Karriere mit Knick "Demütigung ist eine Krankheit, die niemand heilen kann"

Aussortiert! Nie hätte Bernd Heilmann gedacht, dass es gerade ihn treffen könnte. Der Ingenieur galt als Überflieger und kannte keine Niederlagen - und doch setzte die Firma ihn vor die Tür: die Geschichte einer Kündigung, eines Zusammenbruchs, eines Neuanfangs.

Von Silvia Dahlkamp


Einser-Abitur, Einser-Diplom, Stipendiat, fast jedes Jahr Boni für herausragende Leistungen. Auf seinen Namen laufen Patente, er sammelte Auszeichnungen. Und trotzdem musterte seine Firma den Ingenieur aus. Warum? Die Antwort kennt heute, sieben Jahre danach, wahrscheinlich niemand mehr, in der Maschinenbaufirma, in der weltweit Tausende Menschen arbeiten. Am Ende war es nur Routine: Abfindung gezahlt, Akte geschlossen.

Doch so einfach ist das nicht. Nicht für Bernd Heilmann (Name geändert), 46. Er kann nicht vergessen.

Der letzte Tag, kurz vor Weihnachten: Heilmann gibt die Schlüssel ab, legt den Hausausweis auf den Tresen, geht durch die Sperre beim Pförtner. Im Arm trägt er einen braunen Pappkarton. Das ist alles, was geblieben ist, von mehr als zehn Jahren Arbeitsleben. Und natürlich die Schmach: "Arbeitslos. Ich bin ein Mann ohne Job."

Für Bernd Heilmann ist der Rauswurf eine Frage der Ehre: "Sie haben mich getreten." Für den Hamburger Outplacement-Berater Claus Fehling, 61, business as usual. Der Coach arbeitet für Firmen, die Mitarbeiter loswerden wollen. Die meisten sind 40 bis 50 Jahre alt, haben hart gearbeitet und sind dann schwer getroffen, weil man sie einfach abserviert. "So ist das in ambitionierten Unternehmen: Mitarbeiter müssen sich bewegen", sagt Fehling, "die einen steigen auf, andere rücken nach, Posten werden immer neu verteilt."

"Die Welt lässt sich nicht allein mit Fachwissen bezwingen"

Bernd Heilmann blieb übrig. Nicht obwohl, sondern weil er gut war. Software, Hardware, Elektronik - wenn Heilmann loslegte, wurden seine Kollegen kleiner. "Wir waren ein gutes Team", sagt er. Aber: Wenn die anderen drei Wochen lang an einem Problem getüftelt hatten, musste er einspringen und konnte es meist in zwei Tagen lösen. Traf der Abteilungsleiter falsche Entscheidungen, zog ihn sein Top-Ingenieur aus der Patsche. "Ich war zufrieden."

Klar, manchmal war einer der Kollegen eingeschnappt. Aber Eifersucht, gar Neid? "Nein. Reibereien, wie es sie anderswo im Alltag gibt, kennt man doch bei Ingenieuren nicht. Sie lösen Probleme. Das war's." Glaubte er. Hat er sich getäuscht? Outplacement-Berater Fehling erlebt das nicht zum ersten Mal: "Wer will schon einen Kollegen, der anderen keine Chancen lässt? Wenn einer alle Erfolge einheimst, werden alle anderen müde."

Bernd Heilmann war nach der Arbeit nicht müde. Er paukte für sein Aufbaustudium Betriebswirtschaft und schloss mit Auszeichnung ab. Einen Zuschuss lehnte die Firmenleitung ab - "diese Kenntnisse brauchen Entwicklungsingenieure nicht". Da war er leicht verstört: "Was ist falsch an Bildung?"

Erste Zweifel quälten ihn

"Falsche Frage", sagt Claus Fehling. Besser: "Was will die Firma?" Er gibt die Stichworte - Ideen, Ehrgeiz, Loyalität und natürlich auch Bildung. Der Coach spricht aus Erfahrung: "Die Welt lässt sich nicht allein mit Fachwissen bezwingen. Kontakte und Netzwerke sind unendlich wichtig." Heilmann hätte sie bei betriebsinternen Weiterbildungen knüpfen können.

Kontakte? Klar traf sich Bernd Heilmann mal mit Kollegen "zum anspruchsvollen Austausch". Ideen? Da waren die vielen Auszeichnungen. Ehrgeiz? Er war zufrieden. Loyalität? Das Unternehmen profitierte von seinen Leistungen. Rückendeckung...ja, brauchte er die denn? Er war doch gut.

Dann kam der neuer Bereichsleiter und räumte auf, nur kleine Änderungen, die kaum einer merkte. Bernd Heilmann aber ahnte: "Jetzt muss ich mich bewegen." Er bewarb sich auf firmeninterne Ausschreibungen. Und kam immer zu spät. Ein Posten als Gruppenleiter wurde neu besetzt - ein Kollege von außen. Die Firma suchte einen Referenten - Bernd Heilmann schaffte es nicht mal ins Vorstellungsgespräch. Keiner setzte sich für ihn ein.

Die ersten Zweifel kamen, wie sie viele Angestellte quälen, wenn sie raus müssen aus der Firma und schließlich vor Claus Fehling sitzen. "Was ist falsch an mir?" Falsche Frage, Fehling korrigiert: "Wo braucht man mich?"

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Seite 1
forumgehts? 21.12.2011
1. Wenn
Zitat von sysopAussortiert! Nie hätte Bernd Heilmann gedacht, dass es gerade ihn treffen könnte. Der Ingenieur galt als Überflieger und kannte keine Niederlagen - und doch setzte die Firma ihn vor die Tür: die Geschichte einer Kündigung, eines Zusammenbruchs, eines Neuanfangs. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,804739,00.html
eine Firma einen Super-Wissensträger rauswirft, so muss er menschlich ein Super-Gau gewesen sein. Es gibt keine andere Erklärung, und solche Leute merken nie etwas und werden auch nie etwas merken. Wir hatten ebenfalls vor Jahren einen Vorgesetzten, der fast unsere gut funktionierende und erfolgreiche Abteilung gesprengt hätte. Doch wir waren zum grössten Teil erfahrene Kämpfer, so haben eben wir ihn erlegt. Er hat es auch nie begriffen.
wortmannin 21.12.2011
2. Ein gutgemeinter Rat
Zitat von sysopAussortiert! Nie hätte Bernd Heilmann gedacht, dass es gerade ihn treffen könnte. Der Ingenieur galt als Überflieger und kannte keine Niederlagen - und doch setzte die Firma ihn vor die Tür: die Geschichte einer Kündigung, eines Zusammenbruchs, eines Neuanfangs. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,804739,00.html
Wenn Herr Heilmann respektiert werden will, sollte er Leute wie diese ehemalige Personalerin nicht zuerst grüssen und sich schon garnicht in der Nähe von irgendwelchen Grabbeltischen in billigen Kaufhäusern aufhalten. Die Geschichte zeigt aber, dass es auch Arbeitgeber gibt, die auf hard skills statt soft skills setzen. Allein mit Politik und Networking lassen sich die Probleme, mit denen Ingenieure im Beruf konfrontiert werden, nämlich nicht lösen. Und Ehrgeiz ist eine feine Sache, wenn er sich nicht nur auf den Ehrgeiz die Karriereleiter hinaufzusteigen beschränkt, sondern auch den Ehrgeiz einschliesst, wirklich einen Unterschied zu machen für Kunden, Unternehmen und Gesellschaft.
eigene_meinung 21.12.2011
3. Ein weiteres Beispiel
für den Wahnsinn, der in den meisten größeren Firmen heutzutage herrscht. Die Anständigen, die Fleißigen, die Erfahrenen, die Intelligenten werden aus den Firmen rausgemobbt und rausgekündigt. Die Blender, die Korrupten, die Dummen, die Schleimer werden befördert.
franzdenker 21.12.2011
4. Ingenieurschwemme.
Zitat von sysopAussortiert! Nie hätte Bernd Heilmann gedacht, dass es gerade ihn treffen könnte. Der Ingenieur galt als Überflieger und kannte keine Niederlagen - und doch setzte die Firma ihn vor die Tür: die Geschichte einer Kündigung, eines Zusammenbruchs, eines Neuanfangs. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,804739,00.html
Dieses Beispiel ist typisch und kommt sehr häufig vor. Der angebliche Ingenieurmangel ist nichts anderes als ein Märchen, um die Absolventenzahlen weiter in die Höhe zu treiben. Wenn es dann massenhaft Jungingenieure gibt können die Anforderungen weiter gesteigert und die Gehälter weiter gesenkt werden. Generation Praktikum lässt grüßen! Letztlich ist das Märchen vom Ingenieurmangel ein Instrument zur Kostenreduzierung. Viele Stellen die ausgeschrieben werden, sind trotz hunderter Bewerbungen nicht besetzt worden. Waren wirklich alle Bewerber so schlecht? Oder möchte man die Positionen gar nicht besetzen und nutzt die Zahl der freien Stellen nur um Druck aufzubauen? ;-)
Halodri73 21.12.2011
5. Entweder das...
Zitat von forumgehts?eine Firma einen Super-Wissensträger rauswirft, so muss er menschlich ein Super-Gau gewesen sein. Es gibt keine andere Erklärung, und solche Leute merken nie etwas und werden auch nie etwas merken. Wir hatten ebenfalls vor Jahren einen Vorgesetzten, der fast unsere gut funktionierende und erfolgreiche Abteilung gesprengt hätte. Doch wir waren zum grössten Teil erfahrene Kämpfer, so haben eben wir ihn erlegt. Er hat es auch nie begriffen.
...oder er hat einfach neben einem hohen IQ einen sehr geringen EQ. Da merkt man manchmal nicht, was man den Kollegen mit seiner Brillianz antut. Und vielleicht in der Jugend nie wirklich gelernt und/oder gezeigt/vorgelebt bekommen, dass nicht das Hinfallen, sondern das liegenbleiben eine Schande ist - Sprich den Umgang mit Niederlagen. Mal ne schlechte Note wegstecken, mal beim Sport verlieren... Und verstehen, dass nicht alles, was schiefgeht gleich bedeutet, dass man als Mensch nichts wert ist. Aus begabten Kindern Sieger zu formen ist leicht. Sie auf kommende Niederlagen im Leben vorzubereiten, deutlich schwieriger.
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