Karriere im hohen Alter Wenn der Durchbruch erst mit 90 gelingt

Seit über 50 Jahren ist sie bereits als Künstlerin aktiv. Doch Geta Bratescu musste 90 werden, bis sie international berühmt wurde. Und es gibt noch mehr Senioren-Künstler auf Erfolgskurs.

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Geta Bratescu, Grande Dame der konzeptuellen Kunst Rumäniens, wurde in diesem Jahr auf der documenta und der Biennale Venedig für ihre Werke gefeiert. Ihre Wohnung in Bukarest verlässt die heute 91-Jährige kaum noch. Doch sie macht unermüdlich weiter, die Ideen gehen ihr nie aus. "Ich kann die Schwerkraft meines Alters nicht entdecken", sagte sie einmal.

Werk von und mit Geta Bratescu auf der Biennale Venedig im Mai
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Werk von und mit Geta Bratescu auf der Biennale Venedig im Mai

Bratescu ist längst nicht die einzige Künstler-Seniorin auf Erfolgskurs.

Carmen Herrera ist 102 - und die kubanisch-amerikanische Künstlerin startet jetzt richtig durch. Das Whitney Museum in New York widmete der Hochbetagten, die zu den Pionieren des abstrakten Expressionismus in den USA zählte, unlängst eine Ausstellung.

Nun ist die Schau auch in Düsseldorf in der Kunstsammlung NRW zu sehen - erweitert unter anderem durch eine abstrakte Grün-Blau-Komposition, die Herrera gerade erst fertiggestellt hat.

Carmen Herrera, hier im Alter von 101, in ihrem Studio in New York
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Carmen Herrera, hier im Alter von 101, in ihrem Studio in New York

Bei Herrera und Bratescu kommt hinzu, dass sie als Frauen Jahrzehnte von Kunstgeschichte und Markt ignoriert wurden. Herrera verkaufte ihr erstes Bild mit 89 Jahren. Dabei war sie mit ihren abstrakt-geometrischen Kompositionen in knalligen Farben nicht weniger avantgardistisch als ihre Kollegen Josef Albers oder Piet Mondrian, mit denen sie schon nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen ausstellte.

Der deutsche Konzeptkünstler Franz Erhard Walther ist dagegen mit 78 Jahren noch geradezu jung. Bisher wenig beachtet, wurde der in Fulda lebende Walter dieses Jahr zum ersten Mal zur Biennale nach Venedig eingeladen - und räumte gleich den Goldenen Löwen ab, für seine "radikalen" Arbeiten.

Franz Erhard Walther als Preisträger in Venedig
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Franz Erhard Walther als Preisträger in Venedig

Seine Schüler wie Jonathan Meese und Martin Kippenberger hatten es deutlich früher zu internationaler Bekanntheit gebracht.

Auch die Fluxus- und Performance-Künstlerin Takako Saito darf im hohen Alter noch eine Premiere feiern: In Siegen ist derzeit die erste Retrospektive der 88-jährigen Wahldüsseldorferin zu sehen.

Takako Saito im Museum für Gegenwartskunst in Siegen
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Takako Saito im Museum für Gegenwartskunst in Siegen

Die aus Japan stammende Künstlerin hat im Museum für Gegenwartskunst zwölf Räume mit mehr als 200 Arbeiten selber eingerichtet.

sun/dpa

insgesamt 8 Beiträge
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Europa! 16.12.2017
1. Ruhm ist ein mühseliges Geschäft
Gerade bei vielen Schriftstellern lässt sich feststellen, dass "Ruhm" ein kumulativer Effekt ist. Jahrzehntelang gelten sie als "Nachwuchs", "Geheimtipp", "schwierig" etc. Erst um den 60. Geburtstag herum kommen dann die großen Preise oder ein Verlagswechsel und "plötzlich" hat das Land einen neuen großen Autor. Bei Fußballern und Rockstars geht alles viel schneller. Die haben ihren Höhepunkt oft schon überschritten, wenn jeder sie kennt.
synonym_ 16.12.2017
2. ...der unbekannte F.E. Walther?!
Franz Erhard Walther und später Erfolg? Soll das ein Witz sein? Der Teilnehmer der documenta 5 (1972) hat in der internationalen Kunstszene schon seit Ende der 60er-Jahre mitgemischt (MoMA-Ausstellung 1969), nahm an drei weiteren documenta-Ausstellungen teil und war ab 1971 (mit 32 Jahren) für lange Jahre einflussreicher Professor an der Hamburger Kunsthochschule. Der Ausstelllungstätigkeit tat das keinen Abbruch. Der Autor des Beitrags ist offenbar zu jung für die jüngere Kunstgeschichte. Recherche wäre da keine schlechte Idee gewesen...
BrunoGlas 16.12.2017
3. Kunst eine Wette in die Zukunft
Der Artikel beschreibt nichts anderes, als dass das Betreiben von Kunst eine Wette in die Zukunft ist. Manchen Künstlern gelingt erst im hohen Alter eine Fokussierung von Werk und persönlichem Ausdruck und Syntax, sodass das Werk für die interessierte Öffentlichkeit und Förderinstitutionen überhaupt erst lesbar wird. Mit anderen Worten, es gehört eine gewisse abgeklärte Klarheit im Kopfe dazu, um sich auf dem Markt durchsetzen zu können. Kontraproduktiv ist aber, dass der Kunstmarkt alles dafür tut, um Künstler möglichst schon in jungen Jahren auf die Erfolgsspur zu bringen, oft als schnell zu verschleißendes Frischfleisch für hungrige Kunstkäufer als Geldanleger, aber auch für das viele gehortete Schwarzgeld, was sonst nirgendwo so scheinbar seriös ausgegeben werden könnte, ist tatsächlich so, kein Witz! Es gibt also viele Künstler, die einfach nur das Pech haben, nicht trendy zu sein, es partout auch nicht sein wollen. Die müssen lange warten, oft ein Leben lang, ein hartes Geschäft mit vielen Unwägbarkeiten. Haben sie dann sehr spät Erfolg, sind sie oft körperlich nicht mehr in der Lage, den Erfolg zu genießen. Die drei hier abgebildeten Künstler haben ihren Erfolg also eher einem gewissen Konservatismus in ihrer Kunst zu verdanken, letztlich sprengen sie nicht den Erwartungshorizont, was der gemeine Museumsmann und das Bildungsbürgertum unter Kunst versteht, das ist in ihrem Falle für den späten Erfolg mit ausschlaggebend. Der Rest der eher erfolglosen Künstler hat zwar vielleicht ein schönes Leben gehabt, aber irgendwann geraten sie in die Mühlen des Sozialstaats, werden gehänselt, verspottet, getreten, gedengelt, nach dem Motto, selber Schuld. Eigentlich sollte der Autor mal über diese Klientel berichten, über den Sinn Kunst zu machen, auch wenn der Erfolg weit und breit nicht zu sehen ist. Letztlich geht es um die Frage, inwieweit ist die Gesellschaft bereit, eine kulturelle Produktion mit zu tragen, die völlig zweckfrei ist und zunächst auch keinerlei ökonomischen Aspekte erfüllt.
Spiegleinaderwand 17.12.2017
4. Besser spät als nie
Ein großartiges Beispiel, dass man auch im Alter noch gesehen werden kann und Präsenz zeigen kann. Solche Artikel sollte es öfters geben um unser Altersbild auch mal in die positive Richtung zu lenken
vitalik 17.12.2017
5.
Zitat von BrunoGlasDer Artikel beschreibt nichts anderes, als dass das Betreiben von Kunst eine Wette in die Zukunft ist. Manchen Künstlern gelingt erst im hohen Alter eine Fokussierung von Werk und persönlichem Ausdruck und Syntax, sodass das Werk für die interessierte Öffentlichkeit und Förderinstitutionen überhaupt erst lesbar wird. Mit anderen Worten, es gehört eine gewisse abgeklärte Klarheit im Kopfe dazu, um sich auf dem Markt durchsetzen zu können. Kontraproduktiv ist aber, dass der Kunstmarkt alles dafür tut, um Künstler möglichst schon in jungen Jahren auf die Erfolgsspur zu bringen, oft als schnell zu verschleißendes Frischfleisch für hungrige Kunstkäufer als Geldanleger, aber auch für das viele gehortete Schwarzgeld, was sonst nirgendwo so scheinbar seriös ausgegeben werden könnte, ist tatsächlich so, kein Witz! Es gibt also viele Künstler, die einfach nur das Pech haben, nicht trendy zu sein, es partout auch nicht sein wollen. Die müssen lange warten, oft ein Leben lang, ein hartes Geschäft mit vielen Unwägbarkeiten. Haben sie dann sehr spät Erfolg, sind sie oft körperlich nicht mehr in der Lage, den Erfolg zu genießen. Die drei hier abgebildeten Künstler haben ihren Erfolg also eher einem gewissen Konservatismus in ihrer Kunst zu verdanken, letztlich sprengen sie nicht den Erwartungshorizont, was der gemeine Museumsmann und das Bildungsbürgertum unter Kunst versteht, das ist in ihrem Falle für den späten Erfolg mit ausschlaggebend. Der Rest der eher erfolglosen Künstler hat zwar vielleicht ein schönes Leben gehabt, aber irgendwann geraten sie in die Mühlen des Sozialstaats, werden gehänselt, verspottet, getreten, gedengelt, nach dem Motto, selber Schuld. Eigentlich sollte der Autor mal über diese Klientel berichten, über den Sinn Kunst zu machen, auch wenn der Erfolg weit und breit nicht zu sehen ist. Letztlich geht es um die Frage, inwieweit ist die Gesellschaft bereit, eine kulturelle Produktion mit zu tragen, die völlig zweckfrei ist und zunächst auch keinerlei ökonomischen Aspekte erfüllt.
Ich finde, dass die Künstler in den jungen Jahren sich eher auf die Kunst fokussieren. Aber zum Erfolg braucht es vor allem PR. Die Künstler in dem hohen Alter kommen irgendwann zu dieser Erkenntnis und haben, dank der über Jahre gesammelten Kontakte, eine gute Möglichkeit ins Rampenlicht zu kommen. Es gibt auch genügend Beispiele mit jungen Künstlern, die plötzlich auftauchen und als der Nächste ? (was auch immer) betitelt werden. Wenn man genauer hinsieht, dann sieht man dabei immer, dass im Hintergrund eine PR Maschine läuft.
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