Gestört, aber erfolgreich "Lüge niemals für einen Psychopathen!"

Sie sind machthungrig und kaltschnäuzig, kennen weder Selbstzweifel noch Skrupel. Und doch gelingen vielen Psychopathen steile Karrieren. Im Interview erklärt der britische Psychologe Kevin Dutton, was man von ihnen lernen kann - und wie man mit bösen, gestörten Bossen umgeht.

DER SPIEGEL

Ein Interview von Bärbel Schwertfeger


KarriereSPIEGEL: Sie selbst sagen, dass Ihr Vater ein Psychopath war. Sind Sie auch einer?

Dutton: Das ist eine unanständige Frage. Mein Vater war ein sehr erfolgreicher Verkäufer. Er war rücksichtslos und furchtlos, aber auch extrem charmant und charismatisch. Bestimmte Charakteristika habe ich wohl schon geerbt. Aber ich bin nicht so rücksichtslos, man kann mir vertrauen. Wenn mein Vater Bayern München unter den Psychopathen war, dann bin ich nur Borussia Dortmund.

KarriereSPIEGEL: Was fasziniert Sie an dem Thema?

Dutton: Ich wollte mit den Mythen aufräumen, dass Psychopathen immer verrückt und böse sind und dass man entweder ein Psychopath ist oder nicht. Das ist nicht so schwarzweiß.

KarriereSPIEGEL: Was zeichnet Psychopathen aus?

Dutton: Sie sind selbstsicher, schieben nichts auf, fokussieren sich aufs Positive, nehmen Dinge nicht persönlich und machen sich keine Vorwürfe, wenn etwas nicht geklappt hat. Sie bleiben cool, wenn sie unter Druck stehen. Sie sind furchtlos, charmant und gewissenlos. Es gibt Situationen im Leben, wo das eine oder andere Merkmal durchaus nützlich sein kann.

KarriereSPIEGEL: Sie meinen, wir alle sollten etwas psychopathischer sein?

Fotostrecke

12  Bilder
Psychopathen: Raubtiere ohne Kette
Dutton: Ja, stellen Sie sich vor, Sie könnten alle diese Merkmale wie an einem Mischpult in verschiedenen Kombinationen hoch- und runterdrehen. Manchmal wäre das durchaus hilfreich. Zum Beispiel, wenn Sie mehr Gehalt von ihrem Chef wollen. Für viele ist das eine schwierige Situation - sie denken daran, was passiert, wenn es nicht klappt. Psychopathen beschäftigen sich nicht mit einem möglichen Scheitern. Sie fokussieren sich immer nur auf die gewünschte Belohnung. Dadurch werden sie automatisch selbstsicherer und überzeugender. Sich selbst in einen richtigen Psychopathen zu verwandeln, ist weder wünschenswert noch empfehlenswert. Aber wir alle können den psychopathischen Regler manchmal etwas höher drehen.

KarriereSPIEGEL: Das heißt, wir sollen auch rücksichtsloser werden?

Dutton: Ja, absolut. Rücksichtslosigkeit an sich ist weder gut noch schlecht, es kommt auf die Situation an. Vor kurzem interviewte mich ein Journalist. Sein Termin war um 15 Uhr zu Ende, der nächste Journalist wartete schon vor der Tür. Aber er hörte einfach nicht auf. Sein Kollege hatte dann nur noch 15 Minuten für sein Interview und klagte über seine Rücksichtslosigkeit. Da wäre es besser gewesen, wenn er ein bisschen psychopathischer gewesen wäre. So war er zwar nett, aber auf seine Kosten. Er hätte seine Rücksichtslosigkeit und seine Furchtlosigkeit etwas hochdrehen sollen.

KarriereSPIEGEL: Welche psychopathischen Ausprägungen sind noch akzeptabel?

