Karriere mit Kind Er würde ja wollen, aber...

Viele Frauen wollen Kind und Karriere unter einen Hut bekommen - auch die Journalistin Britta Mersch. Sie steckt in einem Dilemma: Sie möchte arbeiten und für ihre Töchter da sein. Und gerät immer wieder in die Gender-Falle.

Berufstätige Mutter mit Kind (Archivfoto): Ruckzuck in der Gender-Falle gelandet
Corbis

Berufstätige Mutter mit Kind (Archivfoto): Ruckzuck in der Gender-Falle gelandet


Ja, es gibt sie. Die Tage, an denen ich ab 18 Uhr auf meinen Mann warte: wie er die Treppen zu unserer Mietwohnung hochsteigt, den Schlüssel in die Tür steckt und meiner älteren Tochter die Arme entgegenstreckt. Dann habe ich Pause, kann mich kurz hinlegen, entspannen - und habe den größten Batzen in der Nachmittagsbetreuung der Großen geschafft. Wenn man mal davon absieht, dass vor Kurzem unsere zweite Tochter geboren wurde.

Abends bin ich platt. Den ganzen Tag über gibt es viel zu tun: Morgens die Große anziehen, frühstücken, Sachen wegräumen, um 9 Uhr auf zur Tagesmutter. Danach bin ich bis zum Beginn des Mutterschutzes ins Büro gegangen, habe bis um eins gearbeitet. Dann essen oder kochen, anschließend eine halbe Stunde Pause bis um drei.

Es folgt das Kinderprogramm: mit Carla auf den Spielplatz, zu Freunden, manchmal einfach nur nach Hause. Sie ist aktiv, spielt, doch mit ihren noch nicht mal zwei Jahren braucht sie noch viel Betreuung. Ich muss gucken, dass sie nicht das Wasser aus dem Klo trinkt oder anderen Kindern ihren Finger ins Auge bohrt.

Der Beruf bleibt auf der Strecke

Mein Mann und ich haben damals gemeinsam entschieden, dass ich meine Arbeitszeit reduziere und mich nachmittags um unsere Tochter kümmere. Aber das Konstrukt ärgert mich. Denn mein Beruf bleibt auf der Strecke. Seit Jahren arbeite ich als Journalistin für Print und Hörfunk, moderiere Veranstaltungen, bin viel unterwegs. Aber seit meine ältere Tochter geboren wurde, sind meine Handlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt.

Mit Mühe und Not habe ich eine komplette Dienstwoche pro Monat beim Radio geschafft (wenn unsere Tagesmutter Carla länger bleibt, meine Eltern einspringen, mein Mann etwas früher Feierabend macht und sie nicht gerade in genau der Woche Fieber bekommt). Moderationen zu übernehmen, ist eigentlich utopisch, oft gehen die Veranstaltungen bis in den späten Abend. Und längere Reisen sind nur möglich, wenn meine Eltern Carla nehmen (was nicht immer hinhaut, und ehrlich gesagt habe ich Skrupel, sie zu oft für eine Woche ins zwei Stunden entfernte Münsterland zu bringen).

Mit dem Problem stehe ich nicht alleine da. Viele Frauen legen ihre Karriere auf Eis, wenn der Nachwuchs kommt. Der Mann arbeitet weiter Vollzeit, die Frau weniger, so macht es die Hälfte der Paare in Deutschland. Das macht sich natürlich auch beim Lohn bemerkbar: Frauen verdienen im Schnitt etwa ein Viertel weniger als Männer.

Notfallplan, wenn das Kind krank wird

Seit unsere erste Tochter da ist, bin auch ich in die Gender-Falle geraten. Ich habe ganz selbstverständlich ein Jahr Pause gemacht, weil ich stillen und unsere Tochter nicht zu früh in die Betreuung geben wollte. Nach dem Jahr habe ich meinen Job reduziert. Ich laufe morgens zum Arzt, wenn das Kind Fieber hat, und schichte alle Aufträge um, damit ich zu Hause bleiben kann, bis das Kind wieder gesund ist. Verlange ich das gleiche von meinem Mann, weil ich einen wichtigen Termin habe, verfinstert sich sein Gesicht.

Er weiß: Fällt er aus, bekommen seine Chefs und um die 30 weitere Mitarbeiter Probleme. Er ist in einem IT-Unternehmen beschäftigt, arbeitet mehr als 40 Stunden pro Woche. Ein krankes Kind, das zu Hause betreut werden muss, bedeutet Verzug für alle, wichtige Kunden müssten warten. Also beiße meist ich in den sauren Apfel, verschiebe Aufträge, nehme im Voraus schon weniger an - weil ich als Freiberuflerin ja theoretisch flexibel bin. Und gucke mir selbst dabei zu, wie die berufliche Freiheit, die ich in den Jahren ohne Kind so genossen habe, zur Krux wird.

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Es ist nicht so, dass mein Mann nicht will. Aber das Klima in Unternehmen ist noch nicht so weit, dass Männer selbstverständlich eine Vaterrolle übernehmen können, die auch eine Betreuung am Tag einbezieht. Viele Unternehmen stimmen einer Elternzeit der Väter nur zähneknirschend zu. Chefs runzeln die Stirn, wenn ihre männlichen Mitarbeiter nach Teilzeit fragen. Väter haben Angst vor dem Karriereknick.

Ich würde mir aber genau das wünschen: Dass es selbstverständlich wird, dass beide Geschlechter für ihre Kinder da sind. Dass Chefs es tolerieren, wenn Männer wegen eines kranken Kindes zu Hause bleiben, und die Strukturen in Unternehmen das auch erlauben. Und dass Väter bei der Familienplanung über ein Modell nachdenken, das nicht allein die Frau in die Pflicht nimmt.

