Karriere-Kleiderordnung Das Diktat der Etikette

dapd

Von Ursula Schwarzer

2. Teil: Erfolg ist im Anzug - die Uniform der Managerkaste hat jede Strömung überdauert


Offenkundig hat Hiesinger verkannt, welchen Konzern er repräsentiert. Will heißen: In einer ingenieurgetriebenen Kultur wie bei Siemens, wo auf ein geschniegeltes Auftreten weniger Wert gelegt wird, mochte der bescheidene Koffer noch durchgehen. Im vom Ruhradel geprägten Hause ThyssenKrupp aber zählt die Etikette.

Neu sind solche Reglements nicht. Von jeher kennzeichnen die verschiedensten Monturen, Roben oder Trachten die Zugehörigkeit zu Ständen und Berufsgruppen. Der Variantenreichtum, je nach Epoche und Region, wich im Europa des 19. Jahrhunderts allerdings einer Einheitskluft - Hose und Jacke aus demselben Stoff, helles Hemd sowie Krawatte. Seither dominiert der Anzug das Geschäftsleben. Wer einen Anzug trägt, ist angezogen.

Mit dem kapitalistischen Wirtschaftsmodell setzte sich die Uniform der Managerkaste weltweit durch. Sie hat fast alle Länder durchdrungen und jede Strömung überdauert. Erst mit der New Economy wurde der Stil lockerer. Plötzlich war die löchrige Jeans hoffähig, wer mit Schlips in einer E-Commerce- oder IT-Bude auftauchte, galt als spießig.

Hastig die Krawatte vergraben

Diesen Eindruck wollte der stets wie aus dem Ei gepellte Thomas Middelhoff - seinerzeit Bertelsmann-Vordenker - nach Kräften vermeiden. Wenn es ihm passend erschien, gab er sich lässig mit offenem Hemdkragen. Sehr zum Leidwesen seiner Mitarbeiter, die nie wussten, ob er "sans cravate" oder "avec cravate" kommen würde. "Ich habe erlebt, dass gestandene Männer zur Toilette rannten, den Binder abnahmen und in der Hosentasche vergruben, weil sie nicht besser aussehen wollten als der Chef", erzählt der damalige Middelhoff-Sprecher Klaus Kocks.

Seit dem Platzen der Dotcom-Blase bleiben die Jeans wieder im Schrank. Und mit dem Ausbruch der Finanzkrise hat sich der Trend zur Förmlichkeit nochmals verschärft. Verrichteten Hedgefondsmanager ihr Tagwerk gern in Pullover und Cordhose, auch um ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren, so hüllen sie sich mittlerweile meist in gedecktes Tuch. Der Grund: Sie wollen seriös erscheinen - ebenso wie die fest angestellten Investmentbanker, für die der Anzug schon immer zum Standard gehörte.

Sogar der Casual Friday, der sich Ende der 80er Jahre von den USA kommend auch in Europa ausbreitete, wird in vielen Firmen wieder abgeschafft. Kocks, heute Unternehmensberater, hält die freitägliche Genehmigung von Freizeitkleidung ohnehin für eine "schwachsinnige Veranstaltung". Sie sei "Ausdruck einer autoritären Gesellschaft, die es ihren Mitgliedern erlaubt, ausnahmsweise mit einer zweiten Identität aufzutreten".

Die Bank UBS verbot so gut wie alles

Die Freiheit der Kleiderwahl schränken besonders jene Unternehmen ein, deren Mitarbeiter häufig Kontakt mit Kunden pflegen. Eine extreme Regulierungswut bewies die Schweizer Bank UBS, die vor knapp einem Jahr ein 44-seitiges Konvolut ins Netz stellte, das den Filialbeschäftigten so gut wie alles verbot.

Demnach ist bunte und knittrige Damenunterwäsche untersagt, auch gemusterte Herrensocken. Kleider dürfen über dem Po nicht spannen. Bei gefärbtem Haar soll kein Ansatz sichtbar sein, Männern wird ein Friseurbesuch alle vier Wochen angeraten. Das Verspeisen von Zwiebeln ist tabu, genauso wie Brieftaschen, die das Sakko ausbeulen. Erlaubt hingegen sind der dunkle Anzug, mit zwei Knöpfen geschlossen, und das Kostüm mit knielangem Rock.

Nach süffisanten Kommentaren in den Zeitungen wich der UBS-Katalog unverbindlichen Empfehlungen. Andere Firmen hingegen beharren auf dem schriftlichen Erlass - wie das Kaufhaus Harrods, die Essener Sparkasse oder die Investmentbank J. P. Morgan.

Wie aber sollen die Damen und Herren im Unternehmensolymp überhaupt noch ihre hervorgehobene Rolle demonstrieren, wenn schon der einfache Vertriebler im schwarzen Zweireiher zum Kunden geschickt wird? Wie sich abgrenzen vom Fußvolk?

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