Dutton: Kandidaten mit sehr hohen Ausprägungen sind für niemanden gut und können das Unternehmen ruinieren. Aber je nach Job kann eine bestimmte Kombination von manchen psychopathischen Merkmalen nützlich sein. Nehmen Sie einen Top-Anwalt. Der braucht nicht nur brillante analytische Fähigkeiten, muss Informationen schnell aufnehmen und komplexe Zusammenhänge verstehen. Er braucht auch ein unerschütterliches Selbstvertrauen, um sich in einem vollen Gerichtssaal nicht aus dem Konzept bringen lassen. Kann er das nicht, wird er nie ein Top-Anwalt. Haben die Leute die richtigen Kombination und Ausprägungen für ihren Job, dann ist es okay. Ist der Regler zu hoch gedreht, werden sie gefährlich und destruktiv.

KarriereSPIEGEL: Kann man einen Psychopathen im Top-Management noch bremsen?

Dutton: Das ist sehr schwer. Wenn er schon an der Spitze ist, dreht er auf und denkt, er kann das auch ungestraft tun. Interessant ist aber vor allem: Je höher jemand auf der Karriereleiter steigt, desto mehr dreht er oft psychopathisch auf.

KarriereSPIEGEL: Hilft da vielleicht ein Coaching?

Dutton: Das könnte helfen, aber oft werden Manager dazu gar nicht bereit sein. Wenn ein Top-Manager extrem selbstbewusst, rücksichtslos und narzisstisch ist, dann ist er meist auch davon überzeugt, dass mit ihm alles in Ordnung ist - die Probleme liegen immer nur bei den anderen. Psychopathen sind sehr gut darin, andere für ihre Probleme verantwortlich zu machen.

Psychopathen im Job
So sind sie:
Psychopathen sind furchtlos, stressresistent, wenig empathisch, kaltherzig, egozentrisch, oberflächlich, manipulativ, verantwortungslos und impulsiv. Sie haben keine Schuldgefühle und verhalten sich oft antisozial. Sie haben ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, handeln sehr fokussiert und können sehr charmant und überzeugend sein.
Der hat's erforscht:
2011 hat Kevin Dutton die Umfrage "Great British Psychopath Survey" durchgeführt, die erste Studie über Psychopathen, die auch die beruflichen Tätigkeiten einbezog. Die Teilnehmer wurden über das Radio auf seine Webseite gelenkt, wo sie einen speziell für die Normalbevölkerung validierten Test (Levenson Self Report Scale) ausfüllten und zudem Angaben zu ihrem Job machten.
So verteilen sie sich in der Berufswelt:
Die meisten Psychopathen gab es – wenig verwunderlich – bei den CEOs, dann kamen Anwälte, Medien (Radio/TV), Verkäufer, Chirurgen, Journalisten und Polizisten. Auf Platz acht stehen die Geistlichen. Der Grund: Psychopathen sind erfolgreicher in Organisationen mit einer klaren Hierarchie wie der Kirche, weil sie dort selbst an den Regeln drehen können. Auch in großen Organisationen blühen sie eher auf. Je mehr Menschen um sie herum sind, desto besser können sie ihre psychologische Tarnung nutzen und sich verbergen. Sie können sich Verdienste von anderen zuschreiben, andere für ihre Fehler verantwortlich machen oder Allianzen bilden.
Die 10 Berufe mit den meisten Psychopathen:
CEO (Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzender)
Anwalt
Journalist (TV/Radio)
Verkäufer
Chirurg
Journalist
Polizist
Geistlicher
Koch
Beamter

All diese Jobs sind in der Regel mit einer gewissen Macht verbunden und erfordern die Fähigkeit, objektive und abgebrühte, kaltschnäuzige, eiskalte, emotionslose Entscheidungen zu treffen. Psychopathen werden von diesen Rollen angezogen und blühen dabei auf.
Die 10 Berufe mit den wenigsten Psychopathen:
Pfleger
Krankenschwester
Therapeut
Handwerker
Kosmetikerin/Stylistin
Mitarbeiter von Wohlfahrtsorganisationen
Lehrer
Kulturschaffender
Arzt
Buchhalter

Die meisten dieser Jobs erfordern gute zwischenmenschliche Beziehungen und einen adäquaten Umgang mit Gefühlen. Und sie sind eher mit weniger Macht verbunden. Psychopathen finden diese Berufe daher unattraktiv und sind in diesen Positionen auch nicht gut.
KarriereSPIEGEL: Sind Psychopathen überhaupt teamfähig?

