Nach Diktat verreist Das Leben der Mitarbeiter

Chefs sehen in ihren Mitarbeitern gern sich selbst: Wie sie einmal waren oder noch immer gern wären. Entsprechend sehen ihre Ratschläge für die Mitarbeiter aus: Tun Sie, was ich getan hätte! Warum das aber oft keine gute Idee ist, erklärt Klaus Werle in seiner Karriere-Kolumne.

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"Also dann, viel Erfolg und nicht vergessen: Vor allem in die Ecken schauen!" Achtenmeyer gibt dem jungen Bedermann noch einen kräftigen Klaps auf die Schulter, bevor er ihn sanft aus dem Büro schiebt, damit der junge Vertriebler seine einwöchige Store-checking-Tour durch Südeuropa antreten kann.

Es ist doch immer wieder ein gutes Gefühl, die Truppen in die Schlacht zu schicken. Das dringende Bedürfnis, Bedermann von seinen großartigen store checks damals in den späten Achtzigern zu erzählen, hat Achtenmeyer allerdings unterdrückt. Stattdessen summt er die Melodie aus "Apocalypse Now" und genießt den Augenblick allein.

Ach, noch einmal jung sein, noch einmal durch die Welt reisen und in den Supermärkten dieser Erde die korrekte Platzierung seiner Produkte in Augenschein nehmen. Geistreiche Gespräche an der Hotelbar, elegante Flughafenlobbys und die Angst in den Augen der Supermarktangestellten, wenn er seinen Montblanc-Kuli zückte. Nun, Bedermann wird ihm alles ausführlichst erzählen müssen, und so ist er dann ja in gewisser Weise auch dabei gewesen.

Die Ratschläge der Väter-Freunde an den Single-Mann

Da merkt Achtenmeyer plötzlich, wie er gerade Opfer eines neuen Phänomens geworden ist. Vor einigen Monaten hat er es entdeckt und ihm den Namen "Lebe meinen Traum"-Haltung gegeben. Zum ersten Mal bemerkte er das Verhalten in Gesprächen mit Kollegen und Freunden, die Kinder haben. Statt wilder Partys, schicker Sport-Cabrios und einem schier endlosen Reigen unverbindlicher Affären besteht ihr Leben nun vorrangig aus Windeln wechseln und Fläschchen warm machen. Wann immer er jedoch eine Lifestyle-Entscheidung zu treffen hatte, legten seine Väter-Freunde eine Extravaganz an den Tag, welche sogar die Vorstellungen des kinderlosen Achtenmeyer in den Schatten stellte.

Als es etwa um sein nächstes Auto ging, hatte Achtenmeyer eigentlich einen Audi TT im Auge, doch ein besonders hartnäckiger Kollege wollte ihn partout zu einem 911er überreden, ein anderer wurde nicht müde, die Vorzüge eines Bentley Cabrio zu preisen: "Du kannst so was doch machen", sagten sie melancholisch, "ich als Vater hab nur die Wahl zwischen Van und Kombi."

Und als die Anschaffung eines Fernsehers ins Haus stand, überboten sich die Freunde mit Bildschirmdiagonalen, Tiefenschärfe und Internetfähigkeit. Nicht ohne in diesem speziellen Ton, der haarscharf zwischen Neid, Sehnsucht und Melancholie navigierte, hinzuzufügen: "Weißt du, seit Leon / Paul / Max da ist, kommen wir ja kaum noch zum Fernsehschauen."

In den Erzählungen der anderen die eigenen Träume leben

Irgendwann war Achtenmeyer klar, was da lief: Weil ihre Sehnsüchte für sie selbst unerreichbar geworden waren, übertrugen seine Freunde sie auf ihn. Früher hieß es "Träume nicht dein Leben - lebe deinen Traum!" Daraus ist geworden: "Lebe du MEINEN Traum!" Denn so hab ich wenigstens ein bisschen was davon, sollte wohl hinzugefügt werden. Es ist genau wie bei Achtenmeyers Kommilitone Manfred. Wenn Manfred in den Semesterferien zu Hause war, stellte sein Vater irgendwann spätabends eine Flasche Korn auf den Tisch und sagte: "So, mein Junge, dann erzähl mal, wie das so läuft bei dir mit der Liebe." Für Papa war das wilde Studentenleben tiefste Vergangenheit - aber in den Erzählungen seines Sohnes Manfred konnte er es noch einmal miterleben.