Die Zwei-Wochen-Vision

So wäre es möglich, dass sich Mütter und Väter Arbeit und Familienleben teilen, und zwar gerecht. In unserem Fall: Beide arbeiten zwei Wochen im Monat voll, zwei Wochen steht ab dem Nachmittag die Kinderbetreuung auf dem Plan. Bei wichtigen Terminen justieren wir nach. So hätten die Kinder, wenn sie klein sind, Mama und Papa an ihrer Seite - und zwar ausgeglichene Mamas und Papas, die sich auf die Wochen freuen, die sie mit ihren Kindern verbringen, weil sie nicht komplett auf ihr altes Leben verzichten müssen. Die sich in den anderen Wochen aber auch mit vollem Elan in die Arbeit stürzen können, ohne das Gefühl zu haben, der Familie nicht gerecht zu werden oder auf der Arbeit zu wenig zu leisten.

Denkt mal nach, liebe Väter und liebe Chefs, ob da nicht was zu machen wäre.

  • now68
    KarriereSPIEGEL-Autorin Britta Mersch arbeitet als freie Journalistin in Köln. Und Mutter ist sie auch.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 07.12.2015
1.
Das Problem in Deutschland ist, dass Kinder von der Politik und der Arbeitswelt nicht vorhergesehen sind. In allen anderen europäischen Ländern gibt es routinemäßig die Ganztagesbetreuung ab dem 4. Lebensmonat und die Sache ist geritzt. Auf der anderen Seite wird bei uns die Biologie ganz neu erfunden. Esoterische Strömungen wie die neue Mütterlichkeit oder Frauen, die bis zum sechsten Lebensjahr stillen, so etwas kann es nur in Deutschland geben.
abby_thur 07.12.2015
2.
"Denkt mal nach, liebe Väter und liebe Chefs, ob da nicht was zu machen wäre." Der Chef sollte sich über die Kinderbetreuung/Familienplanung seiner Mitarbeiter keine Gedanken machen. Aber die Väter schon.
astsaft 07.12.2015
3. Träumerei
Der "ewige" Traum von der Vereinbarkeit von Familie und Karriere... Sollte kein Wunder geschehen und der Kapitalismus plötzlich irgendwie menschenfreundlich werden, wird das nie eintreten. Es widerspricht dem System, dem es nur um Leistung geht und dem der Rest egal ist. Menschen sind nur Ressourcen und Kinder stören. Rücksicht auf Eltern oder Kinder? Eine Ausnahme... höchstens.
Embi 07.12.2015
4. Aha, er würde ja so gerne ...
Aha, er würde gerne. Und warum macht er es nicht einfach? Das RECHT dazu hat er - da war die Politik nämlich schon fleißig. Aber er macht es nicht, ... weil der Chef böse blickt, ..., weil die anderen komisch gucken. Aha. Die anderen sind also schuld? Und nicht der werte Herr, der einfach Schiss hat. Wenn einer anfängt, vielleicht ziehen seine Kollegen ja nach? Aber wer hat denn schon Mut? Dann lieber allen anderen die Schuld geben ... nur nicht sich selber hinterfragen, da könnten wohl Antworten kommen, die man nicht hören will.
taunuskriecher 07.12.2015
5. Immer das gleiche
Beruf und Familie sind miteinander vereinbar - Karriere und Familie nicht, jedenfalls nicht für beide Eltern. Wer Karriere im Blick hat, muss Vollzeit arbeiten - und das sind nicht 37, 39 oder 40 Stunden die Woche, sondern 100 %ige Verfügbarkeit, denn am Ende der Karriereleiter steht kein Arbeitsplatz, sondern ein Amt, das man ausübt (Geschäftsführer oder Vorstand) und das hat man 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr inne. Alles davor ist nur Qualifikation und Wettbewerb mit anderen Bewerbern; man muss unter Beweis stellen, den diversen, auch zeitlichen Anforderungen gerecht zu werden. Der Ehemann der Autorin hat sich bisher wohl so verhalten, als wollte er Karriere machen, deshalb hat er nicht die Freiheit, die er braucht, um seiner Frau "unter die Arme zu greifen". Er kann auch auf einen Teilzeit-Job wechseln, vermutlich auch zu 40 Stunden - der Arbeitgeber würde wohl schlucken, ihn über kurz oder lang anders einsetzen und sich darüber ärgern, ihm ein Gehalt zu zahlen, dass eigentlich auf eine Perspektivkraft ausgerichtet ist und nicht an einen 9-to-5-worker, ihn deshalb vielleicht sogar vergraulen. Dieser Einschränkungen muss sich jedes Paar bei der Familiengründung bewusst sein. Die Autorin hat ihre Entscheidung getroffen - wird sie sich erst jetzt bewusst, was das bedeutet? Sie sollte die Situation mit ihrem Mann diskutieren, überlegen, ob sie bereit sind, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen ... meine Vermutung ist, dass es den meisten Frauen dann ganz Recht ist, die Verantwortung für die wirtschaftliche Situation der Familie nicht (mit) übernehmen zu wollen und lieber den Ehegatten im Karriere-Hamsterrad zu belassen - mir ist jedenfalls noch keine erfolgreiche Rechtsanwältin, Ärztin, Unternehmensberaterin o.ä. begegnet, die die wirtschaftliche Verantwortung für die Familie übernimmt und ihren Tennislehrer geheiratet hat, der sich primär um Haus und Kinder kümmert. Es ist aber immer wieder das gleiche: Kinder haben wollen ja, aber die damit verbundenen Einschränkungen soll irgendwie jemand anders beiseite schaffen, weil man nicht bereit ist, sie zu tragen. Dusch mich, aber mach mich nicht nass - das funktioniert nicht.
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