Psychospiele im Management "In Konzernen machen sich Ego-Typen breit"

Karrieristen kennen keine Rücksicht. Auf Chefetagen beobachtet Madeleine Leitner zunehmend perfide Tricks mit nur einem Ziel: Rivalen aus dem Weg zu räumen. "Man kann jeden mürbe machen", sagt die Psychologin. Vor allem Frauen verlieren.

Mann und Frau im Berufsleben: "Die Fiesen, Machthungrigen setzen sich durch, die Anständigen müssen gehen"
Corbis

Mann und Frau im Berufsleben: "Die Fiesen, Machthungrigen setzen sich durch, die Anständigen müssen gehen"

Ein Interview von Silvia Dahlkamp


KarriereSPIEGEL: Frau Leitner, seit vielen Jahren arbeiten Sie mit Menschen, die im Beruf krank werden. Sind die Probleme heute noch die gleichen wie vor 15 Jahren?

Leitner: Nein. Es gab verschiedene Wellen. Zu Beginn habe ich vor allem Mobbing-Opfer betreut, dann Burn-out-Patienten. Derzeit scheint es in den Chefetagen großer Konzerne eine neue Welle zu geben: Mitarbeiter werden ganz gezielt mit miesen Psychotricks fertiggemacht.

KarriereSPIEGEL: Also Extrem-Mobbing auf höchster Ebene?

Zur Person
  • Madeleine Leitner ist Diplom-Psychologin und hat lange als Psychotherapeutin in Kliniken, als Gerichtsgutachterin und als Personalberaterin für große Konzerne gearbeitet. Heute ist sie selbstständige Karriereberaterin in München und Berlin.
Leitner: Ja. Sie glauben gar nicht, wie viele verzweifelte Manager bei mir Hilfe suchen. Vor allem Frauen in Führungspositionen sitzen heulend vor mir. Besonders brutale Geschichten höre ich aus großen Firmen, Banken, Versicherungen.

KarriereSPIEGEL: Aus Konzernen, in denen umstrukturiert wird, gespart werden muss und Kündigungen anstehen?

Leitner: Genau. Psychospielchen klappen vor allen in diesen großen Firmen, weil dort oft keine Werte vorgelebt werden. Oben machen sich immer mehr Ego-Typen breit, die nur an die eigene Karriere denken, denen das Wohl des Unternehmens gleichgültig ist.

KarriereSPIEGEL: Und die schalten so mögliche Konkurrenz aus?

Leitner: So ist es. Meine Erfahrung ist, dass sich in der Regel die Fiesen, Machthungrigen durchsetzen und die Anständigen, Motivierten gehen müssen. Ein ungleicher Kampf, den vor allem Frauen fast immer verlieren. Die meisten merken erst, dass sie bekämpft worden sind, wenn sie den Krieg schon verloren haben.

KarriereSPIEGEL: Wie kann man nicht merken, dass man bekämpft wird?

Leitner: Indem man die Spielchen nicht durchblickt. Ich hatte eine Klientin, die für ein renommiertes Unternehmen Kunden akquirierte. Eine selbstbewusste, erfolgreiche Dame mit guten Zeugnissen und internationaler Erfahrung. Nach einer Veranstaltung gaben ihr acht Gäste Visitenkarten, sechs meldeten sich später noch einmal bei ihr statt umgekehrt. Ein außergewöhnlicher Erfolg, doch ihr Chef sagte nur: "Zufall". Sie meinte schließlich auch, dass sie eigentlich nur Glück hatte.

KarriereSPIEGEL: Wer so reagiert, ist doch naiv.

Leitner: Sie ist auf den simpelsten Psychotrick aus der Transaktionsanalyse reingefallen, den es gibt. Ihr Chef hat sie einfach gezielt eingeschüchtert, indem er von seinem "Eltern-Ich" zu ihrem "Kind-Ich" sprach. Sie fügte sich in der Rolle des braven Kindes, wurde ganz klein.

KarriereSPIEGEL: Warum ging sie nicht selbstbewusst mit ihrer Leistung um?

Leitner: Frauen sind aufgrund ihrer Erziehung generell in ihrem Selbstwertgefühl irritierbar. Übrigens hatte ihr Chef immer was zu meckern, ließ Termine platzen, stellte sie vor versammelter Mannschaft bloß. Sie hat furchtbar gelitten, die Schuld immer bei sich gesucht.

KarriereSPIEGEL: Und Sie glauben, das war Taktik?

Leitner: Klar. Nach wenigen Wochen war meine Klientin nur noch ein Häufchen Elend. Sie saß jammernd vor mir: Ich kann nix. Ich weiß nix. Ich bin nix. Ihr Chef hatte jegliches Selbstwertgefühl ausgelöscht.

KarriereSPIEGEL: Aber das ist doch wieder das typische Mäuschen-Schema. Könnte man Männer genauso schnell klein machen?

Leitner: Natürlich gibt es auch Männer mit einem angeknacksten Ego, aber bedeutend weniger. Frauen, die in eine Führungsposition aufrücken, kommen oft in eine reine Männerwelt und wissen nicht, wie es da zugeht. Das macht sie zu leichteren Opfern. Es ist ja kein faires Spiel. Viele Chefs lernen in Schulungen, wie man andere systematisch manipuliert oder fertigmacht. Zum Beispiel so: 1. Man setzt unrealistische Ziele, 2. Werden die Ziele nicht erreicht, schreibt man eine Abmahnung. 3. Man erhöht den Druck, sucht Fehler... So kann man jeden mürbe machen.

KarriereSPIEGEL: Bis er das Handtuch wirft und geht.

Leitner: Ja, ich erlebe immer wieder, dass die Taktik funktioniert. Ein weiteres Beispiel, wieder ein Mann-Frau-Gefecht. Eine Juristin bekommt viele Jahre lang Top-Beurteilungen von ihren Mitarbeitern. In einem Gespräch sagt ihr Chef: Sie überschätzen sich, Sie engen die Mitarbeiter ein. Die Juristin wehrt sich: Die Beurteilungen sagen etwas anderes. Darauf er: Ja, genau daran sieht man, dass Sie überschätzt werden. Viele Chefs sind nicht unbedingt oben, weil sie besonders gut in ihrem Job wären, sondern weil sie die Machtspielchen beherrschen. Dazu gehört, sich grundsätzlich nie festzulegen, um keine Angriffsfläche zu bieten. Sie fördern inkompetente Menschen, um ihre Macht zu sichern.

KarriereSPIEGEL: Und gerade Frauen fallen ins Raster: gut, aber leider zu gutmütig?

Leitner: Bevor sie in einen Konzern wechselten, haben viele meiner Klientinnen Erfahrungen in kleineren Unternehmen gesammelt und gelernt: Wer Leistung bringt, kommt weiter. Großkonzerne ticken aber anders. Wer da nicht kapiert, wo die Platzhirsche sitzen und wer mit wem verbandelt ist, der hängt nichts ahnend über einem Abgrund. Frauen verstehen das ungeschriebene Gesetz oft nicht: Eine Hand wäscht die andere, ein Nichtsnutz deckt den anderen.

KarriereSPIEGEL: Wie kann man Psychospielchen durchbrechen?

Leitner: Ich empfehle diesen Klienten immer, sich mit Büchern zu beschäftigen wie zum Beispiel "Il Principe" von Macchiavelli, die seit Jahrhunderten gültige Anleitung, wie man seine Macht sichert, wenn einem dafür jedes Mittel recht ist. Es ist ein sanfter Einstieg in eine riesige Literatur der fiesen Machtspielchen. Denn wer die Waffen des Gegners nicht kennt, hat keine Chance.

KarriereSPIEGEL: Klingt zynisch. Als wären diese Methoden ein Naturgesetz, gegen das niemand ankommt.

Leitner: Solange der Druck in Konzernen weiter wächst, wird es schlimmer werden. Für viele ist ein Unternehmen nur eine Beute, die es auszunehmen gilt. Und wenn es nicht mehr funktioniert, dann geht man eben zum nächsten. Es gibt Branchen, da kommt man als anständiger Mensch nicht klar. Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er da mitmachen will oder aussteigt.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967). Sie arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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insgesamt 147 Beiträge
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Seite 1
märz123 28.01.2015
1. Politik
In der Politik wird es nicht anders sein.
wolle0601 28.01.2015
2. Die Evolution
in der Wirtschaft sorgt längerfristig dafür daß Firmen, in denen solche Strukturen vorherrschen, vom Markt verschwinden.
the_savior 28.01.2015
3. Vom üblichen
...eine durchaus treffende Beschreibung der deutschen Arbeitswelt. Mehr gestörte Charakter als in den Führungsebenen deutscher Unternehmen findet man allenfalls in Gefängnissen oder anderen geschlossenen Einrichtungen.
ketzer2000 28.01.2015
4. Grundsätzlich Recht
Die Analyse der aktuellen Zustände werden treffend beschrieben. Genau die großen Unternehmen, Banken und Versicherungen können es sich leisten, Führung so zu gestalten, dass die Mitarbeiter entweder zu willigen "Ja"-Sagern werden oder an ihren Chef's kaputt gehen. Was mir fehlt, iste eine Beschreibung der Ursachen und warum in den letzten 20 Jahren diese Strukturen entstanden sind. M.E. geht diese Entwicklung auf die Politik der 80'er Jahre zurück. Leistung muss sich wieder lohnen! Die damaligen Absolventen sind heute diejenigen, die im mittleren und Top-Management Unternehmen lenken. Sie haben gelernt, dass Ellenbogen wichtig sind und jeder Mitarbeiter nur das Ziel hat, am Stuhl des Chefs zu sägen - perfekte Projektion. Frauen haben in den 8ß'er Jahren in der universitären Ausbildung eher keine Rolle gespielt und können daher nicht in diesen Positionen sein. Sie wären aber wahrscheinlich auch keineswegs besser. Was wird sich (vor allen Dingen) wann ändern? "To Big to Fail" sichert bestehenden Herrschaftsstrukturen weiter Bestand. So wie Politik und Wirtschaft/ Unternehmen heute funktionieren, sehe ich wenig Veränderungsbereitschaft! Und solange Kommentatoren von "infantilen Wählern" faseln, trägt auch die Presse wenig zum Veränderungsprozess bei, ja, ist sogar Bestandteil des Systems!
ingbuzzer 28.01.2015
5.
Solche extremen Ausprägungen mag es vereinzelt geben. Ein Massenphänomen oder gar typisches Merkmal von Konzernen dürfte das aber nicht sein. Man darf nicht vergessen: auch Konzerne stehen unter einem großen Konkurrenzdruck (in der Regel international). Irgendwer handelt immer im Interesse des Unternehmens, in letzter Instanz dann eben die Aktionäre, die Druck auf die Geschäftsführung machen. Die wiederum geben den Druck auf die nächste Führungsebene weiter usw. Letztlich zählt also auch (und gerade) bei Konzernen der Gewinn, und der lässt sich nicht mit egoistischen Karrieristen machen, die gezielt unqualifizierte Nichtkonkurrenten fördern wie hier geschildert. Wenn die besagte Vertrieblerin tatsächlich so gute Zahlen vorweisen kann (Rückrufe sind übrigens noch lange kein Zeichen für Leistung sondern ausschließlich Aufträge), dürfte sie also auch in Konzernen voran kommen können. Was die Psychologin hier vom Stapel lässt, ist mMn. daher ein Riesen Haufen Sch... und mehr nicht.
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