Daran, schließt Achtenmeyer seine Gedanken ab, ist natürlich nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Das Phänomen lässt sich geschickt nutzen, wenn man die Stellvertreter auf die richtige Spur bringt. Am besten schreibt er Bedermann jetzt gleich eine Mail, in der er ihn sanft, aber nachdrücklich auf die wichtigsten Locations und Rituale hinweist.

Doch kaum hat Achtenmeyer das leere Mail-Formular geöffnet, klingelt sein Telefon. Dr. Karl möchte ihn dringend sehen. "Sie wissen ja, wie ich Repräsentieren hasse", eröffnet sein Vorgesetzter ohne Umschweife den Monolog. "Besonders im Golf-Club, zwischen lauter Zahnärzten und Autohändlern. Sie müssen da für mich hingehen und meinen Vortrag halten. Keine Angst, ist schon geschrieben. Und sagen Sie denen, ich hab eine schreckliche Grippe, ja?"

Natürlich hat Dr. Karl keine Grippe. Und natürlich wird er in der Zeit, in der Achtenmeyer über "Consumer-Trends 2020" referiert, Golf spielen. Nur eben auf einem anderen Golfplatz. Tja, resümiert Achtenmeyer auf dem Weg zurück ins Büro, wie immer ist Dr. Karl in puncto Trends schon wieder einen Schritt weiter. Sein Motto lautet "Lebe meinen Alptraum!"

+++ Lessons learned +++

1. Träume leben: Eine Vorstellung zu entwickeln von den eigenen Berufs- und Karrierezielen, gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt im Job. Umso wichtiger ist ein regelmäßiger Abgleich mit den eigenen Wünschen - und nicht nur mit den Vorstellungen von Vorgesetzten, Kollegen und Bekannten.

2. An der Front: Je höher man in der Hierarchie aufsteigt, desto weiter ist man meist vom Tagesgeschäft entfernt. Das ist in klassischen Unternehmensstrukturen ein Stück weit unvermeidbar - dennoch kann ein gelegentlicher Ausflug ins Operative auch einer höheren Führungskraft helfen, das Geschäft wieder besser zu verstehen. Von den eigenen Mitarbeitern, die jeden Tag "Tagesgeschäft" machen, gar nicht zu reden.

3. Bumerang-Effekt: Chefs lieben es, lästige Aufgaben nach unten abzugeben. Das ist ihr gutes Recht, und viele Mitarbeiter fühlen sich geschmeichelt, gewissermaßen als Stellvertreter des Chefs zu handeln. Doch Vorsicht: Nicht immer lässt sich damit das eigene Profil schärfen - manchmal sind die Aufgaben tatsächlich nur lästig. Die Zeit, die der Mitarbeiter dafür braucht, fehlt ihm für eigene Projekte, mit denen er besser auf sich aufmerksam machen könnte.



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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
MartinB. 05.03.2013
1.
Wer Wagners Walkürenritt meint, sollte das auch sagen. ;-)
Stäffelesrutscher 05.03.2013
2.
Zitat von MartinB.Wer Wagners Walkürenritt meint, sollte das auch sagen. ;-)
Ich hätte auf »The End« von den Doors getippt. ;-)
quark@mailinator.com 05.03.2013
3. ...
Was Sie beschreiben, betrifft jeden Menschen, Chef oder nicht Chef. Jeder gibt Ratschläge basierend auf seinen eigenen Erlebnissen etc. Und natürlich versetzt man sich dabei in die Lage des anderen. Ein Chef wird einem Mitarbeiter auf Hauptschulniveau normalerweise nicht empfehlen, eine Firma zu gründen. Und das die Erfahrungen eines anderen Menschen zwar wertvoll, aber nicht 100%ig übertragbar sind ... wer wüßte das nicht ? Insofern ... toller Beitrag :-(.
SPON_Watcher 05.03.2013
4. Frühere Werle-Artikel
Ach, schreiben Sie nicht mehr über stinkende Männer in Flugzeugen? Schade!
rompipalle 06.03.2013
5. Mein bester Boss
War der Kapitän, das war 1979, ich war damals 17. Jahre und somit war ich das Nesthäkchen auf dem Pott. Alle musste recht viel arbeiten und wenn dem altem
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