus!" Es kommen noch ein paar Phrasen, die Achtenmeyer aus der Management-Literatur zusammengeklaubt hat und einige Weisheiten aus seiner beeindruckenden Sammlung chinesischer Glückskekssprüche. Aber der Weg von Wicht zu Wichtig war das Highlight.

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"Das nennen Sie ein Highlight?", schimpft Dr. Karl, als es um die Bonusaufteilung geht. "Ein billiges Wortspiel? Mugerl hat mit seinen Leuten einen Dreitausender bestiegen. Und dabei Rilke zitiert. Eigentlich hätten Sie mit Ihrer erbärmlichen Vorstellung gar keinen Bonus verdient." Achtenmeyer horcht auf: "Hätten? Konjunktiv? Wie meinen Sie das?" Dr. Karl schnaubt: "Der Bonus wird fifty-fifty geteilt. Ich bin schließlich kein Unmensch. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss zum CEO."

Plötzlich steht Achtenmeyer die Erklärung für die rätselhafte Großzügigkeit glasklar vor Augen: Auch Dr. Karls Bonus ist an die Motivation gekoppelt, und er hat zwei direkt ihm Untergebene, Achtenmeyer und Mugerl. Wenn er Achtenmeyer gar keinen Bonus gibt, kann das nur heißen, er hat ihn nicht genug motiviert. Und wie sieht das denn aus, wenn 50 Prozent der eigenen direct reports nicht motiviert sind? Was soll der CEO dann denken?

Nicht schlecht, die neuen Bonusregelungen, resümiert Achtenmeyer. So motiviert jedenfalls hat er sich seit Jahren nicht gefühlt.

Lessons learned

1) No leaders without followers: Die alten Führungsmodelle von oben nach unten lösen sich zunehmend auf. Führungskräfte müssen heute durch ihre Person überzeugen, das Amt allein reicht nicht mehr. Denn eine Führungskraft ohne Leute, die ihr folgen, ist keine.

2) Feuer und Flamme: Organisationsdenker sehen es gern, wenn Menschen für ihre Aufgabe "brennen". Das tun sie aber meist tatsächlich nur - für ihre Aufgabe. Geld motiviert nur kurz, Wertschätzung dagegen nachhaltig.

3) Money can't buy me love: Studien zeigen, dass die meisten Bonussysteme von den Mitarbeitern als intransparent und ungerecht wahrgenommen werden. Schlimmer noch: Der potentielle Bonus wird meist als selbstverständlicher Gehaltsbestandteil schon eingerechnet. Der vermeintliche Motivationseffekt löst sich in Luft auf.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Volker Zorn 07.10.2014
1. Lustig...
Aber mal im Ernst: Ein gutes Betriebsklima, eine sinnvolle und überzeugende Aufgabe - all das ist wichtig. Trotzdem ist ein verdienter Bonus doch das greifbarste Zeichen der Wertschätzung eines Mitarbeiters.
xvxxx 07.10.2014
2. 1: Rundweg falsch
2 und 3 mögen sein, aber Punkt 1 ist rundherum in großen Teilen der Wirtschaft nicht so. Ich erlebe praktisch im Gegenteil dass immer weniger geführt und immer mehr heruntergebrochen wird und immer stärker widerspruchfreies Folgen erwartet wird. Gepredigt wird was da oben steht, aber die Realität ist dem dann genau entgegengesetzt. Die obere Führung "überzeugt" und wer nicht überzeugt ist, ist wohl nicht fähig genug und wird abgeschoben.
sunder 07.10.2014
3. Jeder wurschtelt vor sich hin...
Aus meiner Erfahrung wird immer mehr vor sich hin gewurschtelt. Teamarbeit rückt immer mehr in den Hintergrund, der Einzelkämpfer ist gefragt, der sein eigenes Ding macht und am besten nach 5 Jahren wieder weg ist - möglichst ohne viel gekostet zu haben...
glissando 07.10.2014
4. Ist das nicht ein bisschen banal?
Mir scheint der Erkenntnisgewinn dieser Glosse doch ein bisschen überschaubar. Jedenfalls für Menschen, die mehr als ein Jahr Berufserfahrung in einem Konzernumfeld haben. Leser xvxxx kann ich nur zustimmen: Die Punkte 2 und 3 sind für mich definitiv richtig, Punkt 1 ist völlig falsch (außer in der Theorie!). Wenn es keine Führung ohne Mannschaft gäbe, fände man keine Buchtitel wie "Nieten in Nadelstreifen". Das Gegenteil ist der Fall: Sogenannte Führungskräfte werden "von oben" eingesetzt, geradezu intthronisiert, mit Macht ausgestattet und sollen vor allem die vorgegebenen Ziele erreichen. Wie, das ist dann ziemlich einerlei. Und die untergebenen Mitarbeiter ziehen dann den Kopf ein und warten bis zum nächsten "Change". Denn: Irgendwann gibt es auch mal besseres Wetter.
ralf_gabriel 07.10.2014
5.
Zitat von sunderAus meiner Erfahrung wird immer mehr vor sich hin gewurschtelt. Teamarbeit rückt immer mehr in den Hintergrund, der Einzelkämpfer ist gefragt, der sein eigenes Ding macht und am besten nach 5 Jahren wieder weg ist - möglichst ohne viel gekostet zu haben...
Teamarbeit kostet manchmal einfach zu viel Zeit. Bis man alle davon überzeugt hat, was wie zu tun ist, bzw sich auf etwas geeinigt hat, ist das Projekt oder der Auftrag schon wieder vorbei. Und wenn man Sachen abgibt und verteilt heißt das noch lange nicht, daß dann auch alles erledigt wird. Leider. Ganz besonders in mittelgroßen und kleinen Firmen fehlt oft die Struktur zur Abarbeitung von Dingen. Die Top Leute haben keine Zeit oder keinen Bock das zu organisieren und darunter fehlt schlicht eine Ebene die das organisiert. Also ist es am einfachsten, jeder macht sein Ding. Gern auch 100 Mal von 0, weil keiner weiß was es alles schon mal gab. Und die paar die das wissen, nutzen das als Herrschaftswissen. Wenn es läuft, läuft es, wenn nicht, gibt es halt mehr Druck.
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