Dutton: Bisher dachte man immer, dass sie das nicht sind. Aber nach neuen Forschungsergebnissen können sie durchaus gut im Team arbeiten. Aber nur dann, wenn sie das Team als direkte Erweiterung von sich selbst sehen und das Team ein wichtiger Teil ihrer eigenen Identität ist.

KarriereSPIEGEL: Heißt das, die anderen müssen ihn ständig bewundern?

Dutton: Wenn man mit einem Psychopathen zusammenarbeitet, ist es immer schwer, seine eigene Position aufrechtzuhalten. Die wichtigste Regel ist, sich nie verletzbar oder unsicher zu zeigen. Wenn Psychopathen das merken, greifen sie dich an. Und man darf nie an ihre Großzügigkeit oder ihren guten Willen appellieren, sondern immer nur an ihre Selbstinteressen. Das ist der einzige Weg, um seine eigenen Interessen durchzukriegen.

KarriereSPIEGEL: Kann man überhaupt mit einem psychopathischen Chef zusammenarbeiten?

Dutton: Wenn der Boss ein destruktiver Psychopath ist, der die Moral ruiniert und die Produktivität reduziert, sollte man besser gehen. Ganz wichtig ist es auch, einen Psychopathen niemals zu decken. Sie versuchen immer, dich in Sachen reinzuziehen, die sie gut aussehen lassen. Lüge niemals für einen Psychopathen! Dann bist du in seinem Spinnennetz gefangen, und er manipuliert und erpresst dich.

KarriereSPIEGEL: Sie behaupten, dass Apple-Boss Steve Jobs psychopathische Merkmale gut genutzt hat. Wie hat er das gemacht?

Dutton: Er hat die Wesenszüge eines erfolgreichen Geschäftsmanns optimiert. Er war extrem fokussiert, charismatisch und charmant, konnte sich phantastisch selbst darstellen und hatte großes Talent. Gleichzeitig war er rücksichtslos und trieb seine Leute an ihre Grenzen. Wer zu empathisch und zu soft ist, wird nicht zur Nummer eins einer Branche.

KarriereSPIEGEL: Führungstrainings setzen häufig auf mehr Selbstreflexion bei Managern. Der falsche Weg?

Dutton: Oft gibt es im mörderisch harten Geschäft dafür einfach keine Zeit. Da muss man schnell und unter Druck entscheiden und hart sein. Wir leben nun mal in keiner idealen Welt. Das ist übrigens auch ein Grund, warum Frauen oft nicht so erfolgreich sind. Sie machen sich selbst häufiger Vorwürfe, wenn etwas schief geht.

Zur Person
  • paulrobertwilliams.com
    Kevin Dutton (Jahrgang 1967) inszeniert sich gern - auf seiner Website in Schwarzweiß mit schwarz umrandeter Brille, Dreitagebart, finsterem Blick und pinkfarbenem Hemd. "Überzeugung und sozialer Einfluss" lautete sein Promotionsthema in Psychologie an der University of Essex. In Cambridge lehrte er Psychologie an der Theologie-Fakultät und forscht heute an der Universität Oxford. 2010 erschien sein erstes Buch "Gehirnflüsterer" über die Macht der Manipulation. 2012 folgte "Psychopathen" - was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 180 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
cato-der-ältere 25.09.2013
1. Fragwürdig
Hier wird einfach unterstellt dass das herkömmliche Modell des Homo Oekonomikus richtig ist und in unserer "nicht idealen Welt", letztlich am nützlichsten und am effizientesten. Kooperation könnte sich aber zukünftig als noch sinnvoller erweisen, und auch übereinstimmedn mit unserer Natur. Vor allem wenn man darüber nachdenkt welchen SINN unsere Tätigkeiten haben sollen. Lebensqualität oder Profitmaximierung? Ist das wirklich identisch?
mcblues 25.09.2013
2. Optimierung unmeschlicher Wesenszüge
Wenn das die Standardatmosphäre in Wirtschaft und Politik ist, bzw. wird, dann wundert es mich nicht mehr, warum die Menschheit vor die Hunde geht. Hier werden unmenschliche Wesenszüge für kurzfristige Ziele optimiert. Wer so handelt macht sich die Sache ziemlich einfach und entfesselt den "bösen" Geist. Am Ende entscheidet, wer der rücksichtsloseste ist. Das Beispiel mit dem Journalisten ist unglaublich: Da soll jemand eine Rücksichtslosigkeit eines anderen durch eigene Rücksichtslosigkeit kompensieren. Das ist wie die Forderung einiger US-Bürger, jeden Lehrer mit einer Waffe auszurüsten, damit man Angreifer abwehren kann. Das kann nicht der Weg sein.
argonaut-10 25.09.2013
3. So ein Schwachsinn
Seit einem halben Jahr ist dieses Buch, glaube ich... auf dem Markt. Meine Ex (1 Jahr Trennung) hatte gerade bei einem angesehenen Therapeuten ein Wochenende verbracht... sie kam danach zu mir und meinte, ich wäre ein Psychopath. Sie erzählte mir, welche Eigenschaften einen Psychopathen nach neuester Erkenntnis auszeichnen. Ich sagte ihr, dass ich gerade im Bereich Emphathie nun gar keine Defizite habe und eher darunter leiden würde, oft zu viel Mitgefühl zu besitzen. Das hat sie aber nicht gelten lassen. Um es kurz zu machen... ich kenne dies bereits seit über 30 Jahren aus der Theraphie-Szene; es wird immer wieder eine neue Sau durchs Dorf gejagt, damit die Szene weiter leben kann. Es ist richtig... früher war ein starker Fokus auf Management Trainings, wo Managern gerade die Teamfähigkeit und Emphathie beigebracht wurde. Ist sicher auch sinnvoll, denn... nur in der klassischen "Win-Win-Win" Situation kann man als Unternehmen dauerhaft erfolgreich sein. Was also immer wieder versucht wird, ist die Klassifizierung von Mustern, die dann gnadenlos auf alle Menschen angewandt werden, selbst wenn es eben mal nicht funktioniert. Übrigens: ich finde es viel spannender, sich auf die andere Seite zu stellen und sich zu fragen, was all die Menschen zulassen, die von einem "Psychophaten" regiert werden. Wer begehrt auf? Wer riskiert seine Position für eine aufrechte Meinung und feste Überzeugungen? Aber da werden wir sicher bald wieder ein Buch von einem Schlaumeier bekommen, der diese Wesen klassifiziert und alle rennen dann diesen angeblich neuen Weisheiten hinterher.
westenmax 25.09.2013
4. Psychopath, gibt es das noch?
Ich bin vielleicht nicht mehr richtig informiert. Aber war es denn nicht so, dass man den Psychopathen in der Wissenschaft abgeschafft hat und die Psychopathien in den Persönlichkeitsstörungen zusammenfasst? Da Fristen nun alle möglichen krankhaft emotional Gestörten ihr Schicksal in derselben Gruppe. Das hier geschilderte Beispiel entspricht dann ungefähr der narzisstischen Ausprägung der Borderline-Störung.
Louisdor 25.09.2013
5. Im Kulturbereich nur pathologische Gestalten
Wenn hier unter den zehn Berufen mit den wenigsten Psychopathen die Kulturschaffenden aufgeführt werden, so zeigt das die schlechte Qualität des Artikels. Dort tummeln sich nämlich die meisten von dieser Sorte. Da es an klaren Kriterien für Erfolg fehlt noch mehr als unter CEOs.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.