Karriereverweigerer Sie möchte lieber nicht

Aufstieg im Job, rackern für den Wohlstand? Och nö, ohne sie: Alix Faßmann hat ihren Job geschmissen und ein Buch übers Arbeiten geschrieben. Jetzt betreibt sie ein Zentrum für Karriereverweigerer.

Von

Dennis Poser

Alix Faßmann, 31, klingt wie frisch verliebt, wenn sie von ihm spricht: "Das Einzige, was dieser wunderbare Mensch will, ist: nicht weiter mitzumachen bei den Dingen, die sinnlos sind", schwärmt sie. "Ich würde am liebsten mit ihm durchbrennen."

Was ihr nicht gelingen wird. Der "wunderbare Mensch" ist Bartleby, der Schreiber, Titelheld einer Erzählung des US-Schriftstellers Herman Melville aus dem Jahr 1853. Er kopiert per Hand die Akten einer New Yorker Anwaltskanzlei, unermüdlich wie eine Maschine, bis er eines Tages die Arbeit verweigert: "I would prefer not to", sagt er flötensanft, "ich möchte lieber nicht." Den Satz wiederholt er, in unermüdlicher Konsequenz, bis er im Kerker verhungert.

Im übertragenen Sinne ist Faßmann gelungen, wovon sie träumt: Sie hat Bartlebys legendären Satz gesagt - und ist durchgebrannt. Wie es dazu kam, beschreibt sie im Sachbuch "Arbeit ist nicht unser Leben", laut Untertitel eine "Anleitung zur Karriereverweigerung".

Die Geschichte beginnt mit einem Lebenslauf, wie ihn Sozialdemokraten in Sonntagsreden preisen. Faßmann wächst im Arbeitermilieu auf, schafft das Abitur, geht als Au-pair zu einer Unternehmensberaterfamilie in London und studiert Social Sciences in Osnabrück: "Ich habe das ganz brav durchgezogen, in sechs Semestern Regelstudienzeit, auch weil ich die Bafög-Schulden im Auge behalten habe."

Wenn das Anpassertum dominiert

Die Semesterferien nutzt Faßmann für Praktika. Für die "Elmshorner Nachrichten" entwickelt sie eine Beilage für junge Leute und bekommt den Deutschen Lokaljournalistenpreis. Beim Boulevardblatt "Berliner Kurier" wird sie Volontärin und Onlineredakteurin, für 2800 Euro brutto im Monat plus Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Dann wechselt sie als parteilose Redakteurin ins Nachrichtenbüro des SPD-Parteivorstands, für 3600 Euro im Monat plus jede Menge Visionen.

Faßmann nennt das im Buch eine "Top-Karriere" - boulevardesk zugespitzt. "Ich sah so viel Raum und Möglichkeiten", erzählt sie. Die SPD habe eine progressive Politplattform entwickeln wollen, offen für den Blick von außen. Allein: "Das versickerte relativ schnell in Nichtigkeiten." Das Anpassertum dominierte, aus Journalisten wurden PR-Dienstleister, so beschreibt es Faßmann.

Sie hielt es mit Bartleby: "Ich mochte lieber nicht." Lieber nicht in einem erstarrten System arbeiten; nicht abhängig sein von alten Männern; nicht nach oben buckeln.

Mut zur Lücke im Lebenslauf

Nach gerade mal 13 Monaten kündigte sie, löste ihre private Altersvorsorge auf, vermietete ihre Wohnung gewinnbringend unter - und machte sich mit einem schrottreifen Wohnmobil auf Sinnsuche. Eines schien ihr sicher: Die Zweifel, die ihr gekommen waren, galten nicht speziell der SPD. Sie galten der Arbeitswelt allgemein.

Ein Dreivierteljahr lang reiste Faßmann herum, von Florenz über Neapel nach Palermo: "Es war eine entschleunigende Reise. Das Ding fuhr 80, höchstens 100." Dabei habe sie viel abschütteln können, vor allem Angst. "Immer, wenn der Wagen stillstand, holte die Angst mich kurz ein: Ist das hier der Beginn eines verfehlten Lebens? Die Lücke im Lebenslauf, die sich nie wieder füllen lässt?" Die Lücke hat Faßmann ganz gut gefüllt mit dem Buch über ihre Reise. Und doch ist für sie nichts mehr wie zuvor: "Eine Zeit mal nicht produktiv zu sein, hat etwas Befreiendes."

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Alix Faßmann hat nachgedacht. Über das protestantische Arbeitsethos. Übers Rentensystem, über nötigen und unnötigen Konsum. Und darüber, dass zu viel Arbeit dumm und depressiv macht, aber selten reich. Danach fasste sie einen Entschluss: "Ich bin nicht bereit, meine Lebenszeit dafür aufzuwenden, in erstarrten Systemen zu arbeiten." Das alte Versprechen, sich Wohlstand und Sicherheit erarbeiten zu können, gelte nicht mehr. Am wenigsten für junge Menschen.

"Das Coolste und Revolutionärste, was heute möglich ist"

Zurück in Berlin schrieb sie ihrem alten Chefredakteur, sie suche "einen ehrlichen Arbeitsplatz" und wolle gute Arbeit leisten, ohne dafür brennen zu müssen: "keine kreative Selbstverwirklichung, keine Top-Chancen, kein Sprungbrett. Klare, faire Ansagen". Der Chef ließ sich darauf ein - und Faßmann legte den Job beim "Berliner Kurier" so aus wie angekündigt: "ohne Ambitionen", bis die befristete Stelle nach eineinviertel Jahren auslief.

Nun übernimmt sie Einzelaufträge als freie Journalistin - und hat neben der Lohnarbeit mehr Ambitionen denn je. Gemeinsam mit dem Theaterdramaturgen Anselm Lenz gründete sie ein Zentrum für Karriereverweigerung, das "Haus Bartleby". "Wir begreifen uns als Forschungsgruppe, als Netzwerk der Ausstiegswilligen." Dem sogenannten Wirtschaftswunder der Fünfziger müsse ein "Erkenntniswunder" folgen - angetrieben von Muße statt Fleiß: "Keine Angst zu haben und sich sein Leben nicht zur Jobhölle machen zu lassen, ist das Coolste und Revolutionärste, was uns heute möglich ist."

Ein älterer Kollege, berichtet Alix Faßmann, habe sie an ihrem letzten Arbeitstag mitleidig gefragt, was sie denn nun mache. Ihre Antwort: "Ich mach was wahnsinnig Lukratives." Er mit großen Augen: "Du wirst reich und berühmt?"

Mrs Bartleby, die Schreiberin, lächelt. Reich und berühmt wird sie eher nicht. Aber vielleicht glücklich.

  • Tobias Becker (Jahrgang 1977) ist Redakteur ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Das Konzept Karriereverweigerung inspirierte ihn so sehr, dass er den Text im Urlaub schrieb.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
joergimausi 22.01.2015
1. Woher will ..
.. die Frau wissen, dass harte Arbeit nicht zu Wohlstand und Glück führt? Sie schließt von den paar Momenten, die sie gearbeitet hat auf ein ganzes Leben, ja auf eine ganze Vielzahl von Leben. Was für eine Versagerin.
lequick 22.01.2015
2.
Ich finde es faszinierend wie Spiegel zu diesem und ähnlichen Themen immer wieder Leute findet die die Möglichkeit hatten zu studieren, die aus geregelten Haushalten kommen, die Chance hatten sich zu entwickeln. Die das Geld hatten sich einen Traum, sich eine solche Reise zu leisten. Schon mal einen Automechaniker dessen Eltern geschieden sind und der mit 18 irgendeine 17jährige geschwängert hat gefragt wie das so ist, in seinem sonnigen Leben? Der jeden Cent zwei mal umdrehen muss, während Fr. Faßmann 9 Monate in Europa herumreist? Aber hey, er zahlt ja mit seinen Steuern das System welches solchen Menschen wie Fr. Faßmann ermöglicht das die sich "selbst finden" - und wenn er Überstunden macht werden sie ja nicht bezahlt, denn schließlich kann nicht jeder 2800 bzw. 3600 brutto verdienen, wo kämen wir da hin? Fr. Faßmann - der ältere Kollege hat Sie nur verarscht - er hatte Mitleid mit Ihnen da er wusste was er und zig tausende andere leisten musste damit Sie so leben können wie Sie leben. An dieser Stelle: fuck you. Mit einem Smiley: :-)
bonngoldbaer 22.01.2015
3.
Zitat von joergimausi.. die Frau wissen, dass harte Arbeit nicht zu Wohlstand und Glück führt? Sie schließt von den paar Momenten, die sie gearbeitet hat auf ein ganzes Leben, ja auf eine ganze Vielzahl von Leben. Was für eine Versagerin.
Wenn ich eine Flasche Milch öffen und rieche, dass sie sauer ist, muss ich nicht die Flasche austrinken, nur damit Leute wie Sie dieses Ergebnis für "belastbar" halten. Bei vielen meiner Bekannten, die ihr Arbeitsleben hinter sich haben, hat die harte Arbeit nie zu Glück, selten zu Wohlstand, aber meistens zu Herzinfarkten oder Bandscheibenvorfällen geführt.
yshitake 22.01.2015
4. Made my day
Redakteurin des SPD-Parteivorstands...eine Stelle ohne jede Relevanz, wo soll da auch der Sinn her kommen? Gebäudereinigung macht mehr Sinn, wird aber nicht so sinnstiftend entlohnt...ob man`s solchen Leuten jemals recht machen kann? Jetzt wollen die nicht nur irre Kohle fürs nichts tun, sondern auch noch Sinn! Irgendwann langts aber wirklich mal...
Wastlhund 22.01.2015
5. Herr Beckers Interpretation
Mit Verlaub Herr Becker, aber der Satz ihrer Kurz-Biografie lies mich doch sehr schmunzeln: "Das Konzept Karriereverweigerung inspirierte ihn so sehr, dass er den Text im Urlaub schrieb." Ob das Frau Faßmann im Sinne hat? Na ich weiß ja nicht